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Ausgabe:

1886 Nr. 1

Spalte:

355-356

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wiener, Wilh.

Titel/Untertitel:

Das Gebet 1886

Rezensent:

Hartung, Bruno

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 15.

was fonft unter diefem Titel verhandelt wird, trotz des
ziemlichen Umfangs mit wefentlicher Befchränkung auf
das theologifche Gebiet und wohlthuender Zurückhaltung
gegenüber den verwandten naturwiffenfchaftlichen Fragen
. Wir finden auch das Bewufstfein ausgefprochen,
dafs es fich hier nicht um fpecififch katholifche Dinge,
fondern um einen gemeinfamen Befitzftand dergefammten
Chriftenheit handelt. Mit Ausnahme eines gelegentlichen
Urtheils über die ,unfelige' Reformation, fowie der Erörterungen
über das zwiefache Gottesebenbild im Men-
fchen, und über die Frage des Generatianismus und
Creatianismus, in welchen er fich nur gewunden zu
Gunften des letzteren ausfpricht, merkt man fachlich
kaum, welcher Confeffion der Verf. angehört. Um fo
feltfamer aber erfcheint einem Jeden, der an proteftan-
tifche Wiffenfchaft gewöhnt ift, die durchweg fcholaftifche
Methode. Nach recht äufserlicher, ungefchichtlicher Behandlung
der Beweisftellen aus der Schrift — Elohim
in der Schöpfungsgefchichte ift, Gott der Sohn, u. a. —
wird zum Traditionsbeweis fortgefchritten. Die Autoritäten
werden gegen einander abgewogen, wobei ein
wenig häretifche Väter z. B. Origenes bei Seite geftellt
werden. Ueberall wird nachgeforfcht, ob fchon eine
Entfcheidung der Kirche vorliege. Wie eigenthümlich,
wenn zum Erweis, dafs die Kirche die Weltfchöpfung
durch den dreieinigen Gott lehre, ein Kanon des vierten
Lateranconcils angeführt wird! Es wird bedenklich gefragt
, wie denn z. B. Auguftin dazu gekommen fei, im
Traducianismus nicht orthodox zu lehren, und Verf. findet
fich dadurch ebenfalls berechtigt, einige Bedenken nicht
zu unterdrücken. Und doch hätte Verf. diefer äufseren
Hilfsmittel für feine Anficht meift nicht bedurft, denn
gerade, wo er felbftändig argumentirt, find die beften
Abfchnitte der Schrift. Es ftünde beffer um die katholifche
Theologie und um ihr Verhältnifs zu uns, wenn
fie überall von folcher Milde und von folchem Streben
nach Wahrheit, wo fie immer zu finden ift, durchdrungen
wäre.

Leipzig. Härtung.

Wiener, Wilh., Das Gebet. Hiftorifch, dogmatifch, ethifch,
liturgifch und paftoral-theologifch betrachtet. Gotha,
F. A. Perthes, 1885. (XII, 188 S. gr. 8.) M. 3 —

Nach den 5 Hauptgefichtspunkten, welche im Titel
angegeben find, ift in vorliegender Schrift das Gebet
gefchildert. Darin liegt die Veranlaffung, darin auch die
eigenthümliche Berechtigung derfelben. Denn der Verf.
hat Recht, auch meines Erinnerns haben wir eine derartige
Zufammenfaffung alles zur Lehre und Praxis des
Gebetes Gehörigen nicht, befonders nicht in fo evange-
lifcher, nüchterner, und aus der Tiefe fchöpfenden Weife,
welche ebenfo dem Intereffe des Glaubens, wie dem der
Wiffenfchaft gerecht zu werden fucht. In den g e fc h i c h t-
lichen Theil ift die Schrift alten und neuen Teftaments
mit aufgenommen, doch wäre beffer dafür ein befonde-
rer Abfchnitt genommen worden, denn es ift felbftver-
ftändlich, dafs das hier Behandelte weit über das nur ge-
fchichtliche Intereffe geht. Der Verf. felbft mufs fich
in den fpäteren Theilen feiner Schrift oft in ganz anderem
, als dem gefchichtlichen Sinn darauf beziehen. In
d ogmati fch er Hinficht war eingehender die Erhörung
des Gebetes zu fchildern und zwar befonders
in dem Sinne, dafs, wie das Gebet felbft, fo auch die
Erhörung wefentlich Sache des Glaubens ift. Kaum je
läfst fich eine Gebetserhörung fo handgreiflich als folche
beweifen, dafs jede fog. natürliche Erklärung ausge-
fchloffen wäre. In unzähligen Fällen ift der Chrift der
Erhörung auch im Bitten für irdifche Dinge gewifs,
wo die äufseren Urfachen des Gefchehens offen da liegen.
Auch hätte die Fürbitte, deren ethifche Bedeutung
gar nicht überfchätzt werden kann, fchon hier mehr als
vorübergehend erwähnt werden follen. Denn der ethi-

