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Ausgabe:

1887

Spalte:

12-16

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herrmann, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Der Verkehr des Christen mit Gott, im Anschluß an Luther dargestellt 1887

Rezensent:

Haering, Theodor

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Die altlutherifche Abendmahlslehre hat fich dabei nicht
als geeignet erwiefen, einen Sammelpunkt für den wiedererwachten
Confeffionalismus abzugeben. Vielmehr
find aus ihrem Zerfall zahllofe Lutherthümer erwachfen,
welche freilich in dem allgemeinen Grundfatz zufammen-
treffen, dafs eine Abendmahlslehre wichtiger fei als die
Grundgedanken der lutherifchen Reformation. Die
Einen, wie Kahnis, werden unklare Vermittelungs-
theologen; Andere, wie Thomafius, geben wenigftens die
chriftologifche Vorausfetzung, deren die lutherifche
Abendmahlslehre nicht entbehren kann, auf; Andere,
wie Stahl, befreunden fich in ausgefprochenem Gegen-
fatz zu dem lutherifchen Bekenntnifs mit der magifchen
Vorftellung der Katholiken ; Viele verehren im Abendmahl
höhere Naturproceffe, ohne dafs ihr harmlofer
Tieffinn den Götzendienft ahnt, den fie damit der lutherifchen
Kirche aufbürden; es find nur Wenige, die, wie
Philippi, bei einer trockenen Reproduction der alten
Lehre flehen bleiben mögen. Die myftifche Anficht,
welche fchon in Calvin's claffifcher Darfteilung ihre Willkürlichkeit
enthüllt, hat diefen Fehler auch bei ihren
beften modernen Vertretern, bei j. Müller, Ebrard und
Rothe nicht abftreifen können. Auch fie ift daher nicht
im Stande gewefen, eine Einigung, fei es im Intereffe
der Union oder der reformirten Confeffion herbeizuführen
. An jenen Theologen tritt auch in der Darfteilung
des Verf.'s das ehrwürdige Streben hervor, das geiftige
Gut, welches das Sacrament Chrifti darreicht, deutlich
zu machen. Aber wie fehr fie fich auch in diefem Wahr-
heitsftreben vor der würdelofen Schwärmerei der Neulutheraner
auszeichnen, fo ift doch auf der andern Seite
nicht zu verkennen, dafs fie in der Treue gegen den
gefchichtlichen Sinn der Ehnfetzungsworte hinter der
altlutherifchen Lehre zurückftehen. Diefe Treue gegen
das gefchichtlich Vorliegende will der Verf. in höherem
Mafse bethätigen, ohne deshalb der heiligen Handlung
den Charakter eines Sacraments zu nehmen, wie es fonft
bei einer ftreng hiftorifchen Auffaffung leicht gefchieht.

Der Verf. weift zunächft überzeugend nach, dafs in
den Einfetzungsworten der einzige Ausdruck, bei welchem
eine Verftändigung erreicht werden kann, das
Prädicat atufiu /.iov, ai/.iü /.wv ift. Diefe Worte müffen
für unfere gegenwärtigen Abendmahle dasfelbe bedeuten,
was fie für das erfte Abendmahl in Jerufalem bedeutet
haben; und Jefus kann mit ihnen nichts gefagt haben,
was die Jünger überhaupt nicht in feinem Sinne ver-
ftehen konnten. Bei der ganzen bisherigen Controverfe
der Confeffionen wird nun einfach vorausgefetzt, dafs
Jefus mit jenen Worten die Organe feiner verklärten
Natur gemeint habe. Und doch ift diefe Vorausfetzung
aus exegttifchen Gründen unhaltbar. Die Jünger konnten
nur an Leib und Blut Jefu denken, wie er vor ihnen
fafs. Ferner mufs Jefus, indem er Leib und Blut in zwei
getrennten Handlungen darreicht, den Moment des ge-
waltfamen Todes vor Augen haben, in welchem Beides
getrennt werden wird. Er denkt alfo an- feinen Leib
und fein Blut ausfchliefslich fo, wie fie Mittel des Ver-
föhnungs- und Bundesopfers werden. Folglich kann
auch das, was gegenwärtig im Sacrament dargereicht
wird, nicht der verklärte Leib des Herrn fein, fondern
einzig fein irdifch materieller Leib und fein irdifch materielles
Blut, wie fie Mittel des Opfers geworden und
wie fie in feiner gegenwärtigen verklärten Perfönlichkeit
nicht mehr vorhanden find. Gegeben wurden und werden
diefe Dinge felbftverftändlich fo, wie fie allein gegeben
werden können, nämlich in der Form des Wortes
und der finnbildlichen Handlung, wodurch fie in ihrer
Bedeutung verftändlich gemacht werden. Wer diefes
Verftändnifs nicht erreicht, kann auch die Gabe, welche
ihm im Sacrament gereicht werden foll, nicht verwer-
then. Der Verfaffer beruft fich hierbei auf den grofser
Katechismus und die Apologie. Das Studium diefer
Bekenntnifsfchriften wird nun leider in modernen ,lutherifchen
'Kreifen als zu mühfam erachtet. Ift es doch in der

