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Ausgabe:

1886 Nr. 23

Spalte:

532-539

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Strack, Hermann

Titel/Untertitel:

Kurzgefasster Kommentar zu den heiligen Schriften Alten und Neuen Testamentes, sowie zu den Apokryphen. B. Neues Testament. 1. Abtlg.: Die Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas. 2. Abtlg.: Das

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 23.

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arbeitet — wähle ich den Kern der ganzen Erörterung:
die Frage, ob die Religion des Rig-Veda ihrem Wefen
nach auf pantheiftifcher Grundlage ruhe.

Ein methodifch denkender europäifcher Gelehrter
würde, um zu einer Antwort auf diefe Frage zu gelangen,
etwa folgendermafsen verfahren: Zuvörderft hätte er den
Umftand zu berückfichtigen, dafs der Rig-Veda nicht
etwa die in fich zufammenhängende Lichtung eines
Poeten, fondern eine Sammlung von über taufend einzelnen
Liedern ift, die von der Ueberlieferung verfchiedenen
Sängern und Sängerfamilien zugcfchrieben werden. Es
gälte alfo zunächft, nachzuweifen, dafs wenigftens die
älteften Lieder des Rig-Veda wefentlich pantheiftifch
feien; oder Lied für Lied aus diefem Gefichtspunkte
zu prüfen; oder — wenn der Beweis auf einige Haupt-
ftellen geftützt wird — zuerft zu zeigen, dafs die religiöfe
Auffaffungsweife der Hymnen eine wefentlich gleichartige
fei. Selbftverftändlich müfste dabei der Sinn einer jeden
Beweisflelle philologifch genau feftgeftellt werden. — Da
ferner die Inder, wie heutzutage wenigftens in Europa
kaum mehr bezweifelt werden dürfte, zu den Perfern und
weiter zu den meiften Völkern Europa's in verwandt-
fchaftlichen Beziehungen ftehen, fo glaubt die europäifche
Wiffenfchaft, allerdings nicht durch alte Knochen, wohl
aber durch Vergleichung von Sprache und Religion der
verwandten Völker über die Religion auch folcher Zeiten
etwas erfahren zu können, welche aller Ueberlieferung
vorhergehen. Behufs Beantwortung der Frage, ob eine
pantheiftifche Gottesauffaffung der Religion des Veda zu
Grunde liege, würde ein europäifcher Forfcher es demnach
nicht umgehen können, zu prüfen, ob die vorve-
difchen Stadien der altindifchen, refp. der arifchen und
indo-germanifchen Religion, foweit wir fie zu ergründen
vermögen, ihrem Wefen nach als pantheiftifch anzufehen j
feien.

So etwa, meine ich, würde ein europäifcher Gelehrter
zu Werke gehen; ganz anders verfährt Herr Bourquin.

Den Verfuch, durch die Vergleichung der Religionen
verwandter Völker ältcrePhafen der altindifchen Religions- |
anfchauung zu eruiren, fcheint der Herr Verf. für aus-
fichtslos zu halten: ja wenn er uns p. 13 verfichert, von
voraveftifchen Perfern und vorvedifchen Indern wiffe die
Gefchichte nichts, und fich bei diefer Gelegenheit, ohne J
das Mittel einer folchen Vergleichung auch nur zu erwähnen
, dagegen wendet, dafs die religiöfen Anfchau-
ungen vorhiftorifcher Völker aus alten Schädeln oder
Knochen oder etwa aus den Werkzeugen, deren fie fich
bedient hätten, erfchloffen werden könnten, — fo liegt
die Vermuthung nahe, dafs er für die Feftftellung reli-
giüfer Anfchauungen der Vorzeit von betagten Schädeln
oder Knochen immer noch mehr erwarten würde, als
von einer Vergleichung der Religionen verwandter
Völker. Die Beweisftellen aus dem Rig-Veda giebt
der Herr Verf. bis auf diejenigen, welche er in
einem früheren Werke überfetzt hat, nach Langlois,
da diefelben zu zahlreich feien, als dafs es ihm
möglich gewefen wäre, fie nach dem Original oder auch
nur nach den neueren Ucberfetzungen, welche in deut-
fchcr oder englifcher Sprache erfchienen find, wiederzugeben
. Zwar erfahren wir an derfelben Stelle, welcher
wir diefe intereffante Notiz verdanken (p. 93, A. vgl. p.
85, A. 1), dafs der Herr Verf. alle angeführten Stellen
mit dem Original verglichen und nur diejenigen benutzt
habe, welche ihm richtig fchienen und mit Säyana's
Commentar übereinftimmen; doch könnte das Verfahren
ungeachtet diefer Controlle einem europäifchen Gelehrten I
ein wenig — abgekürzt erfcheinen. Aehnlich fteht es
mit dem eigentlichen Beweisverfahren. Dafs fich im Rig-
Veda Lieder und Stellen finden, die eine pantheiftifche
Gottesauffaffung zeigen, wird meines Wiffens auch von
europäifchen Forfchern nicht beftritten; die letzteren find
aber im Allgemeinen der Anficht, dafs diefe pantheiftifch
gefärbten Stellen und Lieder einer relativ fpäten Zeit

