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Ausgabe:

1885

Spalte:

507-509

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Merz, Johs.

Titel/Untertitel:

Die Bildwerke an der Erzthüre des Augsburger Doms 1885

Rezensent:

Ficker, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 21.

508

ogog. On the most unfavourable supposition, t/ie Statements j
of t/äs work deserue same attention/

Die kühne Hypothefe des Verf.'s zu adoptiren, wird
man einige Umbände machen. Je jünger die Quellen find,
welche H. benutzt hat, um fo weniger ift ein literarifcher
Zufammenhang zwifchenihnenauffallend1). Zeugnifse, dafs
im dritten Jahrhundert gnobifche Secten, refp. Schulen
verfchiedener Herkunft Verbindungen unter einander be-
feffen haben, fehlen nicht ganz. Aber dem Verf. gebührt
Dank, dafs er auf das Problem aufmerkfam gemacht
hat, und bei der Beurtheilung des Löfungsverfuches, den
er felbft gegeben, mögen die Kritiker fich erinnern,
dafs er von einem Gelehrten ftammt, der fonft geneigt
ift, die Ueberlieferung, wie fie lautet, zu vertheidigen.

Giefsen. Adolf Harnack.

Merz, Repetent Dr. Johs., Die Bildwerke an der Erzthüre
des Augsburger Doms. Mit 2 Taf. Stuttgart, J. F. Steinkopf
, 1885. (52 S. gr. 8.) M. 1. 60.

Anton Springer hat uns in der Methode, welche er
in feiner Abhandlung über die Quellen der Kunftdar-
ftellungen im Mittelalter (Verhh. der fächf. Gef. der
Wiffenfchaften phil.-hift. Kl. 1879. XXXI. B.) auseinandergefetzt
hat, den Schlüffel für die Erklärung der mittelalterlichen
Kunftfchöpfungen gegeben. Was unmetho-
difche Forfchung als unverftändlich liehen gelaffen oder
durch ihre willkürliche Auslegung noch mehr verwirrt
hatte, verliert jetzt den Schein des Räthfelhaften und
wird klar und lebendig durch die Schriftquellen. Der
Meifter felbft hat feine Methode auf das Ueberzeu-
gendfte bewährt bei der Erklärung der Sculpturen an
der goldenen Pforte zu ETeiberg. Mittels desfclben
Schlüffels haben die oft fchon behandelten, aber bis
jetzt noch nicht ausreichend erklärten Bildwerke der
Erzthüre des Augsburger Domes in der vorliegenden
mufterhaften Abhandlung ihre endgiltige Löfung gefunden
. Der Sohn des um die chriftliche Kunft hochverdienten
langjährigen Leiters des Chriftlichen Kunftblattes
hat mit ihr einen ausgezeichneten Beitrag zur mittelalterlichen
Kunftgefchichte gegeben und aufs neue die
Richtigkeit des Springer'fchen Weges beftätigt, welche
wohl kaum heller in die Augen fpringt, als bei Ver-
gleichung der durch die bisherigen Forfchungen gewonnenen
Refultate über die Augsburger Thüre, namentlich
in der umfänglichen und einflufsreichen Schrift von Allioli,
mit den Ergebnifsen der jüngften Unterfuchungen. Der
Verfaffer gewinnt in dem erften Abfchnitte feiner Schrift
(4—10) durch Vergleichung der Nachrichten über die
Thüre mit grofser Wahrfcheinlichkeit als Entftehungszeit
die Jahre 1060—1063 und erklärt die völlige Unordnung,
in der die Bilder fich gegenwärtig befinden, fowie das
doppelte Vorkommen, verfchiedener Bildtafeln mit grofser
Gewifsheit daraus, dafs jedenfalls urfprünglich am roma-
nifchen Dome zwei gleiche, einander entfprechende Thü-
ren vorhanden waren, deren Bilder beim Umbaue des
Domes in der gothifchen Periode auf einer Thüre vereinigt
und Ende des XVI. Jahrh.'s noch einmal reftaurirt
wurden, dabei aber ganz durch einander geriethen. Die
Bildwerke felbft werden (11—29) knapp und klar be-
fchrieben und erklärt, und es wird ihre Anordnung verbucht
. Die zweite der beigegebenen, nach der guten
Photographie der Gebrüder Martin in Augsburg gezeichneten
und zinkographirten Tafeln zeigt die Thüre nach
diefer Reconftruction, mit der man fich im wefentlichen
durchaus einverftanden erklären mufs. (Die erfte Tafel
bellt den gegenwärtigen Zuband der Thüre dar.) Darauf
wird die typologifche Bedeutung der Darbellungen ausführlich
erörtert, woraus fich ungezwungen als Grundgedanke
die Darbellung der Kirche ergiebt (42), was

1) Dafs die für die Valentinianer benutzte Quelle echt und zuverläffig
ift, behauptet Salmon.

