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Ausgabe:

1886

Spalte:

76-77

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scott, Charles A. Anderson

Titel/Untertitel:

Ulfilas apostle of the Goths 1886

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifchc Literaturzeitung. 1886. Nr. 4.

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11. über Jefaja 40, 3, 12. über die Profelytentaufe, 13.
jüdifche Angelologie und Dämonologie, 14. das Gefetz
im meffianifchen Zeitalter, 15. die Lage von Sychar, 16.
die jüdifchen Anflehten über Dämonen und Dämonifche,
17. die Sabbathgefetze, foweit fie in der Mifchna und im
jerufalemifchen Talmud niedergelegt find, 18. Plaggada
über Simon Kepha (rabbinifche Petrus-Legende), 19. über
die ewige Verdammnifs, nach den Rabbinen und dem
Neuen Teftamente.

Während die bisher genannten Vorzüge dem Buche
einen felbftändigen Werth auch für deutfehe und kritifch
geftimmte Lefer verleihen, läfst fich freilich im Uebrigen
nicht hehaupten, dafs es von hervorragender wiffenfehaft-
licher Bedeutung fei. Es ift eine breite, in erbaulichem
und rhetorifchem Stil gefchriebene Erzählung des Lebens
Jefu von einem Standpunkte aus, der von den Skrupeln
der Kritik völlig unberührt geblieben ift. Höchft bezeichnend
hiefür ift es fchon, dafs der Verf. es nicht für
nöthig gefunden hat, eine Unterfuchung über
die Quellen voranzufchicken. Das erfte Buch giebt
eine Schilderung der jüdifchen Welt im Zeitalter Chrifti.
Im zweiten Buche beginnt dann die Erzählung felbft. Sic
letzt ohne Weiteres als felbftverftändlich voraus, dafs wir
in unferen vier Evangelien abfolut zuverläfftge, bis in
alle Einzelheiten hinein fchlechthin hiftorifche Berichte
haben. Die grofsc Verfchiedenheit des vierten Evange-
lium's von den fynoptifchen bleibt ebenfo unerörtert, wie
das Verhältnifs der Synoptiker unter einander. Die Vereinigung
der Erzählungen unferer vier Evangelien zu einem
harmonifchen Ganzen macht dem Verf. daher auch gar
keine Schwierigkeiten, weil er ihre Differenzen überhaupt
nicht fieht. Im Grofsen und Ganzen wird felbftverftändlich
der Rahmen des vierten Evangeliums zu Grunde gelegt
, und in diefen das fynoptifche Material eingefügt.
Dabei begnügt fich der Verf. nicht etwa damit, das fynoptifche
Material in grofsen Gruppen dem johanneifchen
Rahmen einzuverleiben, unter Zufammenftellung des fachlich
zufammtngehörigen und mit Verzicht auf die Chronologie
im Einzelnen. Sondern er weift faft allen einzelnen
fynoptifchen Stücken ihre beftimmte chronologifche
Stelle an und gewinnt fo eine hiftorifch von Punkt zu
Punkt fortfehreitende Erzählung. Dafs zu einer folchen
Reconftruction der Gefchichte Jefu im Einzelnen uns
die Mittel fehlen, dafs fie alfo vielfach eine ganz willkürliche
fein mufs, ift in Deutfchland nachgerade doch
ziemlich allgemein anerkannt.

Zur Charakterifirung des Standpunktes feien noch
folgende Einzelheiten hervorgehoben. Der Verf. weifs
genau, dafs die Priefterclaffe Abia in der erften Woche
des October 748 a. U. den Dienft hatte (I, 135). Die
Gefchichtlichkeit des ganzen Vorganges, wie die Geburt
Johannes des Täufers durch einen Engel dem Zacharias
im Tempel verkündigt wird, ift verbürgt durch feine innere
pfychologifche Wahrheit (I, 138). Jofeph und Maria flammen
beide aus David's Haufe, wofür weniger die Genealogien
, als folche Stellen wie Rom. 1, 3, II Tim. 2, 8,
Hebr. 7, 14 beweifend find (I, 149). Die Schwierigkeit
in Betreff des Cenfus fchwindet, fobald man beachtet,
dafs zwifchen der Anordnung und der Ausführung zu
unterfcheiden ift (Luc. 2, 2 eytvezo = wirklich ausgeführt
, really carried out I, 182). Jefus Chriftus ift am
25. December geboren, was fogar durch rabbinifche
Quellen beftätigt wird!! (I, 187. II, 704). Die
Verfuchung Jefu war ebenfo ein innerer wie ein äufserer
Vorgang, oder vielmehr keines von beiden, da diefe Begriffe
hier überhaupt nicht anwendbar find. ,In Wahrheit
, wir gebrauchen Ausdrücke, welche auf Chriftum
keine Anwendung finden. Pur ihn war das, was wir als
die entgegengefetzten Pole des Subjectiven und Objec-
tiven betrachten, abfolut eins' (I, 297). Die Tempelreinigung
hat zweimal ftattgefunden, fowohl am Anfang
des Wirkens Jefu, wie Johannes erzählt (I, 364—376), als
am Schluffe desselben, wie die Synoptiker berichten (II,

