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Ausgabe:

1887 Nr. 6

Spalte:

126-128

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wurm, Paul

Titel/Untertitel:

Johann Valentin Andreä, ein Glaubenszeuge aus der Zeit des 30jährigen Krieges, mit Auszügen aus seinen Schriften 1887

Rezensent:

Bilfinger, A.

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 6.

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die daraus (ich ergebenden Folgerungen fich einzulaffen;
ich mache jene Bemerkung auch nur, weil die gewöhnliche
Darfteilung diefer Dinge — auch die der Parteien
unter dem Generalat des Elias von Cortona — fofort
aufserordentlich fchief und ungenügend wird, wenn man
jenes Gutachten in gründlicher Weife heranzieht. Auch
auf manche kleinere Fragen fällt von jener Expositw
ein fehr helles Licht. So glaube ich z. B., dafs der
Name ,Spiritualen den ja fpäter die ftrenge Partei führt,
nicht in der Weife zu erklären ift, wie es Eubel S. 41
und 262 n. 293 in Anlehnung an eine Stelle Glafsberger's
thut: dafs nämlich die joachimitifch-apokalyptifche Richtung
der Partei damit bezeichnet werden folle. Vielmehr
dürfte für den Namen zurückzugehen fein auf
die Regel des h. Franz von 1223, c. 10: Et ubicunque
sunt fratres, qui scirent et cognoscerent se non posse regu-
lam spiritualiter observdre u. f. w. Dafs man
auf diefen Ausdruck sphitualiter observare im Orden allen
Nachdruck gelegt hat, beweift eben vor allem auch die
Expos/t/o IV magistrorum in c. 10, indem dafelbft die
von der Regel geforderte spiritualis obsernantia regulae
erklärt wird als die observantia secundutn rigoretn sive
secundum purilatem suam sine occasione ad malum. Ebenfo
Thomas von Eclefton c. 3 {ed. Brewer S. II): hoc ideo
dixerim ut innotescat quantae reverentiae fuerit apud sa-
pientes fratrum pritnordialis spiritualitas. Die
Spiritualen find alfo vielmehr die Minoriten ftrenger
Obfervanz.

Wenn ich recht vermuthe, wird diefe Erklärung als
die richtige auch von Ehrle vorausgefetzt, wenn er (Archiv
für Kirchen- und Litt.-Gefch. des Mct.'s I, 511) den Kampf
zwifchen Communität und Spiritualen als den Kampf
um die Strenge bezeichnet, mit welcher an dem ur-
fprünglichen Geift der Genoffenfchaft, befonders der
Armuth feftzuhalten fei. Damit ift dann freilich noch
nicht gefagt, dafs die fpäteren Obfervanten dasfelbe
feien, wie die Spiritualen. Zufammenhänge zwifchen
beiden exiftiren freilich; aber der Abftand der fpäteren
Obfervanten von den alten Spiritualen ift deshalb doch
grofs genug: ich wüfste denfelben nicht bezeichnender
auszudrücken, als durch die Thatfache, dafs jene Ex-
positio IV magistrorum, die, wie gefagt, das von der
ftrengen Partei verabfeheute und Jahrzehntelang bekämpfte
Programm der laxen war, fpäter, und zwar
fchon am Ende des 15. und am Anfang des 16. Jhs.
gerade von den Obfervanten als eine befondere Perle
verehrt worden ift!

Das zweite Stadium des Streits, das mit dem Jahr
1321 beginnt und zudem gleichzeitigen Kampf Ludwig's
d. B. mit der Curie in Beziehung tritt, ift in den letzten
Jahren mehrfach behandelt worden. Ich hebe hier nur
ein Mifsverftändnifs hervor, das ja noch allgemein und
fo auch bei Eubel herrfcht. Wilhelm von Occam ift
niemals englifcher Provinzial gewefen. Ich habe
diefe Thatfache fchon früher bezweifelt, habe aber die
ficheren Belege für das Gegentheil damals noch nicht
zur Hand gehabt und daher nur vermuthet, dafs Occam
jene Stellung bald aufgegeben oder verloren habe. Nun
beruht aber, wie ich inzwischen in meinem Artikel,Occam'
in der Allgem. Deutfchen Biographie angedeutet habe,
die ganze Legende auf der Unterfchrift der beiden Erklärungen
des Generalcapitels von Perugia (Pfingften
1322), in welchem als englifcher Provinzial ein ,Mag.
theol. Wilhelm' (ohne Beinamen) auftritt. Diefer ift
aber, wie fich aus einer Combination der leider chrono-
logielofen Verzeichnifse der englifchen Provinziale in den
Motmmenta Eranciscana mit anderen Nachrichten ergiebt,
Vilhelm von Nottingham, der diefes Amt von 1321
voder 1322) bis 1336 bekleidet hat. Auch einige andere
Angaben über Occam find nicht ganz genügend.

