Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1886 Nr. 22

Spalte:

515-517

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Häring, Theodor

Titel/Untertitel:

Die Theologie und der Vorwurf der ‚doppelten Wahrheit‘ 1886

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

515 Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 22. 516

Häring, Prof. Thdr., Die Theologie und der Vorwurf der
.doppelten Wahrheit'. Rede, zum Antritt des akademi-
fchen Lehramts an der Univerfität Zürich gehalten
am 1. Mai 1886. Zürich, Höhr, 1886. (31 S. gr. 8.)
M. —. 80.

Der Vorwurf der .doppelten Wahrheit' ift zur Zeit
innerhalb der Theologie ein folcher, der einer beftimm-
ten Richtung gilt. Es mag auf fich beruhen, wer ihn
zuerft Ritfehl und feinen Freunden gegenüber aufgebracht
hat. Bei einigen Theologen gehört er zum regel-
mäfsigen Inventar ihrer Polemik. Pfl'eiderer, aber auch
Andere, machen fich gar ein fpecielles Verdient! daraus,
immer wieder auf diefen ,wundeften Fleck' bei den
.Ritfchlianern' hinzuweifen. Sie würden natürlich Recht I
haben, wenn fich diefer Vorwurf bekräftigen liefse. Es
ift zwar wider den wiffenfehaftlichen Kampfesbrauch,
dafs man den Gegner menfehlich vernichten will.
Aber am Ende, wenn Ritfehl und feine Freunde fo ge-
finnungslos oder wiffenfehaftlich ftumpf wären, wie jener
Vorwurf ihnen nachfagt, und wenn fie gar weite Kreife
jüngerer Theologen demoralifirten, fo wäre ja wirklich
kein Mittel zu fcharf, um das Vertrauen zu zerftören,
mit dem doch immer noch neue, ja von Jahr zu Jahr I
mehr Schüler fich um fie fchaaren. Es ift ein gefchickter
Griff von Häring gewefen, dafs er feine akademifche
Antrittsrede über das Thema von der .doppelten Wahrheit
' gehalten hat. Er hat fich damit ein Intereffe für
feine Rede wohl unter allen Theologen der Gegenwart
gefichert. H. läfst uns auch über feinen Standpunkt
nicht im Zweifel. Doch redet er meift ohne namentliche ;
Bezeichnung feiner Gegner und vorfichtiger faft noch
in der Nennung feiner Freunde, beides, wie ich hinzuzufügen
nicht verfäume, in der unverkennbaren Abficht,
die Frage felbft um fo fachlicher entwickeln zu können.
Er geht von Ausführungen Zwingli's und zumal Luther's
aus, die zum Theil ausdrücklich eine .doppelte Wahrheit
' ftatuiren. Es kann etwas in der Philolophie falfch j
und in der Theologie doch wahr fein. Es kann etwas j
wider alle Vernunft und doch ein nothwendiges Element
des .Glaubens' fein. Aber .doppelte Wahrheit' ift keine
Wahrheit, fagt H. alsbald mit Recht. So macht er
darauf aufmerkfam, dafs Luther auch bei den craffeften
Formeln nichts anderes meint, als dafs es nicht einerlei
Methode der Beweisführung für alle Arten von Reali-
täten gebe. Wenn die Dinge qualitativ verfchieden find,
können felbftverftändlich auch nur verfchiedene Methoden
der Prüfung gelten. Die Dinge des chriftlichen
Glaubens, der Gott, den das Chriftenthum behauptet, fie
find keine Naturdinge, und die Methode, die natürliche 1
Dinge verliehen lehrt und auf Realität oder Illufion zu
prüfen geblattet, reicht an die Glaubensobjecte nicht
heran, fie kann fie nicht bewähren, aber fie kann fie
auch nicht widerlegen. Die Gotteserkenntnifs flammt
aus der Offenbarung, und der Glaube kann feinen
Beweis nur im Hinweis auf diefe erbringen. Auch mit
Bezug auf Paulus zeigt H., dafs er von der .Thorheit'
des Evangeliums, welches doch Glauben beanfprucht
und fich der Prüfung auf feine Beweislichkeit nicht entziehen
will, in keinem anderen Sinne rede. Es ift erft
die Zeit, da das Evangelium gar nicht mehr in feinem
eigentlichen Sinne verftanden wurde, weil die Kirche das
Wefentliche desfelben nach griechifchen Philofophemen
umgeprägt und dadurch feiner Art entkleidet hatte, wo
der Gedanke aufgebracht werden konnte, die chriftliche
Lehre fei überhaupt nicht beweisbar und fie fei doch für
,wahr' zu halten, wahr auch im Widerfpruche mit allen
Mitteln der Wahrheitserkenntnifs. Die Spätfcholaftik hat
diefen moralifch unerträglichen Standpunkt zu behaupten
verfucht. Aber es ift eben auch eine fcholaftifche
Schule, die auf ihn gerathen ift. Es gehört zur Scho-
laftik, dafs fie, welche die Philofophie wiedererweckt

