Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1887

Spalte:

224-233

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Denifle, Heinrich

Titel/Untertitel:

Archiv für Litteratur- und Kirchengeschichte des Mittelalters. 2. Bd 1887

Rezensent:

Loofs, Friedrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6

Download Scan:

PDF

223

Jakob von Sarug an bar Sudaili felbft. Den erften diefer
Briefe kannte man bisher nur in dem ausführlichen Auszuge
in Affemani's BibliotJieca Orientalis; der zweite war
nur dem Titel nach bekannt. Jakob fucht in wohlwollendem
Tone und blühendem Stil bar Sudaili von feinem
Irrthum hinfichtlich der Endlichkeit der Höllenftrafen zu
überzeugen; Philoxenus will vor dem Ketzer warnen und
giebt zu dem Zwecke einen Abrifs des von bar Sudaili
vorgetragenen myftifch-pantheiftifchen Syftems. Da nun
dies von Philoxenus gezeichnete Syftem fich nicht nur
im Allgemeinen, fondern in vielen auffallenden Einzelheiten
mit dem des handfchriftlichen Hierotheos deckt,
fo erkennt Frothingham in diefem Thatbeftande einen
Beweis für die Identität von bar Sudaili und Hierotheos.
An diefen inneren Beweis reihen fich die pofitiven Auslagen
fyrifcher Schriftfteller, dafs das unter dem Namen
Hierotheos umlaufende Buch in Wirklichkeit bar Sudaili
zum Verfaffer habe. Diefer Theil von Frothingham's
Beweisführung fcheint daher in der That gefichert
zu fein.

Dagegen erheben fich gegen feine zweite Thefe, dafs
nämlich diefer fyrifche bar Sudaili-Hierotheos die Quelle
des Dionyfius Areopagita gewefen fei, erhebliche Bedenken
. Allerdings fcheint ein engerer Zufammenhang
zwifchen beiden feftzuftehen; ob aber dem erfteren die
Priorität zukömmt, ift mir doch äufserft zweifelhaft. Zu
einer definitiven Entfcheidung wird man freilich erft dann
kommen können, wenn Frothingham den fyrifchen Text
feiner Handfchrift vorgelegt haben wird, fo dafs eine
genaue Vergleichung der beiderfeitigenSchriftwerke möglich
ift. Ich mache aber fchon jetzt auf folgende Punkte
aufmerkfam.

Der fyrifche Hierotheos führt den Titel ,Ueber die
verborgenen Geheimnifse der Gottheit*; wo Dionyfius feinen
Lehrer Hierotheos citirt, nennt er als deffen Werke
Eomrixdi vuvoi und Oeohoyixdt öroiyscccioeig. Frothingham
's Verfuch, diefe Discrepanz zu erklären, genügt
nicht. — Ferner fucht man nach F.'s Angabe (p. 78) in
dem handfchriftlichen Hierotheos vergeblich nach einem
der Citate, welche Dionyfius de div. nom. als Ausfprüche
des Hierotheos anführt. Daraus folgt bei unbefangener
Betrachtung, dafs der Hierotheos des Dionyfius ein
anderer war als jener fyrifche. — Endlich ift es keineswegs
fo ficher, wie Frothingham annimmt, dafs Pfeudo-
Dionyfius erft im Anfang des 6. Jahrhunderts entftanden
ift. Möller, deffen Artikel über den Areopagiten in der
2. Auflage von Herzog's Realencyklopädie Frothingham
nicht kennt, hält es mit Anderen für wahrfcheinlicher,
dafs Dionyfius fchon um 380 fchrieb. Beftätigt fich dies,
worüber mir ein Urtheil nicht zufteht, fo kann von einer
Priorität des um 500 lebenden bar Sudaili-Hierotheos
nicht mehr die Rede fein. Auch hat Frothingham keinen
Verfuch gemacht, zu erklären, wie bar Sudaili dazu kam,
das Pfeudonym Hierotheos zu wählen. Diefe Wahl erklärt
fich dagegen fehr natürlich, wenn er den Areopagiten
kannte.

Trotz aller diefer Bedenken darf man der in Ausficht
geftellten Publication mit grofsem Intereffe ent-
gegenfehen; der Herr Verfaffer wird fich durch diefelbe
ein neues Verdienft zu feinen bisherigen hinzuerwerben.

Zum Schlufs noch einige kleine Berichtigungen.
S. V Cap. IV lies Abraham ftatt Stephen. — Der
S. 4 genannte Commentar über Dionyfius von Jofeph
Huzaja bezieht fich wahrfcheinlich nicht auf den Areopagiten
, fondern auf den Grammatiker Dionyfius Thrax.

— S. 65 Z. 16 lies SMDüOKn. —■ S. 66 Z. 9 v. u. lies
OITHTH ibid. Z. 10 v. u. OTVlTlXrTl. — S. 87 Anm. 2.
Ein Exemplar des von Bar Hebraeus bearbeiteten Hierotheos
befitzt auch die Berliner Bibliothek cf. Sachau 206.

