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Ausgabe:

1887 Nr. 13

Spalte:

310-313

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kliefoth, Th.

Titel/Untertitel:

Christliche Eschatologie 1887

Rezensent:

Haering, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 13.

innerften Wefen des Glaubens abgeleiteten religiöfen Gedanken
, hat gewifs jeder Theologe dankbar erfahren,
welcher den redlichen Verfuch gemacht hat, jenen durch
unfern Luther uns wieder gebahnten und im Anlchlufs
an ihn durch Herrmann auf fo einfache, eindringliche,
herzerquickende Weife beleuchteten Weg zu betreten.
Da es darauf ankam, den Grundgedanken der Schrift und
die wefentlichen Punkte der Controverfe hervorzuheben,
mufs ich mir vertagen, auf weitere treffende Erörterungen
hinzuweifen; es feien zum Schlufs nur noch beifpielsweife
hervorgehoben die ebenfo ergreifende als dem That-
beftand entfprechende Schilderung der Bedrängnifs unterer [
gegenwärtigen Theologie (S. 1 fg.), die feinen Bemer- 1
kungen über die Art, wie die evangelifche Theologie fich J
an Luther anzufchliefsen hat (S. 18 f.), die vernichtende
Kritik der in neuefter Zeit wieder auftauchenden Vor- |
fchläge und Verfuche, die theologifche Wiffenfchaft durch
die Synoden zu zähmen (S. 59 f.), u. f. w. — Welchen
Erfolg H.'s Worte erzielen, welchen Eindruck fie auf die
Gegner machen werden, wer möchte es vorausfagen?
Sollten aber letztere die Siegesgewifsheit, die in diefen
Seiten athmet, dem Verfaffer als Anmafsung auf die j
Rechnung fchreiben; follten fie fich über den mitunter j
herben, durch das ftarke Bewufstfein wiffenfchaftlicher
Ueberlegenheit getragenen Ton der Polemik beklagen;
follten fie urtheilen, dafs die zwar durch Kraft und Klarheit
ausgezeichnete Darftellung fich manchmal in zu
breiten Ausführungen ergeht, fo werden fie doch billigerweife
anerkennen müffen, dafs die Sache felbft, um welche
es dem Verfaffer allein zu thun ift, durch die fcharfe
Formulirung der Gegenfätze und die präcife Stellung der
Frage nicht unerheblich gefördert worden ift; anderer-
feits ift es nicht zu verwundern, dafs die Erfahrung häufiger
Mifsverftändnifse und Entftellungen, wie fie u. A.
auch in dem foeben erfchienenen Buch von Gefs zu
finden find (Chrifti Perfon und Werk, Dritte Abtheilung,
1887, pg. 263, 284—292), dem Polemiker die Verfuchung,
oder beffer die Verpflichtung nahe legen mufste, feine
Gedanken in aller Ausführlichkeit und ohne Scheu vor
Wiederholungen zum Ausdruck zu bringen.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Anm. Obiger Artikel war bereits gefchrieben und abgefandt, als
mir Luthardt's Erwiederung auf die Schrift Herrmann's zu Gefichte kam
(Zeitfchrift für kirchliche Wiffenfchaft und kirchliches Leben, 1887, IV,
197—207). Es ift hier nicht der Ort, auf die einzelnen, wieder aufgenommenen
Funkte der Controverfe zwifchen L. und H. einzugehen; eine Bemerkung
aber kann ich nicht unterdrücken, ein Befremden, welches ich
als befcheidene Frage dem verehrten Gegner Et.'s zu unterbreiten mir erlaube
. Der Hauptangriff L.'s ift gegen H.'s Verhältnifs zu Luther, gegen
die .Halbirung Luthers in den Vertreter des neuen Chriftenthums und den
Scholaftiker', gerichtet. Ich geftehe offen, dafs mir ein folcher Angriff
von Seiten Luthardt's nicht verftandlich ift. Man vergegenwärtige fich
Luthardt's eigene, aus feinen Schriften hinlänglich bekannte Pofition! L.
wirft der orthodoxen Dogmatik des 17. Jahrhunderts falfche Gebundenheit
an die Symbole vor; er zeigt, in ebenfo feiner als freier Weife, wie
Luther in feiner Schrift de setvo arbitrio eine grundlegende religiöfe
Wahrheit vertritt, wie die Begründung diefer Wahrheit aber nicht die
richtige fei; indem er fich den modernen Kenotikern anfchliefst, bekennt
er fich zu einer Chriftologie, welche in keinerlei Weife als die Fortbildung
derChriftologieLuther's gelten kann; feineVerföhnungslehre ift weit entfernt,
eine reine Reproduction der Lehre Luthers zu fein; feine vorfichtige Fällung
des Abendmahlsdogma's fieht von dem höchft complicirten, auf Occam
vielfach zurückgreifenden Apparate der lutherifchen Beweisführung gänzlich
ab; feine Efchatologie ift anders orientirt und motivirt als die j
Efchatologie Luther's. Wie reimt fich diefer, aus Luthardt's Compendium
und fonftigen Schriften leicht zu belegende Thatbeftand mit feinem eigenen |
Froteft gegen H.'s Art des Anfchluffes an Luther? Bringt er doch felber
den Grundfatz zur Anwendung, den er bei feinem Gegner bekämpft! vollzieht
er doch, wie H., eine Scheidung zwifchen vergänglichen und bleibenden
Elementen in Luther's Theologie! fteht er doch felber princi-
piell ganz auf demfelben Standpunkt wie IL! Somit zeugt fein eigenes
Verfahren gegen feine Polemik, feine Anklage mufs ihn felber treffen, ja
er entwerthet von vornherein feine Kritik, indem er fich felbft durch
fein theologifches Verhalten als den bellen Anwalt feines Gegners
ausweift.

