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Ausgabe:

1886 Nr. 16

Spalte:

367-374

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlatter, Adolf

Titel/Untertitel:

Der Glaube im Neuen Testament 1886

Rezensent:

Grafe, Eduard

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 16.

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fchung und Quellenkritik neuerer Gefchichtsfchreiber'
befitzen läfst.

Auf die Befprechung einer fehr grofsen Zahl von
Einzelheiten, die wir uns zu diefem Behufe notirt hatten,
müffen wir verzichten. Auf 1137 Seiten mit endlofem
gefchichtlichen Detail war natürlich viel Anlafs zu Mifs-
verftändnifsen und Irrthümern gegeben. Umfomehr dürfte
der Rath gerechtfertigt fein, dafs eine eventuelle zweite
Auflage der Revifion eines befonders philologifch ge-
fchulten Mannes unterzogen werde, damit Dinge, wie die
Einführung des jetzigen hebr. Alphabets durch Esra
(S. 24), die ,Hebräerbriefe' (S. 283), die aus fechs ver-
fchiedenen griech. Bibelüberfetzungen beftehende Hexapla
(S. 301), die Angabe über die arabifche Dichtkunft (S.
398), der angebliche Gegenfatz des Abulwalid gegen
Chajjug (S. 458 f.), die Herleitung der Inquifltion von der
Judenverfolgung 1391 (S. 799) und manche andere fortan
verfchwinden, vielleicht auch die Behauptung S. 112,
dafs die Reden Jefaja's ,faft fämmtlich mit gluthvollen
Vifionen jener glücklichen Zeit allgemeiner Menfchcn-
verbrüderung enden'. Die nicht ganz feltenen Phrafen
von ähnlicher Kräftigkeit gehören zum Glück mehr den
Citaten (z. B. S. 155!), als der eigenen Darftellung des
Verf.'s an (vgl. allerdings auch S. 234: ,die Keimkraft
der Liebe, die allein das Zeichen poetifcher Empfäng-
nifs ift').

Doch es wäre ungerecht, wollte Referent nicht zum
Schlufs trotz allen diefen Ausstellungen nochmals bezeugen
, dafs er doch auch fehr umfängliche Partien des
gefammten Werkes zu feiner Belehrung und mit wirklichem
Vergnügen an der frifchen und angemeffenen
Darftellung gelefen hat.

Tübingen. E. Kautzfeh.

Schlatter, Doz. Lic. A., Der Glaube im Neuen Testament.

Eine Unterfuchung zur neuteftamentlichen Theologie.
Eine von der Haager Gefellfchaft zur Vertheidigung
der christlichen Religion gekrönte Preisfchrift. Leiden,
Brill, 1885. (V, 591 S. gr. 8.) M. 9. —

Es läfst fleh die auffallende und kaum glaubliche
Thatfache auf dem Gebiete der theologifchen Literatur
nicht leugnen, dafs eine gründliche, den Anforderungen
strenger Wiffenfchaft auch nur einigermafsen genügende
fprach- und religionsgefchichtliche Unterfuchung des
Grundbegriffes jeder Religion wie insbefondere des
Christenthums, des Begriffes .Glauben' bis in unfere
Tage hinein fehlt. Mit grofser Freude ift darum jeder
ernste Verfuch, diefe Lücke auszufüllen, zu begrüfsen.
Als ein folcher darf die Arbeit von Schlatter bezeichnet
werden, welche auch von der Haager Gefellfchaft
des Preifes für würdig erachtet worden ift. — Der Verf.
fpricht fleh zunächst in einleitenden Bemerkungen (S. 1
bis lO) darüber aus, wie und von welchem Standpunkte
aus er feine Aufgabe auffafst, und mit welchen Mitteln
er fie zu löfen unternimmt. In diefer Richtung fei vor
der Hand nur erwähnt, dafs ihm ,die gefchichtliche Unterfuchung
, wie und wodurch das Wort Glaube zu feiner
machtvollen Stellung im geistigen Leben der Menfchheit
kam', der einzig richtige Weg zu fein fcheint, um den
Begriff des Glaubens zu erfaffen. Im N. T. aber laffe
fichWefen und Werth des Glaubens am besten erkennen.
Um jedoch darlegen zu können, was das N. T. Gl. nennt,
dürfe man fleh bei der Unterfuchung nicht auf die
Schriften des N .T's. befchränken, fondern müffe vorher
feststellen, wie fleh Wort und Begriff Gl. in der Zeit vor
Gründung der christlichen Gemeinde in der Synagoge
und im Griechenthum gestaltet haben, da ,kein einziger
neuteftamentlicher Begriff ohne Vorbildung in der Theologie
der Synagoge' fei. Im N. T. felbft laffe fleh dann
fehr bestimmt die Lehrthätigkeit Jefu von der der Apostel
fcheiden. Bei letzterer aber fei ebenfo das Gemeingut

