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Ausgabe:

1886 Nr. 22

Spalte:

517-519

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Walther, Fr.

Titel/Untertitel:

Der echte Wahrheitsbegriff. Ueber die Nothwendigkeit einer Erneuerung der Grundlage des wissenschaftlichen Erkennens 1886

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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517 Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 22. 5rS

letzte Differenz zwifchen ihnen und uns die i(t, dafs fie I letzteren feilhält und dabei doch einräumt, dafs man der

das Chriftenthum anders verliehen, als wir. Es ill in der
That nichts anderes, als letztlich die Hegel'fche VVelt-
anfchauung, welche ein Biedermann und Pfleiderer für
Chriftenthum ausgeben. Das wirkliche Chriftenthum bedeutet
eine Weltanfchauung, die fundamental entgegen

gegebenen Thatfächlichkeit der Dinge trotz aller An-
ftrengung nicht beikommen könne, fo gefleht man im
Grunde ein, dafs es keine Erkenntnifs giebt. — In diefer
verzweifelten Lage foll, wie auch der Verfaffer meint,
Kant gewefen fein. Um überhaupt eine Wahrheitsquelle

gefetzt veranlagt ift. Es ift fehr begreiflich, dafs jene zu haben, habe er zu dem von ihm felbft für unerreich-
Spätlinge der Romantik Eine Methode für Alles procla- j bar erklärten Ding an fleh feine Zuflucht genommen,
miren. Der All-Einheit des Seins entfpricht es natürlich, I Es ill wirklich ein Räthfel, wie ein vernünftiger Menfch
wenn Eine Art Realitäten zu conftatiren ftatuirt wird, auf folche Verirrungen kommen konnte. Diefer Aus-
Aber die Welt birgt qualitativ entgegengefetzte Arten i ruf ift allerdings bei jener Vorftellung von kantifcher
des Seins, das Sein der Perfonen und dasjenige der Philofophie, welche an Kuno Fifcher's Verdienfte erinnert,
Naturpotenzen. Für den perfönlichen oder fitt- I durchaus erklärlich. — Dem falfchen Wahrheitsbegriffe
liehen Geift erfcheint die Welt doppelt, als ein Reich gegenüber nimmt der Verfaffer Stellung in einem Satze,
des felbft nicht in die Welt verflochtenen Gottes und j der als kantifch gelten könnte, wenn der Ausdruck etwas
als ein Reich mechanifcher Gebilde, welch letzteres fleherer wäre. Er fagt nämlich, dafs in keinem Falle
doch von jenem Gotte fein Dafein hat, weil es das der Gegenltand die Erkenntnifs beltimmen darf, fondern
Mittel ift für den Zweck, in dem diefer Gott fein eher umgekehrt die Erkenntnifs den Gegenftand feft-
Wefen hat, ein Mittel, das gedacht werden kann als fetzen mufs. Aber indem er die Erzeugung des Gegen-
verfchwindend, wenn es feinen Dienft gethan. Vielleicht ] ftandes durch die Erkenntnifsthätigkeit darzuftellen fucht,
hätte Häring, der das Wefen des Chriltenthums in vor- geräth er auf eine Art des Philofophirens, welche aller-
trefflicher Weife exponirt und es vollkommen verftänd- ! dings der kantifchen möglichft unähnlich ift. Jeder un-
Kch macht, was es heifsen foll, wenn die Philofophie fererBegriffe, fagt er, iftRepräfentant einer unterem Be-
für unzureichend gegenüber der Aufgabe des theologi- wufstfein zur Verfügung flehenden Erkenntnifskraft und
fchen Beweifes erklärt wird, noch eine Aufgabe ernft- I läfst fleh in unferem Bewufstfein von der ihn erzeugenden
licher in's Auge faffen dürfen, als er gethan. Ich meine 1 Kraft nicht trennen. Je mehr wir uns mit einem Begriff
die Aufgabe, 1) aus dem Gottesbegriff felbft zu zeigen, J befchäftigen, defto mehr Erkenntnifskräfte ftellen wir in
warum er jeder Herleitung fpottet und nur aus einer i feinen Dienft, oder, was dasfelbe bedeutet, mit defto
that fächlichen Kundgebung Gottes heraus gewon- 1 mehr Begriffen bringen wir ihn in Zufammenhang und

nen werden konnte, wie er auch andererfeits immer
wieder hieraus allein für zu Recht beftehend, für Wahrheit
, erwiefen werden kann, 2) ausdrücklich die Punkte
feftzuftellen, die uns das Urtheil geftatten, dafs es keine
Illuflon, fondern einfache Conltatirung einer Wirklichkeit
ift, wenn wir gerade in der gcfchichtlichen Perfon Chrifti
unferen Gott zu erkennen behaupten. Doch die Rede

