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Ausgabe:

1887 Nr. 26

Spalte:

631-634

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bacmeister, Alb.

Titel/Untertitel:

Der sittliche Fortschritt 1887

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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631 Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 26. 632

gefchichtlichcn Lebens ift, Realitäten, die nur erft
die Gemeinde der Christen beherrfchen und die Chriften-
heit gar aus dem Gefammtleben gewiflermafsen wie ein
Volk ausfondern. Diefes Ergebnifs bildet die Operations-
Bafis einer weiteren Auseinanderfetzung mit der,modernen'
Religionsanfchauung, welcher der Redner die chriftliche
Pofition klar und beflimmt entgegenflellt. Die Proteus-
geflalt diefer fog. modernen, aus fehr heterogenen Elementen
gebildeten, von den objectiven Momenten der
Gefchichte losgelöflen, durch den gewaltigen Einflufs
eines Goethe beherrschten Religiofität hat K. fein und
geiftvoll, wenn auch nicht nach allen Seiten hin, zergliedert
. In directem Gegenfatz zu diefer vorwiegend
afthetifchen Weltanfchauung tritt das Chriftenthum mit
dem Anfpruch auf, in dem Sittlichen das eigenlich letzte
Gefetz alles Lebens, die Sachbegründung alles Dafeins
zu enthüllen: während dort das Ewige nicht anders vor-
geftellt wird als das effentiell die Weltdinge in fich Zu-
lämmenfaffende, d. h. als die Natur, gilt hier der Ewige
als der die Welt nach Sittlichen Zielen beherrschende,
ein Reich Sittlicher Zwecke begründende Wille. Das Ver-
ftändnifs diefes Willens und der Zutritt in diefes Reich
ift dem Chriftcn durch Chriftus erfchloffen, welcher uns
befähigt, im Sittlichen Sinne, im Vertrauen und Verlafs
mit Gott als perfönlichem Herrn der Welt wie mit einer
Realität für unfer eigenes persönliches Leben zu rechnen.
,Glaube ift Verlafs, Verlafs auf Gott als bezeugte Sittliche
Perfon. Die Dogmatik ift die Schilderung des göttlichen
Perfonwefens in feiner Beziehung auf uns als Sittliche
PerSonen. Der WeltwiSSenSchaft treten Glaube und
Dogmatik niemalen in den Weg'. — So SchlieSst die

ungsweife aus die Geltung der Sittlichen Ideen, die Möglichkeit
eines Sittlichen F'ortfchrittes der einzelnen MenSchen
und die GewiSsheit einer Sittlichen Fortbewegung der
MenSchheit im Ganzen ergiebt. Der Unzulänglichkeit und
den mannigfachen inneren Widersprüchen der materiali-
ftifchen und pefSimiftifchen Theorien gegenüber hebt er
die gcfchloffene Einheitlichkeit diefer chriftl. Anfchauungs-
weife hervor. Der Gedankengang ift in den Hauptzügen
folgender:

Im erften Theile wird die fittl. Fortfchrittsbewegung
in dem einzelnen Menfchen betrachtet. Während die
materaliftifche und pefSimiflifche Beftreitung der menschlichen
Frei hei t nicht der Idee der Persönlichkeit des Menfchen
und der Thatfache feines Gewiffens gerecht wird, findet
das eigenthümliche Wefen des Menfchen und die Geltung
des Sittlich Guten für ihn trotz der praktischen Macht
des Böfen eine rechte Erklärung in der christlichen An-
fchauung, dafs das Gute, welches dem Menfchen durch fein
Gewiffen als etwas Höheres über ihm bezeugt wird, feinen
Urfprung in Gott hat und dafs das factifche Wefen des
Menfchen zu einem idealen Wefen emporgehoben werden
Soll. Bei diefer Anfchauung hat der Gedanke von
einer Sittlichen P"ortSchrittsbewegung in dem einzelnen
MenSchen Raum. Während der Materialismus auf die Frage
nach dem Zwecke des Menfchen keine Antwort hat und
die pefSimiflifche An wort, welche als den Zweck des
Dafeins die Zufammenfetzung der nächsten Generation
beltimmt (Schopenhauer), oder den Menfchen nur als
Mittelzweck im teleologischen Organismus der Welt betrachtet
(E. v. Hartmann), den Werth des einzelnen
Menfchen verkennt, giebt die chriftliche Anfchauung auf

