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Ausgabe:

1886 Nr. 22

Spalte:

512-514

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Christ, Paul

Titel/Untertitel:

Die Lehre vom Gebet nach dem Neuen Testament. Ein Beitrag zur Kenntniss und Würdigung des ursprünglichen Christenthums 1886

Rezensent:

Weiß, Bernhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 22.

512

Ekeb § 874 überlieferten Grenzbeftimmungen des heiligen
Landes in methodifcher Weife zufammengeftellt
und für die wiffenfchaftliche Paläftinaforfchung mit Zuhilfenahme
fämmtlicher heute zu Gebote flehenden Hilfsmittel
verwerthet. Vor allem ift rühmend hervorzuheben,
dafs der Verfaffer in der Einleitung uns einen klaren
Einblick in die Befchaffenheit und das gegenfeitige Ver-
hältnifs der Schriften, in welchen fich jene Grenzlifte
findet, verfchafft; vgl. befonders auch die p. XI beigefügte
Tabelle. Das Refultat der Unterfuchung befleht
kurz gefagt darin, dafs Jerufchalmi unmittelbar aus
Tofephta gefloffen, Sifre dagegen unabhängig davon aufgezeichnet
ift fp. XIV); von den für die Tofephtalifte
verwendeten Codices enthält der Vindobonenfis die
vollftändigere und urfprünglichere Relation; auch ift in
demfelben die Reihenfolge der Ortslifte zum beften erhalten
. Was die Zeit betrifft, welche die Schilderung
vor Augen hat, fo kommt Hildesheimer (p. XIX) zu dem
Schluffe, dafs die Urkunde fich auf die Glanzzeit der
Hasmonäer-Herrfchaft beziehe. Damit ift nicht aus-
gefchloffen, dafs der Verfaffer der Lifte auch auf die Ver-
hältnifse früherer Jahrhunderte Rückficht nimmt.

An die Befprechung der einzelnen oft fehr entftellten
Namen ift Hildesheimer mit philologifchem Takt und vor
Allem mit umfaffender Kenntnifs der geographifchen
Literatur, nicht blofs der jüdifchen, fondern felbft der
mittelalterlichen, herangetreten. Bis jetzt hatten fich in
den Bearbeitungen der Grenzlifte oft blofs vage Vermuthungen
, bei denen namentlich auch die überlieferte
Reihenfolge der Ortfchaften nicht genügend berückfich-
tigt wurde, breit gemacht und zwar meift ohne Verwer-
thung der femitifchen Lautgefetze. Freilich ift es auch
Hildesheimer, wie er mit anerkennenswerther Befcheiden-
heit felbft eingefteht, nicht gelungen, den richtigen Text
in allen Fällen feftzuftellen, alle Orte entgiltig zu identi-
ficiren; immerhin ift, befonders auch mit Hilfe des eng-
lifchen Survey manches Räthfel gelöft und das ungefähre
Ziehen der Grenzlinie, wie fie jene Schriftfteller im Auge
hatten, ermöglicht worden (vgl. p. 79). Von Askalon
aus läuft die Grenze nordwärts; freilich bietet gleich der
zweite Name mit feinen Varianten grofse Schwierigkeiten.
Im Princip damit einverftanden, dafs höchft wahrfchein-
lich Caefarea gemeint fei, möchten wir beinahe vermuthen,
dafs Hildesheimer bei der Erklärung der von ihm reci-
pirten Lesart TO bTO allzu viel Gelehriamkeit aufgewendet
habe und dafs blofs eine ftarke Corruption aus
,migdat Straten' vorliege.

Als gelungene ldentificationen möchten wir die von
Nr. V pnyj = ,G'eäthün'; VIII SiiT. rTO = darbet
Wenitha'; IX, 1 «b^SH sno»p = darbet Gelil, X xrrTJ>
= ,''AUhof; XI(TD = Küra; XV TtT = , Yäthir1; XVIII
nWlS = ,Beraschith' bezeichnen; intereffant war uns,
dafs Hildesheimer mit anderen mp (XXVIII) nicht in
dem heutigen Kanawät der Hawiän findet. Viel Wahr-
fcheinlichkeit haben die Gleichungen VII fcttTt33 = el-
Kabire; XII ivya = ,Kureiyeh'; XVII ISO = ,Mesa-
phar' und felbft XX KMO bl? = Jlahhiye1. Etwas kühner
, doch anfprechend wird XIII rrasn mit Tibnin
zufammengeftellt; auch XXI DblSt = 'Altndn, XXII
min blStt = Clierbe (deren es ja maffenhaft gicbt),
XXIV SC13 = Chirbet Mere, XXV mpT = Ch. Turritha
unterliegen Bedenken. Allzu gewagt erfcheinen mir die
Vermuthungen über XIV StfiSOO, und XXXIII anbü
ifcdin = Taeser; auf letztere Gleichfetzung wird p. 64
zu beftimmt gebaut. Mit XVI und XXVI ift nichts anzufangen
. Ich verfage mir, auf einzelnes Sprachliche näher
einzugehen, nur fei bemerkt, dafs für eine Erklärung von
xminh, was eine ,Höhlenbildung' bezeichnen foll, die
Berufung auf das Verbum "im = durchbohren (p. 26,
Anm. 188) mehr als gewagt ift.

