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Ausgabe:

1887 Nr. 19

Spalte:

444-445

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dalton, Herm.

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Geschichte der evangelischen Kirche in Russland. 1. Verfassungsgeschichte der evangelisch-lutherischen Kirche in Rußland 1887

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 19.

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und bezeichnend für feine Einficht In die Sachlage ift
die Ueberzeugung des VerPs., dafs der Name ,5 Bücher
Mofe' nicht nur der Ueberlieferung angehöre und als
mafsgebendes äufseres Zeugnifs, fondern fogar als Selbft-
zeugnifs des Buches in Betracht komme, vgl. S. 5. ,[Diefe
Namengebung] ift erfolgt, weil Mofes die Bücher ge-
fchrieben hat', S. 119. ,Alle Schwierigkeiten fchwinden
auch hier, wenn man das Gefagte von einem Erzähler
gefchrieben annimmt, wie der Name des Buches verlangt
', S. 19 ,was dafselbe [das Buch] von fich felbft
angibt'.

Wie der Verf. feine Quellen lieft, dafür ein warnendes
Beifpiel von S. 29. Uer Verf. berichtet im Auszug
mit Anführungsftrichen über Dillmann's Anficht von den
Quellenfchriften der Genefis, S. XII feines Commentars:
,C. Die dritte Schrift des Jehoviften ift als judäifche
Schrift zu bezeichnen wie B als israelitifch, A als pro-
phetifch.' Dillm. ,C. . . . läfst fich gegenüber von A
als profetifche, gegenüber von B als judäifche
Schrift bezeichnen'.

Wie fchwach es endlich mit der Theologie des Verf.'s
ausfieht, wie der Kleinglaube Anfang und Ende feines
theologifchen Denkens ift, zeigt jede Seite des Buches.

Angefichts diefer Sachlage ift eine Widerlegung
ebenfo unmöglich als überftüffig, denn der Verf. redet
wie der Blinde von der Farbe. Die Perfon des Urhebers
ift ja bei Geifteswerken im allgemeinen gleichgültig; hier
aber drängte fich mir fehr bald eine beftimmte Diagnofe
auf, die ich nicht loswerden konnte: der Verf. mufste
emeritirter Gymnafiallehrer für die claffifchen Sprachen
fein. Die bibliographifchen Hülfsmittel der Univerfitäts-
bibliothek gaben dafür in jedem Punkte die Beftätigung,
auch nennen fie von dem Verf. eine Reihe von Büchern
zur lateinifchen Literatur und Sprache, zum Theil in
mehreren Auflagen, keines zum A. T. Ehre und Bewunderung
dem jetzt 77jährigen Manne, deffen Greifenalter
noch frifch genug war, um in dem otium cum
dignitate fich eines neuen Schaffensgebietes zu bemächtigen
: nur mufs man bedauern, dafs er fich an eins gewagt
, welches an die theologifchen und fprachlichen
Kenntnifse feiner Bearbeiter fo hohe, für ihn unerreichbare
Anforderungen ftellt und den Eifer des Laien fo
leicht zu hartem, ungerechtem Richten verleitet. Das
darf um der Sache willen auch vor einem grauen Haupte
nicht verfchwiegen werden.

Als Zeichen der Zeit darf man das Buch nur in
weiterem Sinne auffaffen, da die fachkundigen Vertreter
auch der entfchieden confervativen Richtung faft ausnahmslos
aus einem ganz anderen Tone reden und mit
den hier Bekämpften demfelben Gerichte verfallen find.

Der über alle Mafsen fehlerhafte Druck des He-
bräifchen wird allen, die deffen nicht vollkommen mächtig
find, den Gebrauch des Buches fehr erfchweren.

Bonn. K. Budde.

Tischhauser, theol. Lehr. Chrn., Handbuch der Kirchengeschichte
. Bafel, Detloff, 1887. (XII. 688 S. gr. 8.)
M. 8.80.

