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Ausgabe:

1886 Nr. 6

Spalte:

123-125

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hase, Karl

Titel/Untertitel:

Kirchengeschichte auf der Grundlage akademischer Vorlesungen. 1. Thl. Alte Kirchengeschichte 1886

Rezensent:

Weizsäcker, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 6.

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—19). Allein das Zeugnifs des Jofephus wird unteritützt
durch Tobit I, 7—8 und Targum Jonathan zu Deut. 26,
12, mit welchen beiden üch Olitzki nur auf künftliche
Weife abzufinden vermag. Die Anficht der fpäteren
jüdifchen Gelehrten ift alfo lediglich eine theoretifche,
aus dem Wortlaut des Bibeltextes (Deut. 14, 28—29; 26,
12) gewonnene, welche der wirklichen Praxis in der letzten
Zeit des Tempelbeftandes widerfpricht. Ja mir fcheint,
dafs auch die Mifchna in diefem Punkte noch mit Jofephus
übereinftimmt. Denn die beiden Stellen, auf welche
O. üch hauptfächlich ftützt, find nicht entfcheidend für
feine Auffaffung. Die eine, Maaser scheni V, 9 lautet:
,Derjenige, deffen Früchte fern von ihm find, mufs über
fie mit Nennung eines Namens verfügen. Einft befanden
fich Rabban Gamaliel und die Aelteften zu Schiffe. Da
fprach Rabban Gamaliel: Ein Zehnt, den ich abmeffe,
gehöre dem Jofua (welcher Levit war), und deffen Ort
fei ihm von jetzt an vermiethet; ein anderer Zehnt, den
ich abmeffe, gehöre dem Akiba, Sohn Jofeph's, damit
er ihn für die Armen in Befitz nehme, und deffen Ort
fei ihm vermiethet'. Hieraus folgt nicht, dafs in dem
betreffenden Jahre nur der Leviten- und der Armen-
Zehnt dargebracht wurde. Denn der zweite Zehnt bleibt
nur deshalb unerwähnt, weil er vom Eigenthümer nicht
für einen Anderen, fondern für fich felbft, zu eigenem
Gebrauch, abgefondert werden mufste. An der anderen
von O. citirten Stelle, Jadajim IV, 3 bewegt fich die
Controverfe darum, ob Ammon und Moab im Sabbath-
jahre Armenzehnt oder zweiten Zehnt zu entrichten
haben. Die Vertreter der einen Anficht berufen fich
darauf, dafs Egypten im Sabbathjahre Armenzehnt entrichte
; die Vertreter der anderen darauf, dafs Babylon
im Sabbathjahre zweiten Zehnt entrichte. Daraus kann
aber wieder nicht gefchloffen werden, dafs Armenzehnt
und zweiter Zehnt abwechfelten. Vielmehr fieht man
aus der abweichenden Praxis der egyptifchen und baby-
lonifchen Juden nur dies, dafs diefe Ausländer eben dem
pharifäifchen Ideal nicht entfprachen; fonft müfste ja
ihre Praxis doch die gleiche gewefen fein. Für die cor-
recte Sitte der Paläftinenfer läfst fich alfo daraus nichts
folgern. Andererfeits wird an einer Stelle der Mifchna,
Maaser scheni V, 6, deutlich vorausgefetzt, dafs in jedem
vierten und fiebenten Jahre nicht nur der Leviten- und
Armenzehnt, fondern auch der zweite Zehnt abzufondern
ift. Denn die Meinung, dafs hierbei an folchen zweiten
Zehnt zu denken ift, der vom Jahre vorher aufbewahrt
worden war, ift ganz unmotivirt. Die Mifchna fteht alfo
ganz in Einklang mit Jofephus. Und felbft wenn die
Mifchna die Anficht verträte, dafs zweiter Zehnt und
Armenzehnt abwechfelten, fo wäre damit das beftimmte
Zeugnifs des Jofephus nicht widerlegt.

Aus dem Titel von Olitzki's Schrift geht nicht hervor
, ob fie im Buchhandel zu haben ift. Ich erwähne
daher, dafs fie mir von dem Herrn Verfaffer (Stiftsrabbiner
in Hannover) direct zugefchickt wurde.

Giefsen. E. Schür er.

Hase, Dr. Karl, Kirchengeschichte auf der Grundlage akademischer
Vorlesungen. 1. Thl. Alte Kirchengefchichte.
Leipzig, Breitkopf & Härtel, 1885. (VII, 638 S.
gr. 8.) M. 12. —; geb. M. 13. 50.

