Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1886 Nr. 8

Spalte:

176-179

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kawerau, Gust.

Titel/Untertitel:

Der Briefwechsel des Justus Jonas 1886

Rezensent:

Enders, Ernst Ludwig

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

175

Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 8.

176

immer noch nicht mehr gewonnen, als ein weiteres
Zeugnifs dafür, dafs man ihn um 359 für echt gehalten
hat; aber für die Gefchichte der Ueberlieferung der

Er brachte unzweifelhaft feine lateinifche Bibel dorthin
mit, ebenfo wie Schriften Cyprian's17 ); aber er liefs fich
durch die orientalifche Ueberlieferung beflimmen, die

Opp. Cypriani ift viel gewonnen. Die Unterfuchungen, Apokalypfe zu unterdrücken und den Hebräerbrief als

die Mommfen S. 152 ff. begonnen hat, werden hoffentlich
einen Fortfetzer finden.

3) Die bisher gegebenen Nachweifungen, welche ein
fo nahes Verhältnifs Lucifer's und des Verfaffers der
Verzeichnifse begründen, find um fo werthvoller, als der

paulinifchen Brief zu benutzen. Ift diefe Annahme richtig
— denn dafs der Abendländer Lucifer die Apokalypfe
nicht gekannt hat, wird Niemand glauben —, fo ift die
fo grofse Differenz zwifchen dem Kanon des Lucifer
und unferem Verzeichnifs in Bezug auf Hebt, und Apoc.

Schriftenkanon beider gewiffe Verfchiedenheiten auf- ! nicht zu betonen. Dagegen fällt das Fehlen von Illjoh.
weift. Da Citate aus den h. Schriften nahezu die Hälfte wahrfcheinlich ins Gewicht, während fich über lud. und

des Raumes in den Pamphleten Lucifer's einnehmen 10),
fo find wir in den Stand gefetzt, den Kanon Lucifer's
mit ziemlicher Sicherheit feftzuftellen. Dazu kommt, dafs
er in feiner Hauptfchrift ,De S. Athanasio', was bisher
m. W. nicht bemerkt worden ift, /. I, 1—II, II, dem

Iacob. nicht mehr urtheilen läfst, da das doppelte
,una sola1 im Verzeichnifs eine fichere Erklärung nicht
zuläfst.

Die Reihenfolge der neuteftamentlichen Schriften bei
Lucifer anlangend, fo ift es zu beklagen, dafs er in feiner

Alten Teftament faft Buch für Buch folgt und fich nur j Schrift de Athanasio l. //das N. T. nicht ebenfo Buch für
feiten Abweichungen von der Reihenfolge geftattet. In , Buch zu Grunde gelegt hat wie I, 1—II, 11 das A. T. Inder
Schrift de Äthan, hält er folgende Reihenfolge inne: [ deffen ift doch eine gewiffe Ordnung noch zu beobachten.

Pentatcuchus {Äthan. 1, 1 — 9), Iesus Navc (/, 9), [/«- j II, 3—7 folgen fich folgende Citate: Alt., Joh., l^xMt.,
dices und Ruth find in de Äthan, überfprungen, ebenfo , Gal., 2xRom., Acta; II, 11 —16: ^xLuc., 3x / Cor.,
vorher fchon Numeri, aber Citate aus Iudices und Num. J // Tim., 4xActa, 18 X/ Joh.; II, 17—24: 23 X Ml-,
finden fich fonft bei ihm], Reg. I—IV (/, 10—20), Pa- Joh., II Cor., 2xActa. Hieraus ift wahrfcheinlich, dafsLu-

ralip. (/, 20—22), Psalmi 9—61 (/, 23—25), Proverb. (/,
25-30), Ps. 77—118 (/, 30-31), Sap. Sal. (/, 31—34),
Ps. 131 — 145 (/, 34-35) n), Sirach (/, 35), Prophet. XII
mm. (I, 35—38), Tobit (/, 38 eingefprengt zwifchen zwei

cifer's Kanon die Ordnung Evavg.,Paulicpp., Acta, cpp. cath.
befolgt hat, und dafs in der Gruppe der epp. cath. die
epp. Joh. an der Spitze ftanden; das aber ift auch die
Ordnung des neu entdeckten Verzeichnifses1S).

Malachiascitate), Iesai. (/, 39—44, dabei Hiob einge- i Was endlich die Reihenfolge der Ew. bei Lucifer be-
fprengL, lerem. {II, 1 — 3), Daniel (II, 7—11). Aufserdem [ trifft, fo hat er aus dem Marcus gar nicht, aus dem Lu-

hat er in anderen Schriften noch Nehem., Judith, Ezech.
und /. //. Machab. benutzt 12).

