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Ausgabe:

1887 Nr. 3

Spalte:

61-64

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Agricolae, Islebiensis

Titel/Untertitel:

Apophthegmata nonnulla, nunc primum edidit Ludovicus Daae 1887

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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6i Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 3. 62

Schwierigkeiten löft. üb wohl W., wenn er eine Gefchichte
der nachapoftolifchen Zeit bis ca. 160 folgen liefse, leicht
die Anknüpfung an fein vorliegendes Buch fände?

Doch des Gebotenen ift foviel, dafs man weitergewonnen
habe. Aber eben diefe feine Predigtweife
habe den Anderen Anlafs gegeben, ihn für verdächtig zu
halten und weiter zu verdächtigen. ,Ecce nostri homines,
Spalatinus, Jonas, C. Gnttel et alii severe oderunt nie, quod

gehende Wünfche vergifst. W.'s Werk, fo wie es ift, wird non convicia iacerem in adversarios, et passus sunt multa
der Forfchung kräftigfte und nachhaltigfte Anregung ; propter cam rem, fortassc quod ipsi docerc non poterant.
geben. Deshalb follten alle bereitwilligft für diefe reiche Gott vergebe es ihnen'. S. 25, vgl. Agr. S. 91; an
Gabe langjährigen Gelehrtenfleifses danken. Doch wird ; diefer Darftellung mufs etwas Richtiges fein, da auch
es den Verfaffer, der fich felbft auf Grund fortfehreitender i Melanchlhon gelegentlich die moderatio feiner Speirer

Arbeit ohne Bedenken corrigirt hat, auch nicht befremden
können, wenn unter diefen allen einige oder viel-

Predigten anerkennend hervorhebt. Agr. erzählt dann
weiter, bereits 1530, alfo noch vor dem Ausbruch des

leicht viele in wichtigen Stücken es nach Luc. 5, 39 antinomiftifchen Streites, habe ihm Luther — offenbar
halten — und nicht nur weil das Alte ,milder', fondern : auf Grund von Denunciationen aus Eisleben — die Vor-
auch weil es ihnen richtiger erfcheint. 1 haltung gemacht, fieri non possc, ut cum ipsis sentirem,

Leipzig F Loofs j ***jt*<«rJW non declamitarem contra Wicelium et

' Papistas — quasi vero fchclden und fluchen et non docere

Agricolae Islebiensis, Joa., Apophthegmata nonnulla, nunc : -s7/ °P"S doctoris Euangelii, fetzt er hinzu, S. 24. Damit
primum edidit Prof. Dr. Ludovicus Daae. Christianiae, 1 ftln?m^ Graf Albrecht's Anklage wider ihn (Agr. S. 171),
f. , , „ ~ , 00, ,VWITT „c G, er habe mehr gegen feine Collegen, als gegen die Roraa-