fich trefflich in das XI. Jahrh. einordnet. Der Schlufs-
abfehnitt über Stil und Urheber des Kunbwerkes zeigt
den Verf. als einen fehr fcharf fehenden Beobachter; in
fehr feiner Weife bebätigt er die vorher aus Quellen
und Grundgedanken gewonnene Erkenntnifs der Ent-
behungszeit durch Analyfe des Stiles, welcher durchweg
eine beginnende Kunb zeigt; auch hier im Anfchluffe
an Springer, welcher in dem Auffatze in der Webdeut-
fchen Zeitfchrift (III. Jahrg. S. 201 ff.) erwiefen hat, dafs
erb mit dem XI. Jahrh. für die deutfehe Kunb der Anfang
einer neuen Periode zu batuiren ib, während das

X. Jahrh. kunbgefchichtlich fich eng mit der karolingi-
fchen Zeit zufammenfchliefst. Diefe Beobachtung er-
weib fich auch als richtig im Hinblicke auf den Stoffkreis,
der zur Darbe.llung kommt: auch die Augsburger Erzthüre
ib ein Beweis, wie fich im XI. Jahrh. der Stoffkreis
ändert, wie erb jetzt die noch in der karolingifchen Periode
im Vordergrunde behende Vorheilung von der
Wundermacht Chribi gänzlich zurückgedrängt wird. In
trefflicher Weife hat übrigens der Verf. darauf in feiner

! Befprechung des Arnulf-Altars in der reichen Kapelle
zu München hingewiefen (Chribi. Kunbbl. 1885, 4).

Scharffinnig und forgfältig ib die Unterfuchung geführt
, breng methodifch fchreitet fie fort. Noch gröfsere
Sicherheit würden die Refultate erhalten haben, wenn
| der Verf. aufgezeigt hätte, wie die gelehrten Erklärungen
i Ifidor's und Beda's durchweg das geibige Eigenthum des
frühen Mittelalters geworden find. Die Belege aus Hymnen
und Sequenzen find nur für einige Bilder gegeben,
hätten aber unfehwer auch für die andern fich finden
laffen. Namentlich war das bei der EYau mit dem gefundenen
Grofchen am Platze: das Befremdliche ihrer
Darbellung verliert fich bei dem Einblicke in die Dichtungen
des Mittelalters, welche beweifen, dafs diefe Parabelgebalt
mit zu den beliebteben gehörte. Leider
biefsen die Quellen auf dem Gebiete der Predigt im

XI. Jahrh. äufserb fpärlich; dafür giebt im Anfange des

XII. Jahrh. Honorius Augubodunenfis den Beweis, dafs
Ifidor's und Beda's Auslegungen fab wörtlich das Gemeingut
der Durchfchnittsbildung geworden waren. Referent
glaubt, dafs an verfchiedenen Stellen die Heranziehung

) von Honorius vortheilhaft gewefen wäre. Die Erklärung
der einen Königsbgur als judas Maccabaeus wird durch
Honorius' Gemma Änimac l. IIc. XLIIpag. 627 ed. Migne
fichcr, indem Judas hier zur dedicatio ecclesiae in behindere
Beziehung gefetzt wird. S. 27: Neben der Deutung
der auf dem Berge behenden Perfon auf Mofes ib auch
noch die auf Aaron und Simfon möglich, die letztere
hier freilich nicht wahrfcheinlich. Honorius beweib auch,
dafs die Abweichung Ifidor's und Beda's vom Vulgata-
texte in der Erzählung Exod. VII, 12 eine weitverbreitete,
ja vielleicht die allein übliche Anfchauung war; denn
auch er hat batt Aaron Moyfes {Specul. eccl. p. 943). Sehr
belehrend für die Darbellung des Satans an den Kirch-
thüren und fchlagender als die S. 40 angezogene Stelle
ib aus der Gemma Animae cap. CL11 de portis. Honorius
giebt auch die Erklärung für den Mann mit der
Traube, deffen Deutung als eine Verbildlichung des
Spruches Luc. VI, 44 wie die Verfetzung der hühnerfütternden
Frau unter die Mittelfcenen beanbandet werden
mufs. Die vom Verf. in allem übrigen vortrefflich
hergebellte Symmetrie wird verletzt durch die Eingliederung
der zwei neutebamentl., aus der Gleichnifsrede

j genommenen Gegenbände in die hiborifchen Scenen des
A. T's, und es läfst fich hierfür kein Beifpiel beibringen.
Eine andere Deutung aber läfst fich fehr wohl geben.
Offenbar ib bei dem Manne, welcher die Traube ge-
pbückt hat, im Unterfchiede von allen übrigen Pcrfonen
die Nacktheit betont; nur läffig hängt der Mantel auf
der Schulter, büchtig einen Theil des Leibes verhüllend.
Schion Förber hat auf Noah hingewiefen, und die Analogen
auf den Portalen, weniger auf dem von S. Zeno
in Verona als vielmehr auf der Thüre in Monreale,