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Ausgabe:

1887 Nr. 13

Spalte:

306-309

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herrmann, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Gewissheit des Glaubens und die Freiheit der Theologie 1887

Rezensent:

Lobstein, Paul

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3°5

Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 13. 306

Quellen, aus denen die wirkliche Lage der üinge erkannt I Staate ein gefichertes Bertehen. Der Staat ermangelt
werden kann. Die Prophezeihung, welche Delbrück in noch feiner modernen Waffe, des flehenden Heeres.
Bezug auf die Art der Fortfetzung des Werkes nach Seine Mittel zur Aufrechterhaltung des Gehorfams find
Erfcheinen der beiden erften Bände ausgefprochen hat, noch aufserordentlich gering. Die Entfetzen erregende
hat fich am 4. reichlich erfüllt: an evangelifchen Streit- Strenge bei der Unterdrückung jeder Oppofition ift nichts
fchriften und Bufspredigten zeigt Janffen, dafs die als ein Bekenntnifs feiner Schwäche. Eine die ganze
evangelifchen Prediger fclbft über die guten Wirkungen Nation umfaffende Gemeinfchaft, welche ihren Anhängern
des Evangeliums nichts auszufagen vermocht, vielmehr von Jugend auf die Lehre einprägt, dafs der Gehorfam
itetes die zunehmende Verwilderung des Volkes beklagt ' gegen die Obrigkeit ein fittliches Gebot und ein Erfor-
haben. Seitdem ift nun auch (im vorigen Jahr) der dernifs zur Erlangung des ewigen Heiles fei, entfprach
5. Band erfchienen. Der Recenfent desfelben im ,Hiftor. dem Bedürfnifs des Staates in demfelben Grade, als die
Jahrbuch' der Görres-Gefellfchaft, Prof. Dittrich, er- Kirche nach der Unterftützung des Staates verlangte zur
klärt Bd. VIII, 2 S. 296): ,Wer einen Streiter angreift, Unterdrückung der Separation und der Sectenbildung,
der in folcher Ausrüftung auftritt und feine Waffen mit 1 welche die Wurzeln ihrer Kraft untergraben hätten. Auf
fo wunderbarem Gefchick zu handhaben verficht, kann [ dem Bedürfnifs diefer gegenfeitigen Ergänzung beruht
fich wohl Niederlagen holen, aber keine Lorbeeren die Inftitution der Staatskirchc. Dies ift der Grund,
ernten. Proteftantifche Hiftoriker haben es ver- wefshalb alle grofsen politifchen Bewegungen in Europa
fucht, aber nach den Erfahrungen, die fie ge- bis zur Errichtung flehender Heere einen religiöfen, oder
macht, fcheinen fie Luft und Muth dazu mehr wie man beffer fagen würde, kirchlichen Charakter tragen,
und mehr verloren zu haben'. Das kommt denn Wer die Kirche beherrfchte, beherrfchte das Land. Die
doch nach alle dem, was gegen Janffen gefchrieben wor- Fürften fuchten die Kirche monarchifch zu organifiren,
den ift, nach feinen Ausflüchten, Reftrictioncn und feinem die Stände ftändifch, die Maffen demokratifch. Darüber
beredten Schweigen gegenüber den wuchtigften An- wurde gekämpft'.

griffen, einer Fälfchung des Thatbeftandes ziemlich gleich, j Diefe vier Abhandlungen halten fich ganz auf dem
Die Luft hat man proteftantifcherfeits allerdings verloren, kirchengefchichtlichcn Gebiet. Aber auch die fünfte
diefem Gefchichtskünftler Band für Band zu folgen, und (,Whigs und Tories') greift tief in die Kirchengefchichte
dies um fo mehr, als weitere Widerlegungen weder Freund Englands ein, indem die Stellung und Bedeutung der
noch Feind bclonders nützlich fein können. Staatskirche nach allen Seiten erörtert wird (S. ioö—119;

Der zweite Auffatz, ,Canoffa' überfchrieben, enthält S. 144; 148), und die neunte (,Stein, Hardenberg und die
eine kritifche Darlegung des berühmten Ereignifses und focialpolitifchen Ideen der Gegenwart'), fowie die letzte
zeigt, dafs es eine politifche Niederlage des Papftthums (.Ueber die Bedeutung der Erfindungen in derGefchichte')
bedeutet hat. Canoffa ift nur ideell das typifche Ereig- | wird der Kirchenhifloriker mit Nutzen lefen. Diefe, ein
nifs für den Sieg der kirchlichen Gewalt über die weit- 1 populärer Vortrag, ift gegen die landläufige Meinung gc-

liche. Diefe Auffaffung ift nicht neu, ift aber hier licht
voll und überzeugend entwickelt.

richtet, als fei die Gefchichte der Entdeckungen, dertech-
nifchen Erfindungen, vor allem die Gefchichte der Natur-

