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Ausgabe:

1886 Nr. 14

Spalte:

319-326

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Batiffol, Pierre

Titel/Untertitel:

L‘épître de Théonas à Lucien 1886

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 14.

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mühungen um den Text des Briefes zu begrüfsen :
(S. 185-194).

Einen ganz eigenthümlichen Weg zur Löfung der
ignatianifchen Frage hat Völter empfohlen, leider in j
kürzefter Ausführung, die daher ein Urtheil darüber nicht I
zuläfst, wie der Verf. den hoffentlich auch von ihm be- !
merkten zahlreichen Schwierigkeiten feiner Hypothefe
zu entfliehen gedenkt. Sechs Briefe follen echt fein, d. h.
von einem fpäteren Ignatius von Antiochien, der mit
dem für eine hiftorifche Perfon zu haltenden Bifchof
unter Trajan nichts zu thun habe und auch nicht Bifchof
gewefen fei, um 150 gefchrieben fein. Gefälfcht fei dagegen
der Römerbrief. Renan hat es bekanntlich umgekehrt
verfucht: der Römerbrief ift echt, die übrigen
find gefälfcht. Hätte Ref. fich zwifchen diefen beiden
Hypothefen zu entfcheiden, er würde unbedingt der Re-
nan'fchen den Vorzug geben. Ein Bifchof Ignatius von j
Antiochien unter Trajan, ein Laie Ignatius aus Antiochien
unter Antoninus Pius, ein Pfeudoignatius einige !
Jahre fpäter — das Alles wird uns auf wenigen Sei- !
ten gefchenkt. Die Hypothefe Völter's ift als eine recht i
fchlecht begründete Conjectur vorgelegt, die aber !
durch genaue Prüfung mehr verliert als gewinnt. Zu-
dem legen die fkizzenhaften Ausführungen des Ver-
faffers nicht Zeugnifs dafür ab, dafs er die ganze Frage
pünktlich und genau erwogen hat; fonft würde er auf
die Möglichkeit zwei Ignatius' und dazu noch einen
Pfeudoignatius im 2. Jahrhundert zu flatuiren nicht verfallen
fein, er würde den thörichten Malalas bei Seite
gelaffen, er würde nicht mit Sicherheit von einem
unter Trajan verftorbenen Bifchof Ignatius von Antiochien
gefprochen und er würde es vor allem vermieden
haben, fich die Blöfse zu geben und zu fchreiben,
dafs die Annahme, der Verf. der Ignatiusbriefe fei der
unter Trajan verftorbene Bifchof Ignatius von Antiochien
, auf den Angaben des Clemens(!) und Origenes
fufse. Auch fonft begegnen uns Flüchtigkeiten. So behauptet
der Verf., der fog. 2. Clemensbrief fei nur dadurch
zu diefem Namen gekommen, dafs im Cod. Alex,
ein Fragment von ihm hinter dem erften Clemensbrief fich
befand. Die Ueberlieferungsgefchichte der Clemensbriefe
ift Völter alfo nicht genau bekannt. Die Argumente des
Verfaffers find, foweit fie die neue Hypothefe begründen
follen, durchweg ohne Schärfe, z. Th. gar nicht discu-
tirbar. Strenge, nüchterne Methode der Kritik fehlt
diefer Abhandlung in noch höherem Mafse, als der Un-
terfuchung über die Apokalypfe des begabten Verfaffers.
Dagegen ift es beachtenswerth, dafs auch Völter fich
dem Eindruck nicht hat entziehen können, dafs wenig-
ftens fechs Briefe echt find und dafs fie, wie auch der Polykarpbrief
, geraume Zeit nach Trajan's Regierung angefetzt
werden müffen. Ueberzeugt fich der Verf. durch
ein gründliches Studium der Ignatiusfrage von der Unmöglichkeit
, den Römerbrief von den andern Briefen zu
trennen, fo wird er fich auch von der künftlichen Annahme
zweier Ignatius' und eines Pfeudoignatius im 2.
Jahrhundert wieder befreien und die Löfung der Frage
für die wahrfcheinlichfte halten müffen, welche Ref.,
allerdings bisher noch allein flehend, empfohlen hat.

Giefsen. Adolf Harnack.

Batiffol, L'epltre de Theonas ä Lucien. Note sur un do-
cument chretien attribue au 3. siecle. Paris, 1886.
[Extrait du Bulletin critique 1886 T. VII, p. 155—160.]

