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Ausgabe:

1888 Nr. 8

Spalte:

206-208

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schubart, A.

Titel/Untertitel:

Novalis‘ Leben, Dichten und Denken 1888

Rezensent:

Löber, Richard

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Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 8.

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(Stud. u. Krit. 1888, II, 362—367) wirklich erfl auf Grund
feiner ihm ftets präfenten philofophifchen Erkenntnifs-
theorie geführt haben? So viel ich fehe, hat er fich durch
einige richtigen Apercus über die Bedeutung der Con-
jecturalmethode und der Hypothefe in den hiftorifchen
Wiffenfchaften zu einer völligen Verkennung der Eigen-
thümlichkeit des religiöfen Erkennens, welches er ftets
niit dem theoretifch philofophifchen Erkennen verwech-
felt, hinreifsen laffen. — Nicht geringeren Widerfpruch
werden die zwei letzten Ausführungen des Verf's. hervorrufen
. Seine Ehrenrettung der Apologetik beruht auf
der fchon erwähnten Vorausfetzung, dafs die chriftliche
Gewifsheit fich auf die natürliche zu gründen habe
(306—323). Endlich ift das Verhältnifs der fyftematifchen
Theologie zur Fhilofophie in einer Weife beftimmt, welche
zur Auflöfung der Theologie in Philofophie führen mufs
und welche die beften und wefentlichften Errungen-
fchaften, die wir fowohl der Reformation als dem bahnbrechenden
Verfuche Schleiermacher's verdanken, Preis
giebt (324—338). In diefem ganzen zweiten Theile feiner
kntifchen Beleuchtung der Frank'fchen Grundfätze vertritt
der Franzofe Gedanken, welchen man nur dann feine
Zuftimmung fchenken kann, wenn man die doch fragelos
richtigen Prämiffen Frank's aufgiebt, nämlich die Gründung
der chriftlichen Gewifsheit auf die chriftliche Heilserfahrung
. Somit hat der Kritiker, welcher im Grofsen
und Ganzen dem von ihm feinen Lefern vorgeführten
'lheologen reiches Lob fpendet, nicht nur im Einzelnen
den Organismus der .Syfteme' zerbröckelt und zerrieben,

welche der Kritiker durch diefen Ausfpruch erweckt,
wird aber bitter getäufcht. Die feltenen Streiflichter,
welche er auf Ritfchl's oder Herrmann's Theologie fallen
läfst, hellen in der That die Gedanken Frank's nicht auf,
und dienen höchftens dazu, das Bild der bekämpften
Gegner zu entftellen oder zu verdunkeln (vgl. S. 247—8.
173. 328. 330—331); diefe Polemik dürfte fogar manchmal
als Undank gegen die Genannten gedeutet werden,
indem Bois hin und wieder Frank mit Waffen bekämpft,
welche er aus der Rüftkammer Herrmann's und Gott-
(chick's entlehnt (198. 221. 239. 276). Endlich mag wohl
aus dem Mitgetheilten erhellen, dafs, wenn ,die Antipathie,
welche Ritfchl's Schule gegen Frank an den Tag legt,
fich nicht immer innerhalb der Grenzen der Höflichkeit
gehalten hat' (S. 11), diefe Schule zweifellos die hervorragende
Leiftung des Erlanger Meifters beffer zu würdigen
vermag, als der franzölifche Exeget, welcher in feinen
345 Seiten den Kern der Sache nicht in gebührendem
Mafse zur Geltung gebracht hat. — In der Aufzählung
der Theologen, welche Frank's Syftem gewürdigt, fehlt
die vorzügliche Befprechung von Lipfius (Theologifcher
Jahresbericht IV, 292—296; vgl. auch V, 363—366).

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Schubart, Dr. A., Novalis' Leben, Dichten und Denken. Auf

Grund neuerer Publikationen im Zufammenhang darge-
ftellt. Gütersloh, Bertelsmann, 1887. (XII, 466 S. 8.)
fondern auch den treibenden Grundmotiven und Haupt- m' 5-

factoren diefer Theologie nicht die gebührende Anerkennung
gezollt. Diefe ganz eigentümliche Zwitter-
ftellung, welche er zum Werke des Erlanger Theologen
einnimmt, erklärt fich daher, dafs Bois viel zu ausfchliefs-
lich mit rein logifchen und formalen Kategorien operirt
und aus denfelben einen durchaus falfch orientirten
Mafsflab entnimmt, um Frank's Pofitionen zu beurtheilen:
daher die Bewunderung, welche er der fyftematifchen
Virtuofität Frank's entgegenbringt, — eine Bewunderung,
die doch wieder durch zahlreiche Ausftellungen einge-
fchränkt wird; daher auch die nicht feiten richtigen Nach-

