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Ausgabe:

1887

Spalte:

375-377

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gla, Dietr.

Titel/Untertitel:

Die Originalsprache des Matthäusevangeliums. Historisch-kritische Untersuchung 1887

Rezensent:

Schnapp, F.

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erkennen würde, fondern weil er bei dem Verf. eine ausreichende
Würdigung der vorgetragenen Argumente und
ein Bewufstfein von den biblifch-theologifchen Schwierigkeiten
, welche die Herleitung von Mi. 2, 12 und 4, 1—7,20
aus vorexilifcher Zeit bereitet, vermifst. Es geht auch
hier nicht an, die mangelnde Ueberficht über das Ganze
durch breitere Behandlung der Einzelheiten zu erfetzen.
Zudem weifs Ref. nicht recht, wem er entgegnen würde,
bezw. ob der Verf. hier in eigener Sache redet und zu
eigener Entfcheidung gelangt ift. Zieht derfelbe doch
S. 256 Anm.: ,zur Betätigung jetzt auch das' — ohne
jede Begründung abgegebene —,Urtheil Dillmanns' heran,
wie er S. 257 die Inftanzen gegen 5,12 mit Dillmann's
Anficht über das gegenfeitige Verhältnifs der von Afcheren
und Maffeben redenden pentateuchifchen Stellen zu entkräften
fucht, und in dem Zeugnifse von Reufs und
Robertfon Smith, dafs fie das vom Referenten Gefehene
nicht gefehen haben, ein fchwerwiegendes Moment gegen
die Objectivität der Beobachtungen desfelben erkennt
(S. 267). Auf ein folches Argumentiren mit den Meinungen
von doctores graves ift der Ref. als Lutheraner
nicht eingerichtet. Zudem hält er eine Discuffion mit
dem Verf. über folche Dinge fchon um defswillen für
zwecklos, weil derfelbe es fertig bringt, die um der
biblifchen Theologie willen nothwendigen Verfuche, die
Beftandtheile des Buches Micha zeitlich einzugliedern,
unter dem Gefichtspunkte von Angriffen auf die Au-
thentie zu erblicken. Es fcheint ihm das fo wenig un-
feren heutigen Erkenntnifsen von der Entftehung des
a. t. Kanons zu entfprechen, dafs er unmöglich eine von
folchen Gefichtspunkten ausgehende Unterfuchung als
Betheiligung bei der Löfung der im A. T. gegebenen
theologifchen Probleme anfehen kann.

Giefsen. Bernhard Stade.

Gla, Pfarrverw.Lic. Dietr., Die Originalsprache des Matthäus-
evangeliums. Hiftorifch-kritifche Unterfuchung. Paderborn
, F. Schöningh, 1887. (VI, 179 S. gr. 8.) M. 2. 80.

Die vorliegende Unterfuchung bewegt fich nach der
Meinung des Verf.'s auf einem Boden, welchen die kathol.
Dogmatik noch frei gelaffen hat; nur eine Schranke ift
vorhanden: die Echtheit und der infpirirte Charakter
des Evgl.'s darf nicht angetaftet werden. Damit ift jedoch
dem katholifchen Kritiker das Refultat in Wirklichkeit
bereits vorgefchrieben. Sind nämlich die Xoyia
vom Apoftel Matth, verfafst und erweift (ich unfer Matth.-
Evgl. als original griechifch, fo wird nothwendig die
Echtheit des letzteren, d. h. feine Abfaffung durch den
Apoftel Matthäus, fehr ftark in Frage geftellt. Der von
Einigen beliebte Ausweg, beide Schriften, fowohl die
hebr. Xoyia als auch das griech. Evgl. dem Apoftel
Matth, beizulegen, ift doch nur eine Verlegenheits-Hypo-
thefe, welche im Vergleich mit allen übrigen den ge-
ringften Grad von Wahrfcheinlichkeit befitzt.

Trotzdem wir alfo conftatiren müffen, dafs das kathol.
Dogma wie überall fo auch hier die freie Schriftforfchung
behindert, darf dennoch dem Verf. die Anerkennung
nicht verfagt werden, dafs er fein Thema mit Fleifs und
Gefchick, fogar mit einem gewiffen Freimuth, behandelt
hat. Wesentlich Neues vermag er allerdings nicht beizubringen
, doch hat er unter forgfältiger Benutzung auch
der proteftantifchen Literatur die für die altkirchliche
Tradition fprechenden Argumente gut zufammengefafst.
Gla will die Löfung des Problems in 1. Linie auf Grund
der hiftor. Zeugnifse über das Matth.-Evgl. herbeifuhren;
der inneren Kritik gefleht er nur eine untergeordnete
Bedeutung zu (S. 12 f.). Allein fo aufserordentlich wichtig
uns die Angaben aus der alten Kirche find, für eine
endgültige Entfcheidung reichen fie bei weitem nicht
aus, weil 1) ihre Herkunft u. 2) ihr Wortlaut oder ihre
Erklärung zu mancherlei Bedenken Anlafs geben. Das