hat, als Chriftenthum nur die katholifch-kirchliche Lehre
kennt, und daher keine Ahnung davon bekommen
konnte, dafs es fich im Chriftenthume um qualitativ
andere Gröfsen handele, als die der Philofophie zur
Prüfung unterftehen. Der Philofophie mufste freilich die
Undenkbarkeit des kirchlichen Dogma's einmal klar
werden. Diefes Dogma hatte mit ihren Mitteln feine
Begriffe gebildet, aber es hatte eben lediglich Räthfel-
begriffe auf diefe Weife fchaffen können. Stellte die
Philofophie diefes Letztere feft, fo begegnete fie der
Behauptung der Kirche, dafs das Dogma es fich freilich
gefallen laffe, von der Philofophie als Wahrheit bewie-
fen zu werden, dafs es ihr aber entzogen fei, wenn fie
es etwa beanftanden wolle. Denn dasfelbe unterllehe
einer göttlichen Autorität und fei unter allen Umftänden
richtig und wahr. Die Offenbarung trat hier in die
Stellung eines asylum ignorantiae, fo zwar, dafs fie als
letztlich unter keinem Gefichtspunkt prüf barer Factor hin-
geftellt wurde. Da find jene Conflicte entftanden, welche
den denkenden Theologen zwangen, entweder fich der
Kirche zu widerfetzen oder durch das verzweifelte, letztlich
unehrliche Mittel der Statuirung von zweierlei
Wahrheit auf demfelben Gebiete wenigftens eine
praktifche Verhöhnung zwifchen der Wiffenfchaft und der
Kirche pro homine zu fchaffen. Nachdem durch die
Reformation das Chriftenthum feinen wirklichen Sinn
wiederbekommen hat, ift es möglich, nunmehr zu begreifen
, dafs es ein ganz anderes Gebiet ift, auf dem
fich der Glaube bewegt, als die Philofophie. Dann aber
hat die Berufung auf das Factum einer gefchehenen
Offenbarung wider die Philofophie, die etwa dem Glauben
Mafs und Ziel fetzen will, auch nicht den Sinn,
eine uncontrolirbare Autorität, die der Philofophie auf
ihrem eigenen Gebiete fpotten darf, in das geiftige Leben
einzuführen, fondern nur den, zu conftatiren, dafs dem
qualitativ eigenartigen Complexe von Realitäten, die der
Glaube kenne, auch eine qualitativ eigenartige Erkennt-
nifsweife zur Seite gehe. Ks fcheint nicht fchwer zu begreifen
zu fein, dafs es ein toto coelo anderer Gefichtspunkt
ift, als den die nominaliftifche Schule befolgte, wenn wir
in diefem Sinne behaupten, dafs die Philofophie die
Wahrheit des Chriftenthums nicht zu bewähren vermöge,
und dafs die Wahrheit desfelben uns doch feftftehe,
weil die Offenbarung auch ein Erkenntnifsfactor fei.
Wenn es nicht .doppelte Wahrheit' ift, dafs, was mit
den Mitteln der Chemie bewiefen werden könne, noch
nicht dem präjudicire, was auf dem Gebiete der Phyfik
gelte und als Realität anerkannt werden könne und
müffe, fo ift es auch nicht ,doppelte Wahrheit', dafs,
was die Philofophie beweife oder beanftande, nicht ent-
fcheidend fei für das, was der religiöfe Glaube als Realität
feilhalte. Es kommt darauf an, was man als den
Inhalt des religiöfen Glaubens fich vergegenwärtigt, um
die Philofophie, die Metaphyfik, als Hort des Glaubens
fich vorzuftellen oder aber zu urtheilen, dafs fie die im
Chriftenthume vorausgefetzten Realitäten nicht berühre.
Die Realitäten, die das Chriftenthum annimmt, find das
Dafein eines perfönlichen ewigen Gottes, der überweltliches
Sein hat, die Welt erfchaffen hat und fie leitet
auf den einen beftimmten Zweck, ein Reich pei-fönlicher
Geifter, die mit ihm und untereinander durch das Gefetz
der Liebe vereint feien, daraus zu gewinnen und
in Ewigkeit bei fich zu erhalten, das find die Realitäten
der Sünde und der Schuld der Menfchheit, und des Erbarmens
des heiligen Gottes, der der Sünde freilich mit
unerbittlicher Strenge gegenüberfteht und doch den Sünder
I noch liebt. Diefe Realitäten vermag keine Philofophie,
keine Metaphyfik, zu ergründen und fie find dennoch verbürgt
in der Offenbarung Gottes in der gefchichtlichen
I Perfon JefuChrifti, deren Eigenart freilich nur dem fittlichen
| Verftändnifse fich enthüllt. Häring fagt den Gegnern unfe-
I rer Art, die Wahrheit des Chriftenthums zu bewähren, die
1 er auch als die feine vorführt, ganz mit Recht, dafs die