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Ausgabe:

1887

Spalte:

25-26

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Radloff, Wilh.

Titel/Untertitel:

Das Schamanenthum und sein Kultus. Eine Untersuchung 1887

Rezensent:

Thoenes, Karl

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Marburg,und D. E. Schürer, Prof. zu Giefsen.

Erfcheint . Preis

alle 14 Tage. Leipzig. J, C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 2. 29. Januar 1887. 12. Jahrgang.

Radioff, Das Schamanenthum (Thönes). j Weyland, Compilatie en Omwerkingshypo-

Prätorius, Aethiopifche ürammatik (Socin). [hesen toegepast op de Apocalypfe van Jo-

hannes (Overbeck;.

Holtzmann, Lehrbuch der hiftonfch-kntifchen Zur Lehre der zwölf Apoftel', 3. Artikel

Einleitung in das N. T. 2. Aufl. (Schürer). (Harnack).
Vifcher, Die Offenbarung Johannis eine jü-
difche Apokalypfe in chrifllicher Bearbeitung
(Overbeck).

Krüger, Lucifer von Calaris (Möller).
Reifchle, Ein Wort zur Controverfe über die
Myftik in der Theologie (Bilfinger).

Raehfe, Die chriftlichen Centraiideen (Thönes)

Tolftoi, Bekenntnifse (A. Ritfehl).

Bärthold, Die Wendnng zur Wahrheit in der
modernen Kulturentwickelung (Härtung).

Lechler, Die Taufpatenfchaft (Löber).

Thikötter, Heriman der Weltfale (Achelis).

Radioff, Staatsr. Dr. Willi., Das Schamanenthum und sein

Kultus. Eine Unterfuchung. (Aus: ,Aus Sibirien'.)
Leipzig, T. O. Weigel, 1885. (67 S. 8.) M. 1.—

Oscar Pefchel antwortet in feiner Völkerkunde (vgl.
2. A. S. 2731 auf die Frage, ob irgendwo auf Erden ein
Volksftamm ohne religiöfe Anregungen und Vorftellungen

Zauberkünfte, unter denen die Behandlung einer Trommel
befonders hervorragt, in eine engere Verbindung mit
beiden Reichen zu treten vermöchten.

Die zahlreichen verfchiedenen Befchwörungsformeln
und Gebete, welche mitgetheilt werden, find natürlich
von ungleichem Werthe, manche aber nicht ohne poe-
tifche Schönheit und religiöfen Gehalt, und nicht ohne In-

jemals angetroffen worden fei, mit einem entfehiedenen j tereffe nimmt man wahr, wie auch noch in einer fo
Nein, bemerkt aber zugleich, dafs viele Menfchenftämme i niedrig flehenden Religionsform einzelne echt religiöfe
von errungenen befferen Vorftellungen zurückfanken zu ' und fittliche Gedanken vorhanden find und gepflegt
groben Verftandestäufchungen, denen fie fleh Jahrhun- i werden.

derte, ja wohl Jahrtaufende nicht zu entziehen vermochten, Lennep. Lic Dr Thönes

und diefe Verirrung nennt er Schamanismus. Das Wefen < J
desfelben befchreibt er näher als Ausübung von allerlei

Zauberkünften, mitteilt deren man einen Zwang auf gött- i Praetorius. Prof. Dr. E., Aethiopische Grammatik mit Para-

lich gedachte Mächte glaube ausüben zu können. Diefer digmen, Litteratur, Chreftomathie und Gloffar. [Porta

Wahn treibe fein Spiel noch in Amerika, in Sibirien, im ,•____^.„^ „,.:Q„..„i:,,.„ „n t u d ^ 1 im 1

1 ,,, -a-r , Ar - uu tu tV i a 1L. linguarum onentalium, ed. J. Ii. Petermann, vol. VII. I
buddhiflifchen Afien, im brahmanifchen Indien, als Amulet & ' J ' ' J

bei den Mohammedanern, im Gottesgericht und im Regen- I Karlsruhe, Keuther, 1886. (X, 164 u. 65 S. 8.) M. 6.—
zauber bei den Afrikanern, als Nahak-Spuk bei den Pa- J Es mag wohl manchem Fachgenoffen ergehen, wie
puanen. Der Name: Schamanen aber, entftanden aus dem Referenten: das obengenannte Buch hat ihn bewogen,
einer Verderbung von Cramana, der Bezeichnung für die j in feinen Studien überhaupt wieder einmal auf das Aethio-

buddhiftifchen Einfiedler und Büfser, fei bis dahin nur
üblich für die Wunderkünftler bei den nordafiatifchen
Stämmen.

