Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1883 Nr. 7

Spalte:

148-151

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Holsten, C.

Titel/Untertitel:

Die drei ursprünglichen, noch ungeschriebenen Evangelien. Zur synoptischen Frage 1883

Rezensent:

Weiß, Bernhard

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

147

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 7.

148

alfo im Ganzen über dreihundert Illustrationen,
werden fchon in diefem erften Bande geboten. Und wenn
auch die Ausführung natürlich nicht überall auf der
gleichen Höhe fleht, fo darf man doch fagen, dafs die
grofse Mehrzahl derfelben wirklich künftlerifchen Werth
beanfpruchen kann. Jedenfalls geben fie in ihrer Ge-
fammtheit ein ausserordentlich lebensvolles Bild des
heutigen Paläftina's: feiner Natur, feiner Gefchichte (Soweit
Sie in Denkmälern erhalten ift) und feiner gegenwärtigen
Culturzuftände. Und das Bild erweckt durchaus den Eindruck
derTreue undNaturwahrheit. ZurVervollftändigung
desfelben trägt auch der forgfältig redigirte Text das
Seinige bei: er theilt in gefälliger Form alles Wefentliche
mit, ohne fich doch über Gebühr hervorzudrängen. —
Da über den Inhalt der erften 14 Lieferungen fchon
früher berichtet worden ift, fo ift hier fpeciell nur noch
der Inhalt von Lief. 15—29 oder S. 249—520 mitzutheilen.
Zunächst bringt S. 249—254 den Schlufs der Befchreibung
des Gebirges Ephraim. Es folgen dann: Sichern und
Samaria (S. 255—274), Die grofse Ebene (S. 275 — 290),
Untergaliläa und der See von Tiberias (S.291—334), Obergaliläa
(S. 335—368), Der Hermon und feine Tempel (S.
369—388), Damaskus (S. 389—442), Palmyra (S.443—454),
Der Wadi Barada (S. 455—466), Baalbek (S. 467—486).
Die Darstellung erstreckt Sich alfo weit über die Grenzen
des eigentlichen Palästina hinaus, bis Damaskus, Palmyra
und Baalbek. Mit befonderer Ausführlichkeit ift das Leben
und Treiben in dem heutigen Damaskus gefchildert und
vor Augen geführt. Von einzelnen Illustrationen, welche
für die ältere Gefchichte Paläftina's von Intereffe find,
hebe ich nur folgende hervor: S. 263: die Gefetzesrolle
der heutigen Samaritaner, S. 270: die Säulenftrafse des
Herodes in Samaria, S. 315: die Llöhlen bei Arbela,
welche Herodes von den dorthin geflüchteten Räubern
dadurch fäuberte, dafs er feine Soldaten in Kalten an
den P'elswänden herabliefs, S. 333: Ruinen in Teil Hum
(Kapernaum) wahrfcheinlich von einer alten Synagoge,
S. 342 und 344: Ruinen alter Synagogen in Meron und
Kefr Birim, S. 359: die Pan-GrottebeiPanias, S. 443—454:
die Ruinen von Palmyra, S. 463: die römifche Gebirgs-
ftrafse am Barada mit den Infchriften, durch welche die
Lage von Abila Lyfaniä feftgeftellt wird, S. 467—486:
die Ruinen von Baalbek. — Werthvolle Zugaben find:
1) die Anmerkungen von Guthe S. 487—505, welche
namentlich einzelne geographifche Fragen befprechen
mit fehr fleifsiger Benützung der neueften englifchen
Literatur, 2) ein vortrefflicher Plan des heutigen Jerufalem,
3) eine gute Karte von Palästina.

Giefsen. E. Schür er.

monium Spiritus sancti neben der hiftorifchenUnterfuchung.
Der letzte Grundfatz ift für den angegebenen Zweck
offenbar der werthvolltte. Er ift vom Verf. in feiner
Unbefangenheit allerdings nicht fo gemeint, dafs das
testimonium Spiritus sancti unbedingt die entfcheidende
Inltanz fein foll, fondern es foll nur eine gleichwerthige
Inftanz neben den hiftorifchen Gründen fein; und es find
nach ihm hinfichtlich des Refultates vier Möglichkeiten
denkbar: entweder 1) dafs jede von beiden Seiten ein
entfchiedenes Ergebnifs darbietet und beide mit einander
übereinstimmen, oder 2) dafs jede von beiden Seiten ein
entfchiedenes Refultat giebt, aber beide einander Widersprechen
, oder 3) dafs eine Seite für fleh ein ganz entfchiedenes
oder doch überwiegend wahrfcheinliches Refultat
giebt, während auf der anderen kein entfchiedenes
Refultat gegeben ift, oder endlich 4) dafs keine von
beiden Seiten ein entfchiedenes Ergebnifs bieten kann
(S. 36). Der Verf. ift aber der Ueberzeugung, dafs doch
in concreto bei jeder der biblifchen Schriften entweder
der erfte oder der dritte diefer Fälle Stattfindet. Und da
leiftet nun namentlich in dem dritten Falle das testimonium
Spiritus sancti gute Dienfte. Denn auch bei den am meiften
angefochtenen biblifchen Schriften wird man fagen dürfen,
,dafs das für fie fprechende testimonium Spiritus sancti für
ihre Glaubwürdigkeit entscheidet, weil die gegen diefelben
flehenden hiftorifchen Gründe nirgends die Unächtheit
oder Unzuläffigkeit derfelben zwingend erweifen' (S. 38).
— Die Naivität, mit der dies Alles vorgetragen wird, ift
fo grofs, dafs durch fie jede Kritik von vornherein fich
entwaffnet fühlen mufs.

