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Ausgabe:

1883 Nr. 4

Spalte:

87-89

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Freybe, Alb.

Titel/Untertitel:

Christoforus 1883

Rezensent:

Schlosser, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 4.

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binden laffe; ein blofses Nebeneinanderftellen der einen Intereffe. Dazu gehört in erfter Linie: Das Spiel vom
und der andern läfst fehr kalt. j verlorenen Sohn, de parabel vom verlorn Szonh, von

Sehr anfprechend ift Nr. 2. Hier erfreut die Fülle i Burkhard Waldis, aufgeführt zu Riga am 17. Febr. 1527.

der Daten, der Reichthum der Einzelmittheilungen. Man
lieft, auch wo man fich auf fchon bekanntem Gebiete
bewegt, immer gefpannt weiter. Möge mir nur der geehrte
Verf. geftatten, zu bemerken, dafs Karl's d. Gr.
deutfche Monatsnamen gar nicht fo erfolglos waren, wie
es S. 24 heifst. Sie leben jetzt noch in ungefchwächtem
Anfehen in der deutfchen Schweiz und im Elfafs, und
zwar bei Hoch und Niedrig.

Cornill fucht in Nr. 3 die Hörer zu derfelben Bewunderung
des Ezechiel zu bringen, welche ihn felber
bei eingehendem Studium ergriff. Ein überzeugtes Herz
wirkt immer fympathifch, und deshalb wird diefer Vortrag
auch gewifs nicht ohne Frucht bleiben. Vom Standpunkte
treuer, aber ernftlich forfchender Bibelgläubigkeit

das hier zum erftenmal getreu nach dem niederdeutfchen
Text des einzigen in Wolfenbüttel vorhandenen Exemplars
mitgetheilt ift. Dies für die Gefchichte des deutfchen
Dramas, wie für die Gefchichte der niederdeutfchen
Sprache überaus wichtige Stück, das als das bedeutendfte
Werk der ganzen dramatifchen Literatur Deutfchlands
im 16. Jahrhundert mit Recht gilt, war lange Zeit völlig
unbekannt, bis Gödeke davon Kunde gab. Ein von
Höfer beforgter Abdruck ift wiffenfehaftlich unbrauchbar.
Freybe verdient allein fchon für diefen mit gewohnter
Sorgfalt und Zuverläffigkeit beforgten Abdruck unferen
Dank, denn, abgefchen von. dem köftlichen naiven Humor,
der gepaart mit tiefem Ernfte in echt deutfeher Weife
auch bei Behandlung des Heiligen hervortritt, ift dies

aus wird nachgewiefen, dafs Ezechiel ein Dichter hohen : Stück als eine Dramatifirung der reformatorifch.cn GeRanges
und ein echter Prophet gewefen. Die Gemeinde
der Gläubigen nimmt ficherlich diefen Vortrag als eine
dankensvverthe Erläuterung des fchwierigen Schriftftellers

danken von der Rechtfertigung aus dem Glauben höchft
bedeutfam. Zugleich hat er aber damit eine Ehrenfchuld
gegen den fchmählich vergeffenen Mann, den ,mannlichen,

freudig auf. » vielgeprüften und in Staat und Kirche treu erfundenen

Strafsburg i/E. Alfred Kr aufs. 1 ^euSen fur aie evang. Wahrheit, den früheren Mönch

aus Allendorf, den gewefenen Zinngiefser und fpäteren
erden protedantifchen Pfarrer von Abterode (wo er am
13. Sept. 1544 introducirt wurde und um 1556 darb),
dem Dichter des ,Aefopus' und des .Pfaltcrs', nach

Freybe. Gymn.-Oberlehr. Dr. Alb., Christoforus. Blätter
für Kenntnis und Pflege von deutfeher Art und Sitte,

deutfehem Glauben und Recht. Leipzig, Dörffling welchen man ihn zu den allerbedeutendften Kirchenlied-
& Franke, 1882. (XVI, 442 S. gr. 8.) M. 6. - j d'?hftern df protedantifche.i Kirche zu zählen berechtigt

v ; -TT a , 1 iif, tur welchen aber z. B. die Herz. Real-Encykl. keine Er-

Der Grundgedanke diefes Buches kann nicht beffer , wähnung hatte, abgetragen. Nur mufs ich allerdings die
dargedellt werden, als es der durch eine Anzahl ähn- j Befürchtung ausfprechen, dafs, fo fehr auch die wiffen
licher Werke wohlbekannte Verf. in der Vorrede thut.
Er fagt da u. a.: ,Die folgenden Blätter wollen vor allem
der reiferen Jugend dienen, fodann dem chriftlichen deutfchen
Haufe, insbefondere dem Pfarrhaufe, wo man noch
mitten in der Leichtlebigkeit der Zeit den Beruf erkennt

fchaftliche Bedeutung des Freybe'fchen Buches durch
diefen Abdruck gewinnt, in gleichem Mafse bei der
Schwierigkeit und oftmals grofsen Derbheit der Spräche
feine Brauchbarkeit für Haus und Jugend verliert. Das
Gleiche gilt mehr oder weniger von dem ganzen Buche,
und fefthält, deutfchen" Glauben, deutfche Gefinnung, ; dafs das wiffenfehaftliche Intereffe des Forfchers und das
deutfehes Recht und Rechtsfitte zu pflegen. . . Das ; praktifch-populärer Darfteilung miteinander in Streit
Buch nennt fleh Chriftoforus; es ftellt dar die deutfche , liegen. So wird z. B. einem Forfcher, der das Buch um
Volksperfönlichkeit, wie fie hochgerichtet fchon im 1 des Spiels vom verlorenen Sohn willen begehrt, weder

