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Ausgabe:

1887

Spalte:

465-468

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Saussaye, Chantepie de la

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der Religionsgeschichte. 1. Bd 1887

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologische üteraturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Marburg,und D. E. Schürer, Prof. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N° 20. 8. October 1887. 12. Jahrgang.

Chantepie de la Sauffaye, Lehrbuch der | Egli, Die St. Galler Täufer (Stähelin).

Religionsgefchichte. Bd. I. (Holtzmann). j Graubner, Ein Beitrag zur Lebensgefchichte

Riefs, Bibelatlas (Socm). Martin R;nckarts (Löber).

Seufert, Der Urfprung und die Bedeutung des . . , . TT ... . .

~ 1 . . . t bn -I1.UJ. Gaffel, l'riednch Wilhelm II. (Meier).

Apodolates in den erden zwei Jahrhunderten

(A. Harnack).

Philipps, Toixö iaxi xb aüfici ftov (Sachfse).

Schmidt, Die göttliche Vorfehung und das

Selbdleben der Welt (Sachfse).
Löber, Die Machtdellung des evangelifchen

Glaubens in der Gegenwart (Herrmann).
Berichtigung von v. ürelli und Erwiderung

von Gut he.

Chantepie de la Saussaye, Prof. Dr. P. D., Lehrbuch Kunft ,Der phänomenologische Theil dürfte der erfte

„ _ . ,. .. n, tt,„;u.,.„ :'/n. ta/t.. v,.- umtaflendere Verfuch fein, die Hauptgruppen der religiöfen

der Rehciionscieschichte. 1. Bd. P retburg not., Mohr, r , . , _ , „ vs KK. , ,<=>...

uei neii9iuiioycaoiin,iiic. & / . Erfcheinungen, ohne fic doctrinar einheitlich zu erklaren,

1887. (X, 465 S. gr. 8.) M. 9.— f„ zu ordnen, dafs die wichtigften Seiten und Gefichts-

VVas dem Verfaffer, als er die F"eder ergriff, vor- 1 punkte aus dem Material von felbft hervortreten. Die
fchwebte, das war .keine Encyklopädie der betreffenden Beifpicle find dabei fo forgfältig und vielfeitig wie mög-
Disciplin, kein Nachfchlagebuch, worin alle Namen vor- I lieh gewählt worden, aber nicht gehäuft',
kämen, fondern ein Lehrbuch, das in lesbarer Form den Ein weiterer Theil, der ,ethnographifche' (S. 171 —

231), befchreibt die Religionen der fog. Naturvölker, d. h.

gegenwärtigen Stand der betreffenden Studien zur An
fchauung bringen, die ficher erworbenen Refultate von
den noch fchwebenden Problemen fondern follte'. Was
man auch im Einzelnen gegen die Ausführung diefes
Programms einzuwenden haben möge: als Ganzes ent-
fpricht die vorliegende Leiftung ebenfo fehr den Anforderungen
, die an ein Lehrbuch für Studenten, wie denjenigen
, die an ein Lefebuch für Solche geftellt werden
mögen, die fich mit den Ergebnifsen der auf religions-
gefchichtlichem Gebiete gepflogenen Studien vertraut
machen wollen.

Ein .allgemeiner Theil' (S. I—47) behandelt gewiffe
Vorfragen, wie die Entftehung diefer verhältnifsmäfsig
ganz jungen Disciplin, die Auscinanderfetzungen mit der
prähiftorifchen Archäologie und mit der Evolutionslehre,
ferner einige mit dem Urfprung der Religion zufammen-
hängenden Probleme, ob derfelbe genau auf der Mcnfch
und Thier fcheidenden Grenze liege, ob die ,Wilden'
den noch nicht civiliflrten oder den verwilderten Theil
der Menfchheit darfteilen u. f. w. Zum Schluffe werden
die verfchiedenen Eintheilungen der Religionen gewürdigt
und ihre Hauptformen befprochen, d. h. Ausdrücke wie
Animismus, Fetifchismus, Totemismus, Schamanismus,
Polydämonismus, Polytheismus, Henotheismus, Monotheismus
hiftorifch erklärt, ,1m allgemeinen Theil habe ich
einiges Material gefammelt zu der Löfung der Hauptfragen
, welche die Religionswiffenfchaft überhaupt be-
fchäftigen. Die philofophifche Behandlung diefer Fragen
lag gänzlich aufserhalb der Grenzen diefes Lehrbuchs,
darum die Darfteilung der controverfen Punkte möglichft
objectiv gehalten ift'.

