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Ausgabe:

1885

Spalte:

11-13

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lechler, Karl

Titel/Untertitel:

Das Gotteshaus im Lichte der deutschen Reformation 1885

Rezensent:

Enders, Ernst Ludwig

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 1.

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lehr begrüfsen, welche aus fo unmittelbaren Quellen hat
fchöpfen können.

Leipzig. Härtung.

Lechler, Dec. Karl, Das Gotteshaus im Lichte der deutschen
Reformation. Heilbronn, Henninger, 1883. (III, 92 S.
gr. 8.) M. 1. 20.

Eine Schrift von nur mäfsiger Seitenzahl, aber reich
an beherzigenswerthen Gedanken, und doch mit einem
— für den Ref. wenigftens — nicht ganz befriedigenden
Abfchlufs. Es dürfte daher ein ausfuhrlicheres Referat,
als es fonft Brofchüren zu Theil zu werden pflegt, gerechtfertigt
erfcheinen, befonders um die Lefer diefer
Zeitung dadurch zu veranlaffen, fich mit dem vollftän-
digen Inhalt felbft genauer bekannt zu machen.

In der Einleitung weift der Verf. nach, wie alle
Künfte im Dienft der evang. Kirche ihren eigenen Stil
(ich ausgebildet haben im Gegenfatz zur kathol. Kirche,
nur die Baukunft nicht; in der Rede- und Dichtkunft,
fowie in der Mufik und bildenden Kunft hat die evang.
Kirche Eigentümliches und Selbftändiges gefchaffen,
worin fie fich von der kathol. fcharf unterfcheidet durch
den überwiegend geiftigcn Charakter der Auffaffung,
durch den innigen Anfchlufs an die Schriftgedanken u.f. w.,
der architektonifche Gedanke ift allein zurückgeblieben
und fleht noch auf dem Standpunkt vor der Reformation.
Die Urfache davon ift leicht erfindlich: die neuen evang.
Gemeinden behalfen fich mit den vorhandenen Gottes-
häufern, und den nächften Jahrhunderten fehlte es an
künftlerifchem Sinn fowie an productiver Kraft, etwas
Neues zu fchaffen. Der Pietismus mit feinem rein fub-
jectiven Erbauungsbedürfnifs, der Rationalismus mit feiner
kahlen Lehrhaftigkeit konnten auf die Baukunft nicht befruchtend
wirken. So ift denn der Forderung eines dem
Wefen der Reformation entfprechenden evang. Kirchen-
bauftils noch nicht Genüge gefchehn. Um zu einem j
folchen zu kommen — und hiermit gelangt der Verf. 1
zu dem erften Theil feiner Abhandlung — mufs man fich
die gottesdienftlichen Grundfätze der evang. Kirche klar j
machen, denn (nach Jähn's Werk, das evang. Kirchen-
gebäude S. 2) ift beim Kirchenbau die Liturgie Bauherr.
Als folche Grundfätze Hellt der Verf. nun folgende auf:
1) die evang. Kirche ift eine Kirche des Worts, im
befonderen der Predigt. Es mufs daher das gefprochene |
Wort überall im Gottesdienfte hörbar fein. Ein j
Bauftil, deffen Pformen wider die Gefetze der Akuftik
verftofsen, ift deshalb trotz feiner fonftigen Schönheit
für das evang. Gotteshaus unverwendbar. Die Kraft des
Worts wird aber an Eindringlichkeit verftärkt durch den
Blick und die Geberde, mit denen es begleitet wird. Es
mufs folglich das Wort auch wahrnehmbar fein bis
zur leifeften Geberde. Die Kirche mufs deshalb helle
fein und in ihr Alles aus dem Wege geräumt, was den
freien Durchblick Aller hindern könnte, und zwar nicht
nur zur Kanzel, fondern auch zu den facramentalen
Handlungen der Taufe und des Abendmahls. — 2) Die
evang. Kirche ift eine Kirche des allgemeinen
Prietterthums. Die Gemeinde mufs fich in ihr als
Eine darfteilen, als Verfammlung eines Prieftervolkes.
Zwifchen die einzelnen Theile derfelben darf keinerlei
Scheidewand fich einfchieben, auch nicht in Geftalt einer
Säule. Die Einheit fchliefst jedoch die gliedliche Un-
terfcheidung nach Gefchlechtern, Lebensaltern u. f. w.
nicht aus, für welche beftimmte Plätze anzuweifen find.
(Brüdergemeinden!) Weil die Kirche aber geiftliches
Gemeindehaus ift, mufs fie auch Raum darbieten zur
Entfaltung des geiftlichen Gemeindelebens, alfo
z. B. Nebenräume für den Confirmandenunterricht, für
kirchliche Vereine u. f. w. — Zu diefen unmittelbar
praktifchen Bedürfniffes, welche S. 35 nochmals zufammen-
gefafst werden, kommt hinzu, dafs die Gemeinde in ihrem
Gotteshaus auch äufserlich ihrer Ehrfurcht und dankbaren