] That eine Riefenarbeit, jenen Büchern eine Beftätigung
der in jenen Kreifen gehegten Lieblingsvorftellungen abzu-

j ringen. Uebrigens giebt es in den Privatfchriften Luther's
noch andere Worte, in welchen die Vorftellung, man empfange
das Sacrament recht, wenn man an das Vorhandenfein
von Leib und Blut Chrifti in den Elementen glaube
und dann nach diefer wunderbaren Speife fich fehne, mit
grimmiger Verachtung abgewiefen wird. Der Hinweis

! auf folche Zeugnifse des Reformators und der Bekenntnifsfchriften
wird freilich ebenfowenig viel helfen, wie
des Verf.'s gründliches und klar gefchriebenes Buch.
Denn das Lutherthum hat fich inzwifchen durch Schel-
ling, Baader, Stahl u. A. auf eine neue Bahn fchieben
laffen. Und für das Lärmen auf den Parteiverfamm-

! lungen bedarf man überhaupt keiner Belehrung.

Marburg. Herrmann.

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Herrmann, Prof. Dr. W., Der Verkehr des Christen mit
Gott, im Anfchlufs an Luther dargeftellt. Stuttgart,
Cotta, 1886. (IV, 205 S. gr. 8.) M. 3. 50.

Je inhaltreicher und felbftändiger ein Buch ift, defto
I ungenügender mufs dem Berichterftatter feine Inhaltsangabe
erfcheinen; noch ganz befonders, wenn dasfelbe
einen fo wichtigen Streitgegenftand der gegenwärtigen
Theologie betrifft. Sein innerftes Motiv will der Herr
Verf. klarlegen. Es ift dringend nöthig, fagt er, dafs
wir uns über die Praxis der Frömmigkeit verftän-
I digen, welche in der evang. Kirche berechtigt ift. In der
Oppofition gegen die Ritfchl'fche Theologie erkennt er
die Macht einer religiöfen Stimmung; fo allein erklärt
j fich die Vereinigung der heterogenften Gegner, welche
fich widerfprechende Vorwürfe gelten machen: zuviel oder
zuwenig Metaphyfik, Naturalismus, Rationalismus, Dualismus
, aber auch mafslofen Autoritätsglauben, Intellec-
tualismus und Moralismus u. f. w. Es ift die Verthei-
! digung des ,Geheimnifses' in der Religion, nämlich des
j Gefühls der unmittelbaren Gottesnähe, was jene Gegner
I meinen vertheidigen zu müffen. Dies fchätzt auch H.,
aber er lehnt es ab, dafs darin das Leben des Chriften
in feiner Eigenthümlichkeit foll ausgedrückt fein. So
gewifs der Verkehr mit Gott nicht ohne zeitlich beftimm-
bare Empfindungen ftattfinden kann, fo wenig kann es
eine Erregung des Gefühls geben, in welcher fich unfer
Gott, der übernatürliche der Offenbarung, vollkommen
offenbaren könnte. Die gegenteilige Auffaffung führt
confequent in die mönchifche Praxis und hebt gerade
die Ehrfurcht vor dem tiefften Geheimnifs in der Religion
auf; fie fchädigt aber vor allem die in unferer Kirche
! einzig giltige Autorität der Offenbarung Gottes in
Chriftus, entwerthet fie durch jenen geheimnifsvollen
Vorgang in der Seele. Ein klares Bild des wirklichen
Verkehrs mit Gott auf Grund des Evangeliums foll die
Gegner nöthigen, über ihre eigene Stellung fich unzweideutig
auszufprechen. Diefe pofitive Darftellung giebt
der Herr Verf. nun in den beiden Hauptabfchnitten:
,Gottes Verkehr mit uns, unfer Verkehr mit
Gott'. — Den Gott, der mit uns verkehrt, finden wir
nicht in dem Vernunftgedanken des Abfohlten, aber
auch nicht in einer Mittheilung über Gott, die Offenbarung
zu fein beanfprucht. Nur eine Thatfache kann
uns helfen, die in fich felbft den zureichenden Grund
enthält, Gewifsheit zu erzeugen; die religiöfe Gewifsheit,
die wir brauchen, entflieht in uns, wenn wir mit der Wirklichkeit
zufammentreffen, die uns innerlich überwältigt.
Das Dafein Jefu in unferer Welt ift diefe Thatfache,
| durch welche Gott uns fo berührt, dafs er den Verkehr
I mit uns eröffnet. Nicht nur aus der Noth des Vergehens
, fondern aus der Noth der Schuld und Macht
der Sünde rettet uns diefes fichere Zeichen Gottes in
der Gefchichte, es begründet in uns die feiige Freiheit
eines fittlichen Lebens. Diefe ganze Grundauffaffung