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Ausgabe:

1886 Nr. 23

Spalte:

548

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Achelis, E. Chr.

Titel/Untertitel:

Aus dem akademischen Gottesdienste in Marburg. Predigten. 1. Heft 1886

Rezensent:

Thoenes, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 23.

548

näher gerückt worden. Sie hat verfchiedene Beantwortungen
gefunden; zum Glücke ift die neuefte Errungenschaft
der geiftigen und fittlichen Entwicklung: der
Künftler darf an kein Gefetz, auch nicht an das Sitten-
gefetz gebunden fein, fofort auch auf Seiten der Künftler
einem fo energifchen Widerfpruche begegnet, dafs wir
fie wohl fchwerlich als ein Erbftück an kommende Ge-
fchlechter weiterzugeben brauchen. Natürlich ift uns
auch das Extrem nach der andern Seite nicht erfpart geblieben
. Neulich erft ift unfern Pfarrern von Gernsbach
aus ein Tractat zugefchickt worden: Schriftworte und
Thatfachen zur Beleuchtung der Frage: Welche Stellung
gebührt der Kunft im Reiche Gottes? Antwort: Gar
keine; denn wir fehen die chriftliche Kunft auf dreierlei
Weife auslaufen, nämlich in Spielerei, in Götzendienft und
in Fleifchesdienft. Bei der grofsen Verbreitung, welche
es gefunden hat, ift die Gefahr nicht ausgefchloffen,
dafs diefes unklare und verwirrende Product metho-
diftifcher Provenienz irgendwo Schaden anrichtet. Um
fo erfreulicher ift es allen jenen Aeufserungen gegenüber,
wenn ein ebenfo weit- und herzenskundiger als kunft-
verftändiger Mann wie Heinrich Steinhaufen in folcher
Sache das Wort ergreift. Sein ,Beitrag zur Verfländi-
gung über die Bedeutung der Kunft für das öffentliche
Leben', den er in diefem im laufenden Jahre vor einer
Verfammlung evangelifcher Geiftlichen gehaltenen Vortrage
giebt, ift freilich nur ein Beitrag. Wenn man
das Thema rein theoretifch behandeln will, fo bedarf
es noch eingehenderer Lnterfuchungen, als es hier
S. 12 ff. gefchehen ift, etwa nach dem Mutter Schiller's
in dem Auffatze ,Ueber den moralifchen Nutzen äfthe-
tifcher Sitten'. Aber das ift vor einer gröfseren Verfammlung
unthunlich. Will man aber aus den verfchie-
denen Aeufserungen des Kunftfinnes und der Kunft-
thätigkeit Schlüffe ziehen oder für ihre Reform Vor-
fchläge machen, fo durfte nicht ein Kunftzweig vor dem
andern bevorzugt werden. In der Hauptfache find nur
die bildenden Künfte ins Auge gefafst. Nur flüchtig ge-
ftreift ift die dramatifche Kunft, der Mufik ift kaum gedacht
, und doch war ein Eingehen darauf, namentlich
im Hinblick auf das Kunftwerk des 19. Jahrhunderts,
welches vor allen anderen unmittelbar religiös-fittlich
wirken will und das für das öffentliche Leben immerhin
eine Bedeutung gewonnen hat, auch an diefer Stelle als
durchaus zeitgemäfs geboten.

Der Verfaffer will mit feinen Ausführungen zur Klarheit
bringen, ,wie die Kunft von der Moral wohl zu
unterfcheiden ift und ihr eigenes Recht zu fein hat;
dennoch aber die engfte Beziehung zwifchen der äfthe-
tifchen und moralifchen Welt befteht'. Das Erftere, weil
für die Schönheit eine phantafievolle Empfänglichkeit unumgänglich
nothwendig ift und die Kunft es ftets auf
Lufterzeugung abfieht, während moralifche Tüchtigkeit
in der Arbeit befteht und von allen gefordert werden
mufs. Das Andere, weil echter Kunftgenufs nur bei
Bändigung der niederen Begierden möglich ift. So wird
eine Empfänglichkeit für die moralifche Arbeit gefchaffen.
Darin beruht der Segen jeglicher Kunftübung. In befon-
derer Betrachtung ift am Schlüffe von der religiöfen Kunft
gefprochen; es ift ein warmer Aufruf, in unferem evan-
gelifchen Volke den Sinn für chriftlich-kirchliche Kunft
zu pflegen. Man wird dem Verfaffer durchaus beipflichten
müffen auch in dem Urtheile über unfere Kunft-
zuftände und in feinen Forderungen. Keinen Naturalismus
, aber auch keinen überfpannten Idealismus, fondern
gefunden, auf Naturftudium beruhenden Realismus! Dann
werden wir wieder Intereffe für die Kunft auch im Volke
wahrnehmen, und in diefem Wechfelverkchre werden
beide Theile den Segen fpüren. Ift doch ein wirklicher
Kunftftil nur bei der Volkstümlichkeit der Kunft möglich
. Man wird ähnlichen, aus aufrichtigem Herzen kommenden
Wünfchen auch in der Künftlerwelt begegnen.
Täufcht nicht alles, fo beginnt, aber jetzt noch ganz

leife, in unteren Tagen eine felbftändigere Kunft die
Flügel zu regen. Möge der erwartete Auffchwung der
Architektur auch unferen Kirchen zu gute kommen. Erft
dann wird auch das Schmerzenskind unterer bildenden
Kunft, die religiöfe Malerei, wieder zu Kräften gelangen.
Leipzig. Johannes Ficker.

