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Ausgabe:

1885 Nr. 20

Spalte:

479-482

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tschackert, Paul

Titel/Untertitel:

Evangelische Polemik gegen die römische Kirche 1885

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 20.

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zu Ahlfeld fei ,eine ftets wohlwollende und entgegen- j aber liegt fie in der Auflage von 1878 noch fo neu uns
kommende' gewefen, fo würde es den Thatfachen mehr ! vor, dafs ,eine Polemik nach denCulturkämpfen' — fo
entfprechen, wenn conftatirt worden wäre, dafs es Zeiten , wird das Tfchackert'fche Buch in einem Flugblatt der

gegeben hat, in denen Ahlfeld, nicht ohne fyftematifchen
Betrieb gewiffer Agitatoren, bei der öffentlichen Meinung
ziemlich angefchwärzt war, fo dafs felbft der Stadtrath
dem Druck der öffentlichen Meinung Rechnung

Verlagshandlung charakterifirt — nicht fchon ihrer Neuheit
wegen vom Verleger empfohlen werden kann.

Doch wer wüfste nicht, dafs Hafe's Polemik, kurz getagt
, zu gut ift, zu geiftreich und feinfühlig, zu gerecht

tragen zu müffen glaubte, und nur durch den Wider- ! auch gegenüber den Mängeln der evangelifchen Kirchen,
fpruch des geiftlichen Infpectors ein Verweis für ihn um ein weiteres Publicum namentlich unter den Nicht-
hintertrieben wurde. In allen folchen Fällen blieb Ahl- Theologen finden zu können. Wenige Auserwählte nur
feld, feiner guten Sache gewifs, ftets ruhig, wurde nie- | unter den nicht theologifch Gebildeten werden an Hafe's
mals empfindlich, gefchweige gereizt; er ging gerades 1 ariftokratifcher Tafel (ich niederfetzen. Es fehlte eine
Weges, ohne nach links oder rechts zu fchauen, vor- j Polemik für die weiteren Kreife der Gebildeten und für
wärts. Die Frucht feiner Beftändigkeit und Geduld war, diejenigen Theologen, denen ihr Parteiftandpunkt es
dafs mit der Zeit alle diefe Anfechtungen fich verloren, , fchwer macht, von dem ehrwürdigen Jenenfer Profeffor
und zuletzt kaum mehr eine Erinnerung folcher Dinge i Belehrung anzunehmen. Diefen Platz füllt die Tfcha-
vorhanden war. An ihm ift das Wort in Erfüllung ge- ckert'fche Polemik aus. Allerdings unterläfst es der

gangen: ,Wenn jemandes Wege dem Herrn Wohlgefallen
, fo macht er auch feine Feinde mit ihm zufrieden',
Sprüche Sah 16, 7.

Dafs er zu richtiger Zeit fein Amt niederlegte, war
eine That gewiffenhafter Treue, wie feine Arbeit im Be-

Verf., in der Vorrede feinem Buche neben dem Hafe's
feine Stellung anzuweifen — nur in den Anmerkungen
wird H. genannt —, dennoch darf man zuversichtlich das
Verhältnifs diefer neuen Polemik zu der Hafe's fo bestimmen
, wie eben gefchehen ift. Denn wenn TCchackert's

ruf, fo lange die Kräfte Leibes und der Seele ihn dazu i Polemik auch manches enthält, was bei Hafe fich nicht
befähigten. Der Ruheftand, das letzte Krankenlager findet — namentlich in den letzten Büchern, wo vom
und der friedevolle Heimgang Ahlfeld's machen einen Cultus, vom Kirchenrecht, von dem Wachsthum der
harmonifchen erbaulichen Eindruck. Kirchen und von ,Zeitfragen' gefprochen wird —, wenn

Im Anhang finden wir auf 58 Seiten ausgewählte auch Tfch. über eine Hafe gegenüber Selbständige Kennt-
Gedichte von Fr. Ahlfeld: I. Zeitgedichte 1845—1848, ; nifs Italiens und des modernen Katholicismus verfügt,

II. Reifelieder, III. Gedichte verfchiedenen Inhalts, IV
Kinderlieder, V. Gelegenheitslieder. Diefe Gedichte er
freuen vielfach durch heitern und ernften Humor, fowie

eine Concurrenz mit Hafe's Buch verträgt das
Tfchackert'fche doch nicht. Dafs es aber den Platz ausfüllen
kann, der neben und unter Hafe noch unausgefüllt

durch oft überrafchende Phantafie. j ift, das haben verfchiedene günftige Befprechungen, auch

