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Ausgabe:

1887

Spalte:

210-211

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harris, D.

Titel/Untertitel:

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn. In 12 Predigten 1887

Rezensent:

Löber, Richard

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209

Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 9.

de/' uuiverso, infinito c mondi. Werke ed. Wagner 2,25). I
Wie will man da Gott fo über der Welt des Nothwen-
digen emporhalten, dafs er von ihr gefchieden bleibt!
So ift alfo Bruno Pantheift gewefen? Wenn man ihm
Confequenzen zieht, ja. Aber die Frage, ob Pantheismus
, ob Theismus, hat ihm in folcher Form noch gar
nicht vorgelegen. Es ift unrecht, fpäter entftandene
Rubriken, fo berechtigt fie an fich find, auf lebensvolle
Erfcheinungen der Vergangenheit ohne Weiteres anzuwenden
und alsdann zu fagen, die Sache ift abgethan. ,
Bruno kennt einen lebendigen Gott, in diefem Sinne ift |
er Theift, aber hat nicht die ethifchen und auch philo-
fophifchen Vorausfetzungen, einen theiftifchen Gottes-
begriff zu faffen, und fo zieht ihn die Schwerkraft feines
Denkens zuletzt in Ergebnifse pantheiftifcher Art. Er j
theilt ja diefes Loos auch mit Theologen alter und neuer I
Schule. Fafst man die Frage nach feiner Religiofität im
Sinn der Inquifition dahin, ob er die Dogmen der Kirche, i
insbefondere der römifchen, oder auch der allgemein
chriftlichen anerkannt habe, fo wird es wohl nicht möglich
fein, ihn freizufprechen.

Was Bruno fo intereffant macht, ift der Reichthum !
von Beziehungen zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
, vermöge deffen nichts, was an wiffenfchaftlichem
Intereffe feiner Zeit angehört, bei ihm unverarbeitet bleibt,
Plato und Ariftoteles, die lullifche Kunft und Kopernikus.
Befonders hat keiner, wie er erkannt, wie bedeutfam die
Entdeckungen des letzteren für das menfchliche Denken
fein mufsten. So klingen alle möglichen Richtungen der
neueren Zeit, Spinoza, Kant, Sendling, Hegel, wir können
hinzufügen, die neuefte Phafe der Naturphilofophie bei
ihm an und Carriere ift gerade der Mann, dies aufzuzeigen
. Insbefondere hat er fehr Recht, wenn er in dem
Begriff der Materie, durch welchen er die ftarre vh/ der
Platoniker überwindet, indem er die lebendigen geiftigen
Kräfte in diefelbe mit hineinnimmt, eine zukunftsreiche
That erblickt. Gerade die jüngften Bewegungen auf dem
Grenzgebiet zwifchen Naturwiffenfchaft und Philofophie
laffen hoffen, dafs auf diefem Wege der Materialismus
aus fich felbft heraus überwunden werden kann.

Bei der Bedeutung, welche der Verf. felbft gerade
feinen Ausführungen über Giordano Bruno zufchreibt,
war es gewifs in deffen Sinne, fo lange bei ihm flehen
zu bleiben. Die beiden folgenden Abfchnitte Julius Cäfar
Vanini (S. 190—214) und Tomafo Campanella (214—296)
find völlig unverändert geblieben. Es ift verhängnifsvoll,
dafs gerade diefe beiden, der ausgefprochenc Atheift Vanini
, mit deffen Geftalt Einen kaum das graufame Gefchick,
welches er erfahren hat und die noch gemeinere Bericht-
erftattung Gramond's über dafselbe verföhnen kann, und
Campanella, der gedankenreiche, willensftarke Märtyrer
feiner Ueberzeugung, der in feinen focialiftifchen Phan-
tafien allen Boden der Wirklichkeit verläfst, aufserdem
völlig in den Schranken der römifchen Kirche drinnen
fteckt, den Abfchlufs bilden. Hierin liegt doch ein Beweis
dafür, dafs eine lebenskräftige Frucht der italieni-
fchen Renaiffancephilofophie in ihrem Vaterland nicht
zurückgeblieben ift. Da war Jakob Böhme, mit welchem
die erfte Auflage fchlofs, ein befriedigenderes Ende.

