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Ausgabe:

1885 Nr. 16

Spalte:

384-387

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sachsse, Eug.

Titel/Untertitel:

Ursprung und Wesen des Pietismus 1885

Rezensent:

Weizsäcker, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 16.

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hat diefe neue Ausgabe auch in diefen Bänden durch
die Aufnahme verfchiedener Gegenfchriften gegen Luther
erfahren, unter denen fich diesmal folche befinden, welche
bisher fo gut wie völlig unbekannt waren. Allein fchon
diefe Beigaben werden Enders' Arbeit auf lange hin zu
einem unentbehrlichen Hülfsmittel machen.

Von kleineren Verfehen oder Mängeln ift mir Folgendes
aufgeftofsen.

Zu XXV, 1 ff. (Luther's Warnung an feine lieben
Deutfchen 1531) kann ich zufällig zwei Drucke nennen,
welche dem Herausgeber entgangen find (beide auf der
Marburger Univ.-Bibliothek). Der eine ift jedenfalls
wichtig. Der Titel ftimmt der Zeilenabtheilung nach
und, wie es fcheint, auch in der Einfaffung mit Druck a
bei Enders, der mir nicht vorliegt, überein, nur dafs fich
hier der Druckfehler 1231 findet; in dem Impreffum am
Schlufs die Abweichung ^Gedruckt (für ,Gedrückf), aufser-
dem nach ,Hans Lufft' ein Punkt (gleich a 8 Bogen,
letzte S. leer. — S. 41 die Randgloffe wie in a). Aber
auch fonft ftimmt diefer Druck nicht durchweg mit a.
So lieft er S. 12 richtig ,sichl ftatt des Ach' von a, S. 37
mit b ,vnd durch dein leib vnd leben sich schützen1, ftatt
,noch durch1 etc. bei a; desgl. S. 44 ftatt , Wolkenbrusf
mit b , Wolkenbursf, wie der Druck mit b endlich auch
den Fehler S. 41 theilt: ,wie will auch dem Gewissen die
grosse Plage1, ftatt,. . dein Gewissen tragen die1 etc. Hiernach
fcheint diefer Druck die Vorlage für b abgegeben
zu haben. Wenn Enders anders mit Recht a für den
üriginaldruck erklärt hat, fo würde der vorliegende
Druck der zweite Lufft'fche fein, neben a der einzige,
der aus diefer Officin — abgefehen von den Ausgaben
von 1546 und 1547 — zur Zeit bekannt ift (aus welcher
Druckerei ift aber b hervorgegangen? das hätte E. mit
Hülfe der von ihm befchriebenen Einfaffung uns jedenfalls
leicht fagen können). — Der zweite hier befindliche
Druck gehört in die Reihe der von E. unter d bis h aufgezählten
: ,Mit einer Vorrede Philippi Melanchthon. || Tu-
binge. Getruckt durch Ulrich Morhart. M. D. XL VI'.
(10 Bogen, die drei letzten S. leer).— XXV', 206 bei Druck
a und 279 bei Druck a ift Hans Lufft's Druckerzeichen
befchrieben, ohne dafs es als folches namhaft gemacht
würde.

In der Einleitung zu den Schmalkald. Artikeln XXV,
163 f. vermiffe ich den Hinweis auf die gründliche Arbeit
von Plitt; das Datum, auf welches das Concil von Man-
tua ausgefchrieben war, ift nicht ganz genau angegeben
(die bei Raynald. abgedruckte Bulle nennt den 23. Mai
1537); auch war es nicht der Nuntius Vergerio, der diesmal
die Einladung beforgte, fondern Peter van der Vorft,
Bifchof von Acqui (Ranke IV, 66).

XXV, 249 (bei dem Consilium de emendanda ecclesia)
wird der Mitverfaffer Aleander fälfchlich als Cardinal
bezeichnet, was er bekanntlich erft fpäter geworden ift.
Bei diefer Gelegenheit möchte ich einen Irrthum berichtigen
, zu deffen Verbreitung auch ich beigetragen haben
dürfte, dafs nämlich, wie Enders unter Berufung auf
meinen ,Contarini' (S. 29) erzählt, das Consilium de emend.
eccles. 1559 unter Paul IV. Caraffa auf den Index gefetzt
fei. Dafs das Consilium im Index von 1559 fleht
[Ltber inscrip.: Consilium de Emendanda ecclesia), und
in diefer Form in allen römifchen Indices bis 1758 wiederholt
ift, ift richtig; aber nach der fchon von Zaccaria
(l777) gegebenen Aufklärung kann es keinem Zweifel
unterliegen, dafs damit nicht das Consilium an fich gemeint
war, fondern nur die von Vergerio 1555 beforgte
Ausgabe: Consilium de em. Peel. Aufhöre Jo. Petro Ca-
raplia Neapol. olim Card. Theatino, nunc sub Pauli IV.
nomine Pontifice Romano. Denn in dem erfiten röm. Index
von 1557 ftand, wie eben Zaccaria gezeigt hat: Lib. inscr.
C bns. de em. Eccl. Aufhöre Jo. Petro Carapha Neap. olim
Card. etc. und erft von den Redactoren der zweiten
Ausgabe des Index ift der Zufatz fortgelaffen worden.
In diefer Fortlaffung zeigt fich aber nur das Ungefchick

