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Ausgabe:

1885 Nr. 23

Spalte:

571-572

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wiese, L.

Titel/Untertitel:

Ueber den Missbrauch der Sprache. 2. Aufl 1885

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 23.

Lichte der Ewigkeit zu wenig nütze, aber für diefes
Leben hat fie doch auch einen grofsen Werth', wobei
die Tugenden des Muthes, der Entfchloffenheit und der
Geiftesgegenwart im Gefammtbild des chriftlichen Charakters
, und jedenfalls der heilfame Einflufs der leiblichen
Uebung' darauf, fehr unterfchätzt erfchienen, fowie
eine unverkennbare Aengftlichkeit in der Abfteckung
der Grenzen für den jugendlichen Frohfinn, deuten auf
eine gewiffe Enge des chriftlichen Lebensideals hin. Soviel
erfichtlich, hat bereits die Discuffion die nöthige
Correctur eintreten laffen.

,Uie innere Miffion auf dem Lande' und ,die
Stadtmiffion' waren die Themata der beiden letzten
Specialconferenzen, über deren erftes Pfarrer Dr. Röm-
held aus Seeheim feine bereits durch einen früheren
Vortrag bekannten Gedanken unter allfeitiger Zuftimmung
entwickelte, während ein anderer heffifcher Landsmann,
Vereinsdirector Zinfser aus Leipzig, in feiner gemüth-
vollen und frifchen Art durch feine lebensvollen Schilderungen
feines Arbeitsfeldes in Leipzig einen Strom
intereffanter Mittheilungen von theologifchen und nicht-
theologifchen Arbeitern in Stadtmiffionen entfeffelte.

Alles in allem genommen mufs man fagen, es ift
eine ganz erftaunliche Fülle von chriftlicher Liebesarbeit
und Liebesforgen, von denen diefer Bericht Zeugnifs ablegt
, und die Hoffnung ift wohlbegründet, dafs die Anregung
, die dort in Karlsruhe gegeben worden ift, auch
noch weitere köftliche Früchte der Barmherzigkeit zeitigen
werde.

Giefsen. Gg. Schloffer.

Wiese, Dr. L., Ueber den Missbrauch der Sprache. 2. Aufl.
Berlin, Wiegandt & Grieben, 1884. (IV, 91 S. 8.)
M. 1. 25.

Vor mehr als 26 Jahren ift der Vortrag gehalten und
zum erften Male veröffentlicht. Veraltet ift derfelbe
mittlerweile nicht, und Referent ift dem Herrn Verfaffer
dankbar, dafs er feine fchöne Gabe aufs Neue zugänglich
gemacht hat.

Wie man es von dem Herrn Verf. nicht anders gewohnt
ift, begründet auch diefer Vortrag ethifch tief die
Gedanken. Das Verhältnifs der Sprache zum Innenleben
des Geiftes, zur Gemeinfchaft, in der wir leben, zu den
fittlichen nationalen Gütern, deren wir uns freuen und die
wir zu hüten haben, wird in ernfter und feiner Weife beleuchtet
; die Grundbedingungen des rechten Gebrauchs
der Sprache find Wahrheit, Liebe, Freiheit; Mifsbrauch
der Sprache ift Mifsbrauch der Freiheit, fie ift auf den
Begriff der Unwahrheit (Unwahrhaftigkeit) zurückzuführen.
Ohne Liebe ftrebt man nicht, den Dingen gemäfs zu
reden, fondern nach fubjectiver Meinung, fo wird das
Wort vom Wefen der Sache abgelöft und gefchwächt
und der Willkür preisgegeben. Wir werden auf die tiefen
Schäden hingewiefen, welche mit der Leerheit und
Eitelkeit der Sprache, mit dem Bombaft, der Hyperbel,
den gehäuften Superlativen, mit der Phrafe und den