Giefsen. E. Schür er.

Holsten, C., Die drei ursprünglichen, noch ungeschriebenen
Evangelien. Zur fynoptifchen Frage. Karlsruhe, Reuther,
1883. (VII, 79 S. gr. 8.) M. 1. 60.

Die hohe Bedeutung diefes Schriftchens von 79 Seiten
liegt eigentlich nicht in dem, was der ohnehin etwas
räthfelhafte Titel zunächst erwarten läfst, fondern in
dem, was der Verfaffer hier mit feiner gewohnten dia-
lektifchen Schärfe und gerade in diefer programmartigen
Zufammenfaffung fo durchfichtigen Klarheit als fein Ergebnifs
über die Entwicklung der Urgemeinde hinftellt.
Noch find keine 50 Jahre verfloffen, feit der Altfneifter
der /Tübinger Schule' mit feiner Entgegenfetzung des
Paulus und der Urapoftel eine ebenfo kämpf- als fruchtreiche
Bewegung auf dem Gebiete der neuteft. Wiffen-
fchaft hervorrief, und heute proclamirt fein fcharffinnlgfter
Schüler ein völlig neues Programm für die Gefchichte
des Urchriftcnthums. Dasfelbe beginnt in Petrus mit
Roos, Pfr. Fr , Ueber die richtigen Grundsätze für die I einem dem Paulus wefentlichen verwandten, wenn auch
biblische Kritik. Ludwigsburg, Neubert, 1882. (V, 39 S. 1 [eine letzten theoretifchen Confequenzen nicht ziehenden
»01 js> Standpunkte. Erft etwa 20 Jahre fpater, nachdem Petrus

gr. 8.) M. . 80. feine Predigt begonnen hatte, nachdem in Folge der

Der Verfaffer diefes Schriftchens hat fchon früher Wirksamkeit des Paulus die praktifchen Confequenzen des
einmal über ein verwandtes Thema fich vernehmen laffen 1 paulinifchenEvangeliums vor Augen getreten waren, bildet
(Die Infpiration der heiligen Schrift mit befonderer Rück- fich in der Urgemeinde die Form einer antipaulinifchen
ficht auf Rothe's Theorie, 1876). Das Urtheil, welches judaiftifchen Verkündigung, gewinnt unter Leitung des
damals ein anderer Recenfent in der Theol. Lit.-Ztg. ge- I Jacobus die Herrfchaft, zwingt den Petrus zur Unterfällt
hat (1877, Sp. 114), ift nicht fehr Schmeichelhaft aus- werfung und verdrängt das Plvangelium des Paulus, bis
gefallen, trifft aber auch noch für die gegenwärtige die Zerftörung Jerufalems den Bann diefes Judaismus
Publication zu. Der Titel diefer letzteren müfste eigent- über das Judenchriftenthum bricht und dem gefetzes-
lich genauer lauten: Wie die biblifche Kritik einzurichten freieren Geilte des urfprünglichen petrinifchen Evange-
und zu handhaben ift, damit doch Alles beim Alten liums zu erneuter Wirksamkeit Raum fchafft. Den unge-
bleibt? Diefes Ziel wird nach dem Verf. durch Anwendung heueren Umfchwung, der damit für die Betrachtung des
folgender drei Grundfätze erreicht: 1) Beschränkung der ! apoflolifchenZeitalters angebahnt, kann man fichnichtan-
Feftftellungen auf das, was mit Sicherheit fich ermitteln | fchaulicher vergegenwärtigen, als an der Beurtheilung der
läfst, und auf die für die Erkenntnifs des Wefens der | Apoftelgefchichte. Während es ein Fundamentalfatz der
biblifchen Schriften nothwendigen Hauptfragen, 2) Klare j Tübinger Schule war, dafs in den petrinifchen Reden
und confequente Scheidung in der Unterfuchung zwifchen j derfelben Petrus paulinifirt werde, findet Holfiten in
rein hiftorifchen Gründen einerfeits und dogmatifchen ihnen, wie er wiederholt hervorhebt, einen judaiftifch ge-
Vorausfetzungen oder principiellen religiöfen Anfchau- formten Petrus. Da übrigens Alles, was die Anfchauungen
ungen andrerfeits, 3) gehörige Geltendmachung des testi- der beiden Richtungen neben der paulinifchen betriltt,