Das bei den letzteren vorhandene Schamanenthum
mit feinem Cultus — er rechnet aber zu den zum Scha-

pifche zurückzukommen, ja diefe Sprache wieder in den
Lehrplan feines akademifchen Unterrichtes aufzunehmen.
Gegenüber der Grammatik von Dillmann tritt Prätorius
im Vorwort zu befcheiden auf: fein neues Buch ift nicht
nur kein Auszug aus jener Grammatik, fondern bezeichnet,

manismus offen fleh bekennenden Stämmen nur noch die : was Ueberflchtlichkeit und Beflimmtheit der Regeln be-
altaifchen Bergkalmüken, die Teleuten, die Schwarzwald- ; trifft, manchen fehr erheblichen Fortfchritt gegenüber
Tataren und die Schoren (S. 2) — befchreibt nun Dr. j jenem; kurz die Bearbeitung diefer Porta hätte in keine
Radioff in der ob. bez. Brofchüre näher, indem er zuerft j berufeneren Hände gelegt werden können. Auch den
die Weltanfcliauung, auf der die Befchwörungskünfle des- überaus mäfsigen Gebrauch von Sprachvergleichung, der
felben ruhen, genauer darlegt und fodann diefe felber j in dem Buche gemacht ift, können wir nur billigen,
fowohl hinfichtlich der Ceremonien, die bei ihnen beob- Ebenfo find wir mit der knappen und fleheren Faffung
achtet werden, als hinfichtlich der bei denfelben ge- der grammatikalifchen Regeln faft durchgehends einver-
fprochenen Worte anfehaulich darfteilt. ftanden; nur in einigen Punkten hätten wir Einzelnes

Die Weltanfcliauung der bez. Völkerftämme befteht anders ausgedrückt gewünfeht. So wäre zu S 10 zu
nach Radioff im Wefentlichen darin, dafs die Erde, der bemerken, dafs „ä £" auch vom Standpunkte des^Aethio-
Wohnfitz des Menfchengefchlechts, fleh befinde zwifchen ' pifchen doch wohl als Ä-p/Confonant aufzufallen ift In
(iebzehn oberen Schichten des Weltganzen, dem Himmel, j § 132 (p 122) gefällt uns der Ausdruck „abfoluter Gedern
Reiche des Lichts, und fieben oder neun unteren nitiv" für folche auf ein Relativ-Deutewort folgenden
Schichten desfelben, welche als das Reich der Finfternifs j Genitive nicht; in 5 147 hätten wir die etwas kühne Verbetrachtet
würden. Vom oberen Reiche mit feinen guten | muthung, dafs das a in Uta vielleicht durch 'ma be

Geiftern, Genien' und Gottheiten erfahre der Merffch
Gutes, vom unteren mit feinen Unholden, bofen Geiftern
Gottheiten Böfes.

Diefer Weltanfcliauung entfprechend beltehe dann

ftimmt fei, in einem für Anfänger befiimmten Buche lieber
unterdrückt. — Dies Alles find jedoch blofs unbedeutende
Kleinigkeiten: die Auswahl des Stoffes und die
Darfteilung desfelben find geradezu mufterhaft.

der Cultus darin, dafs man den guten göttlichen Machten Dagegen wäre im Intereffe des Lernenden, befonders

Dank und Verehrung darbringe, die böfen aber unfehad- im Hinblick darauf, dafs diefe Portae ja auch zum Selbft-
lich zu machen und für fich zu gewinnen fuche, und Unterricht dienen follen, der Wunfeh auszufprechen, es
zwar mit Hülfe der Schamanen, die durch ihre verftor- mochte bei einer zweiten Auflage auf den Anfänger
benen Vorfahren, wie man glaube, und mittelft ihrer | noch etwas mehr Rückficht genommen werden. So
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