Koch, Dir. Dr. J. L. A., Die Wirklichkeit.und ihre Erkennt
nis. Eine fyftematifche Erörterung und kritifch vergleichende
Unterfuchung der Hauptgegenftände der
Philofophie. Göppingen, Herwig, 1886. (VIII, 390 S.
8.) M. 5. —

Es giebt in Norddeutfchland Strafsen, die meilenweit
zwifchen Pappelreihen in unbefchreiblicher Eintönigkeit
dahinziehen. Tritt man aus einem Ort hinaus, fo
fleht man bereits die Thürme der nächften Stadt nicht
allzufern hervortreten; aber man kann ftundenlang unter
ftets fteigendem Verdrufs wandern, ehe man das Ziel
erreicht. An folche Märfche hat mich das Buch Koch's
erinnert. Gleich nach den erffen Seiten weifs man,
worauf der Verfaffer losfteuert: aus dem Ichbewufstfein
und deffen factifchem Vorhandenfein Poll die Wirklichkeit
der Körperwelt, foll das Dafein Gottes abgeleitet
werden. Aber was mufs man nicht Alles durchmachen,
wieviel Staub fchlucken und Schweifs vergiefsen, ehe
das erfehnte Ziel erreicht wird. Ja, wollte Referent ganz
gewiffenhaft fein, fo würde es nicht einmal genügen, das
Buch felbft durchzulefen. Denn der Verfaffer glaubt
fleh dadurch , dafs er einen ,Grundrifs der Philofophie'
verfafst, der fchon in zweiter Auflage erfchienen ift, überhaupt
fchon häufig feinem Drange, über philofophifche
Dinge zu fchreiben, nachgegeben hat, berechtigt, mit
einem .bekanntlich' auf feine an anderen Orten aufge-
ftellten Lehren zu verweifen. So fchreibt er S. 117:
,Schliefslich bafirt alle Logik auf dem Satz des Wider-
fpruchs, an deffen Stelle ich bekanntlich lieber meine
beiden Sätze des Unterfchieds und des Beftehens gefetzt
fehen möchte!' Diefes .bekanntlich' erinnert mich an
einen Feuilletoniften, der zur Charakterifirung einer weit
berühmteren Perfönlichkeit anführte: ,Herr N. fleht ungefähr
in meinem Alter'. Die perfönlichen Verhältnifse
Koch's werden den Meiften vermuthlich ebenfo unbekannt
fein, wie feine beiden Sätze, durch die er den
Satz des Widerfpruchs verdrängt fehen möchte.

Der gute Wille und das redliche Bemühen des Verf.'s,
die Realität einer ,Welt über uns' aus einer möglichft
ficheren Pofltion abzuleiten, find ja bedingungslos anzuerkennen
. Auch gebe ich dem Verf. gern zu, dafs
feine neuefte Publication gegenüber den früheren wefent-
liche Fortfehritte zeigt und auch Anfänge hiftorifchen
Eingehens aufweift. Aber gerade weil der Verf. noch
fo grofse Fortfehritte macht, hätte er mit der Veröffentlichung
feiner Werke noch etwas warten follen. Wer
philofophirt und aus der Enge des Berufs heraus fleh
eine einheitliche Weltanfchauung zu geftalten fucht, verdient
für folches Bemühen höchfte Anerkennung; den
grofsen Problemen, welche unfere Zeit bewegen, wird
er nicht als Angeklagter, fondern als Richter gegenüber-
ftehen. Aber wenn er das, was er gefunden, fofort weiteren
Kreifen durch den Druck mitzutheilen fucht, zer-
ftört er den Segen, den das Selbftdenken in feiner Keufch-
heit für ihn gehabt hätte und mufs es fleh gefallen laffen,
wenn nun feine Werke mit ganz anderem Mafsftabe ge-
meffen werden.

Giefsen. F. A. Müller.

Achelis, Prof. Dr. E. Chr., Aus dem akademischen Gottes
dienste in Marburg. Predigten. 1. Heft. Marburg,
Elwert's Verl., 1886. (IV, 111 S. gr. 8.) M. 1.—

Die Predigten von Profeffor Dr. Achelis zeichnen
fleh dadurch aus, dafs fie, obwohl beim akademifcb.cn