Jedenfalls stimmt das A T. des Lucifer mit dem
des Schreibers vom J. 359 nicht überein; es ift 1) reichhaltiger
, denn es umfafste Esra 13), Nehemia, Sap. Sal.

cas feiten fnx gegen 45 Mtth.- und 24 Joh.-Citate)
citirt. Ueber die Stellung des Marcus läfst fich alfo nicht
urtheilen; dagegen ift es, wie die Citate aus dem II. Buch
de Athanas. zeigen, nicht unwahrfcheinlich, dafs Lucas
bei Lucifer, ebenfalls wie im Verzeichnifse, auf

Sirach, die im Verzeichnifs fehlen, und es hat 2) eine | Joh. gefolgt ift.

etwas andere Ordnung, — es flehen bei Lucifer die kleinen [ Dafs die Schriften Lucifer's ein helles Licht auf die

vor den grofsen Propheten —; doch fcheint fonft die j Verzeichnifse werfen, follten diefe Zeilen bewerfen. Dem

Anordnung wefentlich diefelbe gewefen zu fein. j Entdecker fagen wir für den werthvollen Beitrag zur

Gefchichte der altchriftlichen Literatur den beften Dank.
Giefsefl. Adolf Harnack.

Was das Neue Teftament betrifft, fo hat Lucifer aus
allen Schriften unferes gegenwärtigen Kanons citirt mit
Ausnahme des Philemonbriefes, Jacobus, III Joh. und der
Johannesapokalypfe 14). Das Fehlen von Citaten aus der J
erften Schrift fallt nicht in das Gewicht, über Jacobus I Kawerau, Prof. geiftl. Infp. Dr. GufL Der Briefwechsel des
läfst fich nichts Sicheres fagen; dagegen find die übrigen justus Jonas_ Gebammelt und bearbeitet. 2. Hälfte. Mit

Manco's fchwerlich zufällige; denn I und II Joh. find
von Lucifer fehr oft (nahezu 30mal), manche Capitel
fogar faft vollftändig citirt worden, daher fällt das Fehlen
von III Joh. auf, und von der Johannesapokalypfe mufs
Lucifer abfichtlich abgefehen haben; denn er fpricht
unzählige Male in feinen Pamphleten vom Antichrift,

Portr. und Fcsm. (Gefchichtsquellen der Prov. Sachfen,
17. Bd. 2. Hälfte.) Halle, Hendel, 1885. (LVIII, 413 S.
gr. 8.) M. 10. —

Dem rüftigen Fleifse des Herausg. hl es gelungen,
dem in diefer Ltztg. 1885 Sp. 64 zur Anzeige gebrachten

Hebräerbrief ausdrücklich als Paulusbrief citirt hat 15j,
fo fcheint diefer Abendländer einen Kanon zu bieten
mit dem (für paulinifch erachteten) Hebräerbrief und
ohne Apokalypfe! Eine feltfame Erfcheinung, die genau
das Widerfpiel zu dem neu entdeckten Verzeichnifs ift,
in welchem der Hebräerbrief fehlt und die Apok. den
katholifchen Briefen voranfteht. Man wird zur Erklärung
diefes Thatbeftandes daran erinnern dürfen, dafs Lucifer
feine Tractate im Orient (im Exil) gefchrieben hat11').

ohne fie je^ irgendwo ^ zu erwähnen.^ Da er aber den | erften Band des Jonas'fchen Briefwechfels rafch den zweiten

(Schlufs-)Band folgen zu laffen. Was wir dort bei Bd. 1
lobend anzuerkennen hatten, gilt in gleicher Weife auch
von diefem Bande, weshalb 'wir uns hier auf eine kurze
Inhaltsangabc befchränken können, der wir wiederum
einige wenige Bemerkungen zu einzelnen Briefen hinzufügen
.

Von Nr. 557—939 wird uns der Briefwechfel vom April
1541 bis zum Todestage des Jonas, 9. October 1555, an
welchem Tage noch Melanchthon einen Brief an ihn ab-
fchickte, dargeboten; aufserdem noch eine Reihe von

10) Z. B. in dem umfangreichen Pamphlet ,De non parcendo in 32 Ergänzungsftücken ZU Bd. I U. 2, welche dem Hrsg.

deum delinquentibus' betragen fie 46 % des Textes der Schrift. erft nachträglich bekannt wurden. — Der erfte und um-

11) Wie diefe Zertheilung der Pfalmen in drei Gruppen zu deuten fangreichfte Abfchnitt diefes Bandes, der dritte des ganzen
ift, laffe ich hmr dahingeftellt Werkes, führt uns von Nr. 557—745 in die wichtige re-

12) Wo diefe in feiner Bibel geftanden haben, lafst fich wohl nicht
mehr ausmachen.

13) Da Nehemia von Lucifer citirt worden ift, fo fehlte Esra ge-
wifs nicht.

14) Härtel hat zu Lucifer p. 117, 11. 19 und im Index die Anfpie-
lung auf II Pet. 2, 22 überfehen. Ob L. den Brief im Kanon gehabt
hat, ift trotzdem nicht ficher.

15) S. Luc. p. 20—22: ,dicit beatus Paulus ad Hebraeos'.

16) Mit Recht hat auch Overbeck, Zur Gefchichte des Kanons
(18S0) S. 51 darauf aufmerkfam gemacht, dafs nur ein — freilich fehr

umfangreiches — Citat aus dem Hebräerbrief bei Lucifer vorkommt, dafs
ihm alfo diefer Brief nicht fo vertraut gewefen ift, wie die übrigen ka-
nonifchen Schriften.

17) Andere Bücher fcheint er überhaupt nicht bei fich geführt zu
haben.

18) Zu beachten ift auch, dafs das Hebräerbriefcitat bei Lucifer
einem Citat aus dem Colofferbrief folgt und fich daran wieder die Acta
anfchliefsen; f. /. 20—22.