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Ausgabe:

1887 Nr. 1

Spalte:

7-9

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gräber, H. J.

Titel/Untertitel:

Der Jesuitenorden 1887

Rezensent:

Rade, Martin

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. I.

8

1. Gothein, Eberh., Ignatius von Loyola. [Schriften des
Vereins für Reformationsgefchichte, 11.] Halle, Niemeyer
in Comm., 1885. (181 S. gr. 8.) M. 1. 20.

2. Gräber, Pfr. H. J., Der Jesuitenorden. Barmen, Klein,
1886. (59 S. 12.) M. —. 50.

Der Verfaffer der viel anerkannten und noch mehr
ausgefchriebenen Schrift ,Politifche und religiöfe Volksbewegungen
vor der Reformation' (Breslau 1878), Eberhard
Gothein, jetzt Profeffor in Karlsruhe, hat in feinem
Ignatius von Loyola' zu den Veröffentlichungen des
Vereins für Reformationsgefchichte einen ebenfo gediegenen
als zeitgemäfsen Beitrag geleiftet. Es ift, kurz
gefagt, das Befte, was wir jetzt über den Stifter des
jefuitenordens haben.

Im Vorwort giebt Verf. Ranke die Ehre, die ihm
gebührt, und bekennt angefichts feiner claffifchen Dar-
ftellung Loyola's und feiner Stiftung, dafs bis auf Weiteres
,uns Epigonen kaum etwas übrig bleibt als die
Fäden weiter zu fpinnen, die Ranke angefchlagen hat'.
In der That: wo der Sinn für Thatfachen und das Ver-
ftändnifs innerer Vorgänge und Entwickelungen fich fo
glänzend bewährt haben, wie in jenen Capiteln des genialen
Hiftorikers, braucht fich die Wiffenfchaft nicht zu
fchämen, wenn fie nach 50 Jahren immer noch in feinen
Bahnen wandelt. Und es id darum gar kein geringes
Lob, wenn wir Gothein's Schrift einen ausgezeichneten
Commentar zum Ranke'fchen Texte nennen. Es würde
nichts gefchadet haben, wenn die betreffenden Seiten
der R.'fchen Papftgefchichte ihr geradezu vorangedruckt
worden wären. Um fo klarer würde ihr Verdienft hervorgetreten
fein: es ift dies, dafs fie neben R.'s geift-
voller Skizze, die fchliefslich doch am meiden den Kundigen
entzückt, ein fein und forgfältig ausgeführtes Gemälde
dellt, das wohl geeignet id, dem grofsen
Publicum der Gebildeten das Verdändnifs zu öffnen.
Das Gemälde id ein Porträt; ab fichtlich hat G. den
Hauptnachdruck ,überall auf Ignatius' perfönliche Ent-
wickelung und auf die Art, wie er fich Ziel um Ziel gefetzt
hat, gelegt'. Die fo nahe liegende Eintheilung: 1. Leben
des Stifters, 2. der Orden und feine Organifation (H. R.-
E.2, Philippfon in feiner 1883 erfchienenen Dardellung:
Wedeuropa im Zeitalter von Philipp IL, Elifabeth und
Heinrich IV. Einl. S. 21—70 [Oncken's Allg. Gefch. III,
2]) id mit Erfolg vermieden. Zwar nimmt die Befchrei-
bung des Ordens und feiner innern Einrichtung bei der
Fremdheit des ganzen loyolidifchen Geides und der in
feinem Diende dehenden Mittel zuweilen einen Raum
ein, welcher den kündlerifchen Einklang des Bildnifses
beeinträchtigt. Dennoch wird nur auf diefem Wege
Ranke's Leidung vollendet und die Erkenntnifs der
wefentlichen Bedimmtheit der Stiftung durch Perfon und
Lebensgang des Stifters, mithin das Verdändnifs des
Werdens jener einzigartigen, verhängnisvollen Inditu-
tion wirklich vermittelt, worauf die neuere Gefchichts-
wiffenfchaft mit Recht allen Werth legt. Dabei gelingt
es dem Verf., uns feinen Helden pfychologifch begreiflich
zu machen, uns für ihn zu intereffiren, ja zuweilen
zu erwärmen, trotzdem er am rechten Orte gar nicht
darauf verzichtet, fein gut protedantifches Urtheil abzugeben
. So id die Schrift ein Müder protedantifcher
Gefchichtsfchreibung fowohl der ultramontanen als auch
der confeffionalidilchen und liberalidifchen gegenüber.
Man vergleiche in letzterer Beziehung mit Gothein's
Dardellung die von Philippfon a. a. O. Auch er deht
unter dem Banne Ranke's, auch er hat in den Quellen
gelefen; aber wo id da die nothwendige Congenialität
des Verf.'s mit feinem Stoff, die doch auch einem
Loyola gegenüber nicht fehlen darf? Wie drängt ein
wolilfeiles Räfonnement über jefuitifche Niederträchtigkeit
fich durch alles fcheinbare Mafshalten immer wieder
hervor!