j Liebe gegen Gott einen möglichft würdigen Ausdruck
verleihen will. Sie bringt dem Herrn durch den Bau
ihres Gotteshaufes ein Opfer der Anbetung. Hier
fcheidet fich aber die evang. Kirche wefentlich von der
kathol. Auf die intereffante Darlegung diefes Unter-
| fchiedes (S. 37—41) können wir hier nicht näher eingehen,
der Verf. zieht den, wie uns fcheint, richtigen Schlufs
I daraus: der Kirchenbau mufs confeffionell fein.
Man mufs es einem evang. Gotteshaufe fchon von fern
anfehen, dafs es evangelifch und nicht katholifch ift, fo
gut als eine griechifche Kirche oder ein Betfaal der
Brüdergemeinde fchon von Aufsen als folche fich kennzeichnen
.

Mit diefen Grundfätzen, welche aus dem Wefen der
evang. Kirche gewonnen find, geht der Verf. mit den
herkömmlichen Bauftilen kritifch ins Gericht. Zuerft
j prüft er die Gothik. Sein Ergebnifs ift: Die Gothik in
ihrer Vollendung ift die Gegnerin des evang. Gottes-
dienftes (a. durch ihre Raumverhältnifse, welche der Aku-
| ftik und dem freien Durchblick unüberwindliche Hinder-
j nifse in den Weg legen; b. durch ihre Beleuchtung, indem
die tiefen feuerigen Farben die Helle verfchlingcn;
c. dadurch, dafs fie nicht geftattet, die Gemeinde in ihrer
Einheit darzuftellen, fondern einen Theil derfelben in die
Seitenhallen verweift; d. dadurch, dafs fie nur Kapellenkränze
für vermehrten Heiligencult, aber keine Entfaltung
von Bauten verträgt, die dem Laienleben der Gemeinde
in oben angedeuteter Weife ein Stätte bereiten; aus
diefen Gründen ift fie:) weiter ein unbefiegbares Hinder-
nifs für die Entwicklung der evang. Baukunft. So ziemlich
dasfelbe gilt auch vom romanifchen Stil, deffen
Grundgedanken diefelben, deffen Linien nur andere find,
als bei der Gothik. Weiter zurückgehend gelangen wir
zu der Bafilika, die zwar die erfte Form des chriftl.
Gotteshaufes, aber eben auch nur diefe ift; ihre eigentliche
fyftematifche Geftalt hat fie im romanifchen Zeitalter
empfangen, und ift als Mufter deshalb wohl auch
nicht zu proclamiren. Noch weiter zurückfehreitend
finden wir das Heiligthum Ifrael's, aber auch hier,
in der Zeit, da Gottes Volk noch ein Knecht war, ift das
Gefetz nicht zu finden, das wir unter der Kindfchaft zu
befolgen hätten. Und doch hält uns an Letzterem Etwas
feft. Für das gottesdienftliche Schöne ift nämlich das
A. Teft. der klaffifche Boden, während im N. Teft. das
äfthetifche Fllement ganzzurücktritt. Will daher die chriftl.
Kirche ihre leibliche Schönheit entwickeln, fo mufs fie
aufs A. Teft. zurückgreifen. Die kathol. Kirche hat es
gethan, um ihrem Gottesdienft Schönheit und Würde zu
verleihen, aber fie hat es nicht über die unmittelbare
Uebertragung, über die Nachahmung der ATI. Formen
hinausgebracht. Die evangel. Liturgik hat im A. T.
nicht Bauriffe oder Stilmufter zu fuchen, wohl aber ein
lebendiges Gefühl für die Schönheit in Geftaltung der
Stätte, welche dem Verkehr zwifchen Gott und der Ge-
: meinde dienen foll. Mit den detallirten Ausführungen
j diefes Punktes konnte Ref. fich weniger befreunden, fie
j verirren fich zum Theil in eine gefuchte Symbolik. —
j Hatte der Verf. im Bisherigen an der Hand der Gcfchichte
I rückwärts die Bauftile durchwandert, fo tritt er nun die-
felbe Wanderung noch einmal vorwärts an, um ein
neues Element des Kirchenbauftils zu entwickeln, nämlich
das nationale und zeitgemäfse, indem er den
Nachweis führt, wie alle diefe Stilarten keineswegs blofs
fpeeififeh kirchlich waren, fondern der allgemeinen na-
| tionalen Bauentwicklung der betr. Zeit entfprachen,
I und dadurch auch dem Volke verftändlich waren. Untere
neuen evang. Kirchen mit ihrem alterthümlichen
| Stil flehen dagegen geradezu fremd in unterer Zeit da,
I zwar auch die katholifchen, aber für den Katholicismus
I hat das weniger zu fagen, er ift grundfatzmäfsig nicht
national.

Nach diefen Ausführungen, an deren Richtigkeit im
' Ganzen nur wenig auszufetzen fein dürfte, und die fich