(Aschehoug & Co.), 1886. (XVIII, 27 S. 4 ) M. I. - Iliften gepredigt. Beachtenswertn ift ferne? feine hier in
Vorliegendes Programm, Gratulationsfchrift der Univ. verfchiedenen Aufzeichnungen ausgefprochene Ueber-
Chriftiania zum Heidelberger Univerfitätsjubiläum, ver- zeugung, dafs Luther's Kampf gegen ihn nur die Folge
dient um der in ihm veröffentlichten autobiographifchen von Aufhetzereien gewefen fei, mit denen verfchiedene
Aufzeichnungen Agricola's willen die Beachtung des Perfonen ihn um Luther's Vertrauen gebracht hätten. Er
Reformationshiftorikers. Die Univerfitätsbibl. in Chrifti- nennt als folche aufser feinem Eislebner Collegen Güttel
ania befitzt ein Exemplar der deutfehen Bibel Luther's befonders und ftets mit gröfster Bitterkeit Jonas und
(Propheten, Apokryphen u. N. T. Wittenb. Lufift 1534), daneben Georg Rörer. Luther bleibt ihm der vir Bei,
in welches Joh. Agricola zahlreiche Randbemerkungen, ', er ift ,der liebe Mann, der die reine Lehre des Evan-
wie fie ihm beim Bibellefen in den Sinn gekommen, ein- gelii zu einer letzten Zugabe wiederum auf den Plan
gefchrieben hat. Soweit diefelben dem Herausgeber ein ' gebracht'. Er ift auch überzeugt, von ihm niemals ab-
hiftorifch.es Intereffe zu bieten oder für das Charakter- gewichen zu fein; er hat im antinomift. Streite nur da-
bild Agricola's bezeichnend zu fein fchienen, find diefe für forgen wollen, ut certam formam doctrinae transmittant
Apophthegmata unter Bezeichnung der Bibelftelle, der ad posteritatem. Nun man auf ihn nicht gehört hat,
fie beigefchrieben wurden, hier mitgetheilt. Es find alfo ; meint er den Schaden deutlich vor Augen zu fehen;
Aufzeichnungen intimfter Art, in keiner Weife für die ! denn die Wittenberger nach Luther's Tode predigen loco
Oeffentlichkeit benimmt — daher für die Biographie und ; legis Euangelium et loco Euangelii legem, ac sie unum
Beurtheilung des Eislebeners von befonderem Werthe. ! cum altero confundunt. ,Sub praetextu Euangelii, da man
Für den äufserlichen Verlauf feines Lebens bieten diefe 1 auch den Bapft am hochften fampt pfaffen und monchen
Aufzeichnungen einige wenige bisher unbekannte Data, j fchilt, find fie eytel doctores legis, das ift Papillen.' Ueber
Wir erfahren S. 20, dafs er als zwölfjähriger Knabe nach j Luther hat er nur Befchwerde zu führen, dafs er fo arg-
Leipzig kam, ,et scripsi, quantumpotuiper aetatem, omnium ! wöhnifch gegen ihn gewefen und fo ganz fich in Ab-
monachorum docentium contiones, et, gratia Deo, non sum hängigkeit von Leuten wie Jonas, Rörer u. A., auch des
/actus ex eo deterior. Ego habui a puero malam conscien- D. K. (Dominus Kethai) begeben hat. Er citirt Luther's
t/am; ideo coactus sunt discere haec, non ut docerem alios, Ausfpruch gegen ihn: ,Ihr feid tarn mala suspicione, das
sed ut sie viverem: (Vgl. meinen Joh. Agr. S. 8.) Er hat j wenn ihr redet aufs befte, fo gläubt man euch doch
gar nicht die Abficht gehabt, Theologe zu werden, fon- I nicht, das ihrs gut meinet' (S. 17). ,Argwöhniger Leute
dem fich anfangs medicinifchen Studien gewidmet; oftmals | und gröfser mutwillige Freveler habe ich mein Tage
habe er fpäter gefeufzt: ,utinam mansissem medicus, sicut , nicht funden, und wo fie nicht mit Ernft drüber ge-
coeperam: tum non moverent me hae cala/uitates." S. 14, vgl. I büfset, wird fie Gott nicht feiig gemacht haben (vrgl.
Agr. S. 10. Seine Arbeit in Wittenb. 1523—25 bezeichnet j Agr. S. 245). Ich hoffe aber, fie habens erkannt, den
er als Amt eines civayvojOri]g in templo- Luther und die grofsen Stolz und Sicherheit, andere Leute ohne alle
Anderen hätten ihn hiezu erwählt gehabt; aber folch Gottesfurcht und vorangehende Inquifition zu richten'.
Predigtamt fei ihm fo hoch und verantwortlich er- | Er erzählt dann, fchon 1538 feien ihm vom Kurfürlten
fchienen, dafs er fich beftrebt habe, davon loszukommen. 1 Joachim wie vom Herzog von Liegnitz Stellungen in
Er bezeichnet die Annahme der Berufung nach Eisleben 1
daher geradezu als ein fugere Dominum. ,Da lief ich
gen Eysleben, ne amplius docerem verbum, sed in occulto
latitans discerem linguas', S. 9, vgl. Agr. S. 31. 60. Aber
auch in der neuen Stellung fei er wieder genöthigt
worden, Predigten zu halten. Aber eben feine Auf-
faffung des Predigtamtes habe ihn hernach in die
bekannten fchweren Conflicte feines fpäteren Lebens verwickelt
, nämlich dadurch, dafs feine Predigten rein theti-
fcher, nicht wie die der Anderen po lemifcher Art gewefen
feien. Sensi Semper, me ad docendum factum esse,
non ad conviciandum. Et adhibitus ad contiones in impe-
rialibus comitiis effeci doctrina et vero iudicio, ut midti

ihren Landen angeboten worden; verum ego confirmatus
nescio quo motu cordis mei, sentiebam Dominum velle ut
perdurarem. So hielt er noch zwei Jahre aus: tandem
cessi tarnen furoribus improborum et migravi in Marchiam.
Von nun an betrachtet er das Gefchick der fächfifchen
Theologen und weiter das Unglück, das über die fchmal-
kaldifchen Bundesgenoffen hereinbricht, wefentlich unter
dem Gelichtspunkte von Gottesgerichten, die jene durch
ihre Sünden wider ihn verdient, die evangel. Fürften aber
dadurch fich zugezogen haben, dafs fie ihren Theologen,
den Lügenpropheten, im J. 1546 Glauben gefchenkt haben.
In unheimlicher Vermengung feiner Sache mit der Gottes
hält er Mufterung über feine Widerfacher: Graf Albrecht
ex adsersariis lucrifierent Christo. So befonders in Speier ; v. Mansfeld ift von Herzog Moritz fchon 1544 H543?
1529, wo neben ihm Schnepf predigte. Schnepfius dice- vgl. Krumhaar, Graffchaft Mansfeld S. 268) in den Thurm
batur destruere et evellcre, ego aedificare. Et episcopus geworfen worden; Güttel ift abends gefund zu Bette ge-
Augustanus dixit, me adversariis plus nocere quam Schnepfi- gangen, morgens todt aufgefunden, Jonas passus est
um. Er erzählt, wie feine mafsvolle Predigtweife z. B. capitis diminutionem, et exemplo Cayn circum circa vaga-
den Grafen von Eifenberg am Rheine fürs Evangelium tus Eisfeldiae in Erancia orientali miser mortuus'. Selbft