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Ausgabe:

1883 Nr. 5

Spalte:

114-116

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kögel, Rudolf

Titel/Untertitel:

Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch. 4. Jahrg. 1883 1883

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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H3

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 5.

114

Eine Täufchung ift es vollends, wenn der eifrige Katechet I liegt und uns weislich verhüllt ift. Offenbart ift uns der
fich verleiten läfst, diefe Gedanken gar in die urfprüng- j Vater im Sohn durch den Geift. Von diefer gefchicht-
liche Conccption des Gebetes zu übertragen. liehen Offenbarung aus zieht die Schrift auch noch an-

Ich würde den mir hier zugemeffenen Raum über- deutende Linien, die in die Ewigkeit des göttlichen
fchreiten, wollte ich dem Verf. weiter in's einzelne nach- j Wefens hineinweifen. Aber diefe Linien verlieren fich
gehen. Nur das möchte ich noch den Ausführungen in einem Dunkel, dahin kein menfehliches Auge folgen
des zweiten Theils entgegenhalten, dafs, was das Apofto- j kann. Wer fich dabei nicht beruhigen kann, dem bleibe
licum im Nacheinander der hiftorifchen Offenbarung fchil- es unbenommen, weiter zu phantafiren oder dialektifche
dert, für das gläubige Hewufstfein, wie es fich am un- Rechenexempel anzuflehen, bei denen fich die farblofen
mittelbarften im Gebet ausfpricht, eins ift und nimmer- Abflractionen freilich fo leicht zufammenordnen, dafs
mehr in diefer äufserlichen Weife gefchieden werden man fich dadurch über die mangelnde Realität täufchen
darf. So würde zur V. Bitte der III. Artikel, in dem j läfst; ich will auch gerne zugeben, dafs auf diefem Weg
die Vergebung der Sünden fleht, mindeftens mit eben- fchon manche feine und packende Gedanken zu Tage
folchem Rechte gezogen, wie der II. Art. Zur V. Bitte gefördert worden find, von denen man fagen möchte
ift übrigens viel fchönes gefagt. Nur ift es mir unver- j wie fchade, dafs fie keinen Grund haben; aber man foll
ftändlich, wie man die Vergebung der Sünden an die | es doch endlich unterlaffen, dergleichen mit der Autorität
Präexiftenz Chrifti, llatt an feine Erfcheinung im Fleifche, des Gotteswortes, das nichts davon weifs, zu decken
und wiederum an folche abftrufe Reflectionen über die und für die felbftgemachten Widerfprüche Gehorfam
Auferftehung, wie S. 17 u. 18, anknüpft. Broteftiren mufs des Glaubens zu fordern. So erklärt der Verf. S. 29
ich auch gegen das ,auf Gnade und Ungnade' S. 17, Anm. 22 für eine den bedeutendften Entdeckungen

mit der Auslegung: ,würdeft du noch von der Sünden-
fchuld frei zu werden begehren, auch wenn alle deine
Strafe dir bleiben follte und keine Verheifsung des
ewigen Lebens dich lockte? Und möchten? du,
wenn dir gefchähe, wie du gebeten, feibft in der Hölle
noch deinen Gott dafür loben und preifen?' Das
ift einfach linnlos. Ja, der fchuldbeladene Sünder wird
für die Vergebung feiner Sünden, für den Frieden feines
Herzens, für die Reinigung vom Böfen jeden Preis zu
zahlen bereit fein. Er wird auf alles irdifche Glück

auf naturwiffenfehaftlichem Gebiete ebenbürtige Entdeckung
die ,unferer Zeit vorbehaltene tiefere Erkennt-
nifs der heiligen Dreieinigkeit aus dem Begriff der Familie
und der Liebe in der P'amilie', und gefleht von da aus
der herrnhutifchen Bezeichnung des heil. Geiftes als der
Mutter eine gewiffe Berechtigung zu, und doch erklärt
er S. 11, dafs in dem Vaternamen die ganze Dreieinigkeit
zufammengefafst fei. Zu folchen Widerfprüchen
nöthigt wahrlich die heil. Schrift nicht. Wo man ihre
Geheimnifse nicht beffer zu deuten vermag, follte man

verzichten, willig jede Strafe an Leib und Leben tragen. 1 doch lieber einfehen, dafs uns hier eine unüberfteigliche
Aber nur für Gnade, nicht für Ungnade, wird er es thun, 1 Schranke gezogen ift. Jedenfalls follte man aufhören,
nur für Friede, nicht für bleibende Gewiffensnoth, nur ; folche, die fich den Geheimnifsen des göttlichen Wefen

für Gemeinfchaft mit Gott, dem ewig vollkommenen,
nicht für Verftofsung von ihm.

gegenüber, von denen uns nichts offenbart ift, von denen
auch das Apoftolicum nichts enthält, befcheiden, des-

