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Ausgabe:

1885

Spalte:

153-155

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kurtz, Joh. Heinr.

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der Kirchengeschichte für Studierende. 9. Aufl. in durchgängig erneuter Bearbeitung. 2 Bde in 4 Tln 1885

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologische Literaturzeitung.

Herauseeeeben von D. Ad. Harnack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefs

en.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

Na 7. 4- APril l885- 10. Jahrgang.

Kurt*, Lehrbuch der Kirchengefchichte für Lütkens, Luther's Kirchenideal (Kattenbufch). Warneck Protertant;fclie Beleuchtung der rö-

milchen Angriffe auf die ev. Heidenmiffion.

Studierende. 9. Aufl. (A. Harnack). Nippold, Handbuch der neueflen Kirchenge-

üeftmann, Gefchichte der chriftlichen Sitte. fchichte. 3. Aufl. 2. Bd. (Weizfäcker).

2. Theil. 2. Lief. (Derf.). I Nahiowsky Das Gefühlsleben. 2. Aufl.
liernays, Gefammelte Abhandlungen, herausg. fOtttt-hUtV

von Ufener. 2 Bde. (Derf.). j lK«lcme/-

2. Hälfte. (Strack).
NeueChrifloterpe, hrsg.vonKö ge 1, Bauru. f.w.
(Meier).

Kurtz, Wirkl. Staatsr. em. Prof. Dr. Joh. Heinr., Lehrbuch Abhandlung vermiffen. Der Verf. hat hier auch nicht
der Kirchengeschichte für Studierende. 9. Aufl. in durch- etwa nur über die neueren Arbeiten referirt, fondern er
gängig erneuter Bearbeitung. 2 Ilde in 4 Tin. Leipzig, j?f auch unbefangen eine Reihe von Ergebnifsen der-
b. , . 00 %„ ,mi „„, vm leiben anerkannt und unterftützt. Namentlich der Ref.
A. Neumann's Verl., 1885. (XII, 3411 VIII, 323l VIII, ift dcm Verf. dankbar für das grofse Vertrauen, welches
337 11 VII. 344 S. gr. 8.) M. 15. 50. er feinen Studien gefchenkt hat. Leider ift die Anord-
Zum neunten Mal geht diefes Lehrbuch in die Welt i nung des Stoffs in diefem Theile noch wefentlich die-
hinaus, diefes Mal ,in durchgängig erneuter Bearbeitung', felbe geblieben, während die Ausführungen in den ein-
nachdem fich fchon die achte Auflage als eine .grofsen- zelnen Paragraphen doch über diefclbe hinausweifen,
theils neu ausgearbeitete' bezeichnen durfte. Der ehr- Der Verf. hat das an einigen Punkten felbft wohl bewürdige
Verf. hat mit jener Bezeichnung nicht zu viel merkt, und fo zweifle ich nicht, dafs er in der nächffen
getagt, eher zu wenig; denn der erflc Theil, welcher die Auflage eine durchgreifende Neuordnung eintreten laffen
Entwickelungsgefchichte der Kirche im Alterthum be- wird. Soll die Zeit bis auf Conftantin noch einmal gehandelt
, ift in grofsen Abfchnitten wirklich ein neues theilt werden — was mir nothwendig fcheint —, fo
Werk. Es ift bewunderungswürdig, mit welcher Umficht empfiehlt es fich, den erften Theil von der älteften Zeit
und Sorgfalt der Verf. den Arbeiten und Arbeitern auf bis c. 150—160 zu führen unter dem Titel ,Das Ur-
dem Gebiete der kirchengefchichtlichen Literatur gefolgt chriftenthum'; der zweite Theil umfafst wiederum etwa
ift. Seiner Verficherung: ,Seit dem Erfcheinen der 8. Aufl. ein Jahrhundert und erhält in der Weiterführung von c.
habe ich faft meine ganze, durch keine amtliche Thä- 260 bis auf Conftantin und das Nicänum lediglich einen
tigkeit mehr in Anfpruch genommene Zeit diefer erneuten Anhang. Einer Umarbeitung bedürfen die einleitenden
Bearbeitung gewidmet', hätte es in der That nicht bc- 7—11. Man darf über ,das Heidenthum' fchlechterdings
dürft; wer die 8. und 9. Aufl. miteinander vergleicht, nicht mehr fo reden, wie der Verf. es gethan hat. Sehr
