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Ausgabe:

1887

Spalte:

183-186

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ritschl, Albrecht

Titel/Untertitel:

Geschichte des Pietismus. 3. Bd. Der Pietismus in der lutherischen Kirche des 17. und 18. Jahrhunderts. 2. Abth 1887

Rezensent:

Weizsäcker, Carl

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Vorbereitungsanftalt'. Möge er uns bald mit diefer Gabe
erfreuen, wie er uns mit der vorliegenden zu aufrichtigem
Danke verpflichtet hat.

Weilimdorf bei Stuttgart. Auguft Baur.

Ritsehl, Albr., Geschichte des Pietismus. 3. Bd. Der Pietismus
in der lutherifchen Kirche des 17. und 18. Jahrhunderts
. 2. Abth. Bonn, A. Marcus, 1886. (IX,
469 S. gr. 8.) M. 7.50; cplt. M. 26.50.

Der erfte Band diefes Werkes ift 1880, 13, der zweite
1885, 15 angezeigt worden. Der dritte Band fchliefst
fich fachlich als zweite Abtheilung an den vorigen an.
Von der Gefchichte des Pietismus in der lutherifchen
Kirche find dort zwei Stücke ausgefondert und für die
befondere Darftellung vorbehalten worden, nämlich erftens
der Pietismus in Württemberg, zweitens Zinzendorf und
die mährifche Brüdergemeinde. Diefe abgefonderte Behandlung
rechtfertigt fich durch den Stoff. Es find
zweifellos zwei eigenartige Bildungen, welche hier zur
Ergänzung des Vorigen dienen. Diefer Band bekommt
aber dadurch eine andere Geftalt als die bisherigen; er
fteht gewiffermafsen für fich und enthält zwei felbftän-
dige Monographien. Dafs der Verfaffer in der Darftellung
und Beurtheilung die leitenden Gefichtspunkte
auch hier anwendet, welche ihm bei Unternehmen und
Ausführung des ganzen Werkes gedient haben, bedarf
keiner Verficherung. Ebenfo wenig, dafs die Arbeit mit
der nämlichen umfaffenden und erfchöpfenden Quellenbenutzung
und der herrfchenden gleichen unbefangenen
und gerechten Beurtheilung ausgeführt ift. Für flüchtiges
Lefen leicht gefchrieben find auch diefe Darftellungen
nicht; fie erfordern die aufmerkfame Folge des Lefers,
wenn er die vielfeitigen, gedrängten, oft nur kurz andeutenden
Beobachtungen fich aneignen will; aber gerade
darin liegt der Reiz und Genufs diefer Weile, dafs er
zu diefer aufmerkfamen und gefpannten Nachfolge der
Gedanken geleitet und faft gezwungen wird.

Der Pietismus in Württemberg ift bisher in der allgemeinen
Gefchichte des Pietismus kaum irgendwo ganz
zu feinem Rechte gekommen, und zwar wohl gerade
deshalb, weil er etwas Befonderes ift, und in feinem
eigenen Kreife fich noch mehr vertheilt und mannigfaltiger
erfcheint, als der übrige Pietismus in der deutfehen
lutherifchen Kirche, in Folge davon auch nicht fo leicht
zu überblicken ift. Die befonderen Darftellungen diefes
Gebietes aber leiden in der Regel daran, dafs der Blick
nicht über die Grenzen desfelben hinausfieht. Ritfehl ift
nun allen jenen einzelnen Geftalten mit gröfster Sorgfalt
nachgegangen, und beurtheilt fie doch überall in
dem grofsen Zufammenhang des Ganzen. So giebt feine
Darftellung doppelten Gewinn, und macht im vollen
Sinn Epoche. Er hat diefen Württembergifchen Pietismus
mit fichtlicher Liebe und Wärme behandelt, und ift
ihm überall nicht nur ein gerechter, fondern auch ein
wohlwollender Beurtheiler geworden. Man wird kaum
irren, wenn man die Urfache diefer geneigten Stimmung
in zwei Merkmalen des Württembergifchen Landes
findet, einestheils darin, dafs derfelbe hier viel mehr in
der Kirche geblieben ift, nicht äufserlich fondern dem
Geifte nach, als anderwärts, und dafs er verhältnifsmäfsig
reicher an eigenartiger theologifcher Bildung ift. Ritfehl
beginnt feine Darftellung mit einer Unterfuchung der
focialen und politifchen Eigenthümlichkeit des Landes,
und hat hier in überaus belehrender und treffender Weife
den Boden gezeichnet, welchen die Bewegung in dem
kleinen Lande vorfand, fowie die Farbe, welche fie
danach annehmen mufste. Ich halte es für ganz richtig,
dafs die Urfachen der letzteren auf diefem Wege gefucht
werden. Es ift viel weniger die Art des Volksftammes,
welche hier in Betracht kommt, obgleich es alte Gewohnheit
ift, auf diefe hinzuweifen; viel tiefer greifen die