Der zuerft von d'Achery im Spicilegium (1675)
mitgetheilte Brief eines chriftlichen Bifchofs Theonas an
den ßraepositus cubiculariorum Lucian ift bisher m. W.
niemals einer Kritik unterzogen, vielmehr feit feiner
Veröffentlichung als eine der werthvollften Urkunden
für die Stellung der Chriflen am Hofe Diocletian's (vor
Ausbruch der grofsen Verfolgung) unbefangen benutzt

worden; f. die Abdrücke des Briefs in der 2. Auflage
des Spicilegiums (1723), bei Gallandi, Migne und
Routh {Reliq. Saec, edit. II T. IIIp. 439 sq.) und die
Verwerthung bei Tillemont [Ment. T. Vß. 7), Cave,
in den Acta SS. (23. Aug.), ferner bei Neander, Duruy,
Mafon {The persecution of Dioclct. 1876, dafelbft auch
eine englifche Ueberfetzung), Kraus (REncykl. s. v.
,cubicularius'), Smith und Wace u. f. w. In der vorliegenden
Abhandlung fucht Batiffol nachzuweifen,
dafs der Brief ,das elegante Exercitium eines modernen
Humaniften' ift. Seine Gründe find folgende:

1) J. Havet hat nachgewiefen (,Les decouveries de
Jeröme Vignier1, in der Biblioth. de IBcole des Charles,
t. 46 [18851 p. 205—271), dafs d'Achery bona fide
mehrere ganz moderne, alfo gefälfehte Stücke in fein
Spicilegium aufgenommen hat, fo das Teftament des
Bifchofs Perpetuus von Tours, ein Diplom des Chlodwig,
Briefe von Bifchöfen und Päpften des 5. Jahrhunderts —
alles Documente, fabricirt von dem Oratori aner Hiero-
nymusVignier. Alfo ift Alles verdächtig, was d'Achery
aus dem Oratorium zugekommen ift. Er hat aber den
Brief des Theonas von dem Oratorianer Pafchafius
Quesnel erhalten.

2) Ein Manufcript des Briefes hat Niemand je ge-
fehen; d'Achery hat, wie er felbft fagt, eine Abfchrift
erhalten; auch diefe exiftirt nicht mehr. Ferner ift der
Brief vor 1675 Niemandem bekannt gewefen; felbft
Eufebius und Hieronymus erwähnen ihn niemals.

3) Die Perfonen im Brief find gänzlich unbekannt.
Der Bifchof Theonas wird nur durch Conjectur mit
dem gleichnamigen Bifchof Alexandriens (z. Z. Diocletian
's) identificirt, und vom Oberkämmerer Lucian weifs
Niemand etwas. Letzteres ift um fo auffallender, als
die Ueberlieferung die Namen der hervorragenden chriftlichen
Hofbeamten Diocletian's wohl bewahrt und überhaupt
ein befonderes Intereffe an denfelben genommen
hat (f. Euseb., Ii. e. VIII, I. 6; Lac taut., de mort. 15;
Acta SS. 12. März u. 9. Sept.; die Martyrologien des
Hieronymus, Ado, Ufuardus, auch die fyrifchen); mais
Lucien, qui aurait du, etre, comme l'a fort bien conjecture
Tillemont, le superieur et le mailre des martyrs de 303,
Luden, ce praefectus cubiculariorum na ete connu de
personne.

4) Zu diefen äufseren Verdachtsgründen tritt aber
eine erhebliche Zahl von Irrthümern und fehr bezeichnenden
Inconvenienzen in dem Brief:

a) Der Kaifer heifst nie ,Augustus', fondern immer
,Priuceps' in dem Brief; ja einmal (c. 7) — eine grobe
Ungenauigkeit — heifst er ,Caesar'.

b) C. 1 wird der Kaifer als ,nondum Christianae
religioni adscrißtus' bezeichnet. A-t-on jamais pense qu'il
dut le deveniri*

c) C. 8 wird von ,comites et ßedissequae' der Kai-
ferin gefprochen; ,comitcs' ift aber ein unannehmbarer
Ausdruck; denn der Begriff hatte zur Zeit Diocletian's
fchon eine ganz beftimmte und officielle Bedeutung.

d) Den Titel ßraepositus cubiculariorum1 findet man
weder bei den alten Schriftftcllern noch auf Infchriften.

e) Auch die Function, welche allein für diefen Prä-
pofitus angedeutet ift — ,omnes diversis offieiis adscriptos
potens es et reguläre et instrucre( (c. 3)—, befremdet. A ce
titre, Lucien, semble-t-il, eüt du avoir quelque autorite sur
le Paedagogium ou s'elevaient tous les ßaoiktxot rtaZAtQ.
Mais il n'y est fait aueune allusion.

f) Auch die für die verfchiedenen eubicularii (c. 3)
angegebenen Functionen befremden einigermafsen. Was
wir fonft von diefer Hofhierarchie wiffen (Infchriften,
Notitia Dignitatuni), ftimmt keineswegs genau mit den
im Briefe bezeichneten Chargen. Lcur hierarcläc, en
outre, et leur nombre nimplique rien que de tres simple et
de tres restreint, coneeption factice et contraire ä ce que
nous savons de la pompe et de la complication des Services
palatins, surtout a doter de Diocletien.