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Ausgabe:

1885 Nr. 2

Spalte:

499-506

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Linke, Johs.

Titel/Untertitel:

Te Deum laudamus. Die lateinischen Hymnen der alten Kirche verdeutscht. 1. Bd. A. u. d. T.: Die Hymnen des Hilarius und Ambrosius 1885

Rezensent:

Brandes, Wilhelm

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499

Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 21.

Gunften der Gegenwart ausfallen würde'. Diefe Beur-
theilung widerfpricht fchnurflracks der kirchengefchicht-
lichen Tradition, die nur die Schatten der Kaiferzeit mit
Vorliebe aufzeigt. Die moderne Kirchengefchichte hat
die Fehler der Tradition erkannt, wir werden nicht mehr
die Stärke und Lebendigkeit der heidnifchen Religiofität
des 2. Jahrhunderts unterfchätzen und die Sittlichkeit in
den Provinzen nicht meffen nach Rom, Corinth und Antiochien
. Aber dürfen wir nicht darauf hinweifen, dafs
in geordneter Verwaltung, in Bildung, Wohlftand und
Sicherheit das Völkerglück doch nicht allein befleht?
Was M. vom Hellenismus fagt (S. 252): ,Die Selbftbe-
herrfchung des Hellenismus kann auf dem Boden des
öffentlichen Lebens fich nicht in der Reinheit und Schönheit
offenbaren wie in der ftillen Heimftatt, nach der die
Gefchichte und fie nach der Gefchichte glücklicher Weife
nicht fragt' — das gilt vom Chriftenthum doch noch weit
mehr. Und vielleicht ift das Chriftenthum eben mit dem
Edelften und Beften im Alterthum enger verknüpft, als M.
urtheilt. M. fieht im Chriftenthum weit mehr den Bruch
mit dem claffifchen Alterthum. Aus einer Paarung des
Hellenifchen und Orientalifchen ift es hervorgegangen
(S. 455), in der Provinz Africa zur Weltreligion geworden
(S. 657). Und der Romanismus Africas ift nicht
der claffifche. Dem Stile Tertullian's, den M. S. 656
befpricht als charakteriftifch für die africanifche Cultur,
fehlt beides, die Anmuth des Griechen und die Würde
des Römers. Und wenn M. fein Buch fchliefst mit den
Worten: ,Ein erft von wildem Lebenstaumel, dann von
flammender Glaubensbegeifterung trunkenes Gemüth,
wie es aus Auguftinus Confeffionen fpricht, hat feines
Gleichen nicht im übrigen Alterthum', fo ift diefer Satz,
eben weil er am Schlufs fleht, offenbar mehr als ein gelegentliches
Urtheil über Auguftin's Confessiones. Ift hier
die Bilanz gezogen zwifchen claffifcher und chriftlichcr
Bildung? Wenn das die Bedeutung diefes Satzes fein
foll, dann kann die Irrigkeit diefes Satzes vielleicht die
Unrichtigkeit des in ihm enthaltenen allgemeineren Ur-
theils ins Licht rücken. Wer die Confessiones lieft, ohne
von traditionellen Vorurtheilen befangen zu fein, wird
von ,wildem Lebenstaumel1 in der Jugend Auguftin's wenig
erkennen. Auguftin's fittlich ernfte, zum Theil mönchifche
Beurtheilung läfst als Einfternifs erfcheinen, was in anderer
Beleuchtung als ein von verhältnifsmäfsig wenig Schatten
getrübtes, ungewöhnliches Ringen nach dem Idealen fleh
darfteilen würde. Virtutes gentium splendida vitia, fagt
Auguftin. Und das gilt zum Theil auch von dem ,lafterhaf-
ten' Leben feiner eigenen heidnifchen Zeit. Mommfen's
Schlufsfatz müfste lauten: Ein folch ernftes, rückfichtlofes
Ringen nach der Wahrheit, wie der junge Auguftin es hatte,
und ein folcher Ernft gegenüber der Sünde, wie er bei
dem gealterten Auguftin in der fchonungslofen Verurthei-
lung feines frühern Lebens fleh zeigt, hat feines Gleichen
nicht im claffifchen Alterthum.

Leipzig. F. Loofs.

Linke, Dr.Johs., Te Deum laudamus. Die lateinifchen Hymnen
der alten Kirche verdeutfeht. 1. Bd. A. u. d.
T.: Die Hymnen des Hilarius und Ambrofius. Bielefeld
und Leipzig, Velhagen & Klaflng, 1884. (XXVI,
168 S. 16). M. 3. —; in Liebhaber-Halbfrz. geb.
M. 6. —

Von fportmäfsiger Polemik bin ich wahrlich kein
Freund, am allerwenigften von jener Gattung dcrfclben,
die ihr Behagen daran findet, todtgeborene Bücher mit
grofsem Aufwände von Kraft und Witz noch einmal
todtzufchlagen. Wo aber Unfähigkeit mit Ueberhcbung
gepaart Schlimmes leiftet und Schlimmeres, Schlimmftes
in Ausficht ftellt, da meine ich fei es nicht blofs gutes
Recht, fondern unabweisbare Pflicht der Kritik, ihres
richterlichen Amtes mit rückfichtslofcfter Schärfe ohne

