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Ausgabe:

1887 Nr. 19

Spalte:

446-450

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sigwart, Chrph.

Titel/Untertitel:

Vorfragen der Ethik 1887

Rezensent:

Kaftan, Julius

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445 Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr, 19. 446

Deutfchland, fondern, Dank des Ueberwiegens des Adels, 1 Auffätzen greifen. Er wird darin durchweg zugleich
wo möglich pietiflifcher; fie find im Zeitalter der Auf- j eine anziehende Leetüre finden.

klärung nicht minder rationaliftifch gewefen, nehmen es
vielmehr an Entfchloffenheit zur Reform und an be-
dingungslofer Hingabe an den Staat mit jedem Kirchenthum
der damaligen Zeit auf.

Die Proben, welche Dalton S. 233 ff. mitgetheilt
hat, verdienen von jedem Kirchenhifloriker gelefen zu
werden. Sehr genau find die Vorarbeiten zum Gefetz
v.

Berlin. Kaftan.

Sigwart, Dr. Chrph., Vorfragen der Ethik. Freiburg i. Br.,
Mohr, 1886. (48 S. 4.) M. 2 —

Einige allgemeine Ueberlegungen über die Aufgabe
der wiffenfehaftlichen Ethik bietet uns der Verfaffer
. 1832 befprochen; denn der rationaliftifche Entwurf, I diefer Blätter. Zum Ausgangspunkt nimmt er, dafs die
der Alles umftürzte, blieb eine Todtgeburt. Dalton hat Ethik die Frage ,was follen wir thun?' zu beantworten

eifrig gefammelt und viel ungedrucktes Material benutzen j hat. Darauf ftellt die erfte Bertrachtung fett, dafs jede
können. Dennoch vermifst man an einigen Punkten der ; wirkliche Handlung auf einen zukünftigen wirklichen
Vorgefchichte des Kirchengefetzes nähere Nachweifun- Zuftand realer Wefen, damit aber auf einen Erfolg gegen
,'die leider nicht mehr zu befchaffen waren. Mögen | richtet ift, gegen den auch das handelnde Subject mit
die Schlufsbemerkungen des Verf.'s S. 334-340 beherzigt J feinen Intereffen fich nicht gleichgültig verhält. Die
werden. Es ift ein warmer Freund, der hier der lutheri- , richtige Beobachtung, dafs der Erfolg nicht die ent-
fchen Kirche Rufslands zeigt, was ihr bei ihrem ausge- fcheidende Inftanz für das fittliche Urtheil ift, darf uns
prägten confiftorialenRegimente fehlt, und der die Unter- nicht darüber taufchen, dafs aber doch alles Wollen
laffuVen aufdeckt, welche fich die Kirchenleitung hat und auch der gute Wille naturgemäfs auf einen Erfolf

zu Schulden kommen laffen. Eine Generalfynode ift nie
berufen worden, obgleich das Kirchengefetz die Möglichkeit
bietet. Wir wiffen freilich jetzt zur Genüge,
welche Gefahren Synoden und Generalfynoden mit fich
heraufführen, und dafs man aus einer Paftorenkirche noch
keine Gemeindekirche durch Berufung von Synoden
machen kann; aber der Zuftand confiftorial-paftoralen
Regiments, wie er fich in der lutherifchen Kirche Rufs

gerichtet ift und gerichtet fein mufs. Ebenfowenig
dürfen wir überfehen, dafs in jeder Handlung zugleich
eine irgendwie vorgeftellte Befriedigung für das handelnde
Ich erftrebt wird, und dafs infofern jedes
Handeln zugleich eudämoniftifch, ja egoiftifch ift. Es
ift zumeift eine falfche, die wirklichen Zufammenhänge
ignorirende Trennung zwifchen dem Handeln und dem
dadurch zu verwirklichenden Zweck, welche die Ver-

lanas findet, ift einer evangelifchen Kirche nicht ange- werfung des platten Eudämonismus zu einer Verkennung
meffen und führt zur Verkümmerung. Freilich die Zwangs- [ diefer andern Seite des Sachverhalts auswachfen läfst.
la^e erklärt hier Vieles, und man kann auch nicht ver- — Die zweite Betrachtung geht davon aus, dafs es

kennen, dafs Anftrengungen nicht fehlen, die aus der
Verfaffung der Kirche flammenden Mängel in ihren
Folgen zu mildern

nicht das einzelne Handeln, fondern die Mannigfaltigkeit
des Handelns ift, womit es die Ethik zu thun hat.
In Wirklichkeit gewinnt der Menfch den Abfchlufs

t , a Hamark 1 feines geiftigen Lebens nach der praktifchen Seite erft

in dem Gedanken eines einheitlichen und höchften
Zwecks, der diefe Mannigfaltigkeit zufammenfafst und

