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Ausgabe:

1885 Nr. 6

Spalte:

143-144

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hess, A.

Titel/Untertitel:

Ueber religiöse und sittliche Toleranz. Vortrag, gehalten in der toggenburg. Pastoralgesellschaft 1885

Rezensent:

Sachsse, Eugen

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143

Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 6.

144

zwecken ausfchliefsen foll. Es fei, dafs die ,realiftifche' |
Weltbetrachtung Anhaltepunkte zwingender Art findet,
dafs die Welt ,planvoll' geordnet ift. H. felbft deducirt
daraus als ,überwiegend wahrfcheinlich' (abfolute Gewifs-
heit kann es nicht geben, da ,Zufall' denkbar bleibt),
dafs es einen perfönlichen, überweltlichen, weifen
,Schöpfer' (d. h. richtiger ,Ordner', denn die einfachen
Realen, aus denen die Welt befteht, find ewig zu denken)
giebt. Aber die ,Weisheit' der Weltconftruction als
Eindruck, der fich aufnöthige, einmal zugeftanden,
welchen Zweck der Welt enthüllt fie denn? Sehen wir
es dem ,unverkennbar' teleologifchen Bau unferes Körpers
und des ,geftirnten Himmels' auch ab, dafs das
überweltliche Gottesreich mit der Welt beabfichtigt
ift? Wenn nicht, und auch H. behauptet das nicht, —■ er
fagt überhaupt nicht, wie die .Weltteleologie' nach
ihren objectiven Spuren inhaltlich zu deuten ift — was j
bedeutet uns dann der ganze ,Beweis' H.'s? Freilich
ift nun auch H.'s Vorftellung von der Religion
damit nicht erfchöpft, dafs in ihr die .Weltteleologie'
überhaupt erkannt und verehrt wird. Die Teleologie i
der Naturwelt ift nur der Ausgangspunkt für die höch-
ften Gedanken der Religion. Nach H. ergänzt das
fittlich gebildete Gemüth die aus der objectiven Naturbetrachtung
entfpringende Idee eines .Schöpfers' durch
die Idee des Vaters oder lieber noch eines .Freundes".
Das fittlich gebildete Gemüth ,ahnt' überhaupt hinter
der Naturordnung noch eine höhere, freundlichere fitt-
liche Ordnung als diejenige, in der wir thatfächlich
leben. Ueber Sünde und Schuld blickt es hinaus auf
eine Ordnung der Gnade, in welcher eine neue Entfaltung
der Kräfte des fittlichen Geiftes möglich wird. Des !
.Beweifes' hiefür bedarf es nicht. Wer verlangt .Beweife'
für die Freundesgefinnung, deren er auf dem Wege des j
überwältigenden Eindrucks überführt worden? Aber 1
das find doch Alles ziemlich dilettantifche Formeln für |
Gedanken des Chriftenthums, welche die Theologie!
fehr viel tiefer und concreter faffen lehrt! Und ganz
fo einfach fteht es mit der Frage nach dem .Beweife'
für die Vorftellungen von Gott als unferem Vater oder
unferem .unendlich erhabenen Freunde' doch auch nicht,
wie H. fie abthut. Wir Theologen wiffen doch, warum j
wir eine .Religion' ohne die Predigt von Chriftus unmöglich
finden! — Ich zweifle bei dem Talente, welches
Sch. verräth und bei feinem Eifer, von den theologifchen
Arbeiten Kenntnifs zu nehmen, nicht, dafs ihm H. auf
die Dauer den Dienft leiftet, ihn gerade von fich felbft
wegzuweifen auf andere Führer. Ein Herbartianer, der
anfangen wollte, in die Probleme der .pofitiven Reli-
gionswiffenfchaft' mit einzugehen, follte uns fehr willkommen
fein. Dafs die Herbartifche Schule bei den
Theologen fo wenig Glück gemacht hat, liegt nur daran,
dafs fie in Bezug auf die Theologie nicht ihren wirklichen
Beruf begriffen hat.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Hess, Pfr. A., Ueber religiöse und sittliche Toleranz. Vortrag
, gehalten in der toggenburg. Paftoralgefellfchaft.
St. Gallen, Huber & Co., 1884. (67 S. gr. 8.) M. 1. —

Nachdem Verfaffer die Gefchichte der Toleranz oder
vielmehr der Intoleranz in der chriftlichen Kirche dar-
geftellt hat, verfucht er das Wefen der Toleranz zu be-
ftimmen. Sofern die Toleranz aus religiöfer Gleichgültigkeit
ftammt, ift fie keine Tugend und fchlägt fehr leicht
in bittere Feindfchaft gegen alle Religion um. Das Chri-
ftenthum giebt mit dem Bewufstfein, die feligmachende
Wahrheit zu befitzen, zugleich den Drang, Anderen diefe
Wahrheit und ihre Seligkeit zugänglich zu machen. Aber
es wirkt auch Achtung vor der freien Perfönlichkeit, denn
die chriftliche Wahrheit macht nur den feiig, der fie aus
freier Ueberzeugung annimmt. Daher fordert es noth-
wendig das Tragen abweichender Glaubensmeinungen I

in aufrichtiger Liebe und in Hoffnung auf den Sieg der
Wahrheit durch ihre eigene Kraft. Diefe Gefinnung ift
Toleranz als perfönliche Tugend gefafst. Man wird diefer
Erklärung gern beipflichten.

