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Ausgabe:

1886

Spalte:

572-573

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smith, George

Titel/Untertitel:

The life of William Carey, Shoemaker and Missionary, Professor of Sanskrit, Bengali, and Marathi in the College of Fort William, Calcutta 1886

Rezensent:

Loesche, Georg

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Energie, welche die franzöfifchen Proteftanten auf die
Erforfchung ihrer Gefchichte wenden. Jedes Jahr bringt
eine Reihe von gröfseren und kleineren Arbeiten in
diefem Gebiete und bei dem mächtig fich anhäufenden
Stoffe wird es immer fchwerer, z. B. nur eine einzelne
Periode diefer ereignifsreichen Gefchichte mit völliger
Beherrfchung und Benutzung der Literatur fchriftftelle-
rifch zu behandeln. Die Pflege der Localgefchichte wird
dadurch in den Vordergrund gerückt, allerdings auch
zum Vortheil der allgemeinen Gefchichte. Gaullieur, durch
feine Studien über das proteflantifche Unterrichtswefen,
die Akademien und ihre Lehrer bekannt, giebt uns hier
eine forgfältig und fleifsig gearbeitete Gefchichte von
einer der wichtigften proteftantifchen Provinzen. Zwar
war die Oberguyenne mit ihrer Hauptfladt Montauban
noch von gröfserer Bedeutung, aber das ehemalige
Bordelais war ftark von der Reformation durchfetzt, und
in den Bereich des Parlaments von Bordeaux gehörten
auch Perigord nnd Saintonges; befonders im erften und
dritten Religionskrieg war diefe Gegend der Kriegsfchau-
platz. Sie war das Bindeglied von Bearn, Oberguyenne,
Poitou und darum einer ausführlichen Befchreibung wohl
würdig. Der Werth des Buches liegt befonders darin,
dafs der Verfaffer feine Darftellung hauptfächlich auf
die ihm reichlich zur Verfügung flehenden handfehrift-
lichen Schätze gründet; die Acten des Parlaments, die
Archive der Departements und gröfseren Städte boten
reiche Ausbeute; auch die Petersburger Bibliothek, welche
ja viele franzöfifchen Correfpondenzen aus dem
16. Jahrhundert beherbergt, gab einiges. Fleissig und be-
fonnen wurden diefe Materialien benutzt und fo haben
wir hier zum erftenmale eine urkundlich genaue Darfteilung
der proteftantifchen Bewegung in jener Gegend.
Vor Allem ift es intereffant zu fehen, wie frühe fleh die
,lutherifche Secte' auch hier einniftete; 1523 finden wir
fchon einige Anhänger des Reformators. Ob die zwei
1530 hingerichteten Ketzer gerade Proteftanten waren,
ift nicht durchaus ficher, aber im Anfang der dreifsiger
Jahre finden wir in Stadt und Land, unter den Adeligen,
Gelehrten, Gewerbtreibenden Lutheraner; Schule und
Buchhandel dienten gleichmäfsig als Verbreiter der verbotenen
Lehre; die in ganz Frankreich fich wiederholende
Erfcheinung, dafs die reicheren, unabhängigeren
und gebildeten Gaffen der Bevölkerung fich der Reformation
zuerft zuwandten, beftätigt fich auch hier. Bald
genug begannen die Verfolgungen, 1538 nahm das Parlament
von Bordeaux den Kampf gegen die Reformation
auf, am 4. Februar 1539 flammte in Agen der erfte
Scheiterhaufen auf. Seitdem ift die Gefchichte des Prote-
ftantismus dort, wie freilich faft überall in Frankreich,
ein fortwährendes Martyrium mit kurzen Ruhepaufen,
welche von Gott nur gegeben fcheinen, damit die Verfolgten
neue Kräfte zum Ertragen neuer Leiden fammeln.
Würde der Heroismus und die chriftliche Ergebung,
mit welcher die Opfer der Intoleranz ihr blutiges Ge-
fchick getragen haben, nicht erhebend wirken, fo könnte
fich Auge und Herz des Lefers nur betrübt abwenden
von dem traurigen Schaufpiel, welches jene Zeiten bieten.
Die eigenthümliche Wahlverwandtfchaft von Parlament
und Clerus, weltlicher und geiftlicher Gerichtsbarkeit als
gemeinfamen Verbündeten gegen die Proteftanten, offenbar
begründet in dem Confervatismus diefer beiden mächtigen
alten Körperfchaften, tritt auch hier zu Tage. Beinahe
Schritt für Schritt kann man an der Hand des
Verfaffers den Fortfehritt fehen, welchen die neue Lehre
machte. Der Organifation der proteftantifchen Kirche
folgen die aufgeregten Zeiten unter Franz II., wo die
allgemeine Unzufriedenheit befonders über den Steuerdruck
in einem fchweren Aufruhr fich kundgab, und
endlich der erfte Religionskrieg mit den Graufamkeiten,
durch welche Monluc fich einen berüchtigten Namen
machte, während er es allerdings war, welcher durch
Tapferkeit und Feldherrntalent den Sieg des Proteftan-