Anfehen der Perfon zu walten. So hätte fie meiner
Ueberzeugung nach thun follen gegenüber dem vor bald
zwei Jahren erfchienenen Buche von Linke. Ich habe
lange gewartet, ob nicht ein Berufenerer, ein Hymno-
loge von Fach, fich der freilich undankbaren Aufgabe
unterziehen wollte, dies Buch als das zu bezeichnen, was
es ift, nämlich als das anmafslichfte und dabei werth-
lofefte Machwerk, das feit Jahren auf diefem vielmifshan-
delten Grenzgebiete der Theologie und Philologie an's
Licht getreten ift. Leider ift das meines Wiffens nirgends
auch nur annähernd gefchehen, und fo fühleich mich innerlich
gedrungen, es in elfter Stunde felber zu thun, damit
nicht der letzte Betrug ärger werde, denn der erfte. Ich freue
mich, für meine Auffaffung der Sachlage die Zuftimmung
der verehrlichen Redaction diefer Zeitfchrift in dem Mal sc
gefunden zuhaben, dafsdiefelbe der folgenden eingehenden
Befprechung Raum gewährt hat, obwohl fie bereits früher
(1884 Nr. 18) eine kürzere Anzeige des Buches zum Abdruck
gebracht hatte. Vorweg aber möchte ich mir für
irenifche Gemüther aus Linke's Vorrede noch einen fpe-
ciellen Rechtstitel für meine polemifche Form erholen.
Derfelbe liegt in der Art, wie Linke feine ,Herren Vorgänger
', die er freilich ,gleichwohl in voller Bruderliebe
begrübst', hoch von der Kanzel herab fchulmeiftert, vornehmlich
in dem Tone, mit dem er den ehrwürdigen
Schatzgräber mittelalterlicher Vergangenheit, Karl Sim-
I rock, wie einen Schulbuben zurechtfetzt. Es wäre fchon
hart genug, wenn Linke fich auf das Urtheil befchränkte,
Simrock habe fich in feinen Hymnenüberfetzungen ,eine
Profa geftattet, die nicht einmal als Profa in einer Elemen-
tarfchulc eine Cenfur erhielte' (S. XX). Aber das genügt
unferm Verdeutfchungsmeifter, der felbft ,das Wefen der
Poefie mit feinen Nerven unmittelbar ausempfindet', noch
nicht: ,Ich habe,' fährt er fort, ,den Raum nicht zu Bei-
fpielen, aber ich fage wirklich nicht zu viel, ich fage noch
bei weitem zu wenig; denn Profa ift immer noch mehr
als Trivialität und Monftrofität und beides ift nicht einmal
feiten'. Wer ein folches Urtheil über einen Mann
vom Range Simrock's in die Welt hinausfehreibt, der
mufs fich bewufst fein, dafs er damit die Kritik herausfordert
, einen eben fo ftrengen Mafsftab an feine Leiftung
zu legen, und welches auch das Ergebnifs der Prüfung
fein mag, er wird fich über keine Schärfe des Urtheils,
das ihn trifft, beklagen dürfen, fofern dicfelbe nur fachlich
begründet ift.

Es find nicht wenige und nicht leichte Anforderungen
, die Linke an einen Ueberfetzer ftellt, der die Hymnen
der alten Kirche ihrem Wefen entfprechend wiedergeben
will: lebenslang mufs er die Luft der alten Kirche
geathmet und das Brot der alten Kirche gegeffen haben
(S. XVIII), er darf keine andere Sprache reden wollen,
als die Sprache der Bibclverdeutfchung Martin Luther's
(S. XIX), er mufs, wie fchon erwähnt, das Wefen der Poefie
mit feinen Nerven unmittelbar ausempfinden (S. XX), und
was dergleichen fchöne Dinge mehr find. Wer anders
denkt, ,der thue feine Hand weg von diefen Hymnen'.
Was fich gegen Einzelnes davon theoretifch fagen liefse,
will ich hier bei Seite laffen, wir werden fpäter an Bei-
fpielcn fehen, wieweit Linke feine eigenen Anforderungen
erfüllt: zuvörderft möchte ich die Zahl der geforderten
Eigenfchaften eines echten und gerechten Hymnenüber-
fetzers um eine vermehren, welche mir allerdings die
erfte und wichtigfte zu fein fcheint: wer diefe Hymnen
der alten Kirche überfetzen will, der mufs Latein und
zwar ihr Latein verftehen. Und das thut Linke ganz ent-
fchieden nicht, felbft da nicht immer, wo ihm die früheren
Ueberfetzer und Erklärer, deren Schriften er fämmtlich
in feinen Befitz gebracht und eingehend geprüft haben
will, den Weg gewiefen haben. Gleich in den erften
Strophen des erften von ihm überfetzten Hymnus Lucis
largttor splendide, der fich nebenher bemerkt vortrefflich
zu einer Vcrgleichung Simrock'fcher und Linke'fcher
Ueberfctzungskunft eignet und für jeden, der fehen will,