Gerade im Vergleich mit Ph.'s Dardellung, welche

doch auch der Durchfchnitt von dem, was die heutige
Gefchichtsforfchung über die Urfprünge des Jefuitenordens
fedgedellt hat, fein will, mag man am beden er-
fehen, wie verdiendlich im Kleinen und im Grofsen G.'s
Leidung id. Zu beandanden wäre höchdens die Schreibung
Bonifacius (S. 90); die Bezeichnung der fpanifchen
Inquifition als ,von der Krone, nicht von Rom gebildet
und abhängig' (S. 23: fo nicht haltbar); die religiöfe
Kritik, welche auf S. 31 im Namen des Protedantismus
eingefchaltet id (auch der evangelifche Chrid darf fich
doch in ähnlichen Gedänkengängen als das Gefchöpf
Gottes anfehen, dem Himmel und Erde dienen); einige
Wiederholungen, welche auch die Rückficht auf den
Leferkreis nicht rechtfertigt, weil de fich nicht auf Hauptpunkte
beziehen, wie S. 125f. vgl. mit 98; endlich die
die völlige Abwefenheit von Abfchnitten im Text, die
bei einem populären Buch unerlaubt id und durch das
ausführliche Inhaltsverzeichnifs nicht entfchuldigt wird.
Viel leichter aber würde es mir werden, eine Menge
von befonders wahren, tiefen und geidreichen Stellen
und Stücken hervorzuheben; ich unterlaffe es des Raumes
wegen. Die Ilinweifungen auf den Zufammenhang
von Loyola's Werk mit den Ideen der Renaiffance haben
mich befonders erfreut. —

Eine willkommene Ergänzung zu Gothein's Schrift
bietet das Büchlein von Gräber. Gothein führt die
Ordensgefchichte nicht über den Tod feines Stifters hinaus
; er wird den gröfsten Diend ohne Zweifel denen
thun, welche die gegenwärtige Thätigkeit und Gefährlichkeit
des Ordens kennen und die Vergangenheit um
eine Erklärung diefer fatalen Erfcheinung befragen.
Immerhin wäre auch für folche eine Gefchichte des Ordens
von 1556 bis heute im Stile Gothein's gewifs eine
willkommene Zugabe zu dem fchon Gebotenen, und wenn
der Vordand des V. f. R.-G. fich darum bemühen wollte,
würde ihn gewifs kein Mitglied mit dem Vorwurfe der
Statutenüberfchreitung behelligen. Denn eine Ergänzung
in diefem Sinne bietet auch Gräber nicht. Der
kurze gefchichtliche Eingang id das Schwächde an feinem
Büchlein, er macht, zumal wenn man von Gothein
kommt, einen flüchtigen Eindruck und beruht keinesfalls
auf Quellendudien. Ausgezeichnet aber id die Dardellung
der Gefährlichkeit des Jefuitenordens, wie er heute
id und wirkt, und ich kann nicht einfehen, weshalb
Gräber das Schriftchen nicht als zweite Audage feines
im Jahre 1872 erfchienenen Vortrags mit dem alten
durchaus treffenden Titel ,Die Gefährlichkeit des Jefuitenordens
' hat ausgehen laffen; wie er felbd in einer kurzen
Nachfchrift verräth, haben wir thatfächlich eine ver-
befferte und vermehrte Auflage jener längd vergriffenen
früheren Veröffentlichung vor uns. Hauptzuwachs id
ein fehr wirkfamer Auszug aus der Bulle Dominus ac
redemptor noster. Zu dem Nichtverbefferten gehört wohl
der Profeffor Schulte in Prag (S. 48). Seite 19 hätte
der Ordensgeneral Simon Stock als Karmeliter gekennzeichnet
werden muffen; der unkundige Lefer wundert
fich, dafs es 1251 fchon einen Jefuitengeneral gegeben
hat und vermuthet in der Jahreszahl einen Druckfehler.
Sond id das Schriftchen frifch aus dem Vollen gefchrie-
ben, voll anfehaulicher Züge, gut und klar disponirt, ein
Mufter volksthümlicher Polemik, recht geeignet zur
Maffenverbreitung. Dem Hidoriker, der nüchtern und
ruhig die Wirklichkeit der Urfprünge erforfcht und dem
,Erkenntnifs Ueberwindung id' (Gothein's Worte), mufs
doch im Leben draufsen der Polemiker mit feiner Arbeit
ergänzend zur Seite treten, der das Recht des Lebenden
vertritt gegenüber dem noch heute, und heute
mehr denn je, wachen und kräftigen Feinde. Die Gabe
des Hidorikers zu geniefsen wird immer der Vorzug
der Gebildeten bleiben; die des Polemikers mufs, wenn
anders de Sinn und Zweck haben foll, dem Volke zugänglich
gemacht werden, damit uns zum Kampfe fchliefslich
der Landdurm nicht fehle.