angehören. Der letztere Umftand macht dem Herrn Verf.
natürlich keinerlei Schwierigkeit: wenn ich ihn recht verliehe
, hat er fich vielmehr die Meinung gebildet, dafs
Sonne und Feuer für die älteften Gottheiten der Arier
angefehen werden, zieht daraus den Schlufs, dafs dann
auch die Lieder an diefe Gottheiten für den älteften
Theil des Rig-Veda gelten müfsten, und glaubt, dafs
jedem Zweifel an der pantheiftifchen Gottesauffaffung
bereits der älteften Rigveda-Hymnen der Boden entzogen
fei, wenn fich in den an die Sonne und an das Feuer
gerichteten Liedern pantheiftifche Stellen nachweifen
Helsen (p. 59, vgl. 52 ff.). Ein Theil der Beweisftellen,
welche er in der bereits charakterifirten Form beibringt,
ift wohl mit Sicherheit als der Ausdruck einer pantheiftifchen
Gottesvorftellung zu betrachten; andere würden,
wie ich glaube, europäifchen Gelehrten eher als Beifpiele
für die fogen. henotheiftifche oder für eine mehr oder
weniger deutlich ausgeprägte monotheiftifche Gottesauffaffung
gelten: fo liefsen fich z. B., wenn ich nicht
irre, eine Reihe unferer fehönften Pfalmen mit dem gleichen
Recht für den pantlieisme materialiste des Herrn Verf.'s
in Anfpruch nehmen, wie die meiften der p. 100 ff. citirten
Verfe. Die von Herrn B. nicht behandelten Stellen
wären, wie es fcheint, auf Grund des von ihm nachge-
wiefenen Pantheismus der citirten Verfe zu interpretiren.

Wie weit die indifchen Gelehrten dem uns vorliegenden
Werke werden beiftimmen können, vermag ich natürlich
nicht zu beurtheilen; doch regt fich in mir ein leifer
Zweifel, ob fie fich für den vedifchen Allgott Vifva-
deva RV. 1,164 (nach der Zählung Langlois' 2, 3, 7),
den Sohn des Purusha (purlsJiin?) und der Prakriti (?)
V. 12 (p. 129) fonderlich erwärmen, oder etwa die Üeber-
ficht über die vedifche Literatur p. 87 ff. zureichend oder
auch nur correct finden werden. Wie dem aber auch
fei, — die europäifche Veda-Forfchung wird, wie ich
glaube, den Schlufsfolgerungen des Herrn Verf.'s eben-
fowenig wie feiner Methode zuftimmen können. Hoffen
wir, dafs ihm für den Beifall, der ihm hier verfagt bleiben
dürfte — ein Beifall, an dem ihm ja ohnehin nicht viel
liegen kann —, in anderen Kreifen reichlicher Erfatz zu
Theil werden möge. PYeunden einer Forfchung, die fich
von dem, was man in Europa wiffenfehaftliche Methode
nennt, möglichft frei hält, fei das Werk Herrn Bourquin's
auf das Wärmfte empfohlen.

Giefsen, den 29. Juli 1886. P. v. Bradke.

Kurzgefasster Kommentar zu den heiligen Schriften Alten und
Neuen Testamentes, fowie zu den Apokryphen. Unter
Mitwirkung von Burger, Kloftermann, Kübel etc. hrsg.
von Prof. Dr. Herrn. Strack und Konfift.-R. Prof.
Dr. Otto Zöekler. (In 12 Abtlgn.) B. Neues Tefta-
ment. 1. u. 2. Abtlg. Nördlingen, Beck, 1886. (gr. 8.)
M. 10. —

Inhalt: 1. Die Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas,
ausgelegt von Prof. Dr. C. F. Nösgen. (XIV, 423 S.) M. 5.50.
— 2. Das Evangelium nach Johannes und die Apoftelgefchichte,
erläutert von Profi". DD. Ernst Chr. Luthardt und Otto Zockler.
(VIII, 284 S.) M. 4.50.

Es ift ein glücklicher Gedanke, den die rührigen
Unternehmer in diefem umfaffend angelegten Werke zur
Ausführung bringen wollen. Eine kurzgefafste Erklärung
des Alten und neuen Teftamentes, wiffenfehaftlich
gehalten, und doch fo knapp, dafs ein Student fie wenigftens
zum gröfsten Theile wirklich durcharbeiten kann
— wer hätte das nicht fchon längft als ein Bedürfnifs
empfunden? Wenn ein folches Werk in zweckmäfsiger
Ausführung dargeboten würde, fo könnte es dem evan-
gclifchen Theologen ein treuer Führer nicht nur für feine
Studienzeit, fondern auch für die ganze Zeit feines amtlichen
Wirkens werden. Zu feiner Herftellung gehört