Zum Schlufs kann ich nur noch dem Wunfeh Ausdruck
geben, dafs noch mehr folche Provinzialgefchich-
ten erfcheinen möchten. Die Gefchichte der Bettelorden

in Deutfchland ift noch fo weit zurück, dafs fie vor allem
auch fehr viel Kleinarbeit erfordert: Sammlung des
Quellenmaterials, Ausarbeitung einer Statiftik, Erfor-
fchung ihres Vermögenserwerbs — das find Aufgaben,
welche vor allem gethan fein müffen, wenn man einen
feften Grund für weiteres haben foll und an denen vor
allem die locale und provinzielle Gefchichtsfchreibung
einen dankaren Gegenftand hätte.

Giefsen. Karl Müller.

Wurm, Paul, Johann Valentin Andrea, ein Glaubenszeuge aus
der Zeit des 30jährigen Krieges, mit Auszügen aus
feinen Schriften. [Calwer Familienbibliothek 6. Bd.j
Calw, Vereinsbuchhandlung, 1887. (240 S. m. Bild. 8.j
M. 1.50; geb. M. 2. —

Johann Valentin Andreae verdient es, dafs zu feinem
300jährigen Geburtstag (17. Aug. 1586) fein Gedächtnifs
erneuert wurde. In feinen Schickfalen fpiegelt fich der
ganze Jammer des dreifsigjährigen Krieges. Die Spuren
feiner Leiftung find jetzt noch der württembergifchen
Landeskirche eingeprägt, nicht nur in ihrer Gefetzgebung,
fondern ebenfo in ihrer eigenthümlichen Geiftesrich-
tung, von der dasfelbe gilt, was Gafs in der Gefchichte
der Ethik von Andreae fagt, dafs fie gleich weit entfernt
ift von Confeffionalismus und Unionismus im gewöhnlichen
Sinn. Bis auf die (von A.'s Seite freilich nur halbfreiwilligen
) Candidatenfahrten der heutigen württembergifchen
Theologen ift der in feiner Jugend Weit-
gereifte ein Typus der württembergifchen Theologie.
Seine Schriften in all ihrer Seltfamkeit geben einen tiefen
Einblick in die Schäden feiner Zeit und feiner Kirche.
Seine praktifche Amtsführung kann bis auf den heutigen
Tag ein ermuthigendes Vorbild fein, wie viel Segen auch
in vielgefährdeten Zeitläuften durch das klare Erkennen
und energifche Wollen eines Einzelnen geftiftet werden
kann. Das alles zeigt das von Wurm gegebene Lebensbild
in anfehaulicher Weife. Durch die in kurzen Strichen
gezeichnete Zeitgefchichte fchafft es ihm einen wirkfamen
Hintergrund. Aus A.'s Schriften hat er gerade fo viel
ausgezogen und mitgetheilt, als nöthig ift, um auch dem
bisher Unkundigen einen vollen Einblick in feine geiftige
Art zu geben. Den dramatifchen Höhepunkt der Biographie
bildet die Schilderung der 1634 durch die Bayern
gefchehenen Zerftörung der Stadt Calw, wo Andreae
damals als Dekan wirkte; den wefentlichen Abfchlufs
feine Thätigkeit zur Wiederherftellung der evangelifchen
Landeskirche als Hofprediger in Stuttgart. Diefer Periode
verdankt die württ. Kirche z. B. die fogenannte Cyno-
sura oeconomiae eccles. Württ. 1639, eine wohl zunächft
für feinen Privatgebrauch gemachte Sammlung der feit
der Reformation ergangenen kirchlichen Verordnungen;
fowie die Einführung der zum Theil jetzt noch beftehen-
den kirchlichen Gemeindeordnung mit dem Mittelpunkt
des Kirchenconvcnts, in welcher die Nachwirkungen der
Genfer Eindrücke Andreae's deutlich fühlbar find. —
Der Verf. hat feinen Helden mit unverkennbarer Sympathie
gezeichnet. Dafs er auch die Schattenfeiten des
vielfeitigen und vielgefchäftigen Mannes kennt, läfst die
Vorrede wenigftens durchblicken. Dafs er fie nicht hervorhebt
, ergiebt fich zum Theil aus dem populären Zwcck
des Büchleins. Aber wir hätten gewünfeht, dafs das
Billigkeitsgefühl, welches diefe Zurückhaltung doch auch
mitveranlafst hat, dem Verf. auch da die Feder geführt
hätte, wo er auf die zeitweiligen Gegner A.'s zu reden
kommt. Wir meinen die Tübinger Theologen Luk,
Ofiander und Th. Thumm. Nicht oft und nicht ftark
genug kann der Verf. fein geringfehatziges Urtheil über
fie ausfprechen. Er verargt ihnen (130), dafs fie .während
der Krieg wüthete, nichts befferes zu thun wufsten', als
mit den Giefsener Theologen zu Breiten über die omni-
pracsentia Christi auch im Stande der exinanitio. Aber