1. Biedermann, Prof. Dr. Alois Eman., Christliche Dog- ! gliedert. Diefer Gedanke eines oberften Zwecks und
matik. 2. Bd.: Der pofitive Theil. 2., erweit. Aufl. d: B. eines höchften Guts welches wie jeder Zweck nur
u^-i;., r R0;mPr tSSc A/TIT <5 q m t, eln durch menfehhehe Thatigkeit zu verwirklichender
Berlin, G.Reimer, 1885. (VIII, 6>7 S. gr. 8.) M. 11.- , Zuftand realer Wefen fein kann, ift daher auch der die

2. Biedermann, Alois Eman., Ausgewählte Vorträge und Ethik beherrfchende Gedanke. Aber wie denfelben nun
Aufsätze, mit einer biographifchen Einleitung von näher beftimmen? Jedenfalls darf man fich dabei nicht
J. Kradolfer. Mit B.'s Bildnifs. Berlin, G.Reimer, von jener fchon gerügten Gegenüberftellung von Arbeit

00- /wttt ,„ .» c q v/r r~ und Genufs, Handeln und Ertolg leiten laffen, da fie der

1885. (VIII, 57 457 S. gr. 8.) M. 10.- Wirklichkeit nicht entflicht. &Auch geht es nicht an

Ueber das erfte der beiden oben genannten Bücher — wie oft verfucht worden — das höchfte Gut nur als

des verewigten Verfaffers ift nicht viel zu fagen, da es Sache des Individuums und weiter unabhängig von allen

nur ein neuer Abdruck des fchon bekannten pofitiven äufseren Bedingungen zu denken, weil das der gefelligen

Theils feiner Dogmatik ift. Die wenigen Neuerungen Natur des Menfchen und feiner Weltftellung widerftreiten

betreffen ,lediglich die Form des Textes' (Vorrede], fo würde. Vielmehr kann das höchfte Gut nur der Gefammt-

dafs es alfo bei der fchon im Vorwort des erften Theiles zuftand einer Gefellfchaft von Menfchen fein, in welchem

angekündigten Wiederholung des Textes der früheren ! ihre gegenfeitigen Beziehungen und ihre Beziehungen

Auflage fein Bewenden behalten hat. Niemand wird zur Natur fo geregelt find, dafs daraus die Befriedigung

fich darüber wundern, da diefer Text in der That fich | erwächft, um welcher willen das höchfte Gut gewollt

felbft als die reife Frucht langjähriger geiftiger Arbeit ; wird. Woraus folgt, dafs bei diefer Verflechtung der
legitimirt. Was die Beurtheilung des darin vertretenen individuellen und gemeinfamen Zwecke jede Trennung
Standpunktes betrifft, kann ich auf die frühere Anzeige | der öffentlichen Moral und der Privatmoral nur unterdes
erften (principiellen) Theils in den Spalten diefer ; geordnete Bedeutung haben kann: der einzelne ift nur
Zeitung (1885, 213 ff. und 230 ff.) verweifen. — 1 im ganzen, aber der Gefammtzweck wird nur in der

Auch die .ausgewählten Vorträge und Auffätze' find ! Summe der einzelnen realifirt. — Die dritte Betrach-
der Natur der Sache nach in ihrem Inhalt zu mannig- ! tung verfolgt die formellen Confequenzen diefes Gefaltig
, als dafs hier über denfelben Bericht erftattet ; dankens vom höchften Gut. Aus dem höchften Gut
werden könnte. Theils gehören fie in das Gebiet der j find die Gefetze abzuleiten, nach welchen wir zu han-
Philofophie und Dogmatik, theils handeln fie von hervor- j dein haben, damit jenes verwirklicht werde. Nicht die
ragenden Theologen der jüngften Vergangenheit. Dazu Gefetze felbft find daher die im fittlichen Leben entkommen
Erinnerungen aus dem eigenen Leben Bieder- I fcheidende Inftanz, fondern der Endzweck, um deffen
mann's und dem feines Vaters. Endlich werden folche j willen fie gelten. Und die Sache fordert demnach

Zweige der religiöfen Literatur wie der religiöfe Roman
und das religiöfe Drama beleuchtet. Man kann dem Ver-
anftalter der Sammlung für diefelbe nur Dank wiffen.
Wer Biedermann kennen lernen will, feine Perfönlichkeit
und feine geiftige Art, mag zu diefen Vorträgen und

keineswegs, die Ethik in der Form der Gefetzgebung zu
entwickeln, — etwas, was auch deshalb unzuträglich
wäre, weil das Gefetz auf dem Boden des menfchlich-
fittlichen Lebens (anders als in der Natur) dem einzelnen
p"all niemals vollkommen entfpricht, fondein oft