Der Verf. befchliefst feine Anmerkungen mit einem 1 halb des Unglaubens zu zeihen. Wer das Vaterunfer
Citat des Wandsbecker Boten. Er hätte etwas mehr j mit einfältig gläubigem Herzen beten kann, auch ohne
lernen follen von deffen edler Einfalt, von feiner keu- die künftlichen Tiefen des Vcrfs., der hat damit vom
fchen anbetenden Scheu, in die Geheimnifse des gött- 1 Herrn der Kirche das Siegel, dafs er zu ihm "-ehört
liehen Wefens einzudringen. Bei diefen Bemühungen, i und befitzt wahrlich Glauben genug, um fich vor der
möglichft viele Tiefen im V. U. aufzudecken, kann man j Offenbarung Gottes zu beugen, auch wenn einem der
fich des Verdachtes nicht erwehren, dafs diefe Herren Verftand darüber ftill fleht, ohne dafs er fich darum vor
dogmatki über das V. U., wenn es nicht fo zweifellos | menfehlichen Theorien, auch wenn fie durch Jahrhunderte
aus dem Munde des Herrn flammte, am Ende kein ! geheiligt find, unbedingt zu beugen braucht,
befferes Urtheil fällen würden, wie das jetzt mit folcher j Giefsen r Q u

Entrüftung abgewiefene Möllers, dafs fie es gar für ein 1 -!__ug' ac"loller.

recht unchriftliches Gebet halten würden. Es pafst eben : Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch, hrsg. von R. Kögel,
fo gar nicht in die dogmatifche Schablone hinein, und 1 W. Baur und E. Frommel, unter Mitwirkung

...v..... ... ^ -wg............ —.....----> ~, j jl,c.ui uiiu i.. i rummci, unter Mitwirkung von

Frz. Delitzfch, N. Fries, M. Frommel etc. (4. Jahrg.
1883.) Bremen, Müller. (V, 370 S. 8.) M. 4. —

ungen gefallen laffen. Natürlich hat der Verf., wie die
Präexiftenz, fo auch die Dreieinigkeitslehre hereingebracht
. Die Ausführungen über diefe letztere hat er
vorfichtigerweife von vornherein gegen Angriffe zu ver

Zu dem neuen Jahrgang haben zumeift die bisherigen
bekannten und bewährten Kräfte werthvolle Beiwahren
gefucht, indem er feine Erwartung ausfpricht, träge geliefert. Den Reigen eröffnet R. Kögel mit
fie werden ,von gewiffer Seite' als Phantaftereicn bezeich- einem Adventsgefpräch, das die modernen Zweifel an

net werden, und das um fo natürlicher findet, ,als auf
jener Seite das Denken bei dem Gottesbegriff in die
allergröfstc Verlegenheit geräth'. Ich weifs nun nicht,

der Weihnachtsgefchichte beleuchtet und fie auf ihren
letzten, ethifchen Grund zurückführt; von derfelben
reichen Hand flammen noch zwei ergreifend fchöne

was der Verf. unter jener Seite' verficht. Ich meiner- ] Gedichte: .einem Kranken'. Eine biblifche Studie bietet
feits hätte mich auf Grund weitgehender Uebereinftim- wie bereits in früheren Jahrgängen, Friedrich Gefs in
mutig mit feinen eigentlich religiöfen Ausführungen zu [ einer Parallele zwifchen Jeremias dem Propheten und
feiner Seite gerechnet. Nichtsdefloweniger mufs ich ge- Jefus, dem Sohn', die neben vielen treffenden Zügen im
flehen, dafs eine Theologie, deren Denken beim Gottes- j Einzelnen doch das Mifsliche einer folchen Vergleichuno-
begriff nicht in Verlegenheit geräth, für mich ein Unding herausfielet bei der tiefen Ungleichartigkeit der in Pa^
ift. Jedenfalls wird fie deffen nur dadurch überhoben, rallele Geftellten, bei der über Alles erhabenen Flinzicr-
dafs fie der Zucht einer feften Erkenntnifstheorie ent- keit Chrifti. Einen ganz vortrefflichen Artikel über
behrt. Der Verf. erklärt, dafs es ihm in der Theologie .Gefellfchaft und Gefelligkeit' bietet Emil Frommel.
als Wiffenfchaft nur um die Denkbarbeit der Offenbar- Mit dem bekannten liebenswürdigen Humor des Verf.'s,
ung als des zum Nachdenken gegebenen Stoffes handele, j unter deffen leichtem heiterem Gewände fich tiefe ernfte
Ja, wenn er damit nur Ernft machte! Aber feine Gc- Wahrheiten verbergen, werden die Unarten und Verdanken
befchäftigen fich mit Vorliebe nicht mit dem, fchrobenheiten unferer modernen Gefelligkeit in den ver-

fchiedenen Kreifen der Gefellfchaft bis hinauf zu der

was uns offenbart ift, fondern mit dem, was uns nicht

offenbart ift, mit dem, was jenfeits aller Offenbarung fogenannten .guten Gefellfchaft', die fich wohl auch mit