Der Verfaffer diefes Handbuches hat fich die Aufgabe
geftellt, auf Grund zuverläffiger Monographien und
gröfserer Darftellungen eine lesbare Kirchengefchichte
zu fchreiben, welche zunächft dem kirchengefchichtlichen
Unterrichte an dem Miffionshaufe zu Bafel dienen foll.
Die theologifche Lehrentwickelung follte eingehend be-
rückfichtigt werden und doch das Ganze nicht als Theo-
logie-Gefchichte, fondern als eine Gefchichte des reli-
giöfen Lebens der Gemeinde Jefu erfcheinen. Soweit
Ref. fich mit dem Werke vertraut gemacht hat, kann er
dem Verf. das Zeugnifs geben, dafs er die ihm vorfchwe-
bende Aufgabe gefchickt gelöft hat. Das Buch ift kein
dürftiges oder trockenes Compendium, fondern eine wirkliche
Darftellung ohne überflüifige Worte. In der Literatur
zeigt fich der Verf. gut orientirt; er hat zahlreiche
Werke von verfchiedenfter Richtung herangezogen, dabei
aber doch feinem Buche ein einheitliches Gepräge bewahrt
. Der eigene Standpunkt des Verf.'s tritt nicht zurück
, drängt fich aber auch nicht in unliebfamer Weife
vor. Unparteilichkeit und Unbefangenheit find, foweit
möglich, angedreht; über dem Ganzen waltet ein ent-
fchiedener, aber milder Geilt. Nur feiten verleugnet fich
derfelbe wie bei einigen Urtheilen, das 19. Jahrb. betreffend
. So berührt es feltfam, Hilgenfeld undLipfius
zu der Jung-Hegel'fchen Schule gerechnet zu fehen und
daneben die lakonifchen Worte zu lefen; ,Ihr fehlte der
Refpect vor der Thatfache als folcher und darum die
erfte Grundbedingung zur Gefchichtlichkeit'. Man kennt
diefe ,Thatfachen'. Seltfamer aber ift diefes Verdict bei
einem Autor, der unmittelbar vorher ftatt einer Thatfache
eine Confufion aufgetifcht hat. Einige Flüchtigkeiten
und Druckfehler, befonders bei Namen, wird der Verf.
nachträglich wohl felbft fchon gefunden haben.

Marburg. A. Harnack.

Dalton, Herrn., Beiträge zur Geschichte der evangelischen
Kirche in Russland. I. Verfaffungsgefchichte der evan-
gelifch-lutherifchen Kirche in Rufsland. Gotha, F.
A. Perthes, 1887. (XVI, 344 S. gr. 8.) M. 6. —

Diefes Werk hier zur Anzeige zu bringen, liegt dem
Ref. befonders nahe; denn es ift ein Stück heimifcher
Gefchichte, welches der Verf. erzählt. Aber der Verf.
hat fein Buch der Marburger theologifchen Facultät gewidmet
und dem Recenfenten damit die kritifche Waffe
aus der Hand genommen. Freiwillig und gerne läfst er
in diefem Falle diefelbe fahren; denn gegenüber einer
gefchichtlichen Darftellung von folcher Sachkenntnifs,
Umficht und Feinheit hört das Gefchäft des Kritikers
überhaupt auf. Der rühmlich bekannte Veif, Paltor an
der reformirten Kirche zu St. Petersburg, hat mit diefem
Werke die Lutheraner in Rufsland in freundfehaftlichfter
Weife befchämt. Er hat zwar nicht ihre Gefchichte gefchrieben
, aber doch den wichtigften Theil derfelben, die
Verfaffungsgefchichte der lutherifchen Kirche in Rufsland
. Die Verfaffungs- und die Lebensgefchichte greifen
fo feft in einander, dafs kein Hiftoriker fie zu trennen
vermag und auch Dalton ift nicht ängftlich bemüht gewefen,
etwa ausfchliefslich die Gefchichte der kirchlichen Infti-
tutionen zu geben. Er bietet eine Kirchengefchichte im
Rahmen der Verfaffungsgefchichte und hat es überall
verftanden, den Geilt der Zeiten und der Perfönlichkeiten
hervortreten zu laffen. Das Werk, welches in diefem
Bande bis zum J. 1832, d. h. bis zum Erlafs des neuen
Kirchengefetzes reicht, umfafst drei Bücher. Das erfte
behandelt die Verfaffung der lutherifchen Gemeinden in
Rufsland in der Zeit vor Peter dem Grofsen, als die
deutfehen Oftfeeprovinzen noch nicht ruffifch waren; das
zweite ftellt die Gefchichte der Verfaffung der Kirche
im 18. Jahrh. dar; als Einleitung find umfangreiche Ab-
fchnitte über die Verfaffungsgefchichte der Kirche in
den Oftfeeprovinzen z. Z. des Ordens, der Polen und
Schweden vorangestellt (S. 43—132). Das dritte Buch
behandelt die Gefchichte im 19. Jahrh. bis 1832. Von
befonderem Intereffe ift nach dem .Rückblick auf die
kirchlichen Zuftände der Oftfeeprovinzen während des
18. Jahrhunderts' der Abfchnitt, welcher die Ueberfchrift
trägt: ,Der rationaliftifche Verfuch' (S. 218—249). Scharf
treten die beiden Männer, der Generalfuperintendent
Sonntag und der Procureur Sahlfeld, hervor mit
ihrem Unternehmen, die Verfaffung der Kirche und alle
ihre Ordnungen im Geilte des Aufklärungszeitalters von
Grund aus zu reformiren und die Kirche auf die Stufe
eines bürgerlichen Departements des Staates zu drücken.
Die Oftfeeprovinzen And in den beiden Zeitaltern des
Pietismus nicht minder pietiftifch gewefen wie das übrige