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Ausgabe:

1887 Nr. 20

Spalte:

468-470

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Riess, Rich. v.

Titel/Untertitel:

Bibel-Atlas in zehn Karten nebst geographischem Index. 2., in typograph. Farbendruck neuhergestellte u. erweiterte Aufl 1887

Rezensent:

Socin, Albert

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 20.

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aufzunehmen. Ihnen und denjenigen Religionsbildungen,
die unter dem Islam und durch Berührung mit Parfismus
und Chriftenthum entftanden find, ift ein vierterund letzter
Abfchnitt unter dem Titel ,Der Hinduismus' (S. 438—465)
gewidmet. ,In Gedanken und Sitten mifcht der Hindu
das Aeltefle mit jüngeren Elementen: altbrahmanifche
Riten, die in den Veden wurzeln, aus dem Buddhismus
herübergenommene oder den fectirerifchen Religionen
eigentümliche oder von den Urbewohnern flammende
oder unter dem Einfluffe des Islam gebildete Gebräuche.
Dies Alles durcheinander bildet die hinduiftifche Religion,
hier verträgt fich Alles undfliefst Alles zufammen' (S. 460).
Nicht anders ift aber auch das Refultat im heutigen China
ausgefallen, wo der officielle Himmelscultus, der gebildete
Confucianismus und der populäre Taoismus nicht etwa
nebeneinander, fondern durcheinander beliehen, fo dafs
der gemeine Chinefe fich allen Ceremonien gleichzeitig
anfchliefst (S. 261. 437).

Erwägt man, dafs die in vorliegendem Werk behandelte
Wiffenfchaft noch in theilweife chaotifchem Zu-
ftande, jedenfalls erft im Werden begriffen ift (S. 2), dafs
es fich zumeift immer noch erft um Herbeifchaffung von
Material handelt (S. 4. 159), dafs gleichwohl eine maffen-
hafte und weit auseinanderliegende Literatur, in deren
Angabe der Verfaffer weife Befchränkung übt, zu bewältigen
war: fo wird auch derjenige, der am Detail
begründete Ausheilungen machen zu follen glaubt, mit
der Anerkennung nicht zurückhalten, dafs hier ungewöhnliche
Schwierigkeiten in fachlicher Beziehung meift glücklich
überwunden, in formeller Hinficht aber eine ungemein
complicirte Aufgabe in der Hauptfache trefflich
gelöft erfcheint. Der Verfaffer verzichtet darauf, feine
Darftellung mit Proben aus heiligen Schrifttexten oder
Mittheilung von frappanten Erzählungen auszuftatten
(S. VI. 63). Allenthalben begegnet man einem aus reichem
Vorrath bedachtfam ausgewählten und vom eigenen Ur-
theil durchdrungenen Material. Aber gerade in diefer
Befchränkung des Stoffes und in der Referve des Urtheils
zeigt fich der Meifter. Fortwährend wird die Unficher-
heit des Bodens von Thatfächlichkeiten, darauf man fich
bewegt, betont (S. 319. 324), wird Vorficht gepredigt
(S. 452 h), der Verfuchung zu verfrühter Syftematifirung
gewehrt (S. 293. 446). Immer bleibt fich der Verfaffer
des jeweiligen Standes der Forfchung, wie derfelbe auf
den verfchiedenen Gebieten, die er zu behandeln hat,
ein mannigfach abgeftufter ift, bewufst. Nie vergifst er,
dafs uns hier allenthalben wahrfcheinlich für immer unlösbare
Fragen entgegentreten (S. 174. 180. 188. 207. 209.
220. 225. 295). Ihm ift der bei verfchiedenen Völkern
wechfelnde Thatbeftand (S. 124) ebenfo gegenwärtig, wie
die Proteusgeftalt, welche eine und diefelbe Religion auf
identifcher Volksunterlage im Laufe der Zeiten darftellt
(S. 49. 274. 307. 460). Wie er es für im Grundfatze verfehlt
hält, wenn eine Volksreligion aus philofophifchen
Gedanken erklärt werden foll (S. 173), fo findet die
geiftreiche Deutungsfucht auch in Bezug auf das Detail
gebührende Zurück weifung (S. 103. 281). Der Achtungserfolg
, deffen fich zuweilen Kern's Enträthfelung budd-
hiftifcher Geheimnifse erfreuen darf, fleht damit nicht in
fachlichem Widerfpruch. Zu gut hat der Verfaffer begriffen
, dafs die Religion ,das Ding mit den vielen Ur-
fachen' ift, als dafs er dem Streben nach einheitlicher
Erklärung irgend einer ihrer Erfcheinungen ohne Mifs-
trauen zu folgen vermöchte (S. 67. 80. 105. 115. 157. 289).
Eben darum weifs er auch, dafs Uebergänge, wie fie hier
begegnen, jeder Definition und Abgrenzung fpotten
(S. 73); fo zwifchen Thierverehrung und Götterverehrung
(S. 69), zwifchen fymbolifchem und animiftifchem Hintergrund
der erfteren (S. 68), zwifchen Mythologie und
Dogmatik (S. 141 f- l60 f.) u. f. w.