Die dritte Abhandlung, ,die Gothik und der Katholi- wiffenfehaft die wahre Gefchichte der Menfchheit.
cismus', prüft und verwirft den Anfpruch, dafs die Anknüpfend an die feltfame Thefe eines berühmten Natur-
gothifche Baukunft eine Hervorbringung des fpeeififeh- forfchers, dafs der Untergang der alten Cultur der Menfch-
katholifchen Geiftes fei. Der Verf. fucht zu zeigen, dafs heit hätte erfpart werden können, wenn die Römer be-
der gothifche Stil vielmehr Ausdruck des mittelalterlichen reits das Pulver gekannt hätten, zeigt der Verf., dafs
Geiftes fei, welcher damals noch die Myftik, ja die Re- j alle .Erfindungen' nicht plötzlich gemacht werden, fon-
formation in fich fchlofs. Die Erwägungen find letztlich 1 dem .ftufenweife' und dafs diefe Stufen ftets dem Be-
hier nicht hiftorifcher, fondern äfthetifch-philofophifcher ; dürfnifs entfprechen. Es kommt bei den Erfindungen
Natur und fcheinen dem Ref. nicht überzeugend. I Alles auf den Gebrauch an, und das Mafs desfelben

Von höchftem Intereffe ift der vierte Auffatz: ,Angli- ; ift ftets abhängig von dem Stande der Cultur und ihren
canismus und Presbyterianismus'. Zum erften Male wer- ; Bedürfnifsen überhaupt. Nicht bringen Erfindungen die
den hier die beiden grofsen Kirchenformen auf ihren I Cultur hervor, fondern fie find nur die Bedingungen der
politifchen Charakter geprüft. Aus den kirchenrecht- [ Cultur und werden ihrerfeits felbft durch die Cultur in's
liehen Urkunden der Zeit wird die Ranke'fche Gefchichts- Leben gerufen. Cultur und Erfindung flehen in Wechfel-
erzählung in der Richtung ergänzt, dafs die conftitutio- j Wirkung miteinander, fie fchrauben fich gegenfeitig empor,
nellen Principien der beiden Religionsgefellfchaften deut- ; Aber der geniale Erfinder bleibt mit feiner Erfindung

lieber hervortreten. Der Presbyterianismus ift weder in

allein, wenn er der Zeit und ihren Bedürfnifsen voraus-

Schottland noch in England demokratifcher Natur ge- geeilt ift. Eine Erfindung wird erft zum Gut der Cultur,

wefen; er ift vielmehr im Grundtypus und in den Ten- | wenn diefe fo weit gefördert ift, dafs fie auf fie eingehen

denzen dem Anglicanismus verwandt. Der Verf. unter- kann und mufs. Aber noch ein Anderes ift zu berück-

fuchr, welchem bürgerlichen Stande nach rein politifchen fichtigen. Erfindungen find Machtmittel der Herrfchaft

Kategorien die presbyterianifche Partei im Königreich des Menfchen über die Natur. Macht aber ift ebenfo-

England entfprochen hat, und antwortet: der Selbflver- wohl Macht zum Böfen wie zum Guten; fie enthält in

waltungsariftokratie. Dies wird fchlagend durchge- fich nicht die Richtung auf das Gemeinfchaftbildende

fuhrt und dann gezeigt, wie die antimonarchifche revo- ; und Sittliche. Alfo verlangt die Erfindung nicht nur ein

lutionäre Partei fich gefpalten und wie die Armee die
Sache des Independentismus und der Toleranz, kurz der
Demokratie, ergriffen hat, während die ftädtifche Bürgerichaft
, namentlich die Londons, an der neugefchaffenen
presbyterianifchen Staatskirche feflhielt. Neu und fehr
lehrreich find die Nachweife, dafs der Staat fich überall
auf die Kirche ftützen mufs, fo lange er kein flehendes
Heer befitzt. Eine Fülle von Licht fällt von daher auf
das Mittelalter und auf die beiden erften Jahrhunderte
der Neuzeit. .Eigentlich erft das Bündnifs mit einer fo
gewaltigen Genoffenfchaft (wie die Kirche fie war, welche
die Gnadenmittel verfagte und in ihrer Excommunication
auch den bürgerlichen Tod verhängte) ermöglichte dem

fähiges Gefchlecht, fondern auch die ordnende Vernunft,
die weife und ftark genug ift, die neue Macht dem Böfen
zu entreifsen und fie im Dienft des Guten anzuwenden.
Marburg. A. Harnack.

Herrmann, Prof. Dr. W., Die Gewissheit des Glaubens und
die Freiheit der Theologie. Freiburg i. Br., Mohr, 1887.
(VII, 64 S. gr. 8.) M. 1.—

Das Hauptproblem, welches der Verfaffer in vorliegender
Schrift behandelt, ift die Frage nach dem
Grunde unferer religiöfen Glaubensgewifsheit.
Der Glaubensgrund der evangelifchen Kirche ift nicht