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Ausgabe:

1887

Spalte:

358-360

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lüdemann, Hermann

Titel/Untertitel:

Die neuere Entwicklung der protestantischen Theologie. Eine Orientirung für Nichttheologen. Vortrag 1887

Rezensent:

Reischle, Max

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i hcologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 15.

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formation in Magdeburg (Magdeb. 1883) S. 38 ff. zu vor- Lüdemann, Prof. Dr. II., Die neuere Entwicklung der progleichen
gewefen wäre. Eine eigentümliche Unklarheit j testantischen Theologie. Eine Orientirung für Nicht-

herrfcht über den mehr genannten Propft vom Neuenwerk,
über den wir ziemlich genau unterrichtet find. Hamel-
mann behält Recht gegen Langenbeck (S. 16), wenn er
ihn Nicolaus Demut nennt. Er war ein Oheim Carlltadt's
(vgl. Carlftadt in Berichtigung dycsser red, das reicli gotis
leidet gcwalt etc. Wittenberg 1521), deffen Vermittelung

theologen. Vortrag, gehalten im Proteftantenverein
zu Bremen und Hamburg. Bremen, Rouffell, 1885.
(38 S. gr. 8.) M. —.50.

Die Wichtigkeit und Schwierigkeit der Aufgabe,
Nichttheologen über die theologifche Arbeit der Gegen-

bei Luther er im Intereffe Albrecht's von Mainz Anfang j wart zu Orientiren, möge es rechtfertigen, dafs der vor
Jan. 1521 in Anfpruch nahm (vgl. Hülfsen a. O. S. II. längerer Zeit erfchienene Vortrag jetzt noch zur BeErhard
, die erften Erfcheinungen der Reformation in fprechung kommt. Sollen wir überhaupt den Nichttheo-
Halle bei L. v. Ledebur, Allgemeines Archiv für die logen über die Arbeiten und PTfolge der Theologie direct
Gefchichtskunde 1830 Bd. 2. S. 98 f.). Im April 1523 Aufklärung geben? Solchen, welche in aufrichtigem In-
floh er dann aus Gewiffensbedenken aus feinem Klofter, j tereffe fie begehren, gewifs! Denn Theologie ift keine
übrigens unter Mitnahme von ,Zehrung auf etliche Jahre' | Geheimwiffenfchaft Solchen, welche nicht darnach ver-
(vgl. Franke, Gefch. der Hallifchen Reformation. Halle langen, dürfen wir fie nicht aufdrängen; denn Theologie
1841 S. 61 ff.), was ihm in erfter Linie eine Anklage auf | ift eine Wiffenfchaft; für die Arbeiten der Wiffenfchaft
Unterfchlagung zuzog (vgl. Luther: accusatur sublatae aber fielt zu intereffiren, ift nicht jedermanns Ding. Es
alitiiius summae, De Wette II, 328 ff. vgl. I, 441). Später j foll zwar im Allgemeinen Sache der Gebildeten fein,
heirathete er eine Nonne (vgl. Spalatin's annales bei und zumal ein Intereffe für die theologifche Wiffenfchaft
Mencken II, 631; Seckendorf 1 p. 372) — Einzelheiten, die j welche nicht mit einem zu fern liegenden Gegcnftand
dem Verfaffer entgangen find. Die Gefangennahme des ficn befchäftigt, fteht dem Gebildeten wohl an; dagegen
Bürgermeifters Schreiber von Halberftadt (S. 15) fällt j ift es nicht Bedingung für's Chriftenleben, auch nicht für
fchon in den Auguft 1523 (nicht ins Jahr 1524), wie eine : die Ausbildung eines felbftändigen chriftlichen Charakters.
Notiz bei Luther (De Wette II, 400) ergiebt. Die Unthat Für die Mehrzahl der Chriften werden wir den Ertrag
gegen Valentin Muftaeus — nach Lang. ,vom Orden der der Theologie nur indirect dadurch, dafs wir chriftliche
Brüder unferer lieben Frau' (Was heifst das?), wogegen er Predigt und Unterweifung in der Gemeinde nach Mafs-
nach Luther Carmeliterprovincial war — fetzt der Verf. j gabe der erworbenen theologifchen Einfichten zu beein-
in den Auguft 1524, fie ift aber auch fchon ein Jahr früher fluffen uns bemühen, nutzbar machen können. Wo nun
anzufetzen (vgl. De Wette II, 414; Spalatin-Mencken II, aber Intereffe für theologifche Arbeit vorhanden ift,
631). Verzeihlicher ilt, dafs er Valentin Teteleben (Teut- wjrd es weitaus das Bede fein, im Privatgefpräch das-
leben), den Nachfolger des Widenfehe in der Halber- feibe zu befriedigen. Denn die Mittheilung von Ergeb-
ftadter Proprtci, den er einen ungelehrten Pfarrer nennt, nifsen der Theologie verfetzt den Nichttheologen in eine
gar nicht zu kennen fcheint, obwohl er nicht fo ganz . Schwierigkeit, welche bei anderen Wiffenfchaftcn nicht
unbekannt ift. Derfelbe hatte, wie ich beiläufig bemerke, 1 exiftirt: er mufs jene Refultate zu den ihm eigenen oder
zu Luther's Zeit in Erfurt rtudirt (1502. Erf. Matr. II, 227), wenigrtens ihm nahe gebrachten chriftlichen Glaubens-
fungirte feit 1519 als Gefchäftstrager des Mainzer Kur- j Überzeugungen in's Verhältnifs fetze n. Nun kann ihm der
flirrten in Rom (vgl. über feinen Bnefwechfel mit Fried- j Theologe durch Eingehen auf feine individuellen Bedürf-
rich dem Weifen in Luther's Angelegenheit Sleidan I, 115. ; nifse unfj Bedenken bei lebendiger Zwiefprach jene
Seckendorf I, 102) und wurde fpater 1537 nicht zum ; Schwierigkeit wefentlich erleichtern. Ganz von felbft
wenigrten ob feiner Gegnerfchaft gegen die Lutheraner j wjrrj es bei diefer Art von Mittheilung fich ergeben dafs
auf den Bifchofrtuhl von Hildesheim befördert. Propft ; auf einzelne Gebiete und Ergebnifse der theolomfchcn
von Halberftadt war er ohne Zweifel nur ganz kurze Zeit. 1 Arbeit das Gefpräch fich concentrirt; und das ift'gewifs
Als ein Mangel mufs es ferner beklagt werden, dafs der , das Fruchtbarfte. Aber auch wenn die Aufklärung
Verf. über die Ereignifse unter der Regierung des Bilchofs über theologifche Dinge auf dem beliebten Weg des
Sigismund, namentlich über die von ihm vorgenommene öffentlichen Vortrags gefchieht, ift Befchränkun" auf
Vifitation (der ganze Abfchnitt wird auf 5 Seiten S. 38 bis 1 einzelne Gebiete wohl das Nutzbringendrte. Werden ein-
42 erledigt), fo kurz hinweggeht. Aber fein Intereffe ; zeine punkte aus den biblifchen Wiffenfchaftcn, aus der
gehört der fpäteren Zeit an, die er im II. I heile fchildert, Kirchengefchichte, aus der Symbolik herausgenommen,
indem er mit der Wahl des Herzog Heinrich Julius zum ; fQ kann der Vortragende zugleich mit einer genaueren
Bifchof von Halberftadt beginnend in 5 Capitelu die Voll- Darlegung der theologifchen Arbeit auf eine Anleitung
endung der Reformation in deffen Stifte darfteilt. In S zur Beurtheilung der betr. wiffenfehaftlichen Refultate
diefen Partien ift der Verfaffer gründlich zu Haufe und vom Standpunkt des gläubigen Chriften aus fich einliefert
auf Grund fleifsiger und forgfamer Benutzung der 1 laffen. — Der Vortrag Lüdemann's Hellt fich nun aber
einfehlägigen Actenftücke eine treffliche Darftellung der die umfangreichere Aufgabe, in Form einer allge-
eigenthumlichen Verhältnifse, die einen evangelifchen, ; meinen Umfchau Orientirung über die Theologie der
verheiratheten Bifchof oder wenigrtens Adminiftrator und [ Gegenwart zu geben. Bei fölcher Umfchau wird es fich

