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Ausgabe:

1887 Nr. 4

Spalte:

88-89

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Classen, Aug.

Titel/Untertitel:

Ueber den Einfluss Kants auf die Theorie der Sinneswahrnehmung und die Sicherheit ihrer Ergebnisse 1887

Rezensent:

Müller, Ferd. Aug.

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8?

Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 4.

88

in der Gegenwart einzig dafteht, hohe Kunft zu üben,
ohne dafs man die Kunft merkt, weil ein Künftler fie
übt, dem die Kunft Natur ift, jene urfprüngliche Frifche
auch im tiefften, ergreifendften Ernft, jene urwüchfige
Volksthümlichkeit, die dem Geringften verftändlich wird
und dem Hochgebildeten reiche Nahrung bietet, eine
Fülle von bildlichen Redewendungen, Sprüchwörtern,
von neuen und alten Anekdoten, die ungefucht ihm zu-
fliefsen und den Nagel ftets auf den Kopf treffen, finden
fich fchon in diefen Predigten und erklären hinreichend
ihre weite Verbreitung.

In 14 Predigten behandelt der Herr Verf. feinen Text.
Abgefehen von der Einleitungspredigt wird das 1., 4., 5.,
7. Gebot in je zwei, das 2., 3., 6., 8. Gebot in je einer
Predigt erörtert, während das 9. und 10. Gebot zufammen
in einer Adventspredigt den Schlufs machen. Nicht
der Werth der Predigten, wohl aber ihre Länge ift fehr
verfchieden; die kürzefte ift acht Seiten lang, die längfte
dreiundzwanzig Seiten, d. h. die Gemeinde mufs das eine
Mal mit einer halbftündigen Predigt zufrieden fein, das
andere Mal darf fie nicht murren, wenn's anderthalb
Stunden dauert. Wer des gefpannten Aufmerkens
feiner Hörer fo unbedingt ficher ift, wie Frommel, darf
fich diefe Zumuthung vielleicht geftatten; aber Niemand
nehme fich das als Mufter zur Nachahmung.

Aus dem am Anfang des Referates citirten Worte
der Vorrede fcheint hervorzugehen, dafs der Herr Verf.
felbft ein Bedürfnifs gründlicher Umgeftaltung nicht völlig
abweift. Wir ftimmen ihm darin bei. Es fcheint kein
durchführbarer theologifcher Gefichtspunkt zu fein, den
Dekalog als Zuchtmeifter auf Chriflum vor einer chrift-
lichen Gemeinde zu behandeln; in der That laffen denn
auch die meiften der Predigten einen fpeeififeh chriftlichen
Charakter vermiffen, obgleich es in jeder an chriftlichem
Schmuck nicht fehlt. Der Dekalog ift uns Chriften
eben, um mit Luther (Gr. Kat. zum 3. Gebot) zu reden,
der Sachfenfpiegel der Juden; der ewige Gotteswille an
uns, welcher im Gefetz des A. B. nur unter Verhüllung
enthüllt ift, hat feine Erfüllung in Chrifto gefunden.
Chriftus felbft und er allein ift das Gefetz des neuen
Lebens, aber nicht als Gefetz, durch deffen Erfüllung
wir feiig werden — denn Chriftus ift des Gefetzes Ende —,
fondern als Norm des Lebens denen, die Chriftus feiig
gemacht hat. Aus pädagogifchen und traditionellen
Gründen ift allerdings der Dekalog innerhalb der Christen -
gemeinde zu verwerthen; jedoch wird fich jedes Gebot
an Chrifto zu legitimiren haben, während es ohne diefe
Legitimation für uns nicht divini juris ift. Materiell kommt
dies befonders in der chriftlichen Behandlung des Sab-
bathgebotes zum Austrag; Frommel überträgt dasfelbe
ohne Weiteres auf den chriftlichen Sonntag, eine Auf-
faffung, welcher fowohl Luther als Cottf. Aug. Art. XXVIII
direct widerfpricht. Betreffs der Legitimirung der Gebote
des Dekalogs an Chrifto verweifen wir gern auf die
treffliche Ausführung, welche Gen.-Sup. Dr. Schultze
in feinem vor Kurzem erfchienenen Büchlein: ,Kateche-
tifche Baufteine' diefem Gedanken hat zu Theil werden
laffen.

Gewifs kennt Luther noch eine andere Legitimation,
nämlich die an dem ,Naturgefetz'. Allein abgefehen von
der Frage, ob diefe Legitimation fachlich von der an
Chrifto für uns zu trennen ift, gehört die Verwerthung
derfelben doch dem Gebiete der fpeciellen Seelforge,
nicht dem der cultifchen Predigt, auch nicht dem der
katechetifchen Unterweifung von Chriftenkindern an.
Von welchem Gefichtspunkt aus Luther's Erklärung des
Dekalogs und die Stellung, die er demfelben in feinen
Katechismen gegeben hat, zu beurtheilen fei, dürfte aus
den Vorreden zu feinen Katechismen und aus der Vorrede
zur ,Deutfchen Meffe' 1526 zu erfehen fein.