Letztere Bemerkung charaktcriflrt, wie das ganze
Buch, fo infonderheit auch feinen originellften Theil, den
.phänomenologifchen' (S. 48—170), welcher in 18 eflay-
artig aneinandergereihten Artikeln, alfo ohne eine ftreng
fchematifche Ordnung oder eine dem Leben erft künft-
lich anzupaffende begriffliche Scheidung durchzuführen,
die wichtigften Seiten des Cultus und Formen der Lehre
befpricht: die verfchiedenen Verehrungsgegenffände, Ido-
lolatrie, heilige Steine, Bäume und Thiere, Natur- und
Menfchenverehrung, Götter, Magie und Divination, Opfer,
Gebet und andere religiöfe Handlungen, heilige Orte,
Zeiten und Perfonen, die religiöfe Gemeinfchaft, die religiöfen
Schriften, die Religionslehre und ihre mythologischen
, dogmatifchen, philofophifchen Ausgeftaltungen,
endlich das Verhältnifs der Religion zur Sittlichkeit und

derjenigen Theile der Menfchheit, welche kein eigentlich
gefchichtliches Leben führen, in Afrika und Amerika,
aber auch der Oceanier und Mongolen, um mit allgemeiner
Charakterifirung der femitifchen und der indo-
germanifchen Völkerfamilie zu fchliefsen. Die fpätere
Entwickelung der mittelländifchen Völker, namentlich
die Gruppirung der europäifchen als romanifche und ger-
manifche, gehört der Gefchichte an, weil dabei die natürliche
Abftammung und Verwandtfchaft in den Hintergrund
tritt. Dagegen nimmt der ethnographifche Theil
auch folche Völker in feine Darffcllimg auf, deren hifto-
rifche Entwickelung fich unferen Blicken entzieht, wie
Finnen, Kelten, Slaven, Japaner, Mexikaner und Peruaner,
fogar Phönizier.

Eben darum läuft aber auch keine fcharf theilende
Demarcationslinie hin zwifchen diefem Theil und dem
eigentlich hiftorifchen, welcher die Chinefen (S. 232—261),
Aegypter (S. 261—318), Babylonier und Affyrer (S. 318
—345)> vornehmlich aber die Inder (S. 345—465) behandelt
. Denn für die Gefchichte der Menfchheit ift die
Entwickelung der griechifchen Kleinftaaten wichtiger, als
die von ganz Vorder- und Hinterindien fammt dem
chinefifchen Reich (S. 347). Die bedeutendften Capitel
diefes hiftorifchen Theiles wird daher wohl der zweite,
die Religionen der Perfer, Griechen, Römer, Germanen
und den Islam umfaffende, Band bringen. Es fei daher
hier, um eine Gefammtvorftellung vom Inhalte des erften
zu ermöglichen, nur noch bemerkt, dafs die umfangreiche
Darftellung, welche der indifchen Religion gewidmet ift,
in einem erften Abfchnitt das vedifche und brahmanifche
Zeitalter zufammenfafst (S. 349—386), in einem zweiten
den Jainismus (S. 386—391), in einem dritten den Buddhismus
(S. 391—437) behandelt. Aber felbft das Auftreten
des Letzteren fcheidet nicht fcharf; daher manches Nach-
buddhiftifche im erften Abfchnitt befprochen werden
mufste (S. 349—438)» wie andererfeits das Gemeingut,
welches den Buddhismus mit der vedifchen und brahmani-
fchen Religion verbindet (rein gegenfätzlich ift nur die
Löfung der Seelen frage ausgefallen S. 376 415), viel belangreicher
erfcheint, als in den herkömmlichen Darftellungen
(vgl. S. 391 f. 416 f. 419). Während aber der
buddhiftifche Sauerteig ausgefegt wurde (doch vgl. hierüber
S. 431 f.), gelang es dem Brahmanismus, die zur
Frühzeit unferes Mittelalters auftauchenden, mächtigen
Bewegungen der Vifhnu- und der Siwa-Religion in fleh

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