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Ausgabe:

1888

Spalte:

251-252

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Felten, Jos.

Titel/Untertitel:

Robert Grosseteste, Bischof von Lincoln 1888

Rezensent:

Mueller, Karl

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251 Theologifche Literaturzeitung. 1888. iSir. 10. 252

der erfte Herausgeber, bekannt hatte, dafs er das ignotum 1
carmen raptim aus dem Codex abgefchrieben habe. 1
Freilich der corrupte Zuftand, in dem fich der Text des
Gedichtes befonders gegen den Schlufs hin befindet, ift
dadurch nicht wefentlich vcrbeffert worden. Auch darf
man, wie mir fcheint, Pitra das Zeugnifs geben, dafs er
im Ganzen forgfältig abgefchrieben hat. Es .find fechs
Verfe hinzugekommen, nämlich V. 275, 281—283 (diefe ,
nur zum kleinften Theil lesbar), 392, 617; zwifchen 650
bis 652 (Domb.), nach früherer Zählung 644—645, ift ein |
Vers im Codex ausgefallen. Der (bisherige) Vers 412 j
ift nach dem (bisherigen) 563 einzufchalten. Zur richtigen
Versabtheilung hat wefentlich das Gefetz beige- {
tragen, welches Wilhelm Meyer für Commodian auf- I
gefleht hat: dafs der Dichter nämlich faft durch das |
ganze Carmen hindurch in je zwei Verfen einen Gedanken '
durchfuhrt. Ausnahmen will Dombart (ob mit Recht?) -
nur 15 ff., 143 ff, 341 ff, 565 ff, 621 ff, 657 ff., 913 ff.,
930 ff. annehmen. Hanffen und Meyer verdankt Dombart
auch fonft manchen Wink.

Durchaus zuverläffig i(t der mit der gröfsten Sorg- |
falt gearbeitete index verborum et locutionum; fehr vermehrt
der index scriptornm. In den Nachweifen über die j
Benutzung Virgil's durch Commodian (pg. VI) fcheint ,
mir D. des Guten etwas zuviel gethan zu haben, pg. 64
zu I 3, 14 f. lies apoc. 21, 23 ftatt 20, 23.

Giefsen. Guftav Krüger.

Feiten, Dr. Jof., Robert Grosseteste, Bischof von Lincoln.

Ein Beitrag zur Kirchen- und Culturgefchichte des
13. Jahrhunderts. Freiburg i Br., Herder, 1887. (VIII,
112 S. gr. 8.) M. 1.60.

Ein dankenswerthes, rein aus den Quellen gefchöpftes
Lebensbild des ehrwürdigen ,Lincolniensis', das die
kirchenregimentliche, politifche und wiffenfehaftliche
Thätigkeit des Bifchofs vorführt (letztere jedoch ohne
die vom Verfaffer felbft geftreifte Frage nach der Echtheit
der dem Groffetefte zugefchriebenen Schriften weiter
zu unterfuchen, als bisher gefchehen), von Werth auch
für die Verhältnifse des englifchen Kirchenwefens und
feine Beziehungen zu Rom in jener Zeit. Das Urtheil
über G. ift im Ganzen fo ausgefallen, wie es ausfallen
mufste und in Deutfchland auch thatfächlich längft be-
fteht. Denn wenn der Verfaffer Lechler unter Anführung
von deffen Werk über Wiklif die Bezeichnung G.'s als
des »Vorläufers WiklifV vorwirft, fo weifs ich nicht, ob
er auch nur das Inhaltsverzeichnifs des Lechler'fchen
Werks angefehen hat. Denn fogar da findet fich kein
Grund zu diefem Vorwurf. L. fpricht dort nicht von 1
,englifchen Vorläufern WiklifV, wie F. die betr. ,Differ-
tation' Lechler's überfchreibt, gefchweige denn von
,dem Vorläufer', fondern von der Vorgefchichte der Reformation
in England. Das ift aber bekanntlich zweierlei
. In der Darftellung des betreffenden Capitels aber
giebt Lechler eine Charakteriflik des Bifchofs, die mit 1
derjenigen Felten's in allen Hauptpunkten zufammen-
trifft und fogar denfelben Kern feines ganzen Wefens
und Wirkens feftftellt, wie F. (dort I, 186; hier S. 20).
Lechler hat fich auch z. B. bereits gerade fo und mit
denfelben Gründen wie F. gegen die gewöhnliche An- :
nähme' ausgefprochen, dafs das berühmte Schreiben G.'s
in Sachen der Provifion eines jungen italienifchen Neffens
Innocenz IV. auf eine Lincolner Domherrnftelle nicht an j
diefen Papft felbft, fondern an den päpftlichen Agenten
Mag. Innocenz gerichtet gewefen fei. — Auch eine an- j
dere Notiz bei Lechler I, 199, Anm. hätte fich F. nicht
entgehen laffen follen: fie ift werthvoll für die Feftftel-
hing der Zeit, in welcher G.'s Briefe gefammelt worden |
find, und infofern auch bezeichnend für das Anfehen des
Mannes. Endlich hätte F. im Text bei Lechler fehen
können, dafs diefer fchon 1867 ein Programm über G.

