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Ausgabe:

1887 Nr. 14

Spalte:

332-336

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heinrici, C. F. Georg

Titel/Untertitel:

Erklärung der Korintherbriefe in 2 Bdn. 2. Bd.: Das zweite Sendschreiben des Apostel Paulus an die Korinther, erklärt 1887

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 14.

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Hinficht doch fchlechterdings nicht mehr als auch die der Kritik in befonnener Weife vertritt, und dafs fein
Synoptiker. Buch wie kein anderes geeignet ift, in der Kürze über

Das Verhältnifs zur Apokalypfe und zu den j die kritifchen Fragen zu orientiren.
johanneifchen Briefen wird S. 157—171 unterfucht. i Giefsen. E Schürcr

Die Briefe hält H. für fpäter als das Evangelium (S. 166 ff.). !

Die Apokalypfe hält er für das echte Werk eines Jo- j -—---

hannes, der im J. 68 in Kleinafien gefchrieben habe, aber !.....^ „ _ „ _ .... . ., . ... , . ,

nicht mit dem Apoftel identifch fei. Mit diefem Apoka- i Heinnci, Dr. C. F. Georg, Erklärung der Korinthierbriefe
lyptiker Johannes haben Polykarp und Papias verkehrt in 2 Bdn. 2. Bd.: Das zweite Sendfchreiben des
(S. 170). Nur infolge einer Verwechfelung desfelben mit Apoftel Paulus an die Korinthier, erklärt. Berlin,
dem Zebedaiden fei letzterer für den Apoftel Kleinafiens Hertz, 1887. (X, 606 S. gr. 8.) M. 10.—
gehalten worden. Der Verfaffer des Evangeliums aber, .... T . . , „ , , . r , . ,

der ebenfalls in Ephefus fchrieb, habe infolge ,eines ge- '„ A ^eben Jahre nach dem Erscheinen feiner Auslegung
wiffen ephefinifchen Lokalpatriotismus' (S 164) diefen res, eryfn BnefeS (vgl. Jheol. L.teraturztg 1880, 481 ff)
Apoftel Kleinafiens zum Lieblingsjünger des Herrn ge- | ^ 7H«"ncl ."u"mrehr "e des zweiten vor In
ftemoelt Zwuchenzeit ift feine Bearbeitung des Meyer fchen

Auf allgemeinere Zuftimmung als diefe mindeftens : Cooimentars zu beiden Briefen erfchienen (1881 und
unficherenHypothefen wird der Abfchnitt über die äufsere rl883)> m welcher er zwar bei der Auslegung durchweg
Bezeusune fS 171—182J rechnen können Die Be- feine eiSene Ueberzeugung zum Ausdruck gebracht,
kanntfchaft Juftin's mit unterem Evangelium wird unbe- | Material aber den alten Beftand nicht wefentlich
dingt anerkannt, ebenfo aber auch Juftin's auffallende a a '

Zurückhaltung in der Benützung desfelben betont. Eine Die Eiigenart und Tendenz von Heinrici's eigener

Vergleichung mit der vorjuftinifchen Literatur (Coloffer-, 1 Arbeit tritt bei diefem zweiten Theile noch deutlicher
Ephefer-, erfte Petrus-, Hebräerbrief, Clemens, Barnabas, hervor als beim erften, namentlich in den Schlufsab-
Hermas) ergiebt, dafs das Evangelium ,fich vollftändig handlungen (S. 552—604), welche die Ergebnifse der
eingliedert in die nachpaulinifche, durch den jüdifchen Auslegung beider Briefe kurz zufammenfaffen. Er
Alexandrinismus beeinflufste Literatur, fich aber doch betont mit vollem Recht, dafs man, um die Briefe ge-
von ihr unterfcheidet namentlich durch die weit geringere j fchichtlich zu verliehen, viel energifcher, als es bisher ge-
Berückfichtigung des alten Teftamentes' (S. 182). I fchehen ift, die geiftige Atmofphäre der griechi-