letzte Wort wird deshalb die innere Kritik behalten
müffen; fie allein kann, mag fie auch noch fo vielen
Verirrungen ausgefetzt fein, zum Ziele führen, wenn
ein folches überhaupt zu erreichen ift. — Das Schwergewicht
der Unterfuchung legt der Verf. auf das Zeugnifs
des Papias über das Matth.-Evgl. Dabei macht er fich
von vornherein einer nicht geringen Uebertreibung
fchuldig, wenn er behauptet, dafs die Nähe des apoftol.
Zeitalters dem Papias den ,klaren Einblick in alle jene
Verhältniffe ermöglichte, unter denen die neuteftl.Schriften
entftanden waren'(S. 15). Der Nachweis ferner, dafs unter
Xoyia bei Papias auch Gefchichtserzählungen nach Art
unferer Evangelien verftanden werden können, fcheint
mir auch von Gla nicht erbracht zu fein. Den Sprachgebrauch
des N. T.'s kann er an keiner Stelle für feine
Anficht geltend machen. R. 3, 2 bezeichnet Xöyia die
altteftl. Verheifsungen; Hebr. 5, 12 ift das Wort zwar
in weiterem Sinne von der chriftl. Lehre überhaupt gebraucht
, aber nur fofern diefe nihil nisi dei eloquia et
oracida Christi continet (vgl. Bleek z. d. St.). Diefe Grenze
fehen wir auch bei den apoftol. Vätern überall inne
gehalten und ebenfo bei Papias felbft. Dagegen kann
der fchwierige und in feiner Beziehung auf das Vorhergehende
höchft unklare Satz im Markus-Fragment: ov%
(Ögsieq owta^iv rcöv xvoiaxajv jcoiovfievog Xoyimv (Xoycov)
nicht als Beweis angeführt werden. Die fpäteren Schritt-
fteller fehen von ihrem Infpirationsbegriff aus auch die
gefchichtl. Erzählungen als Xoyia xvoiaxa an. Was der
Verf. dagegen bemerkt, ift von geringem Belang. Dafs
das Vorlefen der neuteftl. Schriften in den gottesdienftl.
Verfammlungen noch lange kein Beweis dafür ift, dafs
man diefelben als infpirirt anfah, zeigt Bus. Ii. e. IV, 23,
II (vgl. Patr. apost. opp. ed. Gebhardt, Harnack , Zahn,
I, 1 proll. p. XXIX not. 5. not. 6, 3). Die S. 40 f. angeführten
Analogien find vollends unzutreffend. — Die Folgerungen
, welche Gla aus dem tjQfdjvevOB 6 avrä <wc i/v
dvvarog txaorog zieht, deffen Erklärung von blofs mundlicher
Dolmetfchung ich für überwiegend wahrfcheinlich
halte, find fehr kühn und durch nichts gerechtfertigt.
Richtig beftimmt er das Bßoaidi öiaXixxin.

Läfst fich das Papianifche Zeugnifs für die Annahme
einer hebr. Urfchrift unferes kanon. Matth.-Evgl.'s nicht
verwerthen, fo gilt das Gleiche in noch viel höherem Mafse
von der fpäteren Tradition, welche durchweg von Papias
beeinflufst ift. Den einzig feften Punkt fcheint Ilieronym.
de vir. ill. c. 3 zu bieten. Allein fowohl jene Stelle als
auch in Matth. 12, 13 u. adv. Pelag. 3, 2 erwecken den
gegründeten Verdacht, dafs der für feine Orthodoxie fo
ängftlich beforgte, ,gewiegtefte Erforfcher und Kenner
der altchriftl. Literatur' trotz feiner ,tüchtigen hebr. Sprachkunde
' (?) und feines ,erprobten kritifchen Blickes' fich
der damals allgemein herrfchenden Anficht angefchloffen
habe. Oder follten etwa die Nazaräer die hebr. Urfchrift
des Matth, u. deren Ueberarbeitung zu gleicher
Zeit im Gebrauch gehabt und follteHieronymus ungeachtet
der zahlreichen bedenklichen Abweichungen des Hebräer-
evgl.'s vom Original dasfelbe fo hoch geftellt haben?

Was Verf. fonft noch zu Gunften der Tradition geltend
macht, fällt kaum in's Gewicht. Der Abfchnitt über
,die fprachl. Verhältnifse Paläflina's im apoftol. Zeitalter'
hätte als nicht zum eigentlichen Thema gehörig bedeutend
kürzer gefafst refp. mit dem Hinweis auf anderweitige
Behandlungen diefes Gegenftandes abgemacht werden
können. Hingegen wären andere, aus der Befchaffenheit
des Matth.-Evgl.'s felbft fich ergebende Fragen der Be-
rückfichtigung werth gewefen: wieweit es der Kritik
gelungen ift, eine Redefammlung als integrirenden Be-
ftandtheil des Evgl.'s nachzuweifen, wiefern die Com-
pofition des Evgl.'s auf feine Abfaffung durch einen
Augenzeugen des Lebens Jefu fchliefsen läfst etc.

Schliefslich möge der Verf. noch verfichert fein,
dafs derartige Schreckfchüffe, wie er fie S. 63 f. abfeuert:
,Wer anders als die Kirchenväter verbürgt dem gläubigen