deffen allmähliche Reformation des Stiftes ermöglichten.
Wir erhalten damit ein kleines Seitenftück zu den die
gleiche Zeit behandelnden Arbeiten von Stieve und Loffen

darum handeln, einerfeits eine möglichft umfaffende
Ucberficht über die verfchiedenen theologifchen Dis-
ciplinen mit ihren intereftanteften Forfchungen und Er-

und damit auch einen neuen Beitrag zur Vorgefchichte rungenfehaften zu gewähren, andererfeits die gefammte
des dreifsigjährigen Krieges. Hervorgehoben zu werden Richtung oder die Richtungen moderner theologifcher
verdient das 4. und 5. Capitel, in denen der Verf. auf Arbeit in möglichft fcharfer Beleuchtung zu zeigen. Beides
Grund von faft ausfchliefslich archivalifchem Material nimmt der Verfaffer in Angriff: wir finden in dem Vor-
die Gegenmachinationen der Katholiken von aufserhalb trag die Hauptergebnifs -der neueren Religionsphilofophie
des Stiftes und den Kampf beider Bekenntnifse bis zum - und Apologetik (p. 14—23), einzelne hervorragende Ent-
grofsen Kriege behandelt. Doch kann auf das Einzelne , deckungen der hiftorifchen Theologie, insbefondere der
nicht eingegangen werden, nur das eine will ich hinzu- biblifchen Wiffenfchaften (23—28), das Hauptproblem
fügen, dafs m. E. der Verf. Recht hat, wenn er S. 48 und den Hauptgewinn der fyftematifchen Theologie (28
gegen Loffen (Kolnifchc Krieg l, 129) die felbftifchen bis 31) mitgetheilt; und dabei zeigt fich uns ftets als
äufserlichen Motive betont, die das Domcapitel bewogen, leuchtender Leitftern der modernen Theologie der Ge-
fich einen zweijährigen Bifchof zu wählen. 1 danke, das chrirtlich-religiöfe Princip nach feinem Wefen,

Erlangen. Th. Kolde. ' nach feiner Entftehung und wandelnden gefchichtlichen