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Ausgabe:

1887 Nr. 3

Spalte:

64-67

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Maurenbrecher, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Staat und Kirche im protestantischen Deutschland 1887

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 3.

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Luther's Lebensende wagt er in einer Bemerkung fo als
Gottesgericht zu taxiren: ,Lutherus mortuus est in apo-
plexia et hostes sunt confusi misere'. Aber am deutlich-
ften haben es die Kriegsjahre ihm gezeigt. Da ift er
der einzige gewefen, der Luther's alte Warnung vor dem
Aufruhr der Fürften den kriegsluftigen Herren entgegengehalten
; aber fie haben lieber auf ihre Propheten, Bugenhagen
und Genoffen, gehört: Spiritus mendacii fuit in ore
omnium prophctarum, viaxime Wittembergensium! Und
weil er allein fie Aufrührer genannt, da haben fie an
ihm Rache genommen und fein in Wittenberg belegenes
Haus ihm geraubt, den Profofs mit feinen Stockknechten
in diefes Haus gelegt. Da hat denn Gott Gericht über
die Aufrührer gehalten. Was für Ifrael das Bündnifs
mit Aegypten, das ift für die Schmalkaldener das Vertrauen
auf den König von Frankreich. Der eigentliche
Aufrührer, der unruhige Geht unter den evangel. Fürften
ift Landgraf Philipp; folange Kurfürft Johann noch lebte,
drang er mit feinen Plänen nicht durch, aber feit deffen
Tode geht's überhaupt in Sachfen übel zu — Joh. Fried-
jich, ,Saxo der Dicke', wie er ihn fpöttifch nennt, ift in den
Händen feiner Räthe, und läfst fich von Philipp verlocken
— fo wurde 1534 der Zug Philipp's nach Württemberg
möglich. Ueber das Interim finden fich faft
gar keine Bemerkungen; nur die Notiz fei hervorgehoben,
dafs man die adiäcpoca ja doch nur propter disciplinani,
non propter opus operatum habe wieder aufleben laffen.
Er bleibt (wenigftens noch 1550) bei dem kurzfichtigen
Urtheil: Concordia facile posset fieri, st in extemis, salva
doctrina, ccderent Euangelici. Daher fchilt er befonders
auf die Theologen, welche damals nach Dänemark und
nach Preufsen entlaufen feien. Ueber feine Berliner Thä-
tigkeit erfahren wir wenig; nur eine kleine Skandalge-
fchichte von feinem Berliner Collegen G. B. (Georg Buch-
holzer), eine Klage über eine Anzahl märkifcher Edelleute,
welche faecs et incendia imperiorum feien, ein bedenkliches
Wort über den Lebenswandel feines neuen Landesherrn
, an das fich der Seufzer fchliefst ,Wer foll
predigen, wen foll gelüften zu leben? Strafe, Herr, ftrafe!'
— das ift die fpärliche und unerfreuliche Ausbeute, die
wir hier finden. Deutlicher erfahren wir feine Meinung
über die Wittenberger unter Melanchthon's Leitung. Sie
find das ehebrecherifche Ifrael, über welches die Propheten
klagen, mit ihrem gottlolen Satze von der Noth-
wendigkeit der guten Werke. Hierin wie mit ihrer Verwandlung
des Evangeliums in ein Gefetz kehren fie zum
Papismus zurück. Diefelben Leute find aber auch im
Begriff, Sacramentirer zu werden; fie haben ja bereits die
Elevation beim Abendmahl abgefchafft. Nicht vor den
Gegnern hat fich die evangelifche Kirche zu fürchten,
fondern nur vor den evangel. Fürften und den evange-
lifchen Theologen: die richten das Verderben an. Letztere
predigen den Glauben ohne alle Beziehung auf
innere Erfahrung {sine aecommodatione scripturae ad usum
rcrutu spiritualium) in einer Weife, dafs die Maffen
wähnen, fie ftünden im Glauben, und ift doch das Gegen-
theil der Fall. Und felbftbewufst fetzt er hinzu: Vix
unus est in tota Europa, qui aecommodat verbum ad usum
certaminum spiritualium. Et illum plus cane et angin
oderunt! Ja, der eitle Agricola hat fich auch in diefen
Aufzeichnungen nicht verleugnet. Die ganze Lebens-
gefchichte des Propheten Jeremias meint er auf feine
Schickfale deuten zu können. Vom Proph. Joel fagt er:
hic propheta est mens propter suavitatem et moderationem
ingenii. So triefen feine Aufzeichnungen von felbftbe-
wufster Eitelkeit. Aber daneben fehlt es auch nicht an
Worten einer beachtenswerthen Selbftkritik. Zu dem
Prophetenwort „beffert euer Leben" fchreibt er zwar
allerlei Namen an den Rand, die fich das follen gefagt fein
laffen, aber obenan doch feinen eigenen Namen. S. 13
lefen wir das Selbftbekenntnifs: post annum aetatis meae
quadragesimum sensi maiorem impetum animi ad ea vitia,
quibus luventus delectatur, quam puer olim. So giftig er