Ueber den letzteren Punkt (,Das Johannesevan- J fchen Welt beachten müffe, innerhalb deren die Briefe
gelium und das alte Teftament') handelt der letzte doch entftanden find. Sowohl die korinthifche Ge-
Abfchnitt der Unterfuchung (S. 182—195). Im Gegen- ! meinde als der Apoftel Paulus ftehen mit ihrer
fatz zu Franke wird die Benützung des A. T. auf ein I Bildung auf dem Boden des vulgären Griechen-
fehr geringes Mafs reducirt; namentlich hervorgehoben, i thums jener Zeit. Das ift eine Thatfache, die Niemand
dafs die Zahl der Citate im Vergleich zum Umfang des j läugnen kann, die aber bei der Auslegung und Beurthei-
Buches eine geringe ift, und dafs möglicherweife alle, ; lung der Briefe noch keineswegs in gebührender Weife
jedenfalls heben von den fechzehn, fchon vor dem 1 beachtet worden ift. Heinrici zeigt daher einerfeits, wie
Evangeliften kirchlich verwerthet worden find und ihm das Chriftenthum der korinthi fchen Gemeinde mit all
daher aus dem kirchlichen Gebrauche bekannt fein feinen Mängeln die mannigfachften Analogien aufweife
konnten. — Höher als die Bekanntfchaft mit dem A. T. mit der damaligen heidnifchen Religiofität; wie alfo das
fchlägt H. die Bekanntfchaft des Evangeliften mit den erftere nur begriffen werden könne als eine Abwande-
Anfchauungen und Gebräuchen des Judenthums feiner lung der letzteren durch die Predigt von dem gekreuzigten
Zeit an. Auch diefe erftreckt fich aber nicht auf das , Chriftus, wobei aber die Naturbafis noch in fehr ftarker
paläftinenfifche Judenthum zur Zeit Chrifti, in Betreff deffen Weife hindurchfchimmert. Vortrefflich ift aus diefem
vielmehr bedenkliche Irrthümer vorkommen (jährlicher Anlafs die Religiofität des damaligen Heidenthums fkizzirt;
Wechfel der Hohenpriefter nach Analogie der heidni- man möchte nur wünfchen, dafs die Skizze weiter ausfeilen
aQxtsQtTg in Kleinafien; die Pharifäer wie eine Be- geführt worden wäre (S. 559—561). Andererfeits betont
hörde vorgeftellt). Das jüdifche Volk als folches fleht aber Heinrici auch fehr ftark die hellenifche Bildung des
für die Anfchauung des Evangeliften bereits im vollen ; Paulus (S. 573 — 578, 592 f., 594 ff.), die fich nicht auf
Gegenfatz zur chriftlichen Kirche (S. 193—195). Doch das Sprachmaterial im engeren Sinne befchränke, fondern
ift er felbft ein geborener Jude von alexandrinifcher ' auch in der ganzen Begriffswelt des Apoftels, in den

Bildung (S. 74). — Letzteres fcheint auch mir höchft
wahrfcheinlich. Elben deshalb mufs aber, wie mir
fcheint, dem Evangeliften eine tiefer gehende Bekanntfchaft
mit dem A. T. zugefchrieben werden, als von H.
gefchieht. — Bei Erörterung feiner Stellung zum A. T.
hätte eine Frage noch fpecieller unterfucht werden
müffen, nämlich ob und wieweit der Evangelift eine
befondere Offenbarung Gottes innerhalb des Volkes
Israel anerkennt, oder ob er gleichwerthige Offenbarungen
des Logos auch aufserhalb Israels ftatuirt. Da der chrift-
liche Gnofticismus, mit welchem unfer Evangelium fich
irgendwie berührt, die Autorität des A. T. nicht anerkannt
hat, fo wäre eine Unterfuchung diefer Frage auch
für die Beurtheilung der Stellung unferes Evangeliums
zum Gnofticismus von wefentlichem Belang.

Darftellungsmitteln (Wahl der Bilder u. dergl), ja in der
Art der Gedankenentwickelung zur Geltung komme.
Selbftverftändlich Hellt H. den Einflufs der altteftament-
lich-jüdifchen Bildung nicht in Abrede. Aber er fchätzt
ihn geringer und den der griechifchen Bildung höher,
als es gewöhnlich gefchieht. So werthvoll die hiefür
beigebrachten Beweife auch find, und fo fehr diefe Betonung
der griechifchen Bildung des Paulus gegenüber
der herrfchenden Vorftellung von ihm als einem ,Pharifäer
' berechtigt ift, fo fcheint mir H. die Gefahr einfei-
tiger Betonung eines richtigen Gedankens doch nicht vermieden
zu haben. Gewifs, die weltliche Bildung des
Apoftels ift die vulgär-griechifche. Aber er ift doch zugleich
auch tief eingetaucht in die jüdifche Schriftgelehr-
famkeit. Die Art der Gedankenentwickelung, die reli-

Auf Grund aller Inftanzen fetzt H. die Abfaffung j giöfe Dialektik ift echt jüdifch. Kann es z. B. ein claf-

des Evangeliums in das erfte Viertel des zweiten Jahr
hunderts (S. 173).

Trotz mancher und nicht unerheblicher Bedenken,
die im Obigen gegen einzelne Ausführungen des

fifcheres Beifpiel eines rabbinifchen Midrafch geben als
Römer 10, 6—8? Wenn H. geneigt ift, den Einflufs rabbi-
nifcher Methode bei Paulus ganz zu negiren, fo ift dies
augenfeheinlich unter dem Eindruck der Korintherbriefe

Verfaffers erhoben worden find, möchte ich zum Schlufs ! gefchehen, wo jener Einflufs allerdings nicht fo ftark her-
doch noch betonen, dafs der Verfaffer den Standpunkt ! vortritt, wie im Römer- und Galaterbrief.