wird vielmehr nur Grund finden, über die Arbeitskraft, wünfehenswerth wäre auch eine Erweiterung der
welche dem Verf. zu Gebote fleht, zu ftaunen. Aber über die Beziehungen zwifchen Chriftenthum und Staat
auch feine feltene Gabe, kurz und knapp über den Stand (griechifche — römifche Welt), refp. über die Chriftenver-
der Probleme zu referiren, hat der Verf. wiederum be- folgungen. Hier find namentlich die Arbeiten Aube's
währt: wenn auch der erfte und vierte Theil an Umfang und Renan's noch zu verwerthen. Das, was der letztere
erheblich gewachfen find, fo fleht diefe Zunahme im ; in den Schlufsbänden feines grofsen Werkes auch fonft
Verhältnifs zu dem neuen Materiale, welches bewältigt geleiftct hat, darf nicht überfehen werden, ift aber vom
werden mufste. Diefe ,Kirchengefchichte' ift noch immer Verf. nicht gewürdigt worden. Die wünfehenswerthe
ein Studentenbuch, und Ref. vermag das Urtheil derer Erweiterung hier könnte m. E. eingebracht werden durch
keineswegs zu theilcn, welche dasfelbe für zu ftoffreich Verkürzungen in den den Gnofticismus behandelnden Schalten
. Den jämmerlichen Mafsflab an ein ,Studenten- Allerdings müfstc damit eine andersartige Darfteilung
buch' legen, dafs ein folches nur dasjenige enthalten diefer Erfcheinung verbunden werden. Die Aufrollung
folle, was die Studenten zum Examen wiffen müffen, i der gnoftifchen Syfteme, eines nach dem anderen, ift die
heifst das Studium ruiniren. Ein Candidat darf fehr viel unfruchtbarfte, wenn auch bequemfte Weife, fich mit
weniger und mufs andererfeits fehr viel mehr wiffen, Gnofticismus abzufinden. Demfelben wird vielmehr nur
als in diefem Buche fleht. Ein Lehrbuch der Kirchen- eine Betrachtung gerecht, welche in ihm die antieipi-
gefchichte im Sinne einer ausgeführten Theorie der renden Verfuche anerkennt, das Evangelium zu helle-
KG. oder wie man das nennen will, befitzen wir feit nifiren. Man hat daher zunächft gar nicht auf die Details
Spittler's Grundrifs nicht wieder. Was uns neueftens der Syfteme, fondern auf die Gcfammthaltung (Stellung
als .Allgemeine Kirchengefchichte in encyklopadifcher zur Welt, literarifcher Betrieb, Tradition und Kritik,
Larftcllung' geboten ift, erhebt wohl felbft nicht den Offenbarungsphilofophie, Myftcriencult u. f. w.) zu achten.
Anfpruch, die Lücke zi! füllen. Hier liegt die Aufgabe Das Problem, welches die .Gnoftiker' bieten, ift in den
der Vorlefungen über Kirchengefchichte, die ein (toft- Vordergrund zu fchieben, dafs fie fich zuerft um die
reiches Lehrbuch vorausfetzen müffen. . Feftftellung und Verbürgung des fpccififchen Gehalts
L»ic beffernde Hand des Verf.'s zeigt fich gleich im des Chnftenthums bemüht und doch das Chriftenthum
Eingänge bei dem erften Paragraphen. Derfclbe hatte hellenifirt haben. Dies würde auf den Urfprung der
trüber gelautet: ,Die chriftlichc Kirche ift die durch chriftlichen Theologie führen und damit auf ein
Jcfum Chriftum geftiftetc Heilsanftalt'. Jetzt ift die .Heils- Problem, welches in keiner Kirchengefchichte verdeckt
anftalt'fortgefallen und der Begriff der Kirche zutreffender werden darf, obgleich es überall noch verdeckt ift. —
definirt. In der Gefchichte der drei erften Jahrhunderte Was den 4. Theil, die Kirchengefchichte des 19. Jahrwird
man die Bcrückfichtigung keiner irgendwie wich- , hunderts betrifft, fo wird derfelbe nicht nur dem Stutigen
, in Deutfchland erfchienenen Monographie oder 1 direnden, fondern jedem Theologen unentbehrlich fein;

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