Auch der Endabfchnitt, welcher die Stellung des Verf.'s
innerhalb der Philofophie feiner Zeit kennzeichnet, ift ab-
fichtlich unverändert gelaffen (S. 297—319). Man kann
bedauern, dafs er demfelben nicht einen rückblickenden
vorausgefchickt hat, denn die gefchichtliche Zufammen-
faffung des Gefügten mufs fich der Lefer felbft geben.
Und das ift nicht leicht gemacht. Wie die Darftellungs-
weife Carriere's bei den einzelnen Perfönlichkeiten diefe
in Auszügen aus ihren Schriften meift felbft reden läfst
und damit eine lebendige Anfchauung derfelben gewährt,
aber es zu einem klaren Gefammtbilde derfelben in diefer
mofaikartigen Schilderung oft nicht kommen läfst, zumal
die einzelnen Citate meift aus dem Zufammenhang
heraus und ohne Angabe der Quelle angeführt find, fo

hätten auch die verfchiedenen Bilder derfelben nicht nur
neben einander geftellt, fondern auch zu einander in Beziehung
gefetzt werden follen. Bei jenem Schlufsabfchnitt
wird man nicht vergeffen dürfen, dafs der Carriere von
1847, nicht von 1887 zu uns redet. Ueberhaupt ift es
nicht immer leicht, wenn man nicht die 1. Ausgabe daneben
hat, fleh in der zweiten die beiden auseinander zu halten
und ich weifs nicht, ob es nicht beffer gewefen wäre,
die Zufätze und die wenigen gänzlich umgearbeiteten
Partien als folche zu bezeichnen.) Der heutige Carriere
würde vielleicht manches anders fagen, würde zu mancher
feither hervorgetretenen Erfcheinung unferes geiftigen
Lebens Stellung nehmen. Aber dem Verf. wie dem
Lefer mufs es wohlthuend fein, zu fehen, wie der junge
30jährige Philofoph fleh von den Hegelianern losringt
und für den Idealismus des deutfehen Geiftes die
Zukunft in Anfpruch nimmt. Und wie er dem in der
erften Auflage angeführten Ausfpruch Libri's aus dem
Jahre 1840: .Emanuel Philibert, wie Farnefe, Montecuculi,
wie der Prinz Eugen, gewannen Schlachten für Fremde,
man erwartet noch den Krieger, der für Italien fliegen
wird', nun den Zufatz beifügen konnte, ,er ift feitdem
gekommen', fo ift auch im Leben, wie in der Wiffen-
fchaft des deutfehen Vaterlandes nicht ohne die Mitarbeit
des Verf.'s manches erfüllt worden, was er damals
wünfehte und ahnte. Man kann es bedauern, dafs es
dem Verf. nicht vergönnt war, das Ganze feines Jugendwerkes
neu zu bearbeiten, aber auch in diefer Form
darf das altbekannte wieder willkommen geheifsen werden,
und man gewinnt bei dem Lefen den Eindruck, dafs es
dem Verf. gegeben ift: Was einer in der Jugend wünfeht,
das hat er im Alter die Fülle.

Leipzig. Härtung.

Landenberger, Diak. Bezirksfchulinfp. Alb., Johann Valentin
Andreae, ein fchwäbifcher Gottesgelehrter des
17. Jahrhunderts. Gefchichtliche Erzählung. Barmen,
Klein, 1886. (VI, 98 S. 8.) M. 1.60.

Es ift dankbar zu begrüfsen, dafs der Verf. das
Bild des grofsen fchwäbifchen Theologen im Anfchlufs
an deffen Selbftbiographie mit fprechenden Zügen uns
vor Augen geftellt hat als das eines Glaubenshelden, der
durch feine von der gemeinen Heerftrafse bisweilen etwas
entfernten Gedankenkreife nicht verhindert wurde,
in der Zeit des grofsen Krieges erleuchtend, erziehend und
wahrhaft volksthümlich auf die haltlos gewordenen, verwilderten
Geifter zu wirken. Man kann es nur mit Weh-
muth fehen, dafs diefer in rauhen Kämpfen erftarkte
und in weitgreifendem Wirken bewährte Mann zuletzt
müde und matt wurde und umfonft gelebt zu haben
glaubte. Es ift ein grofses Verdienft des Verfaffers,
dafs er das Bild diefes edlen Mannes, deffen Andenken
bereits von Spener und Herder würdig erneuert wurde,
uns als Vorbild vor Augen ftellte.

Dresden. Lob er.

Harris, Paft. D., Das Gleichniss vom verlorenen Sohn. In

12 Predigten. Kiel, Lipflus & Tischer, 1885. (113 S. 8.)
M. 1.— ; geb. M. 1. 50; m. Goldfehn. M. 2.—

Da der Verf. im Vorwort fich als einen ,Prediger
freierer Richtung' kennzeichnet, fo wird es vielleicht
befremden, dafs er in feinen Predigten fleh faft buch-
ftäbelnd an den Wortlaut feines Textes bindet. Man
vergleiche z. B. die Dispofltion: ,Und er machte fich
auf und kam zu feinem Vater. Verweilen wir 1. bei
dem verbindenden Und, 2. bei den Worten: er machte
fich auf; 3. bei den Worten: und kam zu feinem Vater'.
Aber der Verf. zeigt feine ,freiere Richtung' gerade darin
, dafs er die zerftückelten Züge der Parabel mit pe-
dantifcher Pinfeiführung ausmalt, um fo eine Gotteser-