der Gefammtgemeinde in's Auge zu faffen, wie die individuelle
Befonderheit der einzelnen apoftolifchen Männer.
— Diefen Grundfätzen gemäfs wird im I. Haupttheil der
Gl. vor Jefus erörtert und zwar c. 1 der Gl. in der pa-
läftinenfifchen Synagoge (S. 11 — 54), c. 2 der Gl. bei
den Griechen und in der griechifchen Synagoge (S. 55
bis 105). In beiden c. c. hält Schlatte r eine eingehende
umfaffende Erforfchung des fprachlichen Materials für
um fo nothwendiger, als die Vorarbeiten hier noch fehr
mangelhafte feien. So werde z. B. viel zu fehr der
Sprachwechfel ignorirt, der fleh auf paläftinenflfchem
Boden vollzogen habe. Ausführlich wird darum auch
c. 1 der Einflufs des Aramäifchen auf den Wechfel der
Begriffe und Ausdrücke nachgewiefen, während c. 2 vor
Allem der Sprachgebrauch des Philo neben dem des
Polybius gründlich erörtert wird. Kürzer werden die LXX
und Jofephus erledigt. Als Grundbegriff tritt bei der
vielfeitigen Anwendung der Worte der des Fest- und Ge-
bundenfeins heraus. Im Einzelnen fei aus diefen Ausführungen
noch hervorgehoben, wie auch der Gl. in der
Synagoge unter den Gesichtspunkt eines verdienstlichen
Werkes tritt. Auch im Gl. verhält fleh der Menfch Gott
gegenüber leistend. — Im II. Haupttheil wird ,der Gl. in
den Worten Jefu dargelegt'. Und zwar befpricht c. 3
zunächst Johannes den Täufer (S. 106—HO). Aus deffen
eigentümlicher Aufgabe, die darin bestand, das Volk
zur Umkehr zu ermahnen, damit ,der Christus die Gemeinde
aufnehmen' konnte, ergiebt fleh, warum bei ihm
der Gl. hinter der Bufse zurücktritt. Als ein Hauptbegriff
erfcheint der Gl. erft in den Worten Jefu felbft, die
c. 4 nach der Darstellung der Synoptiker erörtert (S. Iii
bis 164). Hier kommen der Reihe nach ausführlich der
Sprachgebrauch — fpeciell fei hier auf S. 120 f. über
otfinv verwiefen — fodann Wefen und Wirkung des GL,
in Verbindung damit die verfchiedenen Gebiete und Beziehungen
, endlich Entstehung, Hindernifse und Ziel des
; Gl. zur Sprache. Befonders fucht der Verf. auch das
| Verhältnifs des GL, der als die volle ungebrochene Zuverficht
zu Gott bezeichnet werden kann, zur Bufse und
Liebe in's Licht zu stellen. — C. 5 fchildert den Gl. im
4. Ev. (S. 163—208). Der Sprachgebrauch ist in demfelben
überaus einfach — niaziq, <x7iioz£iv auioziu dltydniazog
oXiyoTTiazLit fehlen fämmtlich im 4. Ev. — und hält fleh
vollftändig auf der Stufe des Aramäifchen. Ebenfo einfach
fafst Joh. den Gl. in feiner inneren Gestalt: er ist
im Wefentlichen Anerkennung Jefu in feinem meffiani-
fchen Beruf. Im Unterfchiede von den Synoptikern wird
hier der Gl. weniger auf Einzelnes, wie die Bitte in einer
bestimmten Noth, bezogen, fondern er ist als ein bleibendes
umfaffendes Verhältnifs zu Jefu gedacht. Keineswegs
aber erhält hierdurch der Gl. einen abftracten Charakter,
fondern wird wie bei den Synoptikern als actuelles inneres
Erlebnifs gedacht. Aus concreten Eindrücken und
l Wahrnehmungen erwächft die Anerkennung der Meffia-
nität Jefu als That des Glaubens. Und felbft bei den
Jüngern besteht der Gl. nicht ohne Unterbrechung fort
und entwickelt fleh von Stufe zu Stufe. Ebenfo tritt
das Nichtglauben in verfchiedener Form und Abstufung
auf. Auch hier wie bei den Synoptikern wird ausführlich
erörtert, wie der Gl. zu Stande kommt, welche Hindernifse
fleh ihm in den Weg stellen, ferner wie er fleh zur
Erkenntnifs und Liebe verhält. Endlich wird die Bedeutung
des Gl. für den Empfang des Geistes hervorgehoben
.

C. 6 bringt eine Zufammenftellung der beiden evange-
lifchen Berichte (S. 209—232). Neben der wefentlichen
Einheit beider Darstellungen wird eine grofse Differenz
conftatirt, und diefelbe daraus erklärt, dafs nach der
I fynoptifchen Zeichnung Christus fein Wort .verhülle',
während fleh der .enthüllte' Chriftus bei Joh. finde.

Im III. Haupttheil gelangt der Verf. zu der neuen
Gemeinde der Glaubenden und befpricht zunächst c. 7
die Glaubensftcllung der apoftolifchen Gemeinde (S. 233