Rede, welche zweifellos auf den gröfseren Theil der Zu- [ fene Frage die Antwort, das Ziel des Menfchen fei, zu
hörer mehr anregend als überzeugend gewirkt haben 1 der Vollkommenheit Gottes zu gelangen, und zwar da-
mufs; denn wennK.es auch vortrefflich verstanden hat, durch, dafs er das in Chrifto erfchienene Ideal diefer
von allgemein zugegebenen Gedanken ausgehend, die zu göttl. Vollkommenheit in Sich Selbft Geftalt gewinnen
erörternde Frage nicht in Form einer fertigen Notiz, läfst. Sie zeigt dem Menfchen aber auch die Mittel zu
fondern als Problem vorzutragen, deffen Löfung vor dem diefer Sittlichen Fortfchrittsbewegung; Sie verweift ihn
Geilte der Mitbetheiligten Sich allmählich entwickelt, So auf die erlöfende Kraft Chrifti, welche dem Menfchen
enthält feine Darfteilung doch eine Fülle von Gefichts- zum Sittlichen Wollen und Können verhilft. In der chriftl.
punkten, welche den nach der Schablone arbeitenden Lehre von der Heilsaneignung ift der Weg vorgezeichnet.
Theologen, gefchweige denn der ferner flehenden wiffen- auf dem die göttliche Autorität, ohne diefe ihre Bedeu-
fchaftlich gebildeten Laienwelt keineswegs fofort ein- tung zu verlieren, docli dem Menfchen immer innerlicher
leuchten werden. Dafs die übjecte, um welche fich die j wird, bis zu der Vollendung des Sittlichen Wefcns, welche
Metaphyfik zu bemühen hat, ganz andere find als die- im Linsfein des menfchl. Eigenwillens mit dem göttlichen
jenigen, welche der Dogmatikcr ins Auge fafst, dafs Gott ' Willen bcStcht. Und zwar ift diefe Heilsaneignung ganz
für das Chriftenthum etwas grundverschiedenes ift als ein ethifch, nicht magifch gedacht; Wort Gottes und Gebet
Inbegriff des ganzen Seins, dafs in diefer falfchen fowohl find ihre Mittel. Der einzelne Menfch kann aber nicht
von der alten Dogmatik als von der modernen Religionsan- ; für Sich allein, fondern nur im Gemeinschaftsleben mit
fchauung vertretenen Gotteslehre der hellenifche Gedanke ; Anderen jenen Sittlichen Fortfehritt machen. Das durch
von der einheitlichen und abfoluten Sachordnung des Kos- i das Chriftenthum in die Welt gebrachte neue Prinzip für
mos erkennbar nachwirkt, dafs die Offenbarung nicht eine , das Verhalten des Menfchen zu andern Menfchen ift das
empirifche, durch die Mittel der Weltwiffcnfchaft feftftell- der uneingefchränkten Liebe. Wenn der Einzelne in feinen

verschiedenen Verhältnifsen diefes chriftlichePrincip walten
läfst, wenn er die Gcmeinfchaftskreife der Familie und
Frcundfchaft, des Staates und der Kirche in chriftlicher

bare, fondern eine religiöfe, nur dem Glauben erreichbare
Thatfache ift, das find Gedanken, die fo wenig an der
breitgetretenen Heerflrafse liegen, dafs Sich der Redner

nicht Schmeicheln darf, allgemeine Zuftimmung, vielleicht I Gefinnung als Boden zu feiner Sittlichen Liebesbethätigung
nicht einmal allgemeines Verftändnifs gefunden zu haben. , betrachtet, dann ift ihm eine reiche Gelegenheit zur An-

So mag denn feine Rede felbft als eineThat des Glaubens
und des Muths angefehen werden, welche weniger auf
unmittelbaren Erfolg als auf tiefer gehende Anregung
zählen kann.

Strafsburg i/E. P. Lobfiein.

Bacmeister, Dr. Alb., Der sittliche Fortschritt. Gotha,
F. A. Perthes, 1886. (III, 200 S. gr. 8.) M. 3.—

Im Gegenfatze zu der materialiftifchen und pefSimiftifchen
Anfchauungsweife, welche die Wahrheit und den
Werth der Sittlichen Ideen für den Menfchen leugnet und
llatt eines Sittlichen Fortfehrittes der Mcnfchheit nur eine
durch das fortschreitende Erkennen bedingte Weiterentwicklung
der Civilifation und Cultur anerkennt, fucht
der Verf. zu zeigen, wie Sich von der chriftl. Anfchau-

ftrengung und Entwicklung feiner Sittlichen Kraft gegeben
und kann er für Sich perfönlich einen wahren Sittlichen
Fortfehritt erreichen.

Im zweiten Theile wird die Frage erörtert, ob bei
der MenSchheit im Ganzen, welche Gegenstand der Gefchichte
ift, von einem Sittlichen Fortfehritte geredet werden
kann. Die darwiniftiSch-materialiftiSche Anfchauung,
welche in der Gefchichte nur analoge Gefetze, wie in
den Naturwiffenfchaften, nachweifen und die Factoren
des Geheimnifsvollen im Menfchen und des Providentiellen
im Gefchichtsverlaufe nicht anerkennen will, kann doch
den wirklichen Inhalt der Gefchichte nicht genügend erklären
. Solche Erklärung findet man nur, wenn man die
Gefchichte als Gefchichte der Verfittlichung des menfeh-
lichcn Lebens, oder als Gefchichte des Reiches Gottes,
in welchem ein Zufammenwirken von Gott und Menfch-