fche Werth fchwebt in der Luft, fobald nicht die Wirk-
famkeit der Fürbitte erkannt ift. Mit Recht wird auf
die tiefe ethifche Seite des Gebetslebens hingewiefen,
welche nicht nur in der Erfüllung einer fogen. ,Pflicht
gegen Gott' befteht. Sondern das gefammte innere Leben
nach allen feinen Aufgaben und Beziehungen wird
erft in die rechte Höhe erhoben, wenn es von Gebets*
ftimmung erfüllt ift. Vortrefflich ift das im 4. Abfchnitt
über den Ton der Gebete, befonders auch der freien
Gebete Gefagte. Was mufs da der liebe Gott oft
anhören, Monologe und fentimentale Ergüffe, die Ausdruck
des Gemeindeglaubens fein follen, Abhandlungen,
die nur durch eine Anrede oder ein häufig wiederkehrendes
,Ach' und ,0' fich als Gebete kenntlich machen!
Kaum in irgend einem Stücke können wir mehr von
unferen Vätern lernen, fowohl indem wir die von ihnen
überlieferten Gebete uns liturgifch aneignen, als indem
wir bei ihnen in die Schule des freien Gebetes gehen.
Für die zuletzt gegebenen pafto ral-the olog ifch en
Winke werden zumal junge Geiftliche dankbar fein können
. Aber die Schrift ift nicht nur für Paftoren, fondern
nach ihrem ganzen Charakter für weitere gebildete
Kreife beftimmt. Möchte es recht viele derartige Monographien
geben über praktifch fo hochwichtige, aber in
der Theorie mancherlei Schwierigkeiten enthaltende Ge-
genftände, wie das Gebet es ift.

Leipzig. Härtung.

Bibliographie

von Cuftos Dr. Johannes Müller,

Berlin W., Opernplatz, Königl. Bibliothek.

IDeutfcfce ftiteratur.

Mühe, E., Biblifche Denkwürdigkeiten. 2. Aufl. Leipzig, Böhme, 1886.

(VI, 172 S. 8.) 1. 60; cart. i. 80; geb. 2. 50

— dasfelbe. Neue Folge. Ebd. 1886. (IV, 180 S. 8.) I. 60; cart. I. 80;

geb. 2. 50

Schulze, Hat Jefus Gefchwifter gehabt od. nicht? Eine unbefangene Er-
örterg. aus den zugängl. Urkunden. 2. Aufl. Dresden, Dieckmann,
1886. (14 S. gr. 8.) — 40

Kommentar, kurzgefafster, zu den heiligen Schriften Alten u. Neuen Te-
ftamentes, fowie zu den Apokryphen. Unter Mitwirkg. v. Burger,
Kloftermann, Kübel etc. hrsg. v. Herrn. Strack u. Otto Zöckler. (In
12 Abtlgn.) B. Neues Teflament. 1. Abtig.: Die Evangelien nach
Matthäus, Markus u. Lukas, ausgelegt v. C. F. Nösgen. Nördlingen,
Beck, 1886. (XIV, 423 S. gr. 8.) 5. 5°

Schulze, M. H., Evangelientafel als eine überfichtliche Darftellung des
gelöften Problems der fynoptifchen Evangelien in ihrem Verwandt-
fchaftsverhältnis zu einander verbunden mit geeigneter Berückfich-
tigung des Evangeliums Johannes zum Selbfludium für die academ.
Jugend u. zur Unterlage für Vorlefungen wie für Forfchungen. 2. mit
neuen Nachweifen verm. fonft im Context unveränd. Aufl. Dresden,
A. Dieckmann, 1886. (LXIV, 239 S. 4.) 4. —

Kottek, IL, Das 6. Buch d. Bellum Judaicum, nach der v. Ceriani
photographifch edirten Pefchitta-Handfchrift überf. u. kritifch bearb.
Berlin, Rofenftein & Hildesheimer, 1886. (45 u. 30 S. gr. 8.) 3. —

Schmid, B., Grundlinien der Patrologie. 2., verm. Aufl. Freiburg i/Br.,
Herder, 1886. (XI, 155 S. 8.) I- 60

Arnold, K. F., Quaeslionum de composilione et fontibus Barnabae
epistolae capita nonnulla. Dissertatio inauguralis theologica. Königsberg
, [Gräfe & Unzer], 1886. (32 S. gr. 8.) 1. —

C. Vettii Aquilin! luvend Libri evangeliorum tili. Ad fidem codicum
antiquissimorum recognovit C. Marold. Lipsiat, B. G. Teubner,
1886. {KVIII, 119 p. 8.) I. 80

Berliner, A., Lehrgedicht üb. die Accente der biblifchen Bücher n"^K
nebft Commentar v. Jof. b. Kalonymus (in der 2. Hälfte d. 13. Säcu-
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Heidenhain, Arth., Die Unionspolitik Landgraf Philipps d. Grofs-
müthigen v. Ileffen u. die Unterftützg. der Hugenotten im erften
Religionskrieg. Breslau, Koebner, 1886. (III, 122 S. gr. 8.) 3. —

Rintelen, V., Die kirchenpolitifchen Gefetze Preufsens u. d. Deutfchen
Reichs in ihrer Geftaltung nach dem Abänderungsgefetz vom 21. Mai
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cart. 1. —

Höinghaus, EU, Die kirchenpolitifchen Gefetze in ihrer jetzigen Gültigkeit
. [1871—1886.] Mit dem neuen Gefetz v. 1886. Hrsg. u. erläutert
durch die amtl. Materialien der Gefetzgebg. Berlin, Hempel,
1886. (128 S. gr. 8.) 1. 50

Koch, R, Die Abendmahlslehre der ref. Kirche nach ihrer Entwickelung
u. fchriftmäfsigen Begründung. Vortrag etc. Barmen, Exped. d. Re-
formirten Schriftenvereins, 1886. (38 S. gr. 8.) — 40