Der Arbeit ift ein brauchbarer Index beigegeben.

Wir fchliefsen mit dem Wunfeh, dem Verf. auf dem Gebiete
der Paläftinakunde noch öfter zu begegnen.

Bafel. A. So ein.

Christ, Paul, Die Lehre vom Gebet nach dem Neuen Testament
. Ein Beitrag zur Kenntnifs und Würdigung des
urfprünglichen Chriftenthums. Von der Haager Gefell-
fchaft zur Vertheidigung der chriftlichen Religion gekrönte
Preisfchrift. Leiden, Brill, 1886. (III, 198 S. gr.8.)
M. 3. —

Wenn man fich erinnert, dafs die Haager Gefellfchaft
zur Vertheidigung der chriftlichen Religion kürzlich das
Buch von Lic. A. Schlatter über den Glauben mit ihrem
Preife gekrönt hat und nun obige gekrönte Preisfchrift
lieft, fo wird man geftehen müffen, dafs jene Gefellfchaft
ihr Urtheil nicht von der theologifchen Richtung der
eingefandten Arbeiten abhängig macht. Denn der Verf.
diefer Schrift ift in hiftorifch-kritifcher Beziehung ein aus-
gefprochener Schüler Volkmar's, in dogmatifcher Bieder-
mann's, in praktifch-religiöfer Lang's. Wenn er die Lehre
vom Gebet nach dem N. T. darftellt, d. h. für ihn nach
den zufällig in den Kanon aufgenommenen chriftlichen
Schriften aus der zweiten Hälfte des erften und der erften
des zweiten Jahrh.'s, fo thut er das nicht mit der Abficht
, dafs die Anfchauungen diefer Schriften über das
Gebet und die Gebetspraxis jener Zeit uns ,Kindern des
19. Jahrh.'s' normgebend fein füllten, verwirft diefen Gedanken
vielmehr fchlechtweg als knechtifche Bibliolatrie
(vgl. bef. p. 92). Er will einen ,Beitrag zur Kenntnifs
und Würdigung des urfprünglichen Chriftenthums' geben,
und kommt daher im Schlufscapitel zu dem Refultat,
dafs auch auf dem Gebiete des Gebetslebens, worin doch
das religiöfe Leben feinen unmittelbarften Ausdruck findet,
,in dem urfprünglichen Chriftenthum des N. T.'s ein vergängliches
, menfehlich unvollkommenes Element enthalten
fei, das lediglich der Anfchauungsweife jener Zeit
und Gefellfchaft, ihrem da und dort eben irrigen und
eingefchränkteren Denken und Empfinden angehört und
für fpätere Zeiten nicht mafsgebend und muftergiltig ift,
vielmehr als harte, ungeniefsbare Schale von dem Kern
des urfprünglichen Chriftenthums getrennt werden darf
und mufs' (p. 195). Er will aber nicht nur vor .vergötternder
Ueberfchätzung' desfelben warnen, fondern
auch vor ,unbilliger Unterfchätzung', indem er zeigt, dafs
wir dort noch immer in die Schule gehen müffen, um
das Leben in und aus Gott von Grund aus zu lernen.
Er hat alfo eine apologetifchc Abficht; er will, indem
er die Gebetstheorie und -Praxis des N. T.'s an dem,
was ,unfere Zeit, foweit fie chriftlich ift' verwirft und
empfiehlt (vgl. p. 92), prüft, zeigen, dafs wir uns an den
,Schwächen und Unvollkommenheiten des urfprünglichen
Chriftenthums' nicht ftofsen und durch die ,in der Jugend
angelernte Ueberfchätzung nicht zur gänzlichen Geringfehätzung
und Verwerfung desfelben' verleiten laffen
follen. Er wird alfo ebenfo ein Intereffe daran haben,
die Grundanfchauungen des modernen Chriftenthums, wie
er es vertritt, im N. T. nachzuweifen, wie die Anhaltpunkte
, welche die ,orthodox-pietiftifche' Richtung, die
uberall als der einzige Gegenfatz davon erfcheint und
oft mit den grellften Zügen gezeichnet wird, im N. T.
finden könnte, als die von uns zu überwindenden Schwächen
des urfprünglichen Chriftenthums fcharf zu charak-
terifiren. Unfere Aufgabe kann nicht fein, uns mit diefem
Standpunkt auseinanderzufetzen, der ohnehin mit einer
keiner Discuffion bedürftigen Selbftgewifsheit hier auftritt
, fondern nur eine Anfchauung davon zu geben, wie
fich von diefem Standpunkt aus die NTliche Lehre vom
Gebet darftellt.

Das erfte Capitel, welches den Gegenftand der
NTlichen Anbetung behandelt, dreht fich natürlich vor-
zugsweife um die Frage der Anbetung Chrifti. Zunächft