erhöhen damit die Bedeutung, die er im Haushalte unteres
Bewufstfeins einnimmt. Es ift aber klar, dafs es
nicht ganz der Willkür des einzelnen Subjects anheimgegeben
fein kann, in welcher Art und in welchem Mafs
es jeden einzelnen Begriff der Aufmerkfamkeit würdigen
will. Die Thätigkeit des Bewufstfeins ift vielmehr von
gewiffen, durch die verfchiedene Natur der einzelnen Betrat
des Trefflichen fo Vieles gebracht, fie ift vor Allem | griffe und der entfprechenden Erkenntnifskräfte feftge-
fo wefentlich geeignet, die PVage, die fle behandelt, j flehten unbewufsten Gefetzen und Bedingungen beklar
zu ftellen, fle erweckt unter diefem Gefichts- fchränkt. Das Mafs von Erkenntnifskräften, d.h. Be-
punkt fo zuverflehtliche Hoffnung auf Ueberzeugung der i griffen, welche uns im äufserften Fall für die Bearbeitung
Gegner mindeftens davon, dafs fie Unrecht gethan, in- i eines Einzelbegriffs zur Verfügung flehen, ift befchränkt
dem fie uns verdächtigten als ob wir den öden Stand- 1 durch den Umftand, dafs unfere fämmtlichen Erkenntnifs-
punkt der fterbenden Scholaftik erneuten, dafs ich zum kräfte bis zu einem gewiffen Grad Anfpruch auf Berück-
Schluffe ihm vielmehr nur danken möchte für feine mann- | fichtigung erheben. Damit ift das Merkmal der Wahrhaften
Auseinanderfctzungcn zu rechter Zeit und an heit gefunden. Wahr ift diejenige Erkenntnifs eines Berechtem
Orte. fffiffs, welche demfelben die bei richtiger Ordnung des

Gicfsen. F. Kattenbufch.

Walther, Stadtvik. Fr., Der echte Wahrheitsbegriff. Ueber
die Nothwendigkeit einer Erneuerung der Grundlage
des wiffenfehaftlichen Erkennens. Stuttgart,
Kohlhammer, 1886. (V, 62 S. 8.) M. 1. —

Diefes Schriftchen zeugt von einem ernften, auf die
höchften Probleme der Metaphyfik gerichteten Erkennt-
nifsftreben. Kann ich auch den Refultaten des Ver-
faffers nicht zuftimmen, fo bin ich ihm doch dankbar
für fein fehr felbftändiges und kräftiges Nachdenken
über die Sache. Der Inhalt ift folgender. Nach dem vulgären
Wahrheitsbegriff befteht die Wahrheit in derUeber-
einftimmung der Vorftellungen mit einer vom Bewufstfein
unabhängigen Welt der Gegenftände. Wenn man
anfängt, die Unmöglichkeiten diefes Begriffs zu ahnen,
fo pflegt man auf das Zugeftändnifs zu kommen, dafs
immer nur eine mit allerlei Hindernifsen ftreitende Annäherung
der Erkenntnifs an die Gegenftände möglich
fei. Aber offenbar kann dann die Entfcheidung über die
Wahrheit nicht mehr von den vermeintlichen Gegen-
ftänden abgeleitet werden. Denn was nicht Befltzthum

unterer Erkenntnifs ift, kann für diefelbe auch nicht I Realismus unferer Zeit"verurfacht habe, welcher jede

Bewufstfeins für ihn verfügbaren Erkenntnifskräfte durch
Ausfagen, deren Subject er bildet, unterordnet. Aus
diefem Grunde erheben wir Einfpruch gegen vermeintliche
Thatfachen, wenn es uns nicht gelingt, diefelben
in unferem Bewufstfein mit Anderem zufammenzureimen.
Aber wann ift die Ordnung unteres Bewufstfeins eine
richtige? Die Antwort darauf lautet: wenn die Erkenntnifskräfte
fo verwendet, oder die Begriffe fo miteinander
verbunden werden, dafs dadurch die Lebensfähigkeit
des Bewufstfeins verbürgt wird. Jede Bearbeitung
eines Begriffs, welche uns nicht zu Mifserfolgen in
der Verbindung der Begriffe und dadurch zu einer unbehaglichen
Störung in der Lebensthätigkeit des Bewufstfeins
führt, liefert wahre Erkenntnifs. Unerfchrocken
weift der Verfaffer felbft darauf hin, dafs in Folge deffen
die Wahrheit auf den verfchiedenen Entwickelungsltufen
der Individuen eine verfchiedene fein mufs. Sodann
wird von diefer Deutung der Erkenntnifs aus die zwingende
Gewalt der Thatfachen, die nothwendige Aner
kennung anderer in ihrem Bewufstfein uns ähnlicher
Wefen, die wefentliche Gleichheit des Weltbildes bei
den einzelnen Menfchen gefchickt erklärt. Schliefslich
macht der Verfaffer darauf aufmerkfam, dafs der falfche
Wahrheitsbegriff den gedankenlofen und barbarifchen

mafsgebend fein. Mit jenem Zugeftändnifs wird alfo der j höhere Erkenntnifsthätigkeit zu erfticken drohe, während
alte Wahrheitsbegriff felbft aufgelöft. Wenn man an dem I der von ihm gefundene Wahrheitsbegriff der jetzt ver-