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Schlagwortern verbunden find. ,Durch nichts aber bufst , handenfein beftimmter Kenntnifse noch verftanden wird. Fehlt diefe

die Seele leichter Kraft ein, als durch Sprechen Über j Vorausfetzung und Coli trotzdem aus praktifchen Gründen ein Werk der

heilige Dinge ohne heilige Zwecke'. Vergangenheit für die Gegenwart lebendig erhalten werden, fo ift die

Dennoch führt den Chriflen die Verantwortlichkeit Aufgabe eine fehr fchwierige. Denkbar wäre eine fortlaufende Erklärung

, < . n , ujc u j_ „,-u T „ T____= 1 zum Texte des alten Werkes. Ob eine Volksbibel der Art möglich und

des rechten Gebrauchs der Sprache wecker nach La Trappe, | zweckmUfsi wäre> bleibt dahingeftellt; erquicklich zu lef,,i wäre He

noch zum pedantlfchen Purismus. fremdes atltzuneh- ficherlich nicht, und eine folche herzuftejlen ift bis jetzt nicht verfucht
men ift erlaubt, wenn es aus Bedürfnifs gefchieht, uner- worden. Bleibt nur die Möglichkeit, an die Stelle des veralteten Sprach-

lofer Tod', ,Umflurz niederhalten' u. dergl. mehr. Mit
vollem Rechte beklagt der Herr Verf., dafs die Sorge
um klare Beftimmtheit des Ausdrucks geringer geworden
fei, dafs der witzelnde Feuilletonftil fo herrfchend,
dafs die Sprache fo oft in den Dienft der Frivolität und
der undeutfehen blofsen Negation in den Tageblättern
geftellt fei.

Von S. 46 an folgt ein zur zweiten Auflage gefchrie-
benerNachtrag. Die grofsenBewegungen, die feitherunfer
Volk erfahren, haben das Gefühl des Mifsverhältnifses
belebt zwifchen dem öffentlichen Redeaufwand und dem
Handeln, das er vorbereiten folle. Die pädagogifche
Seite des rechten Gebrauches der Sprache wird näher
ausgeführt, und S. 67 ff. folgt eine fehr dankenswerthe
Erörterung über die Sprache Luther's und die revidirte
Bibelüberfetzung.

Dem Vortrage wünfehen wir aufs Neue zahlreiche
Lefer und ernfte Beherzigung.

Marburg. Achelis.

Zur Probebibel.

Auf der Deffauer Philologenverfammlung wählte die deutfeh-roma-
nifche Section eine Commiffion, welche die ,Probebibel' nach der fprach-
lichen Seite einer Prüfung unterziehen follte. Die Mitglieder der Commiffion
waren Dr. Max Kieger (Darmftadt), Archivrath Dr. E. Wülcker
(Weimar), Prof. Dr. H. Paul (Freiburg). Die Gutachten diefer drei Gelehrten
find nun vor Kurzem im Druck erfchienen und find von der
deutfeh-romanifchen Section der jüngft in Giefsen tagenden Philologenverfammlung
zum Gegenftand ihrer Verhandlungen gemacht worden*).
Ich bemerke, dafs die Section zum gröfsten Theile aus Univerfitätslehrern
beftand.

Die von der Commiffion abgegebenen Gutachten ftimmen in einem
Punkte durchaus überein: darin, dafs in der fprachlichen Geftaltung der
Probebibel keine Confequenz zu finden fei. Der germaniftifche lierather
der Hallifchen Revifionscommiflion, Herr Dr. G. Frommann, hat das ge-
wifs felber empfunden; die Thatfache ift unbeftreitbar, und es find über
diefen Punkt in unferen Verhandlungen keine Worte verloren worden.