Der Herr Verf. und der Lefer mögen diefe Aus-
einanderfetzungen, die hoffentlich nichts Neues bieten,
entfchuldigen. Der Zweck derfelben ift, darauf hinzu-

1 weifen, wie theologifche Erkenntnifse, die fo ziemlich
allgemein anerkannt fein dürften, in der Praxis, nicht
zum Schaden der Praxis, zu verwerthen feien, damit die
Gefahr, welche Ref. als fehr drohend anfleht, überwunden
werde, nämlich das Aufkommen eines Gegcn-
fatzes zwifchen efoterifcher Theologie und exoterifcher
kirchlicher Praxis. —■ Die Aenderung des apoftolifchen
Grufses 2 Cor. 13, 13, wie fie fich als Eingangsvotum
vor jeder Predigt findet, ift liturgifch wohl nicht berechtigt
. —

Marburg. A che Iis.

Windel, Hofprcd. Dr. C, Beiträge aus der Seelsorge für

die Seelsorge. 6. Hft. Die Gefahren der Aeusseslich-
keit im chriftlichen Seelenleben. Wiesbaden, Niedner,
1886. (49 S. 8.) M. 1. —

Während ich feinerzeit die vier erften Hefte diefer
Beiträge als werthvoll für die Paftoraltheorie begrüfsen
konnte (Zeitfchr. für prakt. Theologie II, 143 ff.), habe
ich im theol. J.-B. II, 365 f. das fünfte ungünftig beurtheilen
müffen. Ebenfo geht es mir nun mit dem vorliegenden
fechsten Hefte. Ich vermiffe hauptfächlich die
Klarheit. Es follen ,die Gefahren der Aeufserlichkeit im
chriftlichen Seelenleben' befprochen werden: gewifs ein
gutgewähltes und fruchtbares Thema. Aber weder ift
der Begriff der ,Aeufserlichkeit' klar gefafst und confe-
quent feilgehalten (der Verf. verlieht darunter vielfach das

1 Äeufsere oder Aeufserliche), noch find die mancherlei
Gefahren, welche hier berührt werden, beftimmt als
folche gerade der ,Aeufserlichkeit" nachgewiefen. Dem-
gemäfs ift auch die Aufzeigung der Mittel, mit welchen
denfelben begegnet werden müffc, nicht befriedigend.
Dafs diefe im Allgemeinen in der ,Verinnerlichung' beliehen
müffen, wird freilich keinem Widerfpruch begegnen
, allein damit ift doch ebenfowenig etwas gefagt,
als mit der Behauptung S. 33, dafs die Hauptwaffe gegen
,irdifch-materielle Lebensanfchauung' die ,ideale Richtung
im chriftlichen Seelenleben' fei. Nicht als ob nicht
manche zutreffende Bemerkung fich in dem Schriftchen
fände; aber im Ganzen ift kaum etwas aus ihm zulernen,
vor Allem für die Seelforge nicht, welche vielmehr ganz
zurücktritt. Wir wollen dem Verf. gern glauben, dafs
er den Inhalt auf dem Gebiet feelforgerlicher Erfahrung
gefammelt hat (Vorwort). Aber diefe Erfahrung zu
fichten und in praktifch verwerthbarer Weife darzuftellen,

j ift ihm nicht gelungen. Von der Hauptgefahr der Aeufserlichkeit
im chriftl. Seelenleben, der Verwechslung des

I kirchlichen Opus mit der chriftlichen Gefinnung, ift ohnehin
kaum die Rede. Es dürfte nichts fchaden, wenn die
Sammlung mit diefem fechsten Hefte ihren Abfchlufs
fände.

Heidelberg. Baffermann.

Classen, Dr. Aug., Ueber den Einfluss Kants auf die Theorie
der Sinneswahrnehmung und die Sicherheit ihrer Ergebnisse
. Leipzig, Grunow, 1886. (XI, 275 S. gr. 8.)
M. 5. —

Schon der Titel des vorliegenden Werkes giebt zu
Bedenken Anlafs, da er zum minderten als unvollständig
bezeichnet werden mufs. Denn nicht, wie man nach der
Auffchrift erwarten follte, die Philofophie Kant's ift es,
deren Einflufs auf die Theorie der Sinneswahrnehmung
und die Sicherheit ihrer Ergebnifse der Verf. unterfucht,
fondern Claffen verfucht in vorstehender Schrift zu zeigen,
wie das philofophifche System Albrecht Kraufe's zur
Reform der Psychologie und Sinncsphyfiologie heranzuziehen
fei. Dafs aber die Philofophie Kraufe's mit derjenigen
Kant's identifch fei oder für eine nothwendige
Fortbildung des kritifchen Systems gelten müffe, ift doch