Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1885 Nr. 26

Spalte:

634-637

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Sechs Briefe über die kirchlich-religiösen Zustände im Abendlande und die ökumenische Kirche vom Standpunkte eines morgenländischen Christen 1885

Rezensent:

Loofs, Friedrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

633

Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 26.

634

Bahn geleitet, in der mit der Zeit ihre Erledigung
nach richtigen Grundfätzen zu erhoffen ift. Ob fie je
ganz zu erledigen fein wird, fteht dahin. Aber man ift
fchon jetzt im Stande, das Gebiet der erlaubten Hy-
pothefen fehr erheblich einzufchränken. Baron kennt,
wie es fcheint, Cafpari's Arbeiten nur dem Namen nach.
Oder er hat höchftens einen Blick hineingeworfen; fonft j
müfste er wiffen, dafs der Beifall fogar zweier ganzer I
C 'lerical Meetings ihn nicht verlocken durfte, feinen Vortrag
drucken zu laffen und nun gar unter einem fo an-
fpruchsvollen Titel. Wenn man den Titel wegdächte,
fo würde man nach dem Inhalte fchwerlich auf den !
Gedanken kommen, dafs der Verf. gerade den Ur-
fprung des apoftolifchen Symbols zum Gegenffande
habe. Die Hauptfache würde einem fcheinen eine Reihe I
Mittheilungen über das fog. Psalterium Aethelstani und [
den Utrechtpfalter unter fpeciellerer Beleuchtung der
fprachlichen Geftalt der darin vorkommenden Symbole
. Etwas ungeordnet wie diefe Mittheilungen — die ;
übrigens nichts Neues bieten — nun einmal find, haben i
fie, fo würde man weiter denken, dem Vortragenden j
die Gelegenheit geboten, auch einige Anflehten über den j
fachlichen Werth der Symboltexte zu äufsern, zumal j
desjenigen auf den letzten Blättern des erftgenannten
Codex, der feit Ufferius allfeitig als die altrömifche
Form des apoftolifchen Symbols angefehen worden ift.
Bei diefer Gelegenheit durfte der Redner dann ja auch
fleh gerechtfertigt erachten, wenn er noch die Illuftra- :
tionen des Utrechtpfalters zum Symbole nach einigen |
Seiten, fpeciell die Illuftrationen zu dem Artikel von
der Höllenfahrt Chrifti, beleuchtete, nämlich fie dazu
heranzog, die altkirchliche (mittelalterliche) Au ff affung
des apoftolifchen Symbols feftzuftellen. Wie der Titel j
kurz zu faffen wäre, wenn er eine richtige Vorftellung 1
von dem Inhalte des Büchleins gewähren follte, weifs
ich nicht. Verfaffer hat feinen Titel gewählt von einer
,Ueberzeugung' aus, die er fchnell, aber feft fleh angeeignet
hat, nämlich — ja, nun weifs ich wirklich nicht, j
was eigentlich feine Ueberzeugung ift, wenn ich fie anders
als mit feinen eigenen Worten bezeichnen foll. Die
Hauptfache ift, dafs er im Hinblicke auf den Brief des
Marcellus von Ancyra an Julius von Rom (wo fleh bekanntlich
mit geringfügigen Abweichungen der auffällige
Symboltext im Psalterium des Aethelftan ebenfalls findet)
Ancyra für den birtliplace of the written Greek text of
the Apostles' Creed, which had becn previously handed
down by oral tradition, erklärt. Nachdem er diefe
Ueberzeugung, S. 31, in einem Zwifchenfatze (er handelt
gerade als Antiquar über Ancyra) ausgefprochen, läfst
er fich kurz nachher noch folgendermafsen verlautbaren:
As far as I know I am singular, in England, in thinking
that the Creed of Markcllus is the first Unown written
copy of the Apostles' Creed as it has come down to us,
and that the Latin Church reeeived this lesser Creed, as
she did the Greek language, the Apostles S. Paul and S.
Peter the Greek Scriptures and the Christian Paith it-
self, front the Hast. Beweife find bei einer fo überaus
einleuchtenden Sache nicht nöthig. Doch theilt Baron
in englifcher Ueberfetzung die Anmerkung mit, die
Hahn jun. in der neuen Ausgabe der ,Bibliothek der
Symbole und Glaubensregeln der alten Kirche' zu dem
Symboltexte im Briefe des Marcellus gemacht hat. Be-
fonders wichtig für die richtige Auffaffung diefes Textes
fcheint Baron eine topographifch-ethnographifche Schilderung
von Galatien und Ancyra als der Hauptftadt
diefer Landfchaft zu halten. Wenigftens wüfste ich
nicht, wie er fonft zu allerhand Mittheilungen diefer
Art gekommen fein follte. Auch hat man eine in-
ftinetive Empfindung, dafs der Name Marcellus be-
fprochen werden mufste. ,Curious' findet es Baron, dafs
der fo wichtige Bifchof von Ancyra (deffen Orthodoxie
er zwifchendurch auch kurz mit einem Citate aus
Alban Butler's ,Lives of the Saints' rettet), durch feinen