gefchrieben hatte, das ohne Zweifel fo gut wie die Skizze
im ,Wiklif eine Erwähnung im Verzeichnifs der Literatur
verdient hätte. Nur ein Unterfchied befteht im Grund
zwifchen der Auffaffung der Perfönlichkeit G.'s bei F.
und L., dafs jener ihm den Freimuth gegen den Unfug
der päpftlichen Provifionen und ähnliche Uebelftände,
die von der Curie ausgingen, als Schroffheit, Heftigkeit
und Mangel an Mafs anrechnet und im Intereffe feines
eigenen Namens bedauert, während Lechler darin ein
aus heiligem Pflichtgefühl entfprungenes Bewufstfein des
Rechts erkennt. Es fpiegelt fich eben in jenem Urtheil
der Abfand zwifchen der Art, wie einft in der römifchen
Kirche felbft eifrige Vertreter der päpftlichen Gewalt
dem Papft die Wahrheit zu fagen wufsten, wo er fich
an dem Recht und den Grundlagen der Ordnung und
der ganzen Heilsaufgabe der Kirche vergriff, und wie man
damals groben Unfug auch auf diefer Seite unter Um-
ftänden grob zu benennen wagte, und wie inzwifchen
diefe Kräfte des Freimuthes und Wahrheitsfinns niedergebeugt
worden find. Im Uebrigen ift es nur anzuerkennen
, dafs fich F. gegen den völlig unbegründeten
Vcrfuch Jourdain's ausfpricht, die beiden Hauptfchriften
G.'s, das Gutachten über die Uebel der Kirche und den
Brief an den Mag. Innocenz zu Fälfchungen oder Unter-
fchiebungen zu ftempeln. Richtig dagegen ift fichcr die
Verwerfung der Reden, die Matthäus Paris dem
G. beilegt.

Giefsen. Karl Müller.

Hoop-Scheffer, Prof. Dr. J. G. de, Geschichte der Reformation
in den Niederlanden von ihrem Beginn bis zun-.
Jahre 1531. Dcutfche Orig.-Ausg., hrsg. von Dr. P.
Gerlach. Mit einem Vorwort von Dr. F. Nippold.
Leipzig, Hirzel, 1886. (XXXVI, 563 S. gr. 8.) M. 8.—

Der Name des Verfaffers hat in der deutfehen Ge-
lchrtenwelt einen guten Klang. Man weifs längft in den
Kreifen der Fachgenoffen, wie Vieles man dem trefflichen
Gelehrten, der fein Leben lang für die Erforfchung der
Kirchengefchichte feiner Heimath gearbeitet hat, zu verdanken
hat. Und auch das vorliegende Werk, das im
Original fchon im Jahre 1873 erfchien, dürfte den Refor-
mationshiftorikern wohl allfeitig bekannt fein. Gleichwohl
kann diefe dcutfche Ausgabe, die es allein in weitere
Kreife bringen kann, nur mit Dank begrüfst werden, ilt
es doch m. W. das einzige wiffenfehaftliche Werk neuerer
Zeit, welches die Darftellung der Reformationsgefchichte
in ganz Holland verfucht, während die Local- und Special- 1
gefchichte der Reformation vielleicht in keinem Lande
fo fleifsig und mit folchem Erfolge bearbeitet worden ift,
als in des Verfaffers Vaterlande. Freilich wird man die
zeitliche Befchränkung, die der Verf. feinem Werke gegeben
hat, bedauern muffen. Irre ich nicht, fo beruht
diefe Befchränkung auf die kurze Zeit — 1531 nicht zum
wenigften auf dem Gegenfatz zu feinen Vorgängern. Er
bemerkt mit Recht, dafs diefelben nach dem Vorbilde
Brandt's die Anfänge reformatorifcher Regungen erzählen,
diefelben im Jahre 1525 erftickt werden laffen, um, indem
fie die nächften Jahre durch Erzählungen von den Wiedertäufern
ausfüllen, die Reformation im Jahre 1566 wieder
aufleben zu laffen, während eine neue Durcharbeitung des
Materials den Verf. veranlafst, vielmehr folgende drei
Perioden anzunehmen: Die Entftehung der Reformation
— 1522; der Reformationskampf— 1525 und die Unterdrückung
der Reformation — 1531. Nähme nun der
Verf. damit eine wirkliche Unterdrückung der Reformation
an, oder verftände er unter letzterer lediglich jene
Neubildung, aus der die holländifch-reformirte Kirche
fich heraus entwickelt hat, fo wäre es ohne Zweifel gerechtfertigt
, damit abzubrechen, nicht aber in einem
Werke, in dem fich der (von mir im Grofsen und Ganzen
zugeftandene) Satz findet: ,Bis auf wenige Einzelheiten