— Die Ueberfetzung der mitgetheilten fyrifchen Stücke
ift leider nicht immer richtig. Das Citat auf S. 39, von
dem F. meint: ,There seems to be no such expression in
Scripture* war doch nicht fo fchwer zu verificiren; es ift

Joh. 19,30. Aber der fyr. Text war freilich nicht zu
überfetzen ,what is said: „By the cross which consam-
mates**, fondern: ,was er am Kreuze Jagte: „Es iß vollbracht
*1.

Die Ausstattung des Buches ift vorzüglich.
Kiel. Friedrich Baethgen.

Archiv für Litteratur- und Kirchengeschichte des Mittelalters,

hrsg. von P. Heinr. Denifle O. P. und Franz Ehrle
S. J. 2. Bd. Berlin, Weidmann, 1886. (IV, 687 S.
gr. 8.) M. 20.—

Dafs auch der zweite Band diefer in Nr. 11 des
vorigen Jahrgangs von dem Ref. fchon befprochenen
Zeitfchrift hier angezeigt wird, ift nicht nur dadurch
veranlafst, dafs P. Denifle einen Separatabzug des von
ihm herrührenden bedeutendsten Auffatzes diefes Bandes
dem Ref. zum Zweck der Anzeige überfandt hat; es ge-
fchieht vielmehr auch deshalb, weil eine nachdrückliche
Empfehlung diefes Archivs fowohl im Intereffe der
Wiffenfchaft liegt, als im Intereffe aller derer, die mit
mittelalterlicher Kirchengefchichte fich zu befchäftigen
haben.

Der vorliegende zweite Band steht durchaus auf der
Höhe des ersten, und wiederum find es nur die beiden
Herausgeber, denen wir feinen Inhalt zu danken haben.
Man wird es den beiden Gelehrten einräumen müffen,
I dafs niemand beffer das Studium der mittelalterlichen
Kirchengefchichte fördern kann, als es bis jetzt in diefer
Zeitfchrift gefchieht. Und das ift nicht nur die Folge
der günstigen Lage, in der fich die Herausgeber den ungedruckten
Quellen gegenüber befinden; Denifle zumal
erregt auch durch feine grofsartige Rührigkeit, durch
fein ftaunenswerthes Wiffen und durch die Klarheit und
Sicherheit feiner Unterfuchungen immer aufs neue die
Bewunderung feiner Lefer; man mufs zugeben, dafs
wenigstens auf proteftantifcher Seite niemand über eine
gleiche Kenntnifs der mittelalterlichen Kirchengefchichte
j und ihrer Quellen verfügt. Und dabei tritt in dem vor-
I liegenden zweiten Bande ebenfo wie im erften der con-
l feffionelle Gegenfatz zwifchen Katholicismus und Protestantismus
ganz zurück. Das würde, wie fchon Jahr-
I gang 1886 Sp. 251 bemerkt ift, gewifs anders fein, wenn
j das Arbeitsfeld der Herausgeber das 15. oder 16. Jahrhundert
wäre, oder wenn fie anstatt kritifcher Vorarbeiten
eine Gefammtdarttellung geben wollten. Jetzt aber foll
man confeffionelle Gegenfätze nicht fuchen, wo fie nicht
vorhanden find; Irrthümer über die deutfche Myftik z. B.
find nicht proteftantifch, auch wenn fie von Proteitanten
aufgebracht find und von Katholiken berichtigt werden.
Es darf deshalb auch heute noch, wie vor einem Jahre,
als eine Ehrenpflicht für jeden proteftantifchen Kirchen-
hiftoriker bezeichnet werden, dies Archiv für mittelalterliche
Litteratur- und Kirchengefchichte zu halten,
nicht nur zu lefen. Das ift gewifs: feiten lohnt fich das
Studium eines Buches fo wie das diefer Zeitfchrift.

Fünf gröfsere Arbeiten find es, die diesmal den Band
füllen, drei von Denifle, zwei eng zufammengehörige von
Ehrle.

Denifle eröffnet (S. 1 —105) die Reihe mit einer Abhandlung
,über die päpftlichen Regifterbände des 13. Jahrhunderts
und das Inventar derfelben vom Jahre 1339'.
Es ift bekannt, dafs die Rcgesta pontijf. roman. vor
Innocenz III. faft ganz verloren find. Von den 50
älteften Regifterbänden des Vat. Archivs enthält Nr. 1
das Regifterfragment Johann's VIII., 2 und 3 das Registrum
Gregorii VII, 4—50 regiftrirte Briefe der Päpfte von
Innocenz III. bis Bonifaz VIII. incl. (vgl. Kaltenbrunner,
Römifche Studien I. in den ,Mittheilungen des Instituts für
öfterreichifche Gefchichtsforfchung'V. 1884,5.214). Sind
demnach die päpftlichen Regifterbände des 13. Jahrhunderts
, von den verfprengten älteren Reften abgefehen,