1 focialen und politifchen Verhältnifse ein. Diefe richtig

1 gezeichnet und in ihrer Wirkung erkannt zu haben, ift

j ein ganz befonderes Verdient! diefer Gefchichte. Die
Zeichnung wird dann noch weiter dadurch lebendig und
anfehaulich, dafs fie wichtige Verhältnifse, wie die Stellung
der Hofprediger zu den Herzogen, und die Gefetz-
gebung über das Gemeinfchaftwefen, fodann hervorragende
Lebensbilder, wie der Sturm und des Johann
Jakob Mofer verwendet. In den folgenden vier Capiteln

j werden in wohlthätiger Abwechslung theils einzelne
Theologen des Württembergifchen Pietismus, theils allgemeine
Richtungen und Zuftände behandelt, von den
erfteren voran Chriftoph Matthäus Pfaff und Johann
Albrecht Bengel, weiterhin Jeremias Friedrich Reufs und
Friedrich Chriftoph Oetinger. Ich geftehe, dafs ich eine
Zeit lang gezweifelt habe, ob die Aufnahme von Pfaff
fo an der Spitze der leitenden Perfonen, welche übrigens
ausdrücklich erörtert und gerechtfertigt wird, gebilligt
werden könne, ob nicht eher an diefer Stelle Johann
Wolfgang Jäger aufzunehmen wäre. Pfaff hat fich nicht
zu den Pietiften gehalten, und es ift ihm kaum eine
eigenthümliche pietiftifche Lehre nachzuweifen. Dennoch
halte ich es fchliefslich für ganz richtig, dafs er hier aufgeführt
wird, wenn auch nicht feine ganze Theologie in
diefem Verhältnifs aufgeht. Pfaff hat fich überall als
ein confervativer Mann gezeigt, der aber doch alle neueren
Bildungselemente auf fich wirken liefs. Da ift es nun
gerade für den Württembergifchen Pietismus befonders
bezeichnend, dafs und wieweit es Pfaff in feiner Stellung
angezeigt fand, dem Pietismus Conceffionen zu machen,
und da diefes Verhalten nicht etwa blofs individuell ift,
fondern für den Verlauf der Dinge in Württemberg als
typifch betrachtet werden kann, fo haben wir in ihm
eine Figur zu fehen, welche auf das Ganze ein fchlagen-
des Licht wirft. In ähnlicher Weife rechtfertigt fich auch
die Stellung, welche Reufs gegeben ift. Von ganz be-
fonderer Bedeutung ift aber die Zeichnung von Bengel
und von Oetinger, in Anerkennung ihrer Bedeutung
fowie in der Begrenzung derfelben; ich glaube nicht,
dafs hier überhaupt etwas hinzuzuthun oder davon zu
nehmen fein wird. Zwifchen die beiden Gruppen leitender
Theologen hinein ift ein Capitel geftellt, welches die
pietiftifchen Predigt und pietiftifchen Lebensanfichten behandelt
. Die theologifche Analyfe der erfteren bei dem
älteren Rieger, dem älteren Storr, Braftberger, Steinhofer,
ift ebenfo neu als werthvoll, und daran fchliefsen fich in
angemeffener Ergänzung erfrifchend die Lebensbilder
von Flattich, General Rieger, Machtolf, Pfeil, Magdalena
Sibylla Rieger, Friedrich Carl von Mofer. Das letzte

1 Capitel führt den Titel: die Gemeinfchaften, befchränkt
fich aber nicht auf Stammbaum und Statiftik derfelben;
fondern die Bemühung geht darauf, fogut es möglich
ift, in das innere Leben derfelben und feinen Werth
einzuführen, und bedient fich dabei der Ausfagen hervorragender
Männer, wie Fricker, Steinhofer, Philipp
Matthäus Hahn, Harttmann, Magnus Friedrich Roos und
anderer, und vereinigt auf diefe Weife mit dem Allgemeinen
eine Reihe fcharf gezeichneter Lebensbilder.
Daran fchliefst fich weiter die Gefchichte des Separatismus
, fowie der befonderen neben die älteren pietiftifchen
tretenden Gemeinfchaften in der Kirche, und der Ge-

i meinde von Kornthal. Alles zufammen giebt ein ent-
fprechendes Bild von der Macht, welche die pietiftifche
Bewegung hier in den Gemeinden und der Laienwelt
bekommen hat, wodurch diefelbe einen dauernden Ein-
flufs in der Kirche gewann, ohne dafs fie zu einem politifchen
Mittel gemacht wäre.

Bei diefer Befprechung des Württembergifchen Pietismus
erlaube ich mir auf eine Notiz über Francke's

I Aufenthalt in Tübingen zurückzukommen, welche ich
gelegentlich der Befprechung von Kramer's Neuen Beiträgen
zur Gefchichte A. H. Francke's hier 1880, 1 gegeben
habe, und welche dann von Kramer in: A. H.