Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1883 Nr. 4

Spalte:

84-85

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gunning, J. H.

Titel/Untertitel:

Glaube und Sittlichkeit 1883

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

83

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 4.

84

Menfchen, dem Sinnlichen zugekehrt, Gott aus der
Schöpfung nicht mehr zu erkennen vermögen, fo hat es
Gottes Güte gefallen, als wirklicher Menfch zu erfcheinen
und an einem Menfchen erkannt zu werden. Nicht mehr
find wir blöden Menfchen genöthigt, nach oben zu blicken,
fondern neben und unter uns dürfen wir fchauen: denn

Aufgang. Aber der Verf. führt uns diesmal auf neuen
Wegen. In dem 7. Capitel bieten die über das Ver-
hältnifs der Myftik und des Pietismus zur Lehre von der
Rechtfertigung aus dem Glauben und über die Gründe
der theologifchen Aufklärung in der lutherifchen Kirche
Deutfchlands völlig neue gefchichtliche Auffchlüffe. Die

in diefer finnlichen Welt ift es möglich, Gott zuerkennen, Unterfuchung der asketifchen Literatur der lutherifchen
nämlich an der Perfon Chrifti. Chriftus gewährt durch Kirche im 16. und 17. Jahrhundert hat den Verf. zu überfein
menfchliches Wirken (Athanafius denkt allerdings j rafchenden Refultaten geführt. Er hat aber auch gezeigt,
faft ausfchliefslich an die Wunder) die Ueberzeugung, wie nicht nur fremde Factoren an der Zerfetzung der

iafs diefe Welt von dem einen Gott gelenkt wird. Die Lehren von der Rechtfertigung und Verföhnung im 17.
menfchliche Erfcheinung des Logos ift alfo Erkennt- j und 18. Jahrhundert betheiligt gewefen find, fondern wie
nifsgrund der Gottheit. Diefe Gedankenreihe verdient die Orthodoxie felbft die Hauptfchuld trägt (f. nament-

im fo gröfsere Beachtung als Athanafius von einer durch lieh S. 350 f.). — Ich breche hier meinen Bericht ab.
die Lehre Chrifti vermittelten Erkenntnifs Gottes und ; Derfelbe wird gezeigt haben, dafs, obgleich der Verf.
von dem neuen Gefetze völlig fchweigt. Alfo ift für ihn ; feine Beurtheilung der Gefchichte in den Hauptpunkten
wirklich in der in ihrem Wirken deutlichen Perfon '. unverändert gelaffen hat, die zweite Ausarbeitung doch
alle Gotteserkenntnifs befchloffen. Damit ift in der That fo viel des Neuen bietet, dafs fie auf erneutes Studium
die Menfchwerdung als die auch für den Lehrerberuf I Anfpruch machen darf.

Chrifti fundamentale Thatfache hingeftellt, und dies ift, ; In dem zweiten Bande hat der Verf. weniger erheb-
foweit meine Kenntnifs reicht, von den älteren Vätern ] liehe Veränderungen vorgenommen. Die Kritik ift hier
nicht gefchehen. Was zweitens die Theorie von dem ! freilich thätiger gewefen; aber der Verf. erklärt in der
Tode Chrifti als eines an den Teufel gezahlten Löfe- j Vorrede, namentlich in Bezug auf den Paulinismus, dafs
geldes betrifft, fo kommt den die paulinifchen Briefe : er feine Erkenntnifse auf dem Wege gelchichtlicher
ausdeutenden Gnoftikern hier unzweifelhaft das Priori- j Forfchung und in Ueberwindung von Vorurtheilen er-
tätsrecht zu. Wir befitzen zum Glück noch aufser den j worben habe, und dafs er durch die bisherigen EinAngaben
über die Auffaffungen der Gnoftiker von der ; Wendungen an feinen Aufhellungen nicht irre geworden
Täufchung der Dämonen durch Chriftus (Lipfius, Apokr. , fei. Doch ift im Einzelnen fehr Vieles theils verkürzt,

Apoftelgefch. I. S. 324 f.) einen ausführlichen Bericht über
die marcionitifche Lehre vom ,Preis' bei Esnig (f. Ztfchr.
f. wiffenfeh. Theol. 1876. S. 89 h). Aber wir befitzen zugleich
aus dem Anfang des 4. Jahrhunderts in dem anti-

theils erweitert, theils präcifirt worden. Wie im erften
Bande, fo hat der Verf. aufserdem auch hier eine Reihe
polcmifcher Bemerkungen und Nutzanwendungen ge-
ftrichen, dafür aber die feit dem Erfcheinen der L Auflage

marcionitifchen Dial. de recta in deum fide Sectio I eine veröffentlichten einfchlagenden Arbeiten berückficht igt.
ltreng formulirte Ablehnung jedes Kaufgedankens feitens 1 Kaum ein Paragraph ift völlig unverändert geblieben;
des katholifchen Disputanten. Derfelbe hält (p. 38 sq. überall bemerkt man die nachbeffernde Hand des Ver
edid. Wetstehi) dem Marcioniten erftlich das Sprüchwort
entgegen: b ntoXcüv xai b ayaQCt'Qiov adeXcpoi eiaiv, d. h.
fie ftehen auf einer Stufe; zweitens bemerkt er, dafs