Freilich könnten Eigenfchaften, wie die foeben gerühmten
, dem Werke anderwärts vielleicht eher Eintrag
thun. Man wird fagen, die Religionsgefchichte büfse bei

folcher Behandlung den Eindruck des einheitlichen, zu-
fammenhängenden, zielbewufst fortfehreitenden Proceffes
ein. Diefe Anklage auf Zerfahrenheit und Principlofig-
keit wird hier und dort auch eine fpeeififeh theologifche
Zufpitzung erfahren, fofern den Verfaffer fein fkeptifch
kühles Urtheil auch bei Behandlung der Beziehungen
ägyptifcher und affyrifcher Religiofität zum Alten Tefta-
ment nicht verläfst; auch hier will er nichts wiffen von
jeglicher ,Senfationswiffenfchaft' (S. 341). Der Landfchaft,
die er zeichnet, fcheint fomit die ,Stimmung' zu fehlen.
Ein weites Wiefenland, deffen unendlicher Graswuchs
Unterfchiede nur aufweift, je nachdem das Terrain hier
feuchter oder fumpfiger, dort trockener oder fleiniger be-
fchaffen ift. Ueberall diefelben vulgären Blumen, weifs
und gelb, blau und roth, nur hier dichter, dort dünner
flehend. Welch hoffnungslofer Wuft ftatt eines Gottesgartens
! Nun wohl! Es giebt Leute, die das Gras wachfen
hören. Diefe mögen der naturgetreu befchriebenen Vegetation
ihr höheres Geheimnifs ablaufchen! Wir unterer-
feits getröften uns der alten Wahrheit, dafs in der Regel
erft in dem Mafse, als man fich der Spitze des Berges
nähert, die ganze Gebirgsformation überfchaubar wird.

Zum Schluffe und für den Fall einer zweiten Auflage
noch einige Beiträge zu den Berichtigungen' S. X. Hier
mufs zu S. 224 wohl ein Komma ftatt eines Punktes für
den fehlerhaften Strichpunkt verlangt werden. Der fonft
befolgten Uebung entfprechend müffen die grofsen An-
fangsbuchftaben der lateinifchen Wörter S. 21. 106. 113
fallen und S. 140 der Name Thomas a Kempis mit grofsen
Buchllaben gedruckt werden. Auch ift S. 39 Z. 2 v. u.
fich ftatt Sich zu letzen. Der lateinifche Satz S. 60 Z. 7
und 8 v. o. ift in die Form des Accusativus cum infinitivo
umzufetzen. Ein Schlufsanführungszeichcn fehlt S. 272
Z. 1 v. o. Statt Nazarener S. 131 Z. 3 v. o. ift Nafiräer
zu lefen. Bezüglich der Sprache hätte es der Entfchul-
digung S. VI kaum bedurft. Doch wäre wohl S. 85
Häuptling ftatt Hauptmann und S. 381 Stellung ftatt Stelle
zu fchreiben. Zu dem Namen Adolf Holtzmann S. 383
erlaube ich mir die Bemerkung, dafs er zwei verfchiedene
Perfonen bedeutet. Der Verfaffer der ,indifchen Sagen'
ift mein Oheim, der Verfaffer des ,Arjuna' und der übrigen
,Monographien' mein Bruder.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Riess, Domcapitul. Dr. Rieh, v., Bibel-Atlas in zehn Karten
nebst geographischem Index. 2., in typograph. IAarben-
druck neuhcrgeftellte u. erweiterte Aufl. ITeiburg i. B.,
Herder, 1887. (VIII, 32 S. m. 10 Taf. Fol.) M. 5. —;
geb. M. 6. —

Der Verfaffer des vorliegenden Werkes hat fich aufser
durch die erfte Auflage des Bibelatlas befonders durch
feine im Jahre 1872 erfchienene ,Biblifche Geographie',
— beide Werke, find auffälliger Weife fowohl in ,Deutfche
Pilgerreifen' p. 643 fg. als in ZDPV IV, p. 242 nicht
aufgeführt —■ als Kenner der Paläftinaliteratur erwiefen.
Seit jener Zeit hat Riefs, wie ein Blick auf die Karten
und das Namensverzeichnifs beweift, emfig die hochan-
fchwellende Fachliteratur verfolgt und fowohl die Arbeiten
der Engländer, als die Forfchungen der Aegyp-
tologen und Affyriologen in reichem, ja vielleicht fogar
allzureichem Mafse für feine Zwecke verwendet, jedoch
auch aus der franzöfifchen (Guerin) und deutfehen Literatur
(bef. der ZDPV) fehr vieles nachgetragen. Das
Werk enthält zunächft zehn fehr fchön und fauber ausgeführte
Tafeln: Bl. I giebt eine Karte von Aegypten
zur Zeit Mofe's und der Patriarchen, II eine Karte des
Exodus (Gofen, Sinai) und Paläftinas zur Zeit der Einwanderung
; letztere Skizze würde von modern kritifchem
Standpunkt aus allerdings wefentlich anders ausfallen,
ja wohl überhaupt nicht herftellbar fein. Bei der dritten
Karte, Paläftina zur Zeit der Richter und Könige, hat