Fragt man dagegen unfere Sachverftändigen, nach welcher Seite bei
diefer Halbheit der Fehler liege, fo gehen die Antworten fehr auseinander
. Rieger ift der Anficht: je mehr Sprache des 16. Jahrhunderts,
um fo beffer; nach feiner Meinung ift Frommann gegen Neuerungsbeftre-
bungen nur zu nachgiebig gewefen. Diefer Standpunkt kam in unferer
Section zu noch fchärferem Ausdruck in einer Reihe von Thefen, die
Herr Profeffor Zacher (Halle) eingefendet hatte. Im Gegenfatz hierzu verlangt
Paul, dafs dem heutigen Sprachgebrauch im weiteften Umfang
Rechnung getragen werde. Wülcker fteht grundfätzlich auf dem Boden
Paul's; foweit es fich jedoch nur um veraltete F'ormen, nicht um veraltete
Wörter handelt, will er der Vergangenheit Duldung zugeftehen.

Der Gegenfatz zwifchen Frommann-Rieger-Zacher einerfeits, Paul und
feinen Gefinnungsgenoffen anderfeits hat feinen letzten Grund in einer
Verfchiedenheit der Anflehten über das Wefen der fprachlichen Entwicklung
. Jene Gelehrten älterer Schule leben der Ueberzcugung, dafs jede
Veränderung der Sprache ein Uebel, das Neue ftets fchlechter als das
ältere fei, dafs die Sprache fortwährend altere und dem Abfterben, dem
Verderben entgegengehe. Diefer Standpunkt ift feit geraumer Zeit als
irrig erkannt worden. Wir wiffen jetzt — was andere Wiffenfchaften fchoit
lange wiffen —, dafs in der Gefchichte zu allen Zeiten die gleichen
Kräfte wirken, die gleichen Vorgänge fich abfpielen; die Veränderungen
der Sprache find nothwendige; fie führen nicht nur keine Verfchlechte-
rung derfelben herbei, fondern eher eine Vervollkommnung; die meiften
Wandelungen gehen aus dem Beftreben hervor, die fprachliche Mittheilung
zu erleichtern, Kraft und Zeit zu erfparen.

Eine nothwendige Folge der fprachlichen Veränderung ift der Um-
ftand, dafs auch das vollendetfte und muftergiltjgfte Literaturwerk den
Nachkommen mit der Zeit fremd wird und fchliefslich nur beim Vor-

laubt aus Putzfucht und kosmopolitifcher Verflüchtigung
des Nationalen. Faft zu weitherzig ift der Herr Verf.
gegen eingebürgerte, an fich falfche Wortbildungen, wie

gutes folches einzuführen, das auf unmittelbare Verftändlichkeit rechnen
darf. Unfere jetzt umlaufenden Bibelausgaben haben in diefer Richtung'
fchon Manches gethan und fo unbewufst das Rechte getroffen. Wenn die
Probebibel das hier Erreichte wieder befeitigen will, fo ift das ein zweck-

,reitende Batterie', ,ftattgehabte Verhandlungen'; um fo ! widriges Beginnen — foweit es lieh nicht um offenbare Fehler handelt

kräftiger wirkt feine ZurÜckweifung der modernen Ueber- Unfere Section hat daher ihre Anficht in folgendem Satze niedergelegt:

fetzungen von rationem ferre (Rechnung tragen), au cou- ,Es ift nicht wünfehenswerth, dafs bei einer Revifion der Lutherbibel

rant (auf dem Laufenden), ebenfo des modernen Ge- », Im Buchhandei erfchienen ..mer den, Titel: .cmachten über die von der

brauchs Von: CS ift angezeigt (==nÖthig); komifch find die riUUkfcheil Revifionskominirrion herausgegebene Probebibel. abgegeben von der in

7t_,. , ,r . , , ■ u „1__A IL AT J< 1 • J der deulfch-romanifchen Section der Phdologeavcrfammlung zu DelTau gewählten

uDlicnen JAatacnrelen in ,nocngeiieiuer Aiuncr, ,Kinoer-

f ComimffionV Halle (Max Nierneyer) 1885. 50 Seiten. 8.