Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1886 Nr. 12

Spalte:

278-279

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heman, C. F

Titel/Untertitel:

Der Ursprung der Religion 1886

Rezensent:

Kaftan, Julius

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

277

Theologifche Literaturzeitung. 1886. Nr. 12.

278

von dem römifchen Staatspriefterthum p. 51 ff. erörtert).
Das 3. Capitel (p. 77—103) ift ausfchliefslich dem Mithras-
dienft gewidmet {,Le Mithriacisme dcrnier et principal
dement du paganisme syncretiste'). Hier hat der Verf. im
Einzelnen und in der ganzen Betrachtung neue Auffchlüffe
gegeben, die die befondere Aufmerkfamkeit der Kirchen-
hiftoriker verdienen. Vor allem hat er den m ilitärifchen
Charakter in der Disciplin und den Weihen diefer Religion
, welche ,der heidnifche Gnofticismus' gewefen ift und
eine feftgefchloffene Gemeinfchaft hervorgebracht hat,
hervorgehoben. In der That, auch die moderne und aller-
modernfte Organifation der Religionsgemeinde als Heilsarmee
' iftindem 3.Jahrhundert, in welchem keine Form der
Religionsbildung unverfucht geblieben ift, dagewefen. Der
Mithrasdienft ift im 3.Jahrh. der bedeutendfteNebenbuhler j
der Kirche gewefen, weil er die vollendetfte Form des Synkretismus
war und tiefere religiöfe Bedürfnifse befriedigte.

Nach diefen einleitenden Capiteln, welche die Elemente
des Synkretismus zur Darfteilung bringen, folgt
nun in den cc. 4 und 5 die Schilderung des Wefens, der Er-
fcheinungsformen {le syncretisme de la foide — eclui des
blases — celui des esprits cultives), der Motive, der be-
günftigenden Bedingungen und vor allem der Stimmungen
und Bedürfnifse des Synkretismus (p. 104—189). Sie bildet
unftreitig den Glanzpunkt der Darftellung. Ich hebe aus
dem letzten Capitel [Le sentiment religieux dans la societe
pdienne) folgende Abfchnitte hervor, um auf das Studium
derfelben zu fpannen. 1. Die religiöfe Erweckung {Le
besoin de croire — la gnose — diversite des croyances et
des pratiques — preoccupation constante de devotion); 2. die
Fülle des Aberglaubens {La credulite universelle — la
justification philosophique des superstitions — inumeration
des principalespratiques superstitieuses); 3. die Notwendigkeit
der Erlöfung und das Vorwalten der Vorftellungen
in Bezug auf ein zukünftiges Leben (Les aspirations
nouvel/es du sentiment religieux — le mysticisme pdien —
le sentiment de l'hupuissance ä gagner le salut par soi-
metne — preoccupation plus inlense de la vie future — les
notions relatives a la vie future, parmi la foule et parmi
les hommes cultives); 4. das neue Ideal der Heiligkeit.
Entftehung der heidnifchen Ascetik {L'ideal de la saintete
Substitut- ä celui de Fheroisme — le besoin de pardon et
d'expia/ion — la science des pimfications — F ascetisme
naissant — Fascetisme et lamoralite);$. der moralifche Werth !
des heidnifchen Synkretismus (Ar besoin de perfectionne- j
ment moral — Naissance de la communaute ecclesiastique

— la tolerance — Funiversalisme religieux — la commumon ,
avec les dieux — la recherche de V edification — deve-
loppement religieux de l'elite des hommes pieux); 6. der
Grundfehler des Synkretismus {La contradiction entre la
fidelite aux traditions et les convictions ehes les syncretistes

— la Methode allegorique — absence du sens historique — le
syncretisme condamne ä Fimpuissance); 7. die Sucht nach
dom Geheimnifsvollen, die Myfterien (La passion du I
mystere et de Finconnu — Fesoterisme — popidarite des
mysteres — le fond commun des mysferes — superiorite de j
Fenseignemcnt religieux dans les mysteres — exemples des
legendes qui sont traitees dans les mysteres — exccllentes
dispositions des mysteres pour f rapper les esprits — appre-
ciation des mysteres — reconnaissance de la valeur reli-
gieuse du syncretisme). Zur Schilderung des Zuftandes
der Religion im Abendland in den mittleren bürgerlichen
Schichten der Gefellfchaft hätte der Verf. die Inftruc-
tionen des Commodian fleifsiger benutzen können.

Ref. hat es in diefem Fall für feine Pflicht gehalten,
den Verf. felbft möglichft zu Wort kommen zu laffen.
Wer feine Arbeit mit den für ihre Zeit ausgezeichneten
Unterfuchungen von Tzfchirner vergleicht, wird mit
Freude den Fortfehritt derForfchung wahrnehmen. Möge
das Werk auch bei uns aufmerkfame Lefer finden und
einer der Grundfteine werden für jede künftige Gefchichte
der Kirche im Alterthum.