faffers. Ich mache namentlich aufmerkfam auf § 3 (S.
13. 17. 19), § 4 (S- 23; hier wird die Bedeutung des
Paulinismus für die fpätere Gefchichte der Kirche ftärker
der Teufel aufhöre der Teufel zu fein, wenn er die 1 hervorgehoben. S. 25), § 5 (S. 31), § 6 (S. 51), § 11 (S.
Menfchen um den ihm gezahlten Preis herausgegeben j 85), § 12 (S. 90 f. Diefer ^ über die Heiligkeit, Gnade
habe; drittens behauptet er, dafs die paulinifche For- ! und Liebe Gottes im A. T. ift unter Berücküchtigung der
mel, wir feien Gott gegenüber ,Fremde' gewefen, fich ; Abhandlung des Grafen vonBaudiffin über die Heiligauf
die Entfremdung beziehe, die wir uns durch unfere j keit Gottes im A. T. neu ausgearbeitet), $ 13 (hier haben
Sünden zugezogen; viertens weift er darauf hin, dafs ! die Ausführungen ebenfalls beträchtliche Aenderungen
die Auferftehung Chrifti unftatthaft gewefen wäre, wenn ■ erfahren), $ 14 (S. 103 f. Berückfichtigung der Abhand-
es fich um einen wirklichen Kauf gehandelt hätte, und . lung von Kautzfeh über pTS) u. f. w. Auf Riehm's

fünftens bemerkt er, dafs jede Theorie hier falfch fein
müffe, welche den Spruch Chrifti: ,Ich habe Macht,
mein Leben zu laffen und habe Macht, es wieder zu
nehmen' aufser Acht laffe, fowie das Prophetenwort:
,Aufftehen wird Gott, dafs feine Feinde zerftreuet werden'.

Einwendungen (,Ueber den Begriff der Sühne im A. T.')
ift der Verf. S. 199. 208 f. eingegangen. Ref. ift keine
Veränderung an dem Texte der 1. Auflage begegnet, die
nicht als wirkliche Verbefferung angefehen werden dürfte,
und er kann nur mit dem Wunfche fchliefsen, dafs diefe

In dem Schlufsfatze: b.coe dväazaaig, exei tiävatog wird beiden Bände von allen denen eingehend ftudirt werden
jede Deutung des Todes Chrifti, die nicht ihren Aus- mögen, die über die Arbeiten und die Theologie des
gangspunkt bei der Auferftehung nimmt, abgelehnt. Diefe Verf.'s zu urtheilen Willens find. Eine dritte Auflage

müfste in diefem Falle der zweiten auf dem Fufse
folgen.

Giefsen. Adolf Harnack.

Ausführung verdient m. E. die Vergeffenheit nicht, der
fie anheimgefallen.

In dem 2. Capitel ift neu gearbeitet die Einleitung
zum 7. § und der Schlufs des 13.; in dem 3. die Einleitung
zu dem 14. § (Kirchenbegriff), namentlich aber
der 18. (,die Myftik'), für welchen die Studien über die Gunning, Pred. Dr. J. H., Glaube und Sittlichkeit. Vortrag,
Gefchichte des Pietismus zu Gute gekommen find. Der I am 10. Aug. 1882 in der Barmer Feftwoche gehalten
folgende $ (,Sogenannte Reformatoren vor der Refor- ; über das Thema: ,Keine wahre Sittlichkeit ohne den
mation') ift von einem Theile feines früheren Stoffes ent- Glauben an Jefum Chriftum'. Amfterdam, Hoeveker
laftet worden, der in dem ^ 18 Aufnahme gefunden hat. B 8R (.a c _, ö n _,

Sehr bereichert und präcifer gefafst ift der 26. $, der & Zoon' l8b2" b" ^ 84 M' "* 7S'
von der practifch-religiöfen Beziehung der Rechtfertigung
aus dem Glauben bei den Reformatoren handelt. Er
bezeichnet den Höhepunkt des Buches; ja man könnte
noch genauer die herrliche, S. 183 n. 1 aus Luther angeführte
Stelle als folchen bezeichnen. Von hier aus führt
uns der Gang der Gefchichte wieder abwärts (doch f.
$g 29. 30; namentlich auch den Zufatz S. 208 f.), und
zwar ift auch hier der Abftieg unerquicklicher als der

Am Donnerstag der Barmer ,Feftwoche' pflegt eine
dichte Schaar in der Unterbarmer Kirche fich um einen
Vortrag zu fammeln, deffen Inhalt hernach von ver-
fchiedenen Rednern ergänzt, beleuchtet oder berichtigt
wird. Hier ift ein folcher Vortrag. Der Gedankengang
ift etwa diefer: .WahreSittlichkeit ift nur möglich durch
wahre Freiheit, kraft deren der Menfch dem wahren Gefetze
feines Wefens folgt (S. 6). Sein wahres Wefen mufs