| vom Grafen Albrecht redet, er erwähnt doch auch feines
täglichen Gebetes für diefen Mann. Und fo fehlt es
nicht an Zeugnifsen inneren religiöfen Lebens, die hier
um fo bemerkenswerther find, je mehr man den ganz
! intimen Charakter diefer Notizen in Betracht zieht. —
Die Aufzeichnungen gehören wohl fämmtlich erft der
Berliner Zeit an, fie reichen bis ins Jahr 1564, alfo bis
nahe an fein Lebensende. Ob durch das von Daae uns
Mitgetheilte wirklich alles für die Beurtheilung Agricola's
I Werthvolle aus jenen Bibclgloffen herausgehoben worden
j ift, oder ob noch weitere Nachlefe zu halten fein wird,
das könnte nur eine Collation jener Bibel lehren. Der
Herausgeber bewein; durch feine Vorbemerkung p. XVIII,
dafs bekanntlich noch keine Agricola-Biographie exiftire,
durch feinen völligen Verzicht auf Erläuterungen, auch
durch zahlreiche Lefefehler (namentlich aucli in Eigennamen
) , dafs ihm die hier in Betracht kommenden ge-
fchichtlichen Verhältnifse nur wenig vertraut find. Darum
dürfte für eine neue Vergleichung der Chriftiania-
Bibel immer noch einiger Ertrag in Ausficht zu ftellen
fein. Ich will wenigftens einige der gröbften P~ehler no-
tiren, foweit folche ohne Einblick in die Handfchrift fich
corrigiren laffen. S.9 qui tanto perit furit, vielleicht peius!
S. 10 find zufammengehörende Sätze auseinander ge-
riffen; an Z. 2 fchliefst unmittelbar Z. 8 Paulo post an,
und an Z. 4 apoplexia Z. 13 Et hostes. — Ebendafelbft
ift Aefechius (!) wohl verlefen für Albertus. S. 14 Ospol-
j diae: lies Eisfeldiae. S. 15 Utel: lies Gutel. S. 16 Warz-
: dorff, lies Watzdorff. Statt „Luttermeifter" mufs es
j ,huttenmeifter', (tatt Jieryn fewer' ,Herrenfeuer' heifsen,
j vgl. Krumhaar S. 260. S. 17 Georg Richter wird nach
S. 18 in Georg Rörer zu beifern fein; ebendafelbft 1536
in 1546. S. 26 ft. Exposcio 1. Expositio; hinziehen ft.
| hinfiehen. S. 27 ift wohl ft. vicia vestigia zu lefen. Wer
! S. 20 unter dem ,Messore Acantlwzv, Naso, Hamburgensi'
gemeint fein foll, der mit feinen Genoffen Synergismus
lehrt und Chrifti Gnade und Verdienft herabfetzt, wage
ich nicht zu entfeheiden. Uebrigens kann es hier un-
; möglich heifsen concantant gratiam et meritum Christi,
| fondern entweder concidcant oder noch derber concacant.
' S. 21 ift Cuet Rhor natürlich in Curt Rhor zu verbeffern.
; So bedarf nach Seiten der Textrichtigkeit Daae's Ausgabe
dringend einer Nachbefferung. Trotzdem müffen wir
dem Herausgeber für Mittheilung feines PVndes unfern
j Dank zollen. Er theilt mit, dafs er fchon 1879 über
1 denfelben in den Eorhandlinger i Videnskabsselskabet i
Christiania berichtet habe. Ich bedaure, bei meiner Arbeit
über Agr. nichts davon gewufst zu haben; meines
I Wiffens hat aber auch kein einziger unter den deutfehen
Fachgenoffen jene Bekanntmachung Daae's damals beachtet
. Diefe ausführliche Anzeige foll dazu helfen, dafs
die Kunde von Agricola's Bibel in Chriftiania nicht abermals
deutfeher Forfchung verborgen bleibe.

Kiel. Kawerau.

Maurenbrecher, Prof. Dr. Wilh., Staat und Kirche im
protestantischen Deutschland. Vortrag, gehalten auf der
fächfifchen Kirchen- und Paftoral-Conferenz in Meifsen
am 29. Juni 1886. Leipzig, Hinrichs, 1886. (27 S.
gr. 8.) M. —. 60.

Man darf mit der Meifsener Conferenz, auf deren
einftimmigen Wunfeh diefer Vortrag dem Druck übergeben
ift, dem Verf. dankbar fein, dafs er in demfelben
die Geftalt der kirchlichen ürganifation, die das Refultat
j der Reformation gewefen ift, d. h. die von der evangelifchen
I Obrigkeit geleiteten Landeskirchen, fo gerecht beurtheilt
und dafs er über die Aufgaben der Gegenwart auf dem Gebiet
derKirchcnverfaffung verhältnifsmäfsig umfichtig fich
ausgefprochen hat. Die Entwicklung zum Landeskirchenthum
, fo zeigt er, entfprach wohl nicht dem Kirchenideal
oder Gemeindepi ineip Luther's und hat auch das nega-