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Ausgabe:

1883 Nr. 25

Spalte:

582-585

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Völler, Daniel

Titel/Untertitel:

Ueber Zeit und Verfasser der pseudojustinischen Cahortatio ad Graecos 1883

Rezensent:

Neumann, Karl Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 25.

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hoben, dafs dies eben die particulariftifche altteftament-
liche Auffaffung ift, und dafs das wefentlich Neue der
chriftlichen Idee in der univerfaliftifchen Beziehung der-
felben auf Alle, die Gottes Kinder fein wollen, beftcht.
Das Neue und Eigenthümliche foll vielmehr nach Cremer
(S. 624) in der individuellen Application nan)g vliwv
beliehen. Daran ift immerhin etwas Wahres, infofern
das individuelle Verhältnifs des Einzelnen zu Gott in
der chriftlichen Auffaffung mehr hervortritt als in der
altteftamentlichen, wo das theokratifche Verhältnifs
Gottes zum Volk als Ganzem die Hauptfache ift. Aber
der eigentliche Unterfchied liegt entfchieden nicht hierin.
Denn auch in der chriftlichen Auffaffung ift ja doch die
väterliche Liebe und Gnade Gottes den Einzelnen nicht
als folchen, fondern als Gliedern des Gottesreiches, alfo
auch wieder eines Ganzen, zugewendet. Der fpecififche
Unterfchied ift vielmehr der, dafs nach altteftamentlicher
Auffaffung die nationale Gemeinfchaft Ifraels, nach
chriltlicher Auffaffung aber die Gefammtheit der Gläubigen
Object der Liebe Gottes als des Vaters ift.

Zum Schlufs fei es geftattet, noch auf einen einzelnen
Punkt einzugehen, bei welchem fich der Verf. mit
einer kleinen Abhandlung von mir auseinanderfetzt; ich
meine die Erklärung des Ausdruckes ßaoileia xüv ov-
gavwv. Der Verf. lehnt die von mir (in den Jahrbb.
für proteft. Theol. 1876) gegebene Erklärung, wornach
01 ovgavoi einfach Metonymie für Gott felbft fein foll,
ab. Allein der Unterfchied feiner Erklärung von der
meinigen ift geringer als es auf den erften Anblick
fcheint. Auch er entfcheidet fich mit Recht gegen die
Erklärung, dafs die ßaoiheia xüv ovgavüv ein Reich im
Himmel fei. Er geht von der fehr richtigen Bemerkung
Wellhaufen's aus, dafs der Name und Begriff ein anti-
thetifcher fei. Die Malkuth des Himmels ift der Gegen-
fatz zur irdifchen Malkuth; und der erftere Begriff hat
fich erft im Gegenfatz zum letzteren gebildet. Während
jetzt noch irdifche Mächte die Welt beherrfchen, wird
in der Zeit der Vollendung die himmlifche Macht die
Welt beherrfchen. Dies ift der Gedanke, der in der
Formel ßaoiXela züv ovgavüv zum Ausdruck kommt;
und in diefer allgemeinen Faffung bin ich ganz mit dem
Verf. einverftanden. Er lehnt es nun aber ab, dafs 01
ovgavoi geradezu Metonymie für Gott felbft fei, und
erklärt den Ausdruck vielmehr nach Daniel 2, 44 f. als
das Reich, ,welches nicht der gegenwärtigen und dies-
feitigen Ordnung der Dinge entflammt, fondern vom
Himmel her in diefelbe hineintritt als ein neues,
nicht nach Art des diesfeitigen Wefens fich geftaltendcs'
(S. 164). Der einzige wirkliche Unterfchied diefer Erklärung
von der meinigen befleht aber darin, dafs nach
meiner Erklärung der Ausdruck nicht nur befagen würde,
dafs das Reich Gottes feinem Wefen nach vom Himmel
flammt, fondern auch, dafs es dauernd vom Himmel
aus geleitet wird. Sobald der Verf. diefe Ergänzung
feiner Erklärung fich gefallen läfst, find wir ganz einverftanden
. Denn auch ich bin nicht der Meinung, dafs
01 ovgavoi ein eigentlicher Name Gottes fei, fondern nur
eine Metonymie, d. h. eine Begriffsvertretung. Man
fagt ,der Himmel' und meint die himmlifche Macht.
,Das Reich des Himmels' ift das Reich, welches vom
Himmel, d. h. von dem im Himmel thronenden König
regiert wird. Gegen diefe Erklärung fpricht am aller-
wenigften Mt. 5, 34, welche Stelle Cremer feltfamerweife
als Hauptinflanz gegen meine Erklärung geltend macht

:s. 163).

