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Ausgabe:

1883 Nr. 3

Spalte:

56-60

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Neuere Untersuchungen zur Geschichte der Inquisition im Mittelalter 1883

Rezensent:

Mueller, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 3.

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betreffenden Stellen ausfchreibt, vorgenommene unbedeutende
Aenderungen [pbdidere für abdidere, Brittania
für Brittanis, Ti Claudius für Claudius) und auf die Ver-
befferung des handfchriftlichen solemstitialem (III, 14 S.
126 cf. M. und L. p. 45 Z. 5) in solistitialem ftatt sol-
stitialem, wie die übrigen Herausgeber beffern; und für
die Fragwürdigkeit diefer Verbefferung ift der befte Beleg,
dafs H. felbft V, 12 p. 246 mit den andern Editoren
solstitialem drucken läfst.

In der Textgeftalt liegt alfo der Vorzug diefer neuen
Beda-Ausgabe nicht. Liegt er vielleicht in der Orthographie
? Hier bietet der Herausgeber, der auch in Be- j
zug auf die deutfche Orthographie feine eigenen Wege
geht, allerdings Eigenthümliches. ,Leider — fo fagt er
felbft S. 311 — ift der (Moore-) Codex nicht in des Verf.'s
eigner Orthographie nidergefchriben; dife ward daher,
foweit die in Bedae Uber de ortliograpliia (rec. H. Keil,
Grammatici Latini vol. VII p. 261—312 [mufs heifsen —
294; H. hat irrthümlich die bei Keil p. 295—312 folgende
ortliograpliia Albini magistri mit Beda's ortliograpliia zu-
fammengenommen]) mitgeteilten Beifpile ausreichen,
in vorligende Ausgabe eingefürt'. Die Worte klingen,
wenn man von dem ominöfen Verfehen im Citiren abheilt
, recht verheifsungsvoll; wer he lieft, wird vielleicht
zunächft denken, der Herausgeber nähme es peinlich
genau felbft in relativ gleichgültigen Kleinigkeiten. Allein
die Ausführung entfpricht den fo hervorgerufenen Erwartungen
leider gar wenig. An fich fchon ift das Vorhaben
verfehlt, weil es unausführbar ift. Beda's Uber de
ortliograpliia enthält auf feinen 33 Seiten in dem lexikonartigen
Regifter einzelner orthographifch oder gramma-
tikalifch fchwieriger Wörter doch gar zu wenig Stoff,
um danach die Orthographie eines Buches, wie die eccle-
siastica historia ift, reguliren zu können. Das Vorhaben,
zu beffern, ,foweit die mitgeteilten Beifpile ausreichen',
mufs daher zu Unzuträglichkeiten führen: das Moore-
MS. fchreibt ftatt acerbus ftets acervus {cf. M. und L.
p. 65 Z. 17. not, 69 Z. 17. 79 Z. 6, 116 Z. 17), in Beda's
Uber de ortliograpliia (Keil a. a. O. p. 264) aber heifst es:
acervus moles est, acerbus immaturus et asper, — hier
konnte Holder alfo ändern; ebenfo liegt die Sache bei-
fpielsweife bei discendere (MS. cf. M. und L. 95 Z. 27)
und descendere (fo Beda, Keil a. a. O. p. 271 f. u.) und
bei aegrotus und aeger: der Cod. fchreibt eger (M. und
L. p. 118 Z. 26) und egrotus (M. und L. p. 105 Z. 10),
Beda aber fagt a. a. O. p. 262: aeger animo, aegrotus
corpore, utrumque per ae diphthongum scribendum. Wenn
nun aber Holder S. 138, 139 u. ö. das dispicere und
dispectus des MS. (M. und L. p. 59 Z. 19, p. 60 Z. 17
u. ö.) ftehen läfst, zeigt fich dann nicht Angefichts der
Worte Beda's a. a. O. p. 271: desperatus per e scribendum,
dispersus per i, discedo per i, descendo per e die Haltlofig-
keit des ganzen Vornehmens? Ift's nicht Zufall, dafs
Beda über despicere nichts fagt? Ebenfo fchreibt H.
S. 152, 159 u. ö. mit dem MS. (M. und L. p. 75 Z. 29,
p. 84 Z. 1 u. ö.) extrimus. Ift's nicht Zufall, dafs Beda ;
a. a. O. p. 290 nur supremus und ultimus, nicht extremus
und extimus als Beifpiele anführt? Beda's orthographifche
Regeln ftimmen im Wefentlichen mit den noch heute
geltenden überein, die andern Herausgeber verbeffern
deshalb einfach alle ihnen unerträglichen orthographi-
fchen Sonderbarkeiten der Handfchrift; — das ift con-
fequent, Holder's Verfahren mufs zu Inconfequenzen
führen — und hat dazu geführt: Statt misus und misum,
wie das MS. ftets bietet (z. B. M. und L. p. 87 Z. 2, p.
71 Z. 15, p. 155 Z. 18) druckt H. missus, missutn. Wenn
er alfo, obwohl Beda's Uber de ortli., foviel ich fehc, über
mitto nichts fagt, dennoch feinem eigenen Princip ungetreu
annimmt, Beda habe mitto richtig conjugirt, weshalb
läfst er dann das presus des MS. (M. und L. 144 Z. 8)
ftattpressus ungeändert? — Und ferner, wo ift die Grenze
zwifchen einem Schreibfehler (f. Holder p. 311) und fal-
fcher Schreibart? Holder wenigftens hat fie nicht gefunden
; S. 209 fchreibt er mit dem MS. (M. und L. p. 141
Z. 27) pussillum, S. 159 mit dem MS. (M. und L. p. 84
Z. 3) possillum; S. 149 mit dem MS. (M. und L. p. 72
Z. 6) pasca, 16 Zeilen weiter oben S. 148 Z. 1 v. u.
pascha; S. 172 mit dem MS. (M. und L. p. 100 Z. 2)
distinatus, S. 107 mit dem MS. (wenn M. und L. hier p.
24 Z. 8 den Codex genau wiedergeben) destinatus; S. 201
mit dem MS. (M. und L. p. 133 Z. 6) exortatio, S. 154
mit dem MS. CM. und L. p. 78 Z. 17) exhortatoris.