1 mit der Ueberfetzung des Rolandsliedes und denen angel-
fächfifcher Fragmente, noch mit den nur bruchftückweife
mitgetheilten Rechtsalterthümern gedient fein. Aber ich
glaube, dafs diefem Uebclftand einfach mit Abänderung'
der Adreffe des Buches abzuhelfen fein werde, Es ill
ganz dazu angethan, ein Nachfchlage- und Quellenbuch
für Pfarrer und Lehrer und alle, die unfer Volk zu erziehen
haben, zu werden. Wer mit der Erziehung un-
feres Volkes zu thun hat, der weifs, dafs es für ihn
keinen gefährlicheren Feind zu bekämpfen giebt, als den
pietätlofen, der Vergangenheit abgewandten, nur dem
gegenwärtigen Haben und Gcniefsen und dem zukünftigen
Erjagen zugewandten Sinn, der nicht blofs die Quelle
des Unglaubens, fondern auch des unpatriotifchen Kosmopolitismus
, des ubi bejie, ibipatria ift. Andererfeits hat
die Flrftarkung der vaterländifchen Begeifterung in den
Tagen fchweren Kampfes auch unmittelbar eine Belebung
des hiftorifchen Intereffes im Gefolge gehabt. Je werther
das Vaterland, defto werther feine Vergangenheit; die
Hoffnung der Zukunft fucht unwillkürlich ihre Wurzel
in der Vergangenheit. Beides geht, wo das Volksleben
gefund ift, Hand in Hand, eins das andere fördernd: die
Pflege der Vergangenheit und die Arbeit für Gegenwart
und Zukunft. Es ift aber, wie Vilmar fo richtig bezeugte,
nichts fo fehr geeignet, einen ,ruhigen feften, feinen, der
Vergangenheit mit Liebe zugewendeten, und dennoch
von der Gegenwart und der Zukunft nicht eigenwillig
fich abwendenden Sinn zu erzeugen', nichts ein ,fo mit
vollfter Sicherheit wirkendes Correctiv gegen träumerifche
Alterthümelei nicht minder, als gegen Fremdländerei und

1 leidenthume pädagogifch für die Aufnahme des Chriften-
thums innerlich bereitet, nachher in Glauben, Sitte und
Recht dem Könige aller Könige huldigt. . . So wird
uns die germanifche Volksperfönlichkeit gezeigt in ihren
Grundzügen, in ihren ftarken und fchwachen Seiten, in
ihrer heidnifchen Religion, in ihrem Kail er- und Fürften-
ideal, das fie vollendet fleht in Chrifto, dem Weltvölkerherrn
, in ihrer Gottes- und Weltanfchauung, in ihrer
Anfchauung von Tod und Grab, in ihrer triumphirenden
Ofterfrcude, in ihrem Ofterleben, in ihrer Aneignung der
Rechtfertigung allein aus dem Glauben, in ihrer chriftlichen
Lebens- und Erfahrungsweisheit, in ihrem Lieben
und Leiden, in ihrem himmelan gerichteten Hoffen und
Harren, in ihrem Rechtsfinn und ihrer Rechtsfitte. —
Ueberall tritt uns die eigentliche Seelenfärbung der deutfchen
Volksperfönlichkeit hervor; Grundtöne werden
angefchlagen, die immer wieder klingen, und überall
offenbart fich der alte Kern mit neuen Anfätzen wie bei
der taufendjährigen Eiche'. Ref. kann nur aus vollem
Herzen beftätigen, dafs der Verf. in weitem Mafse hält,
was er verfpricht. Ich habe das Buch mit dem höchften
Intereffe gelefen. Es will nicht ephemerer Unterhaltung
dienen, aber auch keine fyftematifche Darfteilung geben.
Zum Theil find es nur Bruchftücke aus gröfseren Arbeiten
. Es will vor allem das Intereffe für die Studien
auf diefen Gebieten neu wecken und beleben. Und das
wird ihm in hohem Grade gelingen. Man merkt es dem
Verf. an, dafs er fo recht aus dem Vollen fchöpft. Es
ift ja viel Bekanntes unter dem, was er bringt, aber er
weifs, aus reichem Schatze das Paffende und Charak

teriftifche wohl auszuwählen. Und zu dem Alten bringt gegen die Neuerungsfucht zügellofer Willkür', als die
er nicht weniges Neue und wenig Bekanntes vom höchften Grimm'fche Art und Weife der Befchäftigung mit deut-