Weniger klar ift, was Verf. über die Toleranz der
Kirche gegen ihre eigenen Glieder fagt. Er bringt ver-
fchiedene Wahrheiten vor, ohne einen klaren Schlufs zu
ziehen. Jede Kirche hat eine gemeinfame öffentliche
Lehre oder fie hört auf, eine Kirche zu fein. Dafs auf
diefem gemeinfamen Boden verfchiedene theologifche
Richtungen neben einander beftehen können, dafs deren
Gegenfatz zur Förderung des Glaubens und der Er-
kenntnifs beiträgt, wird mit Recht hervorgehoben gegenüber
denen, welche nach abfoluter Lehreinheit ftreben.
Was in einer beftimmten Kirche öffentliche Lehre
ift, das hat nicht eine Partei in der Kirche zu be-
ftimmen, fondern ift eine Rechts- und Thatfrage, welche
nicht nach fubjectiven Neigungen, fondern nach objectiven
Merkmalen vorab zu entfcheiden ift. Bei der
weiteren Frage, wie weit diefe öffentliche Lehre verbindlich
ift für die Glieder der Kirche, hätte Verf. fchärfer
unterfcheiden müffen zwifchen Gemeindegliedern und
Lehrern der Kirche. Ifrftere, welche erft zur Erkenntnifs
der Wahrheit erzogen werden follen, haben Anfpruch
auf weitgehende Geduld, letztere aber find an die öffentliche
Lehre der Kirche fittlich und rechtlich gebunden.
Damit übereinftimmend behauptet Verf. ganz richtig
(p. 55): die Kirche könne es nicht dem Gutfinden des
einzelnen Kirchendieners überlaffen, wie er fich zu dem
Wahrheitsfehatz ftellen will, deffen Trägerin fie ift. Aber
wenn nun die Ueberzeugung eines Kirchendieners in
Zwiefpalt tritt mit dem Wahrheitsfehatz, den er zu lehren
hat, was dann? Er wird zunächft redlich forfchen, beffere
Erkenntnifs fuchen und inzwifchen nur die Stücke der
öffentlichen Lehre predigen, welche feiner Ueberzeugung
entfprechen, damit er nicht in Widerfpruch mit
feiner amtlichen Pflicht trete, noch die Gemeinde verwirre.
Weiter wird er feine Zweifel vertrauensvoll feinen Vorgefetzten
mittheilen und man wird ihn auf Hoffnung
tragen. Aber eine entgegengefetzte Ueberzeugung fetzt
fich immer fefter; er entwickelt fich dahin, dafs er als
Unwahrheit und Vorurtheil bekämpfen mufs, was er
doch als kirchliche Lehre vorzutragen verpflichtet ift.
Was dann? Er wird als ehrlicher Mann entweder fein
kirchliches Amt niederlegen oder als religiöfer Reformator
verfuchen, zu feiner neuen Ueberzeugung die ganze
Kirche umzuftimmen. In letzterem Falle ift ja denkbar,
dafs er durch feine mächtige Perfönlichkeit eine gefetz-
liche Aenderung der öffentlichen Lehre herbeiführt. Aber
wahrfcheinlich ift das nicht. Neue Wahrheiten leuchten
zuerft immer nur wenigen ein. So wird denn die orga-
nifirte Kirche, überzeugt von der Wahrheit der eigenen
Lehre, ihn als unbrauchbaren Lehrer entfernen. Dies
Verfahren wird man nur dann als Intoleranz bezeichnen,
wenn man vorausfetzt, dafs der Reformer Recht hat.
Dann haben wir den tragifchen Kampf der Wahrheit
gegen das pofitive Recht und unfere Sympathie fteht
natürlich auf Seiten der erfteren. Aber wie, wenn der
Reformer Unrecht hat? Wenn er irrige und fchädliche
Meinungen aufbrachte und die Köpfe verwirrte? Dann
haben die Träger der kirchlichen Gewalt durch feine
Entfernung nicht nur die einfache Pflicht der Selblt-
erhaltung geübt, fondern auch der Wahrheit einen Dienft
geleiftet und der Vorwurf der Intoleranz ift unbegründet.
Der Verf. erkennt nur das formelle Recht eines folchen
Vorgehens an; auch feine fittliche Berechtigung zuzugeben
, dazu fehlt ihm der Muth der Confequenz- lieber
redet er da nach Art moderner Zeitungsfchreiber von
Ketzerriecherei und kirchenregimentlicher Glaubensinqui-
fition. Damit wird er ja in weiten Kreifen Beifall finden
aber gerecht ift es nicht.

Herborn. prof. D. Sachfse.