Für eine Sicher zu erwartende zweite Auflage machen j die letzterfchienene im Literarifchen Centralblatt Nr. 33
wir darauf aufmerkfam, dafs derjenige Leipziger Stadt- > (von ßg) bewiefen. Die warme Begeisterung des Verf.'s
rath, welcher nebft Bürgermeister Koch eine Predigt für das bibl.-evangelifche Chriftenthum, feine Cultur und
Ahlfeld's in Halle hörte, als es fich um deffen Berufung 1 Bildung einerfeits, andererseits der frifche Zornesmuth
handelte, und der von da an ihm treuefte Freundfchaft ] gegenüber dem jcfuitifchen Katholicismus im Verein
erzeigte, nicht Weiker hiefs (S. 108), fondern Weickert, j mit den fchon erwähnten Vorzügen rechtfertigen voll-
Firma J. D. Weickert. j kommen diefe günftige Aufnahme. Referent würde des-

Das Buch wird jeder, der den trefflichen Mann ge- halb einige ihm aufgefallene Mängel gern unerwähnt
kannt und verehrt hat, jeder, der ihn als Verfaffer ge- laffen, wäre es nicht gerade einer Polemik gegenüber,
diegener Predigtbücher ehrt und lieb hat, mit Genufs die Stets in gewiffer Weife im Namen Vieler fpricht, 1111-

und Erbauung lefen. Dazu fei es beftens empfohlen.
Leipzig. G. Lechler.

abweisliche Pflicht, darauf hinzuweifen, wenn und in
welcher Weife die Vertretung der gemeinfamen Sache
noch zu wünfehen übrig läfst.
Tschackert, Prof. Dr. Paul, Evangelische Polemik gegen die Als ein mehr populäres Buch mufs Tfch.'s Polemik
römische Kirche. Gotha, F. A. Perthes, 1885. (XV, : beurtheilt werden. Dt es nun wirklich populär? Zwei-
(-.„...„ J- fellos, infofern das fchwere Gefchutz der Gelehrfamkeit

441 b. gr. iS.) m. 8.— weit mehr in den Hintergrund tritt als bei Hafe. Doch

Wir haben nicht viele Bücher, die in ihrer Art fo fragt fich fehr, ob dies zweckmässig ift. Eine Polemik
vollkommen find wie Hafe's Polemik (Handbuch der für weitere Kreife darf im Texte allerdings nicht fchwer
proteftantifchen Polemik gegen die römifch-katholifche verständlich fein, — allein es ift gut, wenn es in den
Kirche. Leipzig. 1. Aufl. 1862. 2. 1865. 3. 1871. 4. 1878). Anmerkungen fich nicht verbirgt, mit welchem Gefchütz
Da reichen Sich vollkommene Stoffbeherrfchung und ge- wir nöthigenfalls dienen könnten. M. E. ift es nicht klug,
fällige, ftets feffelnde Darftellung, polemifche Entfchie- - dafs der Herr Verf. für die pofitive Darstellung der ka-
denheit und liebevolle Verftändnifsfähigkeit die Hand, ! tholifchen Lehre in den Anmerkungen häufig nur üchler's
da findet von den mannigfachen Materien, welche be- Symbolik als Autorität anführt, dafs er Bellarmin, wenn
fprochen werden, eine jede die ihr gebührende eigen- j ich nicht irre, nur nach Hafe, Perrone nur nach Hafe
thümliche Behandlung: bald erkennt man in dem viel- j und Reufch's Literaturblatt (S. 432 Anm. 6), Hieronymus
feitigen Verf. den Hutierus redivivus und den Heraus- nur nach Hafe, Socrates hiß. eccl. nach Herzog's Kirchengeber
der Concordia, bald den liebenswürdigen Biographen gefchichte, einen Brief Hefele's nach dem Buch über
des hl. Franz und der hl. Katharina, bald den kunftver- Amalie von Lasaulx citirt. jedenfalls hätte bei der-
ftändigen Pilger, der oft die Stadt Raffael's und Michel- artiger Herübernahme eines Citats ein Friller wie ihn
angelo's befucht hat, bald den Zeitgenoffen von Over- Anm. 35 S. 398 enthält — aus Hafe wird Grat. decr.
beck, Philipp Veit und anderen, die das Irrlicht der Ro- P. I D. XCV. c. 5 als ,cap: 5 citirt — vermieden werden
mantik in den Schofs der katholifchen Kirche geführt müffen.

hat, ftets den Altmeifter der Kirchengefchichte. Kurz, Weiter wird man von einer mehr populären Polemik
da hält die reiffte proteftantifche Bildung ihr Gericht erwarten müffen, dafs fie 1) bei aller Befchränkung fach-
über den Katholicismus. Und dies fo, dafs jeder Lefer lieh richtig und vollständig fei, 2) formell klar in Anverhindert
wird, über den Fehlern und Schäden der rö- Ordnung und Darfteilung, 3) entschieden und gerecht in
mifchen Kirche die Mängel im eigenen Haufe zu ver- ihren Urtheilen. Nicht alle diefe Forderungen wird man
geffen. Hafe's Polemik wird nicht veralten, auch wenn völlig erfüllt finden in Tfch.'s Buch,
fie einft nicht mehr neu aufgelegt werden wird. Zunächst Die fachliche Richtigkeit der Darfteilung freilich wird