Namen shoidd have a connexion zvith the Emperor Augustiis
(nach Aen. VI, 855—883). Doch das nebenher. Wenn
ich nur zu fagen wüfste, wie Baron eigentlich über das
Symbol denkt! Soll Ancyra nur der Ort fein, wo das-
felbe zuerft aufgefchrieben? (das wäre nebenbei bemerkt
eine Meinung, die auf einem kleinen Irrthum
beruht, denn Marcell hat feinen Brief in Rom gefchrie-
ben!). Oder ift das Symbol auch in Ancyra ent
ftanden? Oder meint Baron die Sache fo, dafs in der
oral tradition das Symbol in den verfchiedenen Orten
allerhand verfchiedene Formen angenommen, dafs aber
der Brief des Marcellus die gute Folge gehabt, dafs
nun Orient und Occident fich auf diefe fpecielle Form
geeinigt? Hat alfo der Occident das Symbol nur in
diefem Sinne ,aus dem Offen' empfangen, dafs er fich
vom 4. Jahrhundert an diefe befondere örtliche Form
aneignete? Oder will Baron zugleich behaupten, dafs
auch ehemals die fo lange blofs in der oral tradition
vorhandene Symbolform aus dem Offen nach dem Werten
gebracht worden? Doch was follen wir uns den Kopf
zerbrechen, feftzuftellen, was der Verf. gemeint hat.
Selbft wenn wir das wiffen, fo wiffen wir immer nur
erft, was er ,fich gedacht hat'. Und wem wird das
wichtig genug dünken, dafs wir hier noch Raum daran
wendeten.

Der Vollftändigkeit wegen fei erwähnt, dafs Baron
auch über das Nicäno-Conffantinopolitanifche Symbol
Einiges redet. Dasfelbe ift ihm identifch mit dem
altrömifchen, nur fo, dafs es präcifer ausgeführt fei. In
diefer Idee fleckt ein Körnlein Wahrheit, die ich jedoch
nicht hier in's Licht ftellen will. So wie Baron diefe
Sache behandelt, ift fie nicht discutirbar.

Was ich noch nicht wüfste, ift, dafs Aquileja, die
Heimath des Rufin, ,nozv Ulm on the Danube' ift (S. 48).

Hübfeh an dem Werke ift, dafs es photographifche
Tafeln aus den beiden erwähnten Codices als Beilage hat.
Befonders die Reproduction des Blattes im Psalterium
Aethelstani, auf welchem das altrömifche Symbol fteht,
ift willkommen, denn das Facfimile, welches Heurtley
feiner Zeit gab, ift natürlich nicht fo zuverläffig wie
diefe photographifche Wiedergabe. Man ift nun felbft
im Stande, fich ein Urtheil über einige zweifelhafte Stellen
zu bilden. Diefe künftlerifchen Zugaben erklären
wohl den felbft für ein englifches Buch hohen Preis
diefes übrigens auch fonft vorzüglich ausgeftatteten
Schriftchens.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Sechs Briefe über die kirchlich-religiösen Zustände im Abendlande
und die ökumenische Kirche vom Standpunkte
eines morgenländifchen Chriften. Bevorwortet von
Herrn. Dalton. Bremen, Müller, 1885. (VII, 61 S. 8.)
M. 1. 20.

Schon einmal hat der evangelifche Confiftorialrath
Dalton in St. Petersburg fich den Dank deutfeher Lefer
dadurch erworben, dafs er einer Stimme aus der ruffi-
fchen Kirche in Deutfchland Gehör verfchaffte (,Ein
herzliches Wort an unfere Jugend' von C. P. v. Pobe-
donoszeff, wirkl. Geheimrath u. f. w. Aus dem Ruffifchen.
Bevorwortet von Hermann Dalton. Bremen 1882, C. Ed.
Müller). Das Büchlein, das er jetzt bei uns einführt, wird
diejenigen, die es zu beurtheilen vermögen, noch mehr
intereffiren als jenes und mufs den Lefern d. Ztg. als
ein origineller Beitrag zur Erkenntnifs der morgenländifchen
Kirche empfohlen werden, — und doch kann man
zweifeln, ob man diesmal dem Verf. der Vorrede Dank
fchuldig ift. Denn allen denen, die das Büchlein nicht
zu lefen wiffen, wie ein Hiftoriker feine Quellen, allen
denen wird es die Urtheilsfähigkeit in kirchlichen Dingen
gewifs nicht vergröfsern, nur verwirrend kann es da
wirken. Sind doch der unbrauchbaren Mittel zur Heilung