Das Lehrbuch der Kirchengefchichte von Hafe hat
feit 1834 zehn Auflagen gefehen, und kein anderes der
nachgekommenen hat es an Erfolg erreicht. Einige
find fchnell vorübergegangen. Nur das Lehrbuch von
Kurtz ift ihm allmählich mit der neunten Auflage
nahe gekommen. Das Hafe'fche Lehrbuch ift alfo in
der ganzen heutigen Theologenwelt überall bekannt und
vielgebraucht. Sein Recht, ein Lehrbuch zu fchreiben,
hat er aber auch durch Forfchungen und Einzeldarftel-
lungen reichlich ausgewiefen. Jedermann kennt die viel-

feitige Bildung, das unbefangene Urtheil, die geiftvolle
Auffaffung des bewährten und beliebten Theologen.
Darin, wie er die Dinge anfafste, lag bis in die Gegenwart
der Reiz einer natürlichen Frifche und Wärme, den
ihm kein fpäter Gekommener ftreitig machen konnte;
denn es war das Erbe der Zeit, im welcher er begonnen
, für welche die Theologie noch Religion und ihre
Gefchichte ein Stück der menfchlichen Bildung war.

Das Werk, deffen Anfang uns jetzt vorliegt, ift die
Frucht der Vorlefungen des vieljährigen Lehrers; er hat
fich zu der Herausgabe entfchloffen, in dem Augenblick,
in welchem er fie eingeheilt hat. Was er als Lehrer gegeben
hat, mufste infoweit ergänzt werden, als er bei
der lernenden Jugend die Bekanntfchaft mit feinem Com-
pendium vorausfetzen durfte. Das Nöthige, was dorther
zum Verftändnifs zu ergänzen war, mufste daher hier
hereingearbeitet werden. Doch ift dies für den Lefer
nicht wahrnehmbar. Der Charakter des lebendigen
Wortes ift durchgängig erhalten.

Bei diefem Verhältnifse ift es überflüffig, Standpunkt
und Auffaffung diefer Darfteilung zu befchreiben. Eben-
fowenig die Art der Eintheilung; es fei nur bemerkt,
dafs die alte Kirchengefchichte infofern nicht vollftändig
in diefem Bande enthalten ift, als mit Rückficht auf den
Umfang desfelben dieUrfprünge der Germanifchen Kirche
dem folgenden Bande vorbehalten blieben. Die Gefchichte
der Römifch-Griechifchen Kirche ift abgefchloffen.
! Und jenes andere eignet fich ja mindeftens ebenfogut
zum Eingange des Mittelalters, als zum Abfchluffe des
Alterthums. Ebenfo wenig ift es angezeigt, über die
Weife der Darftellung im allgemeinen zu fprechen, fie
erft zu fchildern. Wir kennen fie alle, fie ift uns längft
in ihrer Eigenart liebgeworden.

So braucht denn diefes Buch keine Einführung, am
wenigften eine Empfehlung. Aber auch keine Beurthei-
lung im engeren Sinne, oder Controverfe über den Inhalt.
Es ift auch kaum anders als überflüffig, wenn ich fage,
dafs ich es nicht nur mit Genufs gelefen, fondern auch
vieles daraus gelernt habe, was einer von dem andern
für die Uebung defselben Berufes lernen kann. Dahin
gehört diefe bewunderungswürdige Art angenehmen
Vortrages, wie einer geiftreichen Converfation, und ebenfo
die Belebung des Bildes mit einer Menge von an-
fchaulichen Zügen, oft kleinen Dingen, die mehr fprechen
als viele Betrachtungen, weil fie am rechten Orte flehen.
Dafs fich bei diefem umfaffenden Gegenftande über alle
möglichen Stoffe vielerlei erörtern, und auch einwenden,
vielleicht auch nur ergänzen liefse, verfteht fich ja von
felbft. Der Werth einer folchen abfchliefsenden Zufam-
menfaffung der Arbeit vieler Jahre wird davon doch
nicht berührt. Er liegt ja mehr in der Individualität
des Ganzen: fo haben fich einem hochbegabten Gelehrten
diefe Dinge im grofsen dargeftellt.

Was ich aber nicht unterlaffen kann zu fagen, und
für den Hauptzweck der Anzeige in diefem Falle an-
fehe, das hat doch auch der Verfaffer in feinem kurzen
Vorwort felbft vorweggenommen, nämlich für wen das
Buch gefchrieben ift. Er kann von fich fagen, dafs er
vom Anfange an gefucht habe, eine wiffenfehaftliche Kirchengefchichte
herzuftellen, wie fie auf deutfehen Univertäten
gelehrt wird. Dafs er das im Lehrbuche gethan,
und weder einfeitige Vorurtheile ausgeführt, noch es
auf die blofse theologifche Flrbaulichkeit abgefehen hat,
das war neben den glänzenden Mitteln der Ausführung
der innere Werth des Lehrbuchs. Hier nun aber, in
diefen gedruckten Vorlefungen, fagt er, habe er alles
blofs gelehrte Ausfeilen verlöfcht, um jedem Gebildeten
verftändlich zu fein: ,wir gehen einer Zeit entgegen, in
der man die Kirchengefchichte zur allgemeinen höheren
Bildung rechnen wird'. Möge diefe Hoffnung in
Erfüllung gehen. Sollte die Wirklichkeit noch einige
Zeit hinter derfelben zurückbleiben, fo ift es wenigftens
feine Schuld nicht, er hat das Seinige dafür gethan.