oder die beifpiellofe Nachläffigkeit, mit der man in fo
wichtiger Sache verfuhr, ohne dafs man mit Reufch,
auf deffen im Uebrigen ausgezeichnete Darlegung des
Thatbeftandes ich verweife (Der Index der verbotenen
Bücher. I, Bonn 1883, 396 ff), urtheilen dürfte, das Ac-
tenftück fei ,ohne Zweifel im 16. Jahrh. der Curie unbequem
genug gewefen, um die Unterdrückung desfelben
zu wünfehen'.

XXVI, 19 in der Einleitung zu ,Wider Hans WurfV
folgt E. der Darlegung Knaake's in deffen Halle'fcher
Separatausgabe. In dem von Kn. und E. zur Datirung
angezogenen Briefe von Paul Eber, C. R. IV, 140, mufs
aber ein Fehler ftecken; unmöglich kann diefer am
25. März fchreiben: Dominus Doctor invectivam suam ab-
solvit, sed premetur, donec accedet prineipis responsio,
was E. dahin verficht, ,mit dem Beginne des Druckes'
fei ,noch auf die Genehmigung des Kurfürften gewartet
worden', während Melanthon dann fchon am 4. April
von Regensburg aus berichtet, die Schrift werde dort
auf das Eifrigfte gelefen; vielleicht ift retinetur zu lefen.

Möchte es dem jetzigen Verlage der Erlangen-Frank-
furter Ausgabe gefallen, uns auch noch die beiden Abtheilungen
der ,katechetifchen' und der ,polemifchen'
Schriften (Bd. 21—23 und 27—32) in zweiter von Enders
zu beforgender Auflage zu liefern. Uebrigens würde ich
rathen, bei diefen folgenden Bänden den kritifchen Apparat
zu befchränken (fo ift es z. B. vollftändig überflüffig, XXV,
1 ff. durchweg die fehlerhaften Lesarten eines Druckes
wie h beizubringen) und dafür die Einleitungen minder
knapp zu halten und in gröfserem Druck zu geben.

Marburg. Th. Brieger.

Sachsse, Prof, Dir. Lic. Eug., Ursprung und Wesen des

Pietismus. Wiesbaden, Niedner, 1884. (VI, 382 S.
gr. 8.) M. 6. —

Der Urfprung des Pietismus ift im erfiten Capitel
diefer Schrift, unter dem Titel: ,Deutfchland nach dem
grofsen Kriege', zunächfit dadurch eingeleitet, dafs die
fchweren Folgen des dreifsigjährigen Krieges nicht nur
in Noth und Elend, fondern auch in der Verwilderung,
darauf die Erftarrung und das Ungenügen der evangeli-
fchen Kirche, und aus beiden zufammen der hilfsbedürftige
fittlich-religiöfe Zuftand gefchildert werden.
Neues ift in einem folchen Ueberblicke nicht viel zu
geben; es ift diefelbe Betrachtung, welche für diefen
Zweck fchon oft angefitellt ift. Aber es ift mit frifchen
Farben und lebhaften Zügen gefchildert. Man ift allerdings
verflicht, diefem Nachtgemälde gegenüber das Bedenken
der Einfeitigkeit zu erheben. Es find grofsen-
theils fchon die Klagen verwendet, welche der Pietismus
felbft zu feiner Rechtfertigung erhoben hat, und
dafs diefe paftoralen Klagen, die fich in den verfchieden-
I fiten Zeiten ähnlich wiederholen, mit Vorficht als Ge-
I fchichtsquelle zu g'ebrauchen find, ift aufser Zweifel.
Man darf nachher nur lefen, welches Bild diefelben von
den Zuftänden Frankfurts während Spener's dortiger Wirk-
famkeit geben, um fich zu überzeugen, dafs der Schatten
hier alles Licht aufgeflogen hat, und ebenfo dafs
Aufserordentliches und Alltägliches durcheinander ge-
J mifcht find. Auch ift bekannt, dafs angefehene Hiftori-
I ker heutzutage ein ganz abweichendes Bild von den Zuftänden
jener Zeit zu entwerfen begonnen haben. Noch
mehr darf man wohl dabei etwas anderes vermiffen,
nämlich den Hinweis auf die unverkennbare Umwälzung
der Denkweife, welche damals in allen Schichten der
Gefellfchaft, im focialen wie im gewerblichen Leben, in
I Literatur und Wiffenfchaft, theils in der eigenen Ent-
j Wicklung Deutfchlands, theils unter dem mächtigen Ein-
; flufs grofser Strömungen von aufsen stattgefunden
! hat. Es dürfte nicht fchwer fein zu zeigen, dafs auf
i allen Gebieten des Lebens neue oberfte Gefichtspunkte,