Dr. Schubart hat in vorliegendem Buche Alles, was
bisher von Novalis' Leben, Dichten und Denken bekannt
geworden, auf Grund umfaffender und tiefeindringender
Untcrfuchungen als congenialer Geift zu einem lebensvollen
Ganzen verarbeitet, fo dafs die, welche Nov. bereits
zu kennen glauben, ihn nun erft recht verliehen
und lieben werden. Er gehört zu jenen wunderbaren
Creaturen, die allen geiftigen Regungen ihrer Zeit fleh
crfchliefscn, um mit ihrem eigenthümlichen, fchöpfe-
rifchen Sein umgcftaltend und fördernd auf fle zurückzuwirken
. Wir werden daher Nov. nicht zu jenen vor-

n Gedanken oder der Lücken ! nehmen Geiftern rechnen dürfen, welche unverftanden m
in der Ideenverbindung- daher aber vor Allem die ganz < tragifcher Vereinfamung untergehen; vielmehr erfcheint
un-enü-endeBerückflchtigung und Würdigung der Sache | uns diefer irr1 29 Lebensjahre von hinnen genommene
Mher nm welche fich in Frank's Theologie, fpecieller 1 Jüngling als die gleichmafs.g und ununterbrochen durch-
n feinem Svftem der chriftlichen Gewifsheit, Alles be- I geführte Verkörperung deffen was wir in unleres Lebens
' ' Wäre Bois gefchichtlich zu Werk gegangen, hätte 1 bellen Stunden werden möchten, und im Verkehr mit
er den Nachweis Geführt, wie das von Frank in Angriff ihm lernen wir erfl felber uns verliehen. Carlyle hat ihn
•renommene Problem lieh der evangelifchen Theologie I mit Bewunderung als den deutfehen Pascal bezeichnet,
fdräno-t hätte er in Schleiermacher's und Hofmann's < aber diefer Vergleich ift ebenfo irreführend, als die Be-
p" c'pfn die Vorausfetzungen der Frank'fchen Gedanken- : mühung derer, welche ihn ohne nähere Beftimmung

arbeit aufgedeckt, würde er uns gezeigt haben, in welcher
Weife der von ihm mehr gefeierte als erklärte Theologe
eine wirklich ihrer Gründe bewufste Glaubensüberzeugung
zu entwickeln beltrebt ift, er hätte gewifs zugleich eine

Romantikern und Myltikern rechnen möchten.

Mit den Romantikern verband ihn allerdings der
Widerwille, den er gegen eine plattverftändig-e Auffaffung
der Dinge hegte, und die unklare, der hiftorifchen Wirkweit
fruchtbarere Arbeit geliefert, und die bleibenden lirht-«,;*."-

Verdienfte feines - foll ich lagen Lehrers (vgl. 2l6 l^^^St^^Be^tbenu^ fur die märchen-

226-7. 23I) oder Gegners - in ein viel helleres Lkht fc&.^SSS^R^ ^ Mi"el7ters; aber während
gehellt, Statt uns die hiftorifchen Entftchungsgründe I fitSTdh« ffr V^ vT* ? d'efen Traumereien die
und Zufammenhänge der Frank'fchen Syfteme zu er- I vS r T-0 bchranken des Menfchenlebens

klären, hat Bois eine eingehende Zergliederung diefer 1 zarteften iTr . 25* Novalis aIs ein bis in die
Syfteme gegeben, welche fle in einer fo abftracten Weife 1 1 ' ' deS ZeühS™ Gebens durchgearbeiteter

von der Entwickelung unferer Theologie ifolirt, dafs
ihre Tragweite dadurch ganz unverftändlich wird. Wie
fördernd und ergiebig wären hier Zufammenftellung mit
ähnlichen oder Vergleichungen mit entgegenwefetzten
Standpunkten gewefen! wie hätte eine folche Methode
für feine Lefer belehrend und anregend fein müffen!
Höchftens eine Parallele verflucht der Verf. manchmal,
"?chdem er fle in verheifsungsvollen Worten angekün-
.■gt: das Studium Frank's fei zur Erklärung und" Würdigung
Ritfchl's unerläfslich, ,fage mir, wen du bekämpfft,
und ich fa^e dir, wer du bift' 'S. 12). Die Erwartung,

fittlicher Charakter, der feine romantifchen Neigungen
in dem fittlichen Stahlbad der Fichte'fchen Philofophie
einer heilfamen Cur unterwarf. Diejenigen feiner Aeufse-
rungen, welche dem fcheinbar widerfprechen, erklären
fich daraus, dafs er kraft feiner unvergleichlichen Men-
fchenliebe und Befcheidenheit beflrebt war, auch in den
Verirrungen Anderer ein relativ Gutes herauszufinden,
während die ftreitbaren Theologen mit Hülfe von Mifs-
verftändnifsen die fittlichen Defecte ihrer Gegner nach-
zuweifen pflegen.

Vielen unferer Zeitgenoffen, welche Alles als ,edle,
dem wirklichen Leben abgewandte Myftik' fignalifieren.