377 ff.). Der Todestag Jefu ift nicht nur nach den Synoptikern
, fondern auch nach Johannes der 15. Nifan,
denn unter cpaytJv xh uwr/u, Joh. 18, 28, ift nicht das
Effen des eigentlichen Paffamahles, fondern der Genufs

j der übrigen Opfermahlzeiten während der Paffa-Feftzeit,
alfo der fogenannten Chagiga zu verliehen (II, 566ff.).
An diefem Punkte bringt der Verf. nämlich feine beffere
talmudifche Einficht feinen apologetifchen Tendenzen
zum Opfer. Er weifs fehr wohl, dafs in der rabbinifchen
Literatur nirgends der Ausdruck ,das Paffa' fchlechthin
von der Chagiga gebraucht wird, was auch fehr feltfam

I wäre, da eine Chagiga nicht blofs während der Paffafeft-

j zeit, fondern auch beim Pfingftfeft und beim Laubhütten-
feft dargebracht und genoffen wurde. Sie war alfo nichts
dem Paffafeft fpeeififeh eigenthümliches, fo dafs fie mit
zum ,Paffaopfer' hätte gerechnet werden können. Die
rabbinifche Terminologie unterfcheidet daher auch ganz
conftant und beftimmt zwifchen dem Paffa und der Chagiga
. Da alfo rabbinifche Belege für die herkömmliche,
vom Verf. adoptirte apologetifche Behauptung nicht beizubringen
find, fo hilft er fich mit einer Berufung auf
Wiefeler und Kirchner, und mit der zuvcrfichtlichcn
Behauptung, kein competentcr Kenner der jüdifchen Archäologie
werde zu leugnen wagen, dafs ,Pefach' die

! Chagiga bezeichnen könne (II, 567, Anm. 1). Diefes

' kräftige Aufthun des Mundes mag wohl Vielen impo-
niren. Die Sache wird aber dadurch nicht anders. Auch
was der Verf. in Betreff der Verunreinigung durch Betreten
eines heidnifchen Haufes (die angeblich nur bis
zum Abend dauern foll) ausführt, find blofse Behauptungen
ohne jeden Schein von Beweis (II, 566 f.). — Auch noch
an einem anderen Punkte verzichtet der Verf. auf feine
rabbinifche Erudition zu Gunften der Apologetik. Es war
nämlich bei Entrichtung der fünf Sekel zur Auslöfung
eines erftgeborenen Knaben keineswegs erforderlich, dafs
der Knabe felbft in den Tempel gebracht wurde. Und
ebenfowenig war es nöthig, dafs die Wöchnerin zur Dar-

i bringung ihres Reinigungsopfers perfönlich im Tempel
erfchien. Sondern es genügte in beiden Italien die Ab-

j lieferung der Gelder unter Angabe des Zweckes. Dies
alles erkennt der Verf. auch an; aber er meint dann,

i es fei natürlich gewefen, dafs die näher Wohnenden
felbft kamen (I, 194). Das mag fein. Die Erzählung des
Lukas (2, 22—24) fetzt jedoch deutlich eine Verpflichtung
voraus.

Schliefslich fei noch eine Entdeckung mitgetheilt, auf
welche der Verf. augenfeheinlich grofsen Werth legt. Er
hat nämlich gefunden, dafs bereits von Rabbinen
gegen Ende des erften Jahrhunderts auf das Johannesevangelium
Bezug genommen wird, und
zwar fpeciell auf das Gleichnifs vom guten Hirten Joh.
10. Die Stelle fteht im babylonifchen Talmud Joma 66R
Die Beweisführung dafür, dafs hier eine Bezugnahme auf
das Johannesevangelium vorliegt, ift aber zu complicirt,
als dafs fie hier mitgetheilt werden könnte, und verdient
bei Edersheim felbft nachgelefen zu werden (II, 193 f.).

Giefsen. E. Schürcr.

Scott, Charles A. Anderson, Ulfilas apostle of the Goths,

together with an aecount of the Gothic Churches
and their Decllne. Cambridge, Macmillan and Bowes,
1885. (XIV, 239 p. 8.)

Eine fleifsige, unter Benutzung der gefammten ein-
fchlagenden deutfehen Literatur verfafste Monographie.
Da es, wie der Verf. bemerkt, in englifcher Sprache
noch keine Specialarbeit über die gothifchen Kirchen
und Ulfilas giebt, fo wird diefe Erftlingsarbeit von den
Landsleuten des Verfaffers gewifs dankbar aufgenommen
werden. Uns Deutfehen bringt fie allerdings fehr wenig
Neues; doch wird man fie um ihrer kurzen und fehlichten
Darftellung und der nüchternen Kritik willen gerne lefen.