Giefsen. Adolf Harnack.

Heman, Dr. C. F., Der Ursprung der Religion. Bafel, Detloff,
1886/ (64 S. 8.) M. 1. 20.

Diefe kleine Schrift (wohl urfprünglich ein Vortrag)
zerfällt in einen kritifchen (S. 5—23) und einen thetifchen
Abfchnitt (S. 24—52). Am Schlufs find Anmerkungen
(S. 53—64) hinzugefügt, welche gleichfalls kritifchen Inhalt
haben. — Die kritifche Erörterung ifl vorzüglich
gegen die heute unter den Gelehrten ,am meiften verbreitete
' Anficht gerichtet, welche den Urfprung der
Religion im Mcnfchen fucht, fei es in feiner theoretifchen
Auffaffung der Welt, fei es in feiner praktifchen Welt-
ftellung. Diefe Anficht fcheint dem Verf. auf fo fchwachen
Füfsen zu flehen, dafs er fie gelegentlich für eine Auskunft
der Verlegenheit ihrer Erfinder erklärt und Zweifel
äufsert, ob auch nur diefe felbft ernftlich daran glauben:
wer die Augen aufmacht, kann die Widerlegung derfelben
mit Händen greifen. Ueberdies ift fie eine der Religion
durchaus unwürdige Erfindung, welche deren Exiftenz
bedroht. — Die eigene Theorie des Verf.'s über den Urfprung
der Religion ift eine Reproduction der überlieferten
Lehre von Urftand und Fall: eben darin liegt der Urfprung
der Religion, dafs die Menfchen das Gottes-
bewufstfein, in und zu dem fie erfchaffen, welches ihnen
urfprünglich fogar wefentlicher war als das Selbftbewufst-
fein, durch den Fall verloren haben und nun das verlorene
erfehnen und erftreben, bis fie es durch die Offenbarung
wieder erlangen. Nur dafs Heman diefe Lehre
nicht als pofitives Dogma fetzt, fondern als allgemeine
Wahrheit conftruirt, die fich aus einer vernünftigen Betrachtung
der menfehlichen Dinge ergiebt und durch die
Tradition aller Völker, vorab durch die Offenbarung, be-
ftätigt wird. Und zwar gründet er diefe feine Conftruction
auf eine Betrachtung über das, was das empirifche menfeh-
liche Selbftbewufstfein ift, und was das göttliche Selbft-
bewufstfein fein mufs. Dabei kommt ihm die Einficht
in das, was Gottes würdig und unwürdig ift, zur Hülfe:
auf reichlich einer Seite zu Anfang (25 26) begegnet diefes
Argument nicht weniger als vier mal.

Gegen die Theorie Heman's habe ich das Bedenken,
dafs fich über die Anfänge des Menfchengefchlechts und
folglich über den gefchichtlichen Urfprung der Religion
mit wiffenfehaftlicher Strenge überhaupt nichts ausmachen
läfst. Wir find darauf angewiefen, unfere Anficht darüber
unter Berückfichtigung aller irgend erreichbaren empi-
rifchen Kunde im Sinn derjenigen Weltanfchauung zu
geftalten, welche wir als die wahre erkennen und zu be-
weifen uns getrauen. Folglich läfst fich über diefe Frage
nur in einem gröfseren Zufammenhang unter beftimmten
zuvor nachgewiefenen Vorausfetzungen verhandeln. Wer
ftatt deffen damit anfängt, operirt wie der Verf. auf
Schritt und Tritt mit unbewiefenen Vorausfetzungen und
producirt ftatt einer wiffenfehaftlichen Theorie, über die
fich discutiren läfst, nicht mehr und nicht weniger als
eine Begriffsdichtung. Speciell auf theologifchem Gebiet
ift eine objective Feftftellung des Wefens der chriftlichen
Religion eine der Vorarbeiten, die erledigt fein müffen,
ehe eine Theorie über die Anfänge der Menfchhcit und
den Urfprung der Religion mit dem Anfpruch, dafs fie
allein dem Chriftenthum entfpreche, präfentirt werden
darf. Unter diefem Gefichtspunkt habe ich gegen die
Theorie des Verf.'s das weitere Bedenken, dafs fie dem
Chriftenthum keineswegs entfpricht. Denn wenn auch
das überlieferte, von der Logosidee beherrfchte Syftem
feinen Schwerpunkt in der Vorftellung von dem Herrlich-
keitsftande Adam's hat, fo verlegt ihn doch der chriftliche
Glaube vielmehr in die Perfon Jefu Chrifti. Dafs aber
der höchfte Gedanke von der dem Menfchen beftimmten
Herrlichkeit und Seligkeit ohne eine andere als eine rein
formale Berückfichtigung des fittlichen Gefichtspunktes der
Selbfibeftimmung gefafst wird, widerfpricht dem Chriftenthum
direct und ift ebenfo wenig im Sinn des überlieferten
Syftems, welches fich, um auch nach diefer Seite gerecht