P. L.

Kliefoth, Geh. überkirchenr. Dr. Th., Christliche Eschato-

logie. Leipzig, Dörffling & Franke, 1886. (IV, 351 S.
4.) M. IL—

Der H. Verf. bietet im vorliegenden Werk den Ertrag
feiner exegetifchen Arbeit an den prophetifchen
Büchern der Schrift in fyftematifcher Form. Dabei wird
auf einzelne Aenderungen in der exegetifchen Auffaffung
hingewiefen, z. B. die Deutung von Rom. 11 auf allgemeine
Bekehrung der Juden aufgegeben; im Grofsen und
Ganzen aber ift die frühere Auffaffung feftgehalten, und
der biblifche Stoff in folchem Umfang aufgenommen,
dafs das vorliegende Buch als Zufammenfaffung der
Einzelwerke gelten kann. Daher wird das Intereffe fich
den dogmatifch grundlegenden Paragraphen der Einleitung
, namentlich dem über ,Begriff und Zweck', fowie
über ,die Quellen der Efchatologie' zuwenden, und eine
kurze Ueberficht über den reichen Inhalt genügen, der
auf den klein gedruckten Quartfeiten zufammengedrängtift.

Die beiden Haupttheile find: ,Die Vorbereitungen
des Endes', nämlich einerfeits ,die Bewahrung der
Verdorbenen auf das Ende', andererfeits ,die Vorzeichen
des Endes'; und ,das Ende', zerlegt in die zwei Betrachtungen
,Abfchlufs diefer Zeit' und .Ewigkeit'. Die
dem Ganzen vorausgefchickte .Gliederung', Ueberfichten
vor den Haupttheilen und wiederholte Zufammenfaffun-
gen erleichtern fehr die Orientirung. Die ausführliche
Behandlung der .Vorzeichen des Endes', die Andere lieber
zum ,Ende' ziehen werden, macht den erften Theil faft
doppelt fo grofs wie den zweiten. Am wenigften früher
fchon von dem H. Verf. in feinen exegetifchen Schriften
berückfichtigt ift naturgemäfs die .Bewahrung der Verdorbenen
auf das Ende'. Diefer Abfchnitt giebt einen
lebendigen Eindruck davon, wie leicht es Manche genommen
haben, ihrer Phantafie Raum zu laffen, wo klare
Intereffen des Evangeliums verletzt werden können, und
welche bunte Mannigfaltigkeit von Gebilden diefer Phantafie
fich darbietet. Gegenüber folchen Gefahren ift der
entfcheidende Punkt, der fittliche Charakter des Evangeliums
, von dem H. Verf. fehr nachdrücklich hervorgehoben
; er würde wohl noch beherrfchender heraustreten
, wenn der inhaltreiche Abfchnitt über den .leiblichen
Tod als Ende der Gnadenzeit' voranftünde; denn
das zuvor über Zwifchenzuftand und Tod überhaupt Ausgeführte
hat doch nur religiöfe Bedeutung und Gewifs-
heit eben in dem Mafs, als es mit der evangelifchen
Heilslehre zufammenhängt, während die Ausführungen
über die räum- und zeitlofe Exiftenz der Abgefchiedenen
nothwendig disputabel bleiben müffen, ebenfo die Ver-
ficherung, dafs die in der Zeit nicht Berufenen unmöglich
im Zwifchenzuftand, wohl aber bei der Wiederkunft
Chrifti berufen werden, und dafs der Scheol, von den
altteft. Fro ranien feit dem descensus Christi verlaffen, jetzt
nur die Nochnichtberufenen beherbergt. Damit haben
wir fchon den Paragraphen über ,die Orte des Zwifchen-
zuftandes' berührt, die auf Grund der Principien der
Schriftbenützung, wovon nachher zu reden ift, genau benimmt
werden. Aber, wie gefagt, in jenem wichtigrten
Punkt, der ewigen Bedeutung diefes Zeitlebens, ift die
evangelifche Ueberzeugung ebenfo klar als warm hervorgehoben
, und auch gegen vermeintliche Ueber-
bietungen derfelben, als müfsten wir errt in langem Pro-
cefs des Zwifchenzuftands heilig werden u. f. w., ver-
theidigt. Nur bringen die befiimmten Sätze über den
Zwifchenzufiand, weil fie mit jener Behauptung raum-
und zeitlofen Dafeins das in der Offenbarung klar Gegebene
überfchreiten, den Nachtheil, dafs das Endgericht
und die mit dem Tod eintretende Entfcheidung trotz
der Ablehnung der altproteftantifchen Lehre vom Judicium
particidare nicht fo benimmt auseinander treten dürften,
als des H. Verf.'s Abficht ift. Dafs die alte Annahme
von der Verdammnifs der Heiden um der Erbfünde
willen aufgegeben ift, liegt fchon in dem oben Be-