tismus in diefer Gegend vereitelte. Bis zum Frieden von
Amboife 1563 geht diefer 1. Band, dem, wie wir hoffen,
die fpäteren in nicht allzugrofsen Zwifchenräumen nachfolgen
werden. — Dafs bei einem folch umfangreichen
Werke über die Provinzialgefchichte manche Notiz,
manche Anmerkung nur für den in der Gegend felbft
bekannten Lefer berechnet ift, ift felbftverftändlich, auch
die wenigen am Schluffe befindlichen pieecs justificativcs
enthalten folche fehr fpecielle Details. Zu loben ift die
Unparteilichkeit, mit welcher der Verfaffer die Graufamkeiten
und Unthaten feiner Religionsgenoffen (Bilder-
fturm) offen tadelt; ein vielgenannies Blutbad, welches
Juni 1562 unter den Hugenotten von Bordeaux angerichtet
worden fein foll, führt er auch an, aber nicht als voll-
ftändig erwiefen (395).

Stuttgart. Theodor Schott.

Smith, George, LL. D. C. J. E., The life of William Carey,

Shoemaker and Missionary, Professor of Sanskrit,
Bengali, and Marathi in the College of Fort William,
Calcutta. With Portrait and Illustrations. London,
John Murray, 1885. (XIII, 463 S. gr. 8.) 20 sh.

Ueber den Apoftel Nord-Indiens waren wir bisher
fehr (pärlich unterrichtet. Wo wir auch hingreifen (z. B.
R. E. 2. Aufl. Bd. 10, 56L — Burkhardt-Grundemann's
Kleine Miffions-Bibliothek, Bd. 3, 69h — Gundert, Die
evangelifche Miffion, 2. Aufl., 233), überall enttäufchen uns
dürftige Bemerkungen. Nachdem mehrere kleine biogra-
phifche Verflache an's Licht getreten waren, ift in dem
überfchriftlich genannten Buch von Smith ein Werk er-
fchienen, welches dem feltenen Manne gerecht wird und
daher auch bereits von englifchen Prefsftimmcn lebhaft
willkommen geheifsen ift; es ift mit Portrait und anziehenden
Illuftrationen geschmückt und mit der ganzen
Anmuth und Würde ausgeftattet, die wir an englifchen
Büchern gewohnt find. Smith, welcher in der indifchen
Miffionsgefchichte fchon einen rühmlich bekannten Na-
j men gewonnen hat durch feine Monographieen über
1 Duff und Wilfon, hat auch diesmal die Baufteine in um-
fichtlicher Gründlichkeit zufammengetragen. Elr ift vor
j Allem an Ort und Stelle gewefen, als Carey kaum 20
Jahre tot war; er hat authentifchc Quellen befragt of-
j ficieller und privater Natur, Gedrucktes, Briefe, mündliche
Aeufserungen von Schülern und Freunden Carey's.
I Mit reichen Specialkenntniffen ausgeftattet, hat Smith
j fein umfangreiches Material mit grofser Liebe und Sorg-
j falt verarbeitet; freilich geht über der Laft des Stoffes
die überflchtliche Klarheit und die Grazie des Stils mehrfach
verloren; auch wäre man nicht unzufrieden mit
I einem Körnchen Kritik an Carey felbft, wozu es5|nicht
J ganz an Anläffen mangelt. ^
Es ift ein tief ergreifendes, dramatifch bewegtes
Chriften- und Heldenleben, das Smith vor uns aufrollt.
J Der Webersfohn und Schufterlehrling erftrafft fich aus
aller Kleinlichkeit und aller Mifere, in die er hineingeboren
. In der armfeligeh Dorffchulftube, in der er
dann unterrichtet, keimt der damals unerhörte Miffions-
gedanke, dem fich alsbald die bequeme Prädeftinations-
j Spiefsbürgerlichkcit der kalviniftilchen Geiftlichen ent-
I gegenftemmt. Er gründet eine baptiftifche Miffions-
; gefellfchaft, die erfte neuere Miflionsgefellfchaft, und
j zieht hinaus. Erft im Kampf mit dem gottlofen Krämer-
geift der oftindifchen Compagnie, unter dänifchem Schutz
wirkend, wird er der geiftige und geiftliche Gründer des
anglo-indifchen Reiches. Später wird Sirampur das
Centrum feiner Wirkfamkeit. Er hat fchon daheim die
! Selbfterhaltung als Miffionsprincip gepredigt: er bleibt
j dem treu bis an fein Ende und ift daher Indigo-Pflanzer
, Sprachlehrer, Sanskrit-Profeffor, officieller Doll-
metfeher neben feinem Miffionsdienft, dem er mit verzehrendem
Eifer obliegt. Mit feiner genialen Mezzofanti-