Giefsen. E. Schürer.

1 Völter, Daniel, lieber Zeit und Verfasser der pseudojusti-
nischen Cohortatio ad Graecos. [Zeitfchrift für wiffen-
fchaftliche Theologie, hrsg. von A. Hilgenfeld. XXVI,
2 (1883). S. 180—215.]

Es ift nicht ohne Grund, dafs eine auffallend grofse
Anzahl von Gelehrten fich feit lange mit der unter den
Schriften Juflin's flehenden Mahnrede an die Griechen
befchäftigt hat. Zum Theil mag dies allerdings der

1 Reichthum an Nachrichten, die dem Philologen wichtig

! find, verurfacht haben; aber man würde fich doch fehl
täufchen, wenn man glaubte, das Intereffe an diefer
Schrift finde lediglich oder wenigflens hauptfächlich an

} diefem confervirten Materiale feinen Anhalt. Es ift vielmehr
die Verwendung diefes Materials, die uns fo eigen-
thümlich anmuthet; es ift die Methode der Kritik, die
an der heidnifchen Bildung geübt wird. Bei den Dichtern
wird das Anftöfsige des Mythos, bei den Philofophen
werden Widerfprüche unter einander und mit fich felbft
aufgefpürt; und wo etwas doch als haltbar anerkannt
wird, da ift es Entlehnung von den Juden. Sogar die
platonifche Ideenlehre wurzelt in dem alten Teftamente;
man könnte den Nachweis davon witzig finden, wenn
es dem Verf. nicht wirklicli Ernft damit wäre. Nun find
freilich die Grundzüge diefer Methode der alten Apologetik
durchaus gemeinfam; aber in der cohortatio hat
diefelbe typifche Vollendung gefunden.

Bei diefem Charakter der Schrift mufs es von hohem
Werth fein, zu wiffen, welcher Zeitraum es ift, zu deffen
Schilderung fie als Quelle zu verwerthen ift; ob die
Apologetik gleich in ihren Anfängen diefen Typus ge-
fchaffen hat, oder ob er das Refultat einer langen Ent-
wickelung ift. Die Gefetzmäfsigkeit des gefchichtlichen
Verlaufes fpricht für die letztere Annahme; und auch
anderweitig hat man verflicht, ihre Richtigkeit zu erweifen.
Man hat fich dazu vor Allem der Congruenzen bedient,
die fich in der Behandlung der Frage nach dem zeitlichen
Verhältnifs des Mofes zu den Griechen zwifchen

! Tatian, Clemens von Alexandrien, Julius Africanus und
dem Verf. der cohortatio finden. Als zweifellofes Refultat
der Unterfuchungen v. Gutfchmid's kann es bezeichnet
werden, dafs hier Tatian und Clemens auf der einen,
Africanus und die cohortatio auf der anderen Seite enger
zufammenhängen, dafs, wo alle vier fich berühren, Tatian
und Clemens die urfprüngliche Faffung bewahrt haben,
während Africanus und die cohortatio geändert und nicht
gebeffert haben.

Dagegen können die Aufftellungen v. Gutfchmid's
über das Verhältnifs der cohortatio zu Africanus nicht
für gefichert gelten. Denn Gutfchmid hielt die cohortatio
für ficher unter Antoninus Pius gefchrieben und konnte
daher die Eventualität, dafs vielleicht in Africanus die
Quelle der cohortatio zu finden fei, gar nicht in Berück-
fichtigung ziehen.

Und gerade letzteres hat Schürer, unabhängig von
feinen englifchen Vorgängern, zu erhärten fich bemüht.
Aber neuerdings hat Völter fich wieder gegen ihn gewendet
und die Abhängigkeit der coli, von Afr. zu widerlegen
geflieht.

Es find die ftets benutzten Stellen, auf die Völter
feine Anficht gründet. Er hat den Gutfchmid'fchen Text
abdrucken laffen, wobei es aber nicht nöthig gewefen
wäre, einen Druckfehler desCitates zu conferviren (Tatian.
': or. c. 59 für 38).

Indem ichVölter's Argumentation in den Momenten,
die ich für die wefentlichen halte, wiedergebe, gehe ich
aus von der (I.) Citatengruppe aus Polemon, Ptolemaios
von Mendes und Apion. Ptol. M. fetzt den Auszug der
Juden aus Aegypten und damit Mofes unter König Amofis
an, und diefen erklärt er wieder für gleichzeitig mit
Inachos. Das Citat aus Apion fpricht von der Zerftörung
von Aiktgkt durch Amofis und entlehnt dem Ptol. M.

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