Dies leitet fchon über zu der Ausführung des Vorhabens
. Diefe ift noch mangelhafter als das Princip
felbft. Zunächft ift nicht einmal Beda's Buch genau benutzt
. Beda fchreibt nach Keil a. a. O. p. 293 tumulus,
Holder S. 198 mit dem MS. (M. und L p. 129 Z. 8)
tumolus, Beda fagt a. a. O. p. 263 assumere per s scribendum
, H. druckt für gewöhnlich (z. B. S. 153) adsumo,
S. 3 allerdings einmal assumsi. Das Böfefte aber ift,
dafs H. überhaupt nur für Buch III und IV von M. und
L. genau über die Lesarten des Cod. unterrichtet ift,
für Buch I, II, V aber fich an den Text minder correcter
Ausgaben hält. Daher kommt es, dafs H. in Buch III
und IV eine andere Orthographie befolgt als in I, II, V.
Dort fchrieb er extrimus, hier extremus (V, 12 S. 245;
V, 14 S. 253); dort exortatio, hier (V, 14 S. 253) exhor-
tari; dort, wo M. und L. p. 80 Z. 27 über die Lesart des
MS. Auskunft gaben, Ecgberect, hier (V, 9 S. 239) mit
Smith und den übrigen Ecgberct; dort distinatus, hier
(V, 11 S. 244) mit den übrigen destinatus; dort ftets dir
spicio und dispectus, hier (I, 27 S. 43) despiciunt; dort S.
155 mit dem MS. (M. und L. p. 79 Z. 16) ali, hier ftets
z. B. I, 15 S. 24 alii, dort S. 170 mit dem MS. (M. und
L. p. 98 Z. 1) judici, hier V, 12 S. 249 judicii u. f. w.

Unfraglich hat jener Plan bezüglich der Orthographie
dem Herausgeber viel Zeit gekoftet; es ift fchade, dafs
diefe Arbeit eine fo wenig lohnende fein konnte. Lohnender
wäre es gewefen, die wenigen Stellen, in denen
Beda aus vorliegenden älteren Schriftftellern fchöpft, mit
Hülfe der Ausgaben abzugrenzen und durch den Druck
auszeichnen zu laffen. Doch ift dies Defideratum nebenfächlich
. Wichtig dagegen ift ein anderes, das man auch
der Handausgabe Moberly's gegenüber erheben mufs.
Stevenfon's Ausgabe ift deshalb für den Gebrauch fo
angenehm, weil die oft gar langen Capp. (z. B. I. 27; II,
I; III, 25; V. 12) durch fortlaufende Paragraphen abge-
theilt und aufserdem — der Anmerkungen wegen —
durch das ganze Buch die Zeilen gezählt find; Mayor
und Lumby haben wenigftens Letzteres gethan. Für
eine deutfche Handausgabe hätte es fich bei der weiten
Verbreitung der Ausgabe Stevenfon's empfohlen, deffen
Paragrapheneintheilung herüberzunehmen. Für eine eventuelle
zweite Auflage fei dies als Wunfeh ausgefprochen.
Wenn der Herausgeber diefem Wunfche nachkäme und
aufserdem die Berichtigungen gleich in den Text aufnähme
und endlich noch für eine confequente Orthographie
Sorge trüge, — fo würde er, ohne dafs ihm
gröfsere Arbeit erwüchfe, dem kirchengefchichtlichen
Studium in weiteren Kreifen noch mehr dienen, als er es
jetzt gethan hat mit diefer trotz aller Ausftellungen doch
dankbar hinzunehmenden Ausgabe. Eine Paragrapheneintheilung
würde auch das dankenswerthe Regifter noch
brauchbarer machen.

Leipzig. Lic. Dr. Loofs.

Neuere Unterfuchungen zur Gefchichte
der Inquifition im Mittelalter.

(3. Artikel. Schlufs.)

Wie im Eingang bemerkt wurde, hat Karl Molinier
in der Schrift Nr. 4 (feiner franzöfifchen These behufs
Plrwerbung des Doctorat es lettres) feine